Fantasy & Horror
Als das Weiße aus dem Meer kam

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"Als das Weiße aus dem Meer kam"
Veröffentlicht am 14. März 2026, 80 Seiten
Kategorie Fantasy & Horror
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Über den Autor:

Ich bin ein junge Schreiberin mit LRS (Lese recht scheib schwache) und möchte meine Gedanken zu Papier bringen möchte was schwer ist und deshalb danke ich allen die helfen meine Worte zu Papier zu bringen.
Als das Weiße aus dem Meer kam

Als das Weiße aus dem Meer kam

Ich merkte zuerst meinen linken Fuß.

Nicht das Meer.

Nicht den Himmel.

Nicht das Licht.

Nur den linken Fuß.

Er stand auf einer flachen Stelle im schwarzen Stein, dort, wo die Nacht die letzte Kühle festhält, bevor die Sonne sie aus allem herausbrennt. Unter meiner Ferse saß noch Kälte. Unter dem Ballen des Fußes etwas Raues, feinkörnig, fast glatt geschliffen von altem Wasser. Zwischen meinem großen Zeh und dem nächsten klebte ein Rest feuchten Sands, den ich vom

unteren Ufer mit heraufgetragen hatte. Normalerweise nehme ich so etwas kaum bewusst wahr. Mein Körper liest es und geht weiter. An diesem Morgen blieb er daran hängen.

Weil der Stein nicht antwortete.

Das ist schwer zu erklären. Menschen, die nur mit den Augen leben, denken, die Erde sei bloß Erde. Man tritt auf sie, man arbeitet in ihr, man gräbt in ihr, man legt Tote in sie. Aber sie hat Gewicht in mehr als einer Art. Sie spricht. Nicht laut. Nie laut. Eher als leises Einverständnis. Als Druck. Als Wärme. Als dieses kleine

innere Nicken, das sagt: Du bist hier. Das hier ist richtig. Geh weiter.

An diesem Morgen war nichts davon da.

Es war, als hielte die Insel den Atem an und wolle nicht die Erste sein, die zugibt, dass etwas Falsches näherkam.

Ich blieb stehen, ohne zu wissen, dass ich stehen geblieben war. Mein rechter Fuß zog nach, fand neben dem linken Halt, und für einen Augenblick tat ich nichts, als mit meiner Haut zu warten. Vielleicht hatte ich mich getäuscht. Vielleicht war es nur die Restkälte der Nacht.

Vielleicht ein Gedanke, den ich aus dem Schlaf mitgenommen hatte. Vielleicht nur ich, wieder einmal ich, mit meinem zu feinen Hören, meinem zu tiefen Spüren, meinem lästigen Wissen, das die anderen gern annehmen, solange es um Kräuter, Fieber oder Träume geht, aber ungern, wenn es ihre Ruhe kostet.

Hinter mir lebte das Dorf.

Ich hörte es, ohne mich umzudrehen. Nicht als Ganzes. In Stücken. Ein hohler Laut von Kalebasse auf Stein. Das weiche, gedämpfte Schlagen auf wauke, wenn Hände aus innerer Rinde

langsam etwas Tragbares machen. Das dumpfe Reiben eines Holzstücks, das bewegt wird. Eine Frau, die einen Namen ruft und ihn beim zweiten Mal strenger ausspricht als beim ersten. Ein Kind, das mit vollem Mund antwortet. Rauchgeruch, ganz leicht, und darunter die feuchte Süße des Morgens. Alles vertraut. Alles im Takt.

Nur mein Körper war nicht im Takt.

Ich hob den Kopf.

Das Meer lag vor mir, blass und weit, als sei die Nacht noch nicht ganz fort und habe ihre Hand über die Wasserhaut gelegt. Die Linie

zwischen Wasser und Himmel war dünn. Nicht scharf. Mehr ein Verdacht als eine Grenze. Dort draußen schauen die Augen oft zuerst ins Nichts, bevor sie begreifen, dass das Nichts voll kleiner Unterschiede ist. Ein Streifen Helligkeit. Ein dunklerer Fleck. Eine Bewegung, die keine Welle ist. Eine Welle, die zu lange dieselbe Form behält.

Ich suchte nichts Bestimmtes.

Das ist die Lüge, die ich mir zuerst erzählte.

Natürlich suchte ich etwas.

Ich hatte es seit drei Nächten gesagt.

Zu Hina, als wir Wasser teilten und ich an ihrem Gesicht sah, dass sie schon entschieden hatte, mich zu beruhigen, noch bevor ich gesprochen hatte.

Zu Keone, als er vom Ufer kam, Salz in der Haut, Müdigkeit in den Schultern, und mit jener Art stiller Güte, die Männern manchmal erlaubt, Frauen nicht wirklich zuzuhören, ohne sich selbst grob zu finden.

Zu dem alten Mann am heiligen Platz, der lang genug schwieg, um Weisheit daraus zu machen, und am Ende doch nur sagte, ich solle den Morgen abwarten.

Den Morgen.

Als hätte das Licht jemals etwas gereinigt, das aus einer tieferen Dunkelheit kam.

Ich sah es erst, als das Weiß sich vom Rest der Helligkeit löste.

Nicht groß. Noch nicht. Nur ein kleines Anderssein. Ein Fleck, der zu hell war, zu fest, zu beharrlich. Ich blinzelte. Er blieb. Ich kniff die Augen zusammen. Er blieb. Ich atmete flach durch den Mund, damit der salzige Wind meine Sicht nicht störte.

Dann wuchs unter dem Weiß Dunkel hervor.

Es war kein plötzliches Erscheinen.

