Fantasy & Horror
Der Edelstein der Sterbenden - SP 117

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"Der Edelstein der Sterbenden - SP 117"
Veröffentlicht am 18. März 2026, 20 Seiten
Kategorie Fantasy & Horror
http://www.mystorys.de

Über den Autor:

Ich bin ein junge Schreiberin mit LRS (Lese recht scheib schwache) und möchte meine Gedanken zu Papier bringen möchte was schwer ist und deshalb danke ich allen die helfen meine Worte zu Papier zu bringen.
Der Edelstein der Sterbenden - SP 117

Der Edelstein der Sterbenden - SP 117

Vorwort

Thema: "Wenn Wünsche Nebenwirkungen haben" Vorgaben: Geisterhand, Flasche, absurd, Phantasie, Scheinwerfer, Edelstein

Der Edelstein der Sterbenden

Ich musste das Zimmer nicht betreten. Es hatte sich mir längst ergeben.


Essig, Weihrauch, Schweiß, Fieber. Die Pest lag darin wie eine zweite Haut über Holz, Leinen und Atem. Auf dem Tisch neben seinem Bett standen eine Flasche mit Essig und ein Kruzifix, in dessen Fuß ein dunkler roter Edelstein saß. Durch den Spalt des Fensterladens fiel ein schmaler Lichtstreifen genau darauf, hart und kalt wie ein göttlicher Scheinwerfer, der nicht tröstet, sondern auswählt.


Seine Frau kniete an seinem Bett.

Der Priester betete zu schnell.

Ein Diener stand an der Tür und tat, als könne man Angst mit Haltung verbergen.


Niemand sah mich.


Mein Leichengewand hing schwer an mir herab. An meiner Kehle ruhte nur die kleine Ankh-Kette. Mehr trug ich nie. Mehr braucht der Tod nicht.


Er lebte noch.


Darum war ich für ihn nur Druck. Nur Kälte. Nur das Gefühl, dass im Raum etwas stand, das keinen Namen und kein

Gesicht brauchte, um gefürchtet zu werden.


Ich trat an sein Bett und legte ihm die Hand auf die Brust.

Nicht sichtbar.

Nicht aus Fleisch.

Und doch fuhr es durch ihn wie eine Geisterhand.


Er riss die Augen auf und suchte im Zimmer nach mir, als könne Schrecken nur dann wirklich sein, wenn er Augen habe, die man hassen kann. Seine Frau glaubte an einen Krampf. Der Priester an den letzten Widerstand des Leibes. Nur ich wusste, was es war: der erste

Augenblick, in dem seine Seele begriff, dass etwas Größeres als die Pest schon den Raum betreten hatte.


Unter meiner Hand hörte ich ihn.


Nicht seine Worte.

Sein Gewicht.


Angst zuerst. Roh. Tierisch. Schmutzig.

Darunter Stolz, der noch im Sterben Haltung suchte.

Und tiefer als beides dieser alte, kalte Hunger, der nie satt geworden war.


Gier sieht selten aus wie Gold. Meist sieht sie aus wie ein Zusammenziehen.

Wie ein Herz, das selbst im Elend noch sagt: nicht teilen. Nicht verlieren. Nicht ich.


„Nicht ich“, keuchte er.


Die Pest stand dunkel in seinem Hals, in seinem Atem, unter seiner Haut. Die Beulen schwollen, als wolle selbst das Fleisch ihn noch aufblähen, ein letztes Mal, bevor es ihn verließ. Aber nicht die Krankheit machte ihn schwer. Krankheit ist nur ein Tor. Schwer machte ihn, dass er nicht sterben wollte wie die anderen. Nicht wie ein Knecht. Nicht wie die Kinder, die man in Tücher wickelt und vor Morgengrauen hinausträgt. Nicht wie

die Namenlosen.


Sein Blick sprang zur Flasche, zum Kreuz, zum glimmenden Stein, wieder zurück in das Zimmer. Da war sie schon, diese fiebrige Phantasie, die Reiche bis zuletzt lieben: dass das Gesetz für alle geschrieben wurde, nur nicht für sie. Dass irgendwo, zwischen Gebet und Besitz, eine kleine verborgene Tür für Ausnahmefälle existiert.



„Befreit mich von der Pest“, flüsterte er.


„Mich.“


Mich.


Nicht seine Frau.

Nicht das Haus.

Nicht die Stadt.

Nicht die Hände, die ihn wuschen, fütterten, hielten.


Nur sich.


Ich hob zwei Finger an meine Kehle, führte sie langsam von mir fort und öffnete die Hand vor seinem Gesicht.

Er sah mich noch nicht. Aber sein Leib verstand genug, um zu zittern.


In solchen Augenblicken empfinde ich

nicht Mitleid. Nicht so, wie Menschen es meinen. Nur Klarheit. Und manchmal eine dunkle Müdigkeit. Nicht darüber, dass sie sterben. Darüber, wie klein ein Mensch im letzten Atem werden kann, wenn er sein Herz ganz um das eigene Fleisch schließt.


Dann drückte ich zu.


Die Pest wich aus seinem Leib.

Ich fühlte sie sich lösen, erst widerwillig, dann hastig, wie schwarzes Wasser aus einer aufgerissenen Naht. Sein Atem wurde freier. Die Schwellung an seinem Hals sank. Das Fieber brach auf. Seine Frau stieß einen Laut aus,

halb Schluchzen, halb Lobpreis. Der Priester verstummte mitten im Wort.


Und er lächelte.


