Kurzgeschichte zur SP 119
zum Thema
"Das ist schon ziemlich heiß" ...
mit den Vorgaben:
Stimmung, Tasse, unangenehm, Katzenjammer, Baumsollsocken und Grashüpfer
E M I L
Emil ist in einem kleinen Dorf in der Lüneburger Heide geboren und ist nie in die Welt hinaus gekommen. Als Schulkind und auch als Teenager wurde er von allen Sachensucher genannt, weil er ständig irgendwelche Dinge, die er unterwegs fand, mit nach Haus nahm. Als Vater und Mutter gestorben sind, blieb er allein im Elternhaus
wohnen und schmückte das Haus mit all seinen gesammelten Fundstücken.
Seit er nicht mehr berufstätig ist, liebt er es mit seiner Gitarre Stimmung zu machen und den Dorfbewohnern Freude zu bereiten.
Alle wissen, dass er leere Dosen sammelt und Geld als Dankeschön ablehnt.
So stellt er stets ein Körbchen neben sich, braucht nicht lange zu warten und siehe da,
der Korb ist voll. Bis über beide Ohren grinsend trägt er dann seine Schätze ins Haus
und reiht sie mit Schnüren aneinander.
Je mehr, desto besser, denkt er, dann habe ich immer Vorräte.
Sobald ein frisch vermähltes Paar die Kirche verlässt und mit dem Auto davon fährt, scheppern die angebundenen Dosenketten und Emil strahlt, weil er wieder einmal mehr dafür gesorgt hat, dass böse Geister diesem Pärchen fern bleiben.
Doch bevor die Hochzeitsreise richtig startet,
wird meistens noch im Dorfkrug gefeiert.
Dort geht es dann heiß her und am nächsten Tag ist der Katzenjammer oft groß.
Wie gut, dass es Nachbarin Bärbel gibt, die jedes Mal besorgt ist und aus ihren berühmten Ernüchterungskräutern einen Tee aufgießt, um dem guten Emil eine Tasse voll davon zu bringen, den er dann dankbar schlürft.
Bärbel ist schon seit Jahren in Emil verliebt, hat es ihm aber noch nie gestanden.
Als Emil heute in den Infokasten an der Kirche schaut, sieht er, dass am Freitag, den 13. die nächste Trauung sein wird.
Wie kann man nur, denkt Emil, der sehr abergläubisch ist. Egal, gefeiert wird trotzdem, bis die Bude kracht.
Was für eine Nacht. Die Morgendämmerung bricht schon an, als Emil sich torkelnd auf den Heimweg macht. Zu Haus angekommen, reißt er sich die Klamotten vom Leib, schmeißt sie mitten ins Wohnzimmer, lässt sich auf die Couch plumpsen und fällt sofort in einen Tiefschlaf.
Bärbel, die immer wieder aus dem Fenster zu Emils Haus hinüber schaut, wird gegen 10 Uhr unruhig und klingelt an der Haustür. Da sich
nichts rührt und die Tür nur angelehnt ist, schleicht sie sich durch den Flur ins Wohnzimmer. Vor Schreck dreht sie sich blitzschnell um. So etwas hat sie in ihrem ganzen Leben weder erlebt noch gesehen.
Mit halb zugekniffenen Augen blinzelt sie wieder zur Couch. Da liegt der laut schnarchende Emil im Adamskostüm nur mit Baumwollsocken bekleidet und auf seinem Zauberstab sitzt ein Grashüpfer.
"Boah, das ist schon ziemlich heiß,"
kommt es ihr leise über die Lippen. "Man
müsste eigentlich, ob ich … ach nein, lieber nicht." Einen Moment schaut sie sich den Schnarcher noch an, dann schnappt sie nach der Decke, die vor der Couch liegt und wirft sie amüsiert, aber auch mit begehrendem Lächeln über Emil samt Grashüpfer. Den Zaubertrunk stellt sie auf den Couchtisch und tappst leise wieder davon.
Als Emil erwacht und sieht, dass die Schlafdecke auf dem Fußboden liegt, wandert sein Blick auf die Tasse.
Ach, du meine Güte, das ist ja schrecklich. Ob die Decke wohl schon von ihm gerutscht war, als Bärbel hier war? Oh, mein Gott, wie unangenehm. Blitzschnell springt er auf, sammelt die im Zimmer verstreute Kleidung zusammen und geht in seine Werkstatt.
Dort lässt er Wasser in die alte Zinkwanne, nimmt ein Bad und schlüpft in frische Wäsche.
Mit zerknirschtem Gesicht und schlechtem Gewissen trinkt er den Tee und macht sich auf den Weg zu Bärbel.
Etwas verlegen und ein wenig rot angelaufen steht er vor ihr und stottert eine Entschuldigung.
Und ... was macht die sonst so schüchterne Bärbel?
Sie stoppt das Gestottere mit einem heißen Kuss und flüstert zwinkernd:
"Schade, dass du dich umgezogen hast."