Das machte es grausamer. Wäre es aus dem Wasser gebrochen wie ein Tier, hätte mein Körper gewusst, wohin mit seiner Angst. Doch es kam langsam, fast höflich. Langsam genug, damit jede Hoffnung Zeit bekam, sich aufzurichten und wieder erschlagen zu werden.

Unter dem Weiß lag ein dunkler Leib.

Hoch.

Breit.

Zu schwer wirkend für das Wasser.

Kein waʻa. Nicht einmal in der krankesten Verirrung des Denkens. Ein waʻa kennt das Meer. Es liegt anders auf ihm. Es spricht mit jeder

Bewegung von Hand, Holz, Welle, Atem, Gewicht. Das da draußen sprach nicht mit dem Meer. Es benutzte es. Es schob sich darüber, als sei Wasser bloß etwas, das man unter sich duldet.

Meine Zunge klebte plötzlich am Gaumen.

Ich schluckte und schmeckte Salz. Nicht das gute Salz vom eigenen Mund nach dem Schwimmen. Das bittere, dünne Salz der Angst, wenn der Körper von innen Wasser verliert.

Jetzt sah ich mehr. Lange, gerade Stangen ragten aus dem dunklen Leib, wie kahles Holz, das niemals

lebendig gewesen war. Daran hingen große helle Flächen. Der Wind fuhr hinein, und sie blähten sich. Sie hätten schön sein können, wenn sie nicht so falsch gewesen wären. Sie sahen nicht aus wie etwas, das der Wind freundlich trägt. Eher wie Häute, die man sauber vom Körper getrennt und dann wieder aufgespannt hatte, damit der Tod sich bewegen lernt.

Mir krampfte sich der Magen zusammen.

Nicht heftig. Nicht so, dass ich mich hätte bücken müssen. Es war ein tieferes Zusammenziehen. Als würde im Bauch ein Strick langsam

fester gedreht. Meine Brust wurde eng, aber nicht oben, wo man das Atmen merkt. Tiefer. Zwischen den Rippen, dort, wo Angst zur Heimat von Gedanken wird.

Ich drehte mich halb um und sah zum Dorf.

Nur ein Hang. Ein paar Häuser. Rauch. Leben. Eine Frau trat aus einer Tür und schüttelte etwas aus einem Tuch. Ein Mann bückte sich nach einem Korb. Alles war so gewöhnlich, dass es beinahe obszön wirkte. Der Morgen ging weiter, während auf dem Meer etwas kam, das sich anfühlte, als hätte jemand einen fauligen Kern in die Frucht

unserer Welt gedrückt.

Ich dachte: Wenn ich jetzt rufe, werden sie wieder so schauen.

Nicht böse.

Nicht einmal ärgerlich.

Nur müde.

Es gibt Blicke, die schlagen nicht. Sie löschen aus. Sie machen aus einer Warnung ein Symptom. Aus einer Gewissheit eine Laune. Aus dir eine Frau, die zu tief träumt.

Ich hob trotzdem die Stimme nicht. Noch nicht.

Ich wollte noch einen Herzschlag mehr allein mit der Wahrheit sein, bevor andere sie kleinreden.

Da hörte ich Schritte im Stein.

Keone.

Ich wusste es, ohne mich umzudrehen. Nicht wegen der Schwere. Eher wegen der Sicherheit. Manche Menschen treten auf, als hätte die Welt ihnen längst versprochen, nicht unter ihnen wegzurutschen. Keone ging so. Er hatte das Meer in der Haut und den Glauben an das Greifbare im Rücken.

„Līʻani?“

Ich zeigte hinaus.

Er trat neben mich. Seine Schulter war warm genug, dass ich sie hätte fühlen müssen. Ich fühlte stattdessen nur den Raum zwischen

uns, der schon da war, noch bevor er das Erste sagte.

Lange schwieg er.

Ich hörte, wie er durch die Nase einatmete. Langsam. Dann noch einmal, schärfer. Seine Augen verengten sich. Er sah. Natürlich sah er. Jetzt hätte es jeder gesehen, der nur geradeaus schauen konnte.

Aber sehen ist nicht glauben.

Und glauben ist nicht erkennen.

„Was ist das?“ fragte er.

Die Frage stach mich fast körperlich.

Ich dachte: Natürlich.

Natürlich fragst du nach dem Namen, bevor du nach der Gefahr

fragst.

Natürlich hoffst du noch, dass ein richtiges Wort das Ding harmloser macht.

„Ich weiß es nicht“, sagte ich.

Das war wahr. Und zugleich war es nicht die ganze Wahrheit. Ich wusste nicht, wie es hieß. Ich wusste nur, wie es sich anfühlte. Und manchmal ist das Wissen ohne Namen das Schlimmste.

Keone sah weiter hinaus. „Groß.“

Ich hätte ihn schlagen mögen für dieses Wort. Nicht wegen des Wortes selbst. Wegen der Kleinheit darin. Groß. Als hätte Größe das Problem erschöpft.

„Es ist falsch“, sagte ich.

Er wandte den Kopf ein wenig zu mir. Ich spürte seinen Blick an meiner Wange, an dem rubinroten Auge, an dem eisblauen, an den weißen Flecken meiner Haut, und ich hasste den kleinen Augenblick, in dem ein Mensch prüft, ob das Fremde draußen wirklich fremder ist als die Frau neben ihm.

„Fremd“, sagte er.

„Nein.“

Ich hörte die Härte in meiner eigenen Stimme. Sie gefiel mir nicht. Aber was in mir sprach, war nicht mehr Geduld.

„Fremd ist ein Vogel, den wir nicht

kennen. Ein Mensch von einem anderen Ufer. Ein Lied mit neuen Worten. Das da ist nicht fremd. Es ist…“

Ich brach ab.

Weil das richtige Wort nicht in einen Morgen passte.

Keone schwieg. Dann tat er, was sie alle tun, wenn sie merken, dass meine Furcht echt ist. Er machte die Stimme weich.

„Du hast kaum geschlafen.“

Es war, als hielte mir jemand warmes Wasser hin, während ich brenne. Fast freundlich. Völlig nutzlos.

„Der Boden hat aufgehört zu

sprechen“, sagte ich.

Da war es. Offen. Nackt. So nah an meiner Wahrheit, wie ich sie einem anderen geben konnte.

Keone antwortete nicht sofort. Ich sah an seinem Gesicht, dass er mich ernst genug nahm, um mir nicht ins Wort zu fallen, aber nicht ernst genug, um mit mir Angst zu haben. Das ist ein eigener Schmerz. Wenn jemand an deine Aufrichtigkeit glaubt, aber nicht an deinen Schrecken.

„Du spürst viel“, sagte er leise.

Nicht: Du hast recht.

Nicht: Ich glaube dir.

Nicht einmal: Erklär es mir.

Nur das.

Du spürst viel.

Als wäre Fülle ein Fehler. Als müsse man nur die eigene Wahrnehmung etwas kleiner falten, und schon ließe sich das Unheil besser ertragen.

Hinter uns kamen weitere Stimmen. Pua zuerst, atemlos vom Laufen, der Blick zu schnell für ihr eigenes Gesicht. Dann Hina, mit jenem kontrollierten Schritt, der sagt: Ich werde nicht die Erste sein, die in Panik gerät. Dann andere. Das Dorf sammelte sich am Ufer. Nicht wegen meiner Warnungen. Wegen des Weißen draußen. Wegen des

sichtbaren Wunders.

Wunder. Welch hässliches Wort, wenn das Falsche schön genug hereinkommt.

Sie stellten sich nebeneinander, halb in Ehrfurcht, halb in Neugier. Ich roch ihre Haut, den Rauch in ihren Haaren, den feuchten Morgenstoff, das Salz, die Arbeit, das vertraute Menschliche. Und mitten darin stand ich mit meinem Wissen wie mit einer offenen Wunde, die niemand berühren wollte.

„Was ist das?“ fragte jetzt jemand anders.

„Etwas von weit draußen.“

„Vielleicht ein Zeichen.“

„Vielleicht Segen.“

„Vielleicht…“

„Hört auf“, sagte ich.

Es kam leiser aus mir heraus, als ich gedacht hatte. Fast rau. Als hätte der Satz sich an meinem Hals geschnitten.

Niemand hörte auf.

„Hört auf“, sagte ich wieder, diesmal lauter. „Hört auf, ihm gute Namen zu geben.“

Jetzt erst wurde es still.

Nicht die gute Stille.

Die gereizte.

Hina sah mich an. Nicht hart. Nur mit jener entsetzlichen Milde, die

Erwachsene für jemanden übrig haben, den sie gerade ein Stück von der gemeinsamen Wirklichkeit wegschieben.

„Līʻani“, sagte sie. „Wir wissen noch nicht, was es ist.“

„Ich weiß, was es nicht ist.“

„Und was?“

Ich zeigte hinaus. Meine Hand zitterte nicht. Das ärgerte mich fast. Ein zitternder Körper hätte mir vielleicht mehr geglaubt gemacht. Aber ich stand da zu ruhig, zu gesammelt, zu sehr ich selbst. Vielleicht war gerade das mein Fluch. Dass meine Angst nie hübsch genug aussah, um andere

anzustecken.

„Es gehört nicht hierher“, sagte ich. „Es will nicht nur gesehen werden. Es will hinein.“

Da geschah es wieder. Dieses kleine Abrücken in den Gesichtern. Dieses kaum sichtbare Neigen des Glaubens weg von mir. Pua sah verunsichert aus. Hina traurig. Keone starrte aufs Meer, als hoffe er, das Ding selbst würde mir widersprechen.

Niemand glaubte mir.

Nicht wirklich.

Sie glaubten dem, was sie sahen.

Aber nicht dem, was es in mir anrichtete.

Draußen wurde der dunkle Leib größer. Nun konnte man an seinem Körper kleine Bewegungen erkennen. Gestalten. Zu weit entfernt, um Gesichter zu tragen. Nah genug, dass ich ihre Art sah. Zu gleich. Zu streng. Zu sauber in ihrer Unruhe. Nicht wie Männer, die das Meer lesen. Eher wie Finger einer einzigen Hand.

Da war der Augenblick, in dem ich begriff, dass mein eigentlicher Horror nicht das Ding selbst war.

Sondern dieser Abstand.

Dieser winzige, unüberbrückbare Abstand zwischen dem, was ich spürte, und dem, was die anderen

bereit waren zu glauben. Das Weiße konnte näherkommen, solange es wollte. Das eigentliche Grauen stand schon mitten unter uns, in den weichen Stimmen, den geduldigen Blicken, dem stillen Entschluss, meine Wahrheit erst dann ernst zu nehmen, wenn sie ihnen selbst die Kehle berührte.

Meine Zehen krallten sich in den schwarzen Stein. Das tat weh. Gut so. Schmerz hat wenigstens Ehrlichkeit. Der Wind zerrte an meinem kīhei. Eine Haarsträhne klebte mir am Mund. Ich schmeckte Salz, Angst und etwas Bitteres, Fremdes, das schon jetzt in der Luft

hing wie ein Versprechen.

Ich sah wieder hinaus.

Das Weiße blähte sich im Wind. Der dunkle Leib darunter schob sich weiter auf uns zu. Und für einen einzigen, schmalen Herzschlag hatte ich das Gefühl, dass nicht wir es ansahen.

Sondern es uns.

Nicht wie ein Tier. Nicht wie ein Gott. Nicht wie etwas Lebendiges in einer Form, die ich kannte. Eher wie ein kalter Wille, der einen Körper aus Holz, Haut und Tiefe gefunden hatte, um an unsere Küste zu treten.

Da wusste ich:

Später werden sie sagen, du hattest recht.

Und später wird wertlos sein.

Ich stand am Ufer, barfuß auf schweigendem Stein, mit einem Dorf im Rücken, das noch nicht verstand, und einem weißen Grauen vor mir, das langsam aus dem Meer kam.

Und nichts daran war lauter als die Tatsache,

dass ich schon jetzt allein damit war.

Zuerst begriff ich nicht, was sich veränderte.

Ich sah nur, dass der große dunkle Leib auf dem Wasser nicht mehr ganz eins war. An seinem Bauch regte sich etwas. Etwas Kleineres. Eine Bewegung unter den weißen Häuten, dort, wo Schatten sich sammelten und wieder auseinanderzogen. Ich kniff die Augen zusammen, bis das Salz darin brannte.

Neben mir sagte jemand etwas. Ich hörte die Stimme, aber nicht die Worte. Mein Hören war zu eng geworden. Alles in mir hatte sich an den Horizont geheftet.

Das Große blieb nicht groß genug.

Es gab von sich ab.

Ein dunkles Stück löste sich von seinem Leib, erst kaum sichtbar, dann deutlicher, als hätte das Weiße selbst einen Knoten aus seiner eigenen Tiefe ausgespuckt. Dann noch eins. Dann noch eins. Kleinere dunkle Körper, schmal, niedrig, aber schnell. Sie fielen nicht ins Wasser. Sie legten sich hinein und begannen auf uns zuzukommen.

Mein Mund wurde trocken.

„Nein“, sagte ich.

Diesmal hörte ich mich selbst so, wie die anderen mich hören

mussten. Zu leise. Zu spät. Zu wenig. Ein Wort, das nicht nach Warnung klang, sondern nach Bitte.

Pua trat dichter an mich heran. Ich spürte ihren Arm fast an meinem, warm, lebendig, ahnungslos auf die falsche Weise.

„Was tun sie?“

Ich antwortete nicht.

Nicht, weil ich es nicht wollte. Weil mein Körper längst antwortete, während mein Mund noch leer war. Mein Nacken war hart geworden. Meine Finger standen offen an meiner Seite, unfähig, sich zu Fäusten zu schließen. Unter meinen Füßen blieb der Stein stumm. Selbst

die Brandung schien flacher zu klingen, als hätte das Meer beschlossen, sich aus seiner eigenen Stimme zurückzuziehen.

Die kleineren dunklen Leiber glitten über das Wasser.

Nicht wie waʻa. Das war das Schlimmste. Nicht einmal jetzt, da sie kleiner waren, erkannte ich in ihnen etwas Vertrautes. Ein waʻa kennt das Wasser in seinen Hüften. Es hebt und senkt sich, nimmt den Atem der Wellen an, spricht mit jeder Bewegung von Handwerk, Geduld und dem Wissen, dass man auf dem Meer niemals stärker ist als das, was einen trägt. Diese

Dinge nicht. Sie schnitten. Sie kamen flach und gezielt, als sei das Wasser nur ein Stück offener Weg.

Ich roch mehr von dem Fremden jetzt. Bitteres Öl. Kalter Rauch. Etwas Scharfes, das mir in die Nase stieg und dort blieb. Es roch, als wäre Feuer in Stein eingeschlossen worden.

„Līʻani“, sagte Keone leise.

Nur meinen Namen.

Keine Frage.

Kein Zweifel mehr in der Stimme.

Aber auch noch kein Glaube.

Ich sah ihn nicht an.

Draußen waren Gestalten in den kleineren dunklen Leibern. Mehr

als eine. Mehr als zwei. Dunkle Formen, aufrecht, sitzend, sich bewegend in einer Art von Ordnung, die mir den Magen umdrehte. Zu gleichmäßig. Zu ruhig. Es sah nicht aus, als seien es Männer, die sich auf Land freuten. Es sah aus, als trügen sie Land schon in sich wie etwas, das ihnen gehört, noch bevor ihre Füße es berühren.

Ein Kind hinter uns lachte kurz. Jemand brachte es sofort zum Schweigen.

Die kleineren Leiber kamen weiter.

Ich konnte jetzt sehen, wie die Gestalten darin ihre Arme

bewegten. Gleichzeitig. Wieder und wieder. Ein Zug, ein Druck, ein Zug, ein Druck. Das Wasser spritzte an ihren Seiten auf. Die Bewegung hatte etwas Grausames, weil sie so einfach war. So sicher. Nicht tastend. Nicht suchend. Als hätten sie nie daran gezweifelt, dass sie unser Ufer erreichen würden.

Mein Herz schlug mir jetzt hoch bis in den Hals. Jeder Schlag war ein Stoß, als wollte mein Körper mich von innen forttreiben, weil meine Füße es nicht taten.

„Jetzt glaubst du mir“, dachte ich.

Nicht zu Keone.

Nicht zu Hina.

Nicht zu einem bestimmten Gesicht.

Zu allen.

Zu all denen, die meine Worte wie Rauch hatten aufsteigen und sich verziehen sehen wollen. Zu all denen, die mich mit dieser sanften Geduld angesehen hatten, die ein Mensch nur aufbringt, wenn er hofft, dass du am Ende beschämt genug sein wirst, dich selbst kleinzumachen.

Jetzt sahen sie es auch.

Aber selbst jetzt glaubten sie noch nicht ganz mir.

Sie glaubten ihren Augen.

Und ich hasste, wie einsam selbst das noch war.

Der erste der kleineren dunklen Leiber hob sich leicht auf einer Welle und senkte sich wieder. Für einen Augenblick sah ich darunter nur Wasser. Dann wieder seinen schwarzen Bauch. Dann das helle Aufblitzen einer Gestalt darin. Nicht Gesicht. Nicht Haut. Nur das Gefühl eines Umrisses, der zu aufrecht saß. Zu still. Einer im vorderen Teil bewegte sich kaum, während die anderen arbeiteten. Dieses Kaum war schlimmer als jede hastige Bewegung. Es war die Ruhe von etwas, das nicht zweifelt.

Ich spürte plötzlich meine Hände.

Sie waren kalt. Nicht die

Fingerkuppen. Die ganze Hand. Von innen kalt. Ich hob die rechte unwillkürlich an meinen Bauch, als könnte ich dort etwas festhalten, das bereits fiel.

„Sie kommen an Land“, flüsterte Pua.

Ich nickte.

Mehr brachte ich nicht hervor.

Denn in meinem Kopf hatte sich ein Bild festgesetzt, so widerlich klar, dass mir beinahe schwarz vor Augen wurde: Nicht das Große auf dem Meer war der eigentliche Körper. Das Große war nur der Mutterleib. Und diese kleineren dunklen Leiber waren das, was es

uns gebären wollte.

Mir wurde übel.

Ich schluckte gegen den Geschmack in meinem Mund an. Salz. Angst. Etwas Metallenes, obwohl nichts davon mein eigenes Blut war.

Hina trat auf meine andere Seite. Ich hörte ihren Atem. Kontrolliert. Zu kontrolliert. Es war der Atem einer Frau, die beschlossen hat, Würde nicht eher loszulassen als das Leben. Ihre Stimme kam ruhig, aber ich hörte den feinen Riss darin.

„Vielleicht wollen sie nur Wasser.“

Ich drehte langsam den Kopf zu ihr.

Vielleicht wollen sie nur Wasser.

Da war er wieder, dieser Drang, ihr ins Gesicht zu schreien, bis ihre Haut meine Furcht endlich mittrug. Aber das brachte nichts. Menschen, die sich an Hoffnung festklammern, tun es nicht mit den Händen. Sie tun es mit den Zähnen. Reißt man daran, wird man nur selbst blutig.

„Nein“, sagte ich.

Nur dieses eine Wort.

Hina schwieg.

Draußen wurden die kleineren dunklen Leiber größer. Das Wasser zwischen uns und ihnen verlor seine Unschuld. Es war nicht mehr Meer. Es war nur noch Abstand, der weniger wurde.

Ich merkte, dass meine Zehen sich wieder in den Stein krallten. So fest, dass die Muskeln in meinen Füßen zu zittern begannen. Ich wollte den Fels in mir behalten, bevor diese Dinge das Ufer berührten. Als könnte die Insel vielleicht doch noch durch meine Haut in mich zurücksprechen, wenn ich nur hart genug blieb.

Noch immer nichts.

Das war vielleicht das Entsetzlichste.

Nicht der Horizont.

Nicht das Weiße.

Nicht das, was sich daraus löste.

Sondern dass die Insel selbst

schwieg, während etwas Fremdes sich aus dem Meer schälte und auf uns zukam.

Ein Laut ging durch die Menge hinter uns. Nicht laut. Eher ein gemeinsames Einsaugen der Luft, als die Menschen begriffen, wie nah die kleineren dunklen Leiber schon waren. Einer der Männer trat vor, dann wieder zurück, als hätte sein Körper Mut versucht und ihn sofort verworfen. Eine Frau zog ihr Kind an sich, so fest, dass das Kind protestierte. Keone hob die Hand gegen das Licht, als könnte er dadurch klarer sehen, und ich hasste ihn für die Langsamkeit

dieses Verstehens, obwohl ich wusste, dass Hass nur die Form meiner Angst war, wenn sie jemanden brauchte.

Die Gestalten da draußen waren jetzt deutlich genug, dass ich sehen konnte, wie sie den Kopf trugen.

Nicht wie Fischer.

Nicht wie Männer aus einem Dorf.

Nicht wie jene, die an Land gehen und erst prüfen, ob Land sie will.

Sie bewegten sich, als sei Wollen ein lächerlicher Gedanke.

Eine der Gestalten hob etwas Langes in den Händen. Kein Speer, nichts, was meine Augen kannten. Nur ein gerader dunkler

Gegenstand, den sie behandelte, als wäre er weder Werkzeug noch Last, sondern ein weiterer Arm. Der Anblick davon jagte mir eine Gänsehaut über die Schultern, ohne dass ich sagen konnte, warum.

„Līʻani.“

Diesmal Keone wieder. Seine Stimme war anders jetzt. Tiefer. Nicht mehr beruhigend. Nicht mehr weich.

Ich sah ihn trotzdem nicht an.

„Sag etwas.“

Fast hätte ich gelacht. Dieser bittere, hohle Laut, der im Hals hängen bleibt und dort mehr schneidet als ein Schluchzen.

Sag etwas.