Ein kleines, fast absurd helles Lächeln.


Nicht weil er gerettet war. Sondern weil er glaubte, er habe das Gesetz überlistet.


Im selben Augenblick knackte die Flasche auf dem Tisch.


Unten im Haus begann jemand zu husten.

Wünsche heilen selten.

Sie verschieben.


Ich spürte die Pest in das Bettstroh fahren. In das Holz der Pfosten. In den Ärmel seiner Frau. In die Räume, die seinen Namen trugen. In die Dienerschaft. In sein Eigentum. In alles, was er für eine Verlängerung seines eigenen Leibes gehalten hatte.

Sein Wunsch war so eng, dass er die Krankheit nicht vernichtete. Er stieß sie nur von sich weg. Das ist die eigentliche Grausamkeit der Gier: Sie will Reinigung, aber nur für das eigene Fleisch. Sie nimmt Verderben in Kauf, solange es nur einen anderen Hals findet.

Er aber dachte nur:

Ich bin frei.

Da nahm ich die Hand von seiner Brust.

Sein Herz vergaß sich.

So einfach.

Der Leib im Bett sackte in sich zusammen, als sei er schon länger tot gewesen, als alle geglaubt hatten. Seine Frau schrie auf. Der Priester griff nach dem Kreuz. Der Diener rannte endlich los, zu spät, viel zu spät, als könne Eile irgendetwas ungeschehen machen.

Und nun sah er mich.

Es ist immer derselbe Schnitt: erst Blindheit, dann Gewissheit.

Er sah mein Leichengewand.

Die helle Seite.

Die dunkle.

Den Flügel auf der Seite des Lebens.

Die Ankh-Kette an meiner Kehle.

Und dann seinen eigenen Körper im Bett.


„Nein“, sagte er.


Da war kein Adel mehr in ihm. Kein Rang. Kein Wappen. Nur nacktes Entsetzen. Ich liebe diesen Augenblick nicht. Aber ich lüge auch nicht darüber. Er ist rein. In ihm fällt alles Unnötige ab.


Ich hob die Hände.


Zwei Finger von meiner Kehle fort.


Die linke still vor mein Herz.


Die rechte langsam geschlossen, sinkend.

Er verstand.

Frei von der Pest.

Nicht frei von dir.

Unten wurde das Husten lauter. Glas zerbrach. Seine Frau rief nach Hilfe, nach Gott, nach irgendetwas, das einen Preis rückgängig machen konnte. Da lauschte er in das Haus hinein, und endlich hörte er, was sein Wunsch getan hatte. Das war der wahre Schnitt. Nicht der Tod. Die Erkenntnis.

Ich formte mit Daumen und Zeigefinger einen kleinen Kreis, als hielte ich einen Ring. Löste ihn. Führte die Hand an die Brust. Schloss die Finger.

Auch das verstand er.

Nicht Gold hatte ihn verdammt.

Das Festhalten.



Er sank auf die Knie. Nicht vor mir. Vor der Wahrheit. In seinem Gesicht lag jetzt keine Würde mehr, keine Fassade, kein schöner Schmerz. Nur die rohe, hässliche Reue eines Menschen, der erkennt, dass seine Selbstrettung andere bezahlt haben. Solche Erkenntnis macht die Seele nicht leicht. Sie macht sie nur still genug, um ihr eigenes Gewicht zu hören.

Hinter ihm öffnete sich die Tiefe.

Keine Flammen.

Keine Teufel.

Nur Zug.

Schwere.

Ein dunkler Schacht, in dem Gier nicht brennt, sondern zieht.

Er fiel nicht.

Er sank.

Langsam zuerst, als hoffe noch ein Rest von ihm, sein Name werde ihn halten. Dann tiefer. Ich sah ihn weinen. Nicht schön. Nicht edel. Das Gesicht verzogen, der Mund offen, jede letzte Lüge aus ihm herausgerissen. Er sank durch das eigene Verlangen, durch den Hunger, der ihn sein ganzes Leben lang zusammengezogen hatte. Und je tiefer er ging, desto weniger blieb von ihm übrig als die nackte Form seiner Sünde: ein Mensch, der lieber die Welt verseuchen

ließ, als selbst zu leiden.

Unten im Zimmer schrie seine Frau wieder.

Jetzt war es kein Ruf mehr. Nur Schmerz.

Die Lebenden sahen mich nicht. Sie spürten nur, wie der Raum leerer wurde, kälter, als hätte jemand das letzte menschliche Maß aus ihm genommen und etwas Uraltes zurückgelassen.

Ich blieb einen Augenblick.

Dann legte ich zwei Finger an meine Ankh-Kette, senkte die Hand und wandte mich ab.


Im Hof flog ein Spatz auf.

Und ein reicher Mann begriff zu spät, dass manche Wünsche wie Gnade klingen

und in Wahrheit nur die präziseste Form der Grausamkeit sind.

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Über den Autor

yumiko
Ich bin ein junge Schreiberin mit LRS (Lese recht scheib schwache) und möchte meine Gedanken zu Papier bringen möchte
was schwer ist und deshalb danke ich allen die helfen meine Worte zu Papier zu bringen.

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Eichenlaub Hallo Yumiko,
Deine reiche Fantasie, Dinge zu beschreiben, sind sensationell. Das Thema hast Du gut getroffen und alle Wörter perfekt untergebracht.
Ich habe Deine traurige Geschichte mit großem Interesse gelesen.
Daumen hoch!
Lieben Gruß
Gerlinde (Eichenlaub)
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