© 2026 Pamola Grey
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Schreibparty 117
Thema:
Wenn Wünsche Nebenwirkungen haben
Wortvorgaben:
Geisterhand, Flasche, absurd, Phantasie, Scheinwerfer, Edelstein.
Der Fall von Rick Baddle
Québec City lag unter einer dicken Decke aus Schnee. Die schmalen Gassen der Altstadt funkelten im Licht der Gaslaternen, und der kalte Wind trug den Duft von Holzfeuern und gebrannten Mandeln durch die Straßen. Über den Dächern hing eine bleiche, graue Wolkendecke, die den Wintertag in ewige
Dämmerung tauchte.
Lucy stand in der Küche, die vertraute Kittelschürze umgebunden, und nahm einen Schluck von ihrem Pfirsich-Punsch.
„Ah, meine Lieblingsschürze ist wieder im Einsatz!“, murmelte sie zufrieden.
Dann blickte sie aus dem Fenster.
„Oh Mann, es schneit immer noch!“
Dicke Flocken wirbelten durch die engen Straßen und legten sich wie ein weicher Schleier über Kopfsteinpflaster und
Häuserdächer.
„Muss ich noch mal raus?“ fragte Rick, der sich hinter sie stellte.
„Du hast doch schon zweimal geräumt“, lachte sie. „Aber du tust dir einen Gefallen.“
Rick grinste, küsste sie flüchtig und griff nach seiner Jacke.
„Na gut, dann mach ich mich gleich ans Werk.“
Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss.
Lucy blieb am Fenster stehen. Das warme
Licht der Kerzen spiegelte sich in ihren Augen, während draußen der Schnee leise fiel.
Während Rick draußen den Schnee schaufelte, räumte sie die Spülmaschine aus.
„Ich vermiss dich jetzt schon“, rief sie ihm nach und warf ihm einen Handkuss zu.
Plötzlich trat Rick auf etwas Hartes im Schnee. Bevor er reagieren konnte, glitt er aus und fiel – mit dem Kopf auf eine halb im Schnee vergrabene zerbrochene (Flasche).
Aus ihr quoll ein dicker, dunkelroter
Fruchtsaft, der vom letzten Fasnachtsumzug auf der Straße übriggeblieben war. Zucker, Sirup und ein Hauch Glitzer aus den Festwagen mischten sich zu einem süßen, eigenartigen Duft.
Ein leises Klingen durchfuhr ihn, dann war alles schwarz.
Lucy zog sich hastig einen Pullover, Schal und Mütze über und trat hinaus in den kalten Abend.
Der Schnee knirschte unter ihren Schritten.
Dann sah sie ihn – reglos im
Schnee.
„Rick!“
Sie stürzte zu ihm, kniete sich neben ihn, fasste sein Gesicht und fühlte die Kälte seines Körpers.
„Bitte… Rick, hörst du mich? Den Notruf… schnell, bitte!“ Ihre Stimme zitterte, Tränen liefen über ihre Wangen.
Doch Rick stand einige Meter entfernt. Er sah auf seinen eigenen Körper im Schnee, und plötzlich verstand er: er war nicht mehr wirklich hier. Ein leises Zittern ging durch ihn.
„Ist… es so, wenn man stirbt?“ flüsterte er, während ihm Tränen in die Augen
stiegen.
Über den Köpfen der Menschen tanzten leuchtende Zahlen, glitzernd und funkelnd wie kleine (Edelsteine), flackernd wie Sterne: 42… 67… 15…
Er erkannte langsam: sein unbewusster Wunsch, alles sehen zu können, was Menschen erleben, hatte diese völlig unerwartete Wirkung entfaltet.
(Wenn Wünsche Nebenwirkungen haben… flüsterte er erneut, noch benommen vom Sturz.
Dann erschienen sie: weiße Schatten, geisterhafte Formen, die sich zwischen
den Menschen bewegten, still und lautlos – die ersten (absurd)en Erscheinungen, die Rick je gesehen hatte.
Rick verstand plötzlich: er konnte sie sehen – die Zahlen, die Schatten, die Zeit selbst.
Eine Stimme erklang in seinem Inneren, fast wie eine (Geisterhand), die durch ihn sprach:
„Rick… siehst du jetzt? Du bist gewählt.“
Er hob die Hand, und die Welt reagierte auf ihn. Rückwärts flossen die Zahlen, die Schatten bewegten sich spiegelverkehrt, und alles wirkte wie
eine (Phantasie), die nicht sein konnte.
Ein Kind stolperte, eine alte Frau trat auf die Straße – Rick streckte die Hand aus. Unsichtbar, aber wirksam, stoppte er den Unfall.
Er war nicht länger ein Beobachter. Er war der Wächter der Zeit, spiegelverkehrt in der Realität, zwischen den Schichten, wo Sekunden wie Wasser flossen.
Die Gaslaternen, die den Schnee erleuchteten, warfen Strahlen wie (Scheinwerfer) auf die tanzenden Zahlen.
Die zerbrochene Flasche, der Fruchtsaft,
die Reste des Straßenfestes – alles hatte ihn hierhergeführt, in diese Parallelwelt, in der er nun alles sehen und lenken konnte.
Die Zahlen leuchteten heller, die Schatten glitten vorbei und verschwanden, als hätten sie ihn geprüft. Rick Baddle verstand endlich: die Zeit hatte ihn nicht losgelassen – sie hatte ihn gewählt.
Er war hier, aber nicht hier.
Er war überall, aber nirgends.
Ein Wächter zwischen den Momenten, das Flüstern zwischen den
Sekunden.
Und tief in ihm wusste er: alles, was er gesehen hatte, alles, was noch kommen würde, lag nun in seiner Verantwortung.