Als hätte ich nicht die ganze Zeit etwas gesagt.

Als hätte nicht jede Nacht, jeder Satz, jede Warnung, jede Stille genau auf diesen Augenblick hingelaufen.

„Jetzt?“, flüsterte ich. „Jetzt soll ich sprechen?“

Er antwortete nicht.

Draußen stieg und fiel der erste der kleineren dunklen Leiber mit dem Wasser, kam näher, näher, näher. Ich konnte die nassen Seiten sehen. Das Spritzen. Die dunklen Umrisse der Gestalten darin. Einen, der stiller war als die anderen. Einen,

dessen Haltung schon weh tat beim Hinsehen. Einen, der den langen Gegenstand hielt. Einen, der direkt nach vorn sah, auf die Linie unseres Ufers zu, als wäre sie nur eine Grenze, die dafür gemacht worden war, überschritten zu werden.

In meiner Brust geschah etwas Merkwürdiges.

Die Angst wurde nicht größer.

Sie wurde klarer.

Wie Wasser, in dem sich Schlamm setzt.

Da wusste ich plötzlich, dass der nächste Augenblick einer jener Augenblicke war, nach denen alles

Vorherige nur noch wie ein Vorgarten wirkt. Ein letzter Streifen vertraute Erde vor dem Haus des Schreckens.

Ich hörte die Brandung.

Ich hörte den Atem der anderen.

Ich hörte mein eigenes Blut.

Und dazwischen dieses wachsende Schweigen, das kein Schweigen mehr war, sondern Erwartung.

Die kleineren dunklen Leiber kamen.

Und mit jedem Schlag, mit dem sie das Wasser zwischen uns zerteilten, hatte ich das Gefühl,

dass das Große draußen uns nicht mehr nur ansah.

Es streckte bereits die Hände nach uns aus.

Titel

Dann war da der Laut.

Nicht laut.

Nicht groß.

Nur dieses nasse, holzige Schaben, als die kleineren dunklen Leiber sich ganz von dem großen weißen Leib lösten und das Wasser unter ihnen plötzlich anders klang. Nicht mehr fern. Nicht mehr Teil des Horizonts. Näher. Gerichtet. Für uns.

Ich hörte auf zu blinzeln.

Wenn man zu lange auf etwas Fremdes starrt, beginnt das Auge zu hoffen, es werde wieder zu etwas

Bekanntem. Ein Felsen. Ein Spiel des Winds. Ein Irrtum. Ich durfte meinem Blick diese Hoffnung nicht geben. Nicht jetzt.

Die kleinen dunklen Leiber kamen flach über das Wasser. In jedem saßen Gestalten. Erst Schatten nur. Dann Rücken. Arme. Köpfe. Zu viele. Zu gleich. Das Wasser spritzte an ihren Seiten auf, immer im selben Takt, als würde nicht jeder einzelne Körper das Wasser schlagen, sondern nur ein Wille durch viele Hände.

Neben mir flüsterte jemand ein Gebet. Hinter mir schob ein Kind die Frage in die Stille, was das sei,

und die Mutter brachte es mit einer Hand am Mund zum Schweigen.

Ich konnte nicht sprechen.

Meine Zunge lag schwer in meinem Mund, als hätte sie die Wahrheit schon zu oft gegen taube Ohren gedrückt und wolle nun gar nichts mehr wissen. Mein Herz schlug so hoch, dass ich es in der Kehle fühlte, ein dumpfes, hartes Pochen, als wolle etwas in mir hinaus.

Die Gestalten in den kleinen dunklen Leibern wurden deutlicher.

Sie waren bleich.

Nicht alle gleich bleich, aber heller als wir.

Einer im vorderen Teil bewegte sich kaum. Er saß nicht wie ein Mann auf dem Wasser sitzt. Nicht mit dem Körper des Meeres. Er saß, als hätte er dem Wasser befohlen, ihn zu tragen. Neben ihm arbeiteten andere, zogen und drückten mit langen schmalen Dingen, die ins Wasser tauchten und wieder herauskamen.

Und manche hielten etwas anderes.

Lange dunkle Stäbe.

Zu gerade für Holz aus unserer Arbeit.

Zu hart in der Hand.

Nicht Speere. Nicht Paddel. Nicht Stöcke zum Gehen.

Einer hatte so einen Stab quer über den Knien liegen, und ich merkte, dass mein Blick immer wieder dorthin gezogen wurde, obwohl ich nicht wusste, warum. Der Stab sah ruhig aus. Aber nicht harmlos. Ruhig auf die Art, wie eine Schlange ruhig ist, kurz bevor sie den Kopf hebt.

„Līʻani“, sagte Keone.

Nur mein Name.

Dieses Mal voller Kälte.

Ich sah ihn nicht an.

Wenn ich ihn angesehen hätte, hätte ich vielleicht den letzten Rest Hoffnung in seinem Gesicht gesehen, und ich hätte ihn nicht

ertragen. Es gibt Augenblicke, in denen Hoffnung nichts anderes mehr ist als ein Kleid, das einem Toten angezogen wird, damit die Lebenden leichter hinsehen können.

Die kleinen dunklen Leiber kamen näher. Viel zu nah.

Jetzt sah ich, wie die bleichen Männer ihre Köpfe trugen. Nicht wie Männer, die an einer fremden Küste um Erlaubnis bitten. Nicht wie Fischer, die prüfen, ob das Wasser freundlich genug bleibt. Eher wie jene, die schon in sich beschlossen haben, dass jeder Ort, den sie erreichen, sich vor ihnen

öffnen wird.

Das erste der dunklen Dinge hob sich kurz auf einer Welle und fiel wieder. Sein nasser Bauch blitzte. Das Wasser darunter war für einen Herzschlag sichtbar. Dann wieder die Gestalten. Einer vorn. Zwei hinter ihm. Ein anderer mit einem jener langen Feuerstöcke. Ich nenne sie jetzt so, aber in dem Augenblick wusste ich nur, dass etwas an ihnen mich krank machte. Als hätten sie Wärme in sich und doch nichts von einem Herd, nichts von Opferfeuer, nichts von Leben.

Nur Feuer ohne Seele.

„Zurück“, sagte ich endlich.

Meine Stimme war klein. Zu klein. Der Wind nahm sie fast.

„Was?“, fragte Hina.

„Zurück.“

Ich drehte mich jetzt doch um. Sah ihre Gesichter. Keone. Hina. Pua. Die anderen. Alle mit den Augen am Wasser, alle schon im Sog dessen, was näherkam. In manchen Gesichtern Staunen. In manchen Angst. In keinem das volle Verstehen.

Noch immer nicht.

„Zurück!“ sagte ich lauter. „Geht zurück!“

Ein paar wichen tatsächlich einen Schritt. Nicht weil sie mir glaubten.

Weil meine Stimme jetzt so klang, dass selbst Zweifel einen Schatten bekam. Aber die meisten blieben. Menschen bleiben oft genau dann stehen, wenn sie sich endlich bewegen sollten. Weil der Verstand hofft, das, was die Augen sehen, werde sich noch selbst erklären.

Es erklärte sich nicht.

Das erste der kleinen dunklen Dinge erreichte die flache Brandung. Wasser schlug an seine Seite. Holz schabte auf Sand. Der Laut fraß sich mir in die Zähne. Einer der bleichen Männer sprang zuerst heraus. Das Wasser ging ihm um die Beine, und er trug den

langen Feuerstock nicht wie Last, sondern wie etwas Vertrautes. Hinter ihm stiegen andere aus. Zu schnell. Zu sicher. Ihre Füße fanden unser Ufer, als sei es nie für jemand anderen gedacht gewesen.

Für einen Herzschlag geschah nichts.

Nur Brandung.

Nur Atem.

Nur der Wind.

Dann hob einer den Feuerstock.

Er richtete ihn nicht wie einen Speer. Nicht wie eine Keule. Er hob ihn einfach nur in unsere Richtung, und sofort änderte sich die Luft. Selbst ohne zu wissen, was das Ding

tat, wusste mein Körper, dass es auf eine Weise gefährlich war, die keine Nähe brauchte. Feuer, das dich berührt, kenne ich. Stein, der dich trifft, kenne ich. Klingen, die schneiden, kenne ich. Aber dies war etwas anderes. Drohung, die schon aus der Ferne in die Haut kroch.

„Nicht“, hörte ich Hina flüstern.

Zu wem sie das sagte, wusste ich nicht.

Die bleichen Männer sprachen. Harte Laute. Fremde Kanten. Nichts darin gehörte in meinen Mund. Einer deutete. Einer lächelte kurz. Nicht freundlich. Mehr als sei er zufrieden, dass sich alles so

verhielt, wie er es erwartet hatte.

Und dann sah einer von ihnen mich.

Ich weiß nicht, woran es lag. An meinen Augen vielleicht. An meiner Haut. An dem weißen Haarstreif, der mir im Wind ins Gesicht gefallen war. Vielleicht einfach daran, dass Angst auf manche Menschen wie Licht fällt und sie sichtbarer macht.

Sein Blick blieb an mir hängen.

Nicht lange.

Nur lange genug.

Er sagte etwas zu dem stilleren Mann neben sich. Dieser drehte den Kopf. Sah mich an. Und in seinem

Blick war etwas, das mein Magen sofort verstand und mein Verstand noch nicht fassen wollte.

Nicht nur Neugier.

Auswahl.

Ich machte einen Schritt zurück.

Zu spät.

Keone trat vor mich. Endlich. Endlich. Sein Körper zwischen mir und ihnen, breit, salzig, lebendig, ein zu kleiner Wall gegen etwas, das keine Scham kannte. Er hob die Hand. Sprach. Nicht laut, aber fest. Ich hörte den Ton, nicht die Worte, weil mein Blut in meinen Ohren rauschte.

Einer der bleichen Männer

antwortete nicht mit Sprache.

Er stieß Keone mit beiden Händen weg, hart und knapp, als hätte er einen Korb beiseitegeschoben. Keone fing sich noch, sprang wieder vor. Dann bewegte sich der Mann mit dem Feuerstock.

Ein Donnerschlag zerriss die Luft.

Nicht vom Himmel.

Nicht aus Wolken.

Aus dem Stock.

Licht brach kurz am Ende des dunklen Stabes auf, grell und unnatürlich, ein feuriger Zungenschlag, zu kurz für ein Feuer, zu scharf für ein Ritual. Der Laut war so hart, dass mein ganzer

Körper zusammenzuckte, bevor ich begriff, dass ich noch stand. Etwas hinter mir splitterte. Holz. Ein Pfahl vielleicht. Das Kind schrie. Hina schrie auch, aber leiser, aus dem Bauch.

Die Welt kippte nicht.

Sie verrutschte.

Jetzt glaubten sie mir.

Jetzt.

In der Panik verlieren Menschen zuerst die Form. Stimmen zerreißen. Schritte werden zu Flucht oder blindem Vorwärts. Jemand griff nach einem Stein. Jemand warf ihn. Er traf nichts. Ein Mann aus unserem Dorf stürmte

mit einem Speer vor, wurde mit dem Kolben eines Feuerstocks gegen den Hals geschlagen und fiel in den nassen Sand. Pua klammerte sich an meinen Arm. Ihre Finger waren eiskalt.

„Lauf“, flüsterte sie.

Ich lief nicht.

Nicht aus Mut.

Aus Starre.

Es gibt eine Art von Grauen, die den Körper so ganz füllt, dass Bewegung etwas ist, das nur anderen gehört. Für einen Herzschlag stand ich nur da und sah zu, wie das Unmögliche an Land trat.

Dann kamen sie wirklich.

Keone brüllte jetzt. Ich weiß nicht mehr was. Er warf sich auf den ersten, riss ihn halb mit sich in die Brandung. Ein zweiter schlug ihn seitlich mit dem harten Ende des Feuerstocks. Der Laut davon war dumpfer als der Donner eben. Fleisch. Knochen. Keones Kopf riss zur Seite. Er sank auf ein Knie.

„Nein!“

Jetzt war ich es, die schrie.

Einer der bleichen Männer war schon bei mir. Ich sah nur die Nässe an seinen Beinen, den fremden Stoff, die Adern an seiner Hand. Er griff nach meinem Arm.

Seine Finger schlossen sich über meiner Haut, heiß und hart und vollkommen überzeugt davon, dass sie dort sein dürften.

Ich riss mich los.

Oder glaubte es.

Nur für einen Atemzug. Ich schlug ihm die Hand weg, trat nach seinem Bein, spürte Fleisch unter meinem Fuß, hörte ihn etwas in seiner Sprache ausstoßen. Ich drehte mich, wollte über den Fels, den Hang hinauf, weg, nur weg, zurück in das Gewirr aus Häusern und Stimmen, wo ein Körper sich noch verlieren kann.

Dann packte mich jemand von

hinten.

Nicht grob zuerst.

Ein Griff nur.

Dann härter.

Mein kīhei spannte sich über der Schulter. Stoff schnitt in meine Haut. Ich stieß den Ellbogen zurück, traf etwas Weiches, hörte Luft aus einem Mund fahren. Für einen wilden kleinen Herzschlag glaubte ich, ich käme frei.

Der nächste Griff traf mein Haar.

Mein Kopf riss zurück. Tränen schossen mir in die Augen. Ich schmeckte Eisen, ohne zu bluten. Vor mir war nur Helligkeit, Wasser, schwarze Steine, Keone im Sand,

Hina mit offenem Mund, Pua, die einen Stein hob, als könnte ein Stein gegen Donner helfen.

„Līʻani!“

So viele Münder meinen Namen, wenn es zu spät ist.

Ein Arm schlang sich um meine Mitte. Ein anderer um meine Handgelenke. Ich trat um mich, traf Schienbein, Holz, vielleicht Wasser. Ich weiß es nicht mehr. Alles war Haut und Griff und Atem und der Geruch der Fremden, dieses kalte Bittere an ihnen, als hätten sie Rauch unter der Kleidung eingeschlossen.

Einer sagte etwas scharfes. Sofort

veränderten die anderen ihre Bewegungen. So schnell. So geübt. Als hätten sie solche Körpergriffe schon oft getan. Das war fast schlimmer als jede rohe Gewalt. Nicht Wut führte ihre Hände. Gewohnheit.

„Lasst mich los!“

Meine Stimme riss auf, aber niemand verstand sie. Vielleicht musste auch niemand sie verstehen. Es gibt Worte, die sogar in fremden Mündern als Widerstand erkannt werden.

Der Mann mit meinem Haar ließ es los, weil ein anderer schon beide meine Arme hatte. Sie drehten sie

mir nicht brutal auf den Rücken. Nicht ganz. Nur weit genug, dass der Schmerz wie Licht in meine Schultern schoss. Mein rechter Fuß verlor den Stein. Dann der linke. Für einen Herzschlag hing mein ganzes Gewicht in Händen, die nicht zu meiner Welt gehörten.

Das war der Augenblick.

Nicht der Donner der Feuerstöcke.

Nicht Keones Fall.

Nicht die ersten fremden Schritte an unserem Ufer.

Dieser.

Als meine Füße den Boden verloren.

Da wurde die Angst zu etwas

Reinem. Ohne Gedanken. Ohne Scham. Ohne Namen. Nur die schiere, nackte Wahrheit, dass die Insel nicht mehr unter mir war.

Ich schrie.

Nicht wie in Liedern. Nicht schön. Nicht einmal wie ich selbst. Es war der Laut eines Körpers, der begriffen hat, dass er aus seinem Ort gerissen wird.

Sie hoben mich an. Einer unter meinen Knien. Einer unter den Armen. Meine Haare klebten mir am Mund. Meine Sicht sprang. Himmel. Weiß. Gesichter. Brandung. Keone, der sich wieder hochstemmte, Blut am Mundwinkel.

Pua, die weinte, ohne aufzuhören, Steine zu werfen. Hina, deren Hände geöffnet waren, als könnte sie mich allein mit dieser Geste festhalten.

Die bleichen Männer trugen mich zurück durch das Wasser.

Das kalte Meer schlug an meine Beine. Salz spritzte auf meine Haut. Einer der Feuerstöcke war so nah, dass ich das verkohlte, scharfe Maul am Ende sah, aus dem eben der Donner gekommen war. Ich wand den Kopf weg, als könnte Blick schon verletzen.

Das kleine dunkle Ding wartete im Wasser.

Sie warfen mich nicht hinein. Das wäre fast menschlicher gewesen. