Von einem Kiesel zum Edelstein
Schreibparty 117 zum Thema:
"Wenn Wünsche Nebenwirkungen haben"
Vorgaben:
Flasche, Edelstein, Geisterhand, absurd, Phantasie, Scheinwerfer
Ein Beitrag von Darkjuls
Von einem Kiesel zum Edelstein
Das ist doch absurd, denke ich. Du wirst doch nicht von einem Kiesel zum Edelstein, auf den plötzlich wie von Geisterhand alle Scheinwerfer der großen Bühne gerichtet sind, nur weil du dir wünschst, mit deinen Texten eine berühmte Autorin zu werden.
Und was, wenn doch?
Vor zwei Wochen habe ich mein im Self-Publishing-Verlag erschienenes Buch bei
einer Lesung im kleinen Kreise vorgestellt. Mein Mund war vor Aufregung staubtrocken, so dass ich nahezu einen halben Liter Wasser auf einmal trank. Kaffee hätte mein Herz jetzt nicht vertragen.
Ich las also mit leicht zitternder Stimme auszugsweise meine Geschichte vor und wurde schließlich mit Applaus belohnt. Im Anschluss gab es von mir unter meinem Pseudonym handsignierte Exemplare für Interessierte. Eine schöne Erfahrung, doch
ich war auch froh, dann wieder Zuhause
und für mich zu sein.
Aber genug in der Vergangenheit geschwelgt und sich auf das Jetzt und Hier konzentriert. Ein Blick in den Kühlschrank verrät, ich muss heute einkaufen. Kurzentschlossen werfe ich mir etwas über und schlendere mit einem Stoffbeutel Pfandflaschen in Richtung Stadtmitte, als ich mich völlig unerwartet,
in einer hektisch mit Kameras und Mikrofonen fuchtelnden Menschenmenge, wiederfinde.
"Frau Ohst! Sie sind doch die berühmte Autorin Frau Elisabeth Ohst alias Elsa, nicht wahr?", fragt mich ein Herr und hält mir das Mikro direkt vor die Nase. Er deutet auf das Bild auf der Rückseite meines Buches. "Berichten Sie ihren Lesern, ob es eine autobiografische Geschichte ist und sie jetzt allein leben!" Entsetzt starre ich den Mann an.
"Hallo Elsa wir sind live, schauen sie doch einmal direkt in die Kamera!", fordert mich die Frau links von mir auf. Was all die anderen wollen, blende ich aus. Das darf doch nicht wahr sein! Das will ich nicht. Im Grunde bin ich
eine ganz normale, schüchterne Person, die nur ihre Ruhe möchte. Wie sehe ich überhaupt aus? Was werden die Leute, meine Freunde und Nachbarn jetzt nur von mir denken? Diese und andere Gedanken schießen mir durch den Kopf und ich kriege Panik. Nichts wie weg hier!
Ich kämpfe mir den Weg frei und laufe, so schnell mich meine Füße tragen in Richtung Einkaufsstraße, um in einer Modeboutique Schutz zu suchen. In der Umkleide fühle ich mich vorerst sicher. Dann klingelt das Handy. Es ist meine Arbeitskollegin Bärbel. Komisch, warum ruft sie mich am Samstag früh an?
Kaum habe ich das Gespräch angenommen, höre ich ihre aufgeregte Stimme; "Elisabeth,
gut, dass ich dich gleich erreiche. Du bist soeben in der Sendung "Leute Heute" im Regionalsender zu sehen. Das gibt es ja gar nicht. Sag doch was!" Mir bleibt die Spucke weg und ich bringe kein Wort hervor.
Dieser Trubel, die neugierigen Fragen und
vor allem die vielen Menschen, welche auf mich einstürmen, das gefällt mir gar nicht
und macht mir Angst. Bärbel ist offensichtlich ärgerlich und meint: "Jetzt, wo du berühmt bist, redest du wohl nicht mehr mit jedem, was?" Ich hole tief Luft, aber meine Kollegin beendet in diesem Moment das Gespräch.
Oh nein, wohin wird das noch führen? Ob mir diese Paparazzi wohl vor dem Geschäft
auflauern? ich möchte jetzt wieder nur ein
unbedeutender Kieselstein sein und dem Medieninteresse entfliehen. So habe ich mir das Berühmtsein in meiner Phantasie weiß gott nicht ausgemalt.
"Sie sind weg", flüstert ein Kunde mir durch den Vorhang zu. "Wirklich alle?", frage ich argwöhnisch. "Ja, sie können jetzt wieder herauskommen", meint er verschwörerisch. Der Mann stellt sich mir als Frank vor. Er hatte mich in die Boutique stürzen, in die Umkleide fliehen und dann die Kameraleute vor dem Schaufenster gesehen. Den Tränen nahe falle ich ihm um den Hals: "Du bist meine Rettung, vielen Dank!", schluchze ich und drücke ihm den Stoffbeutel mit den Flaschen in die Hand.
"Ich will dann mal,"
Frank blickt mich sanft an; "Nun beruhigen sie sich erst. Wenn sie möchten, schaue ich nach, ob die Luft rein ist und sie den Laden jetzt problemlos wieder verlassen können." Ich nicke erleichtert. Es gibt eben doch noch freundliche, hilfsbereite Menschen. Frank überreicht mir seine Visitenkarte: "Hier ist meine Nummer. Wenn sie Zuhause sind,
rufen sie bitte kurz an, dann weiß ich sie in Sicherheit." Während ich ihm beim Verlassen des Geschäftes zuwinke, lächeln wir beide wohlwissend, wir werden uns wiedersehen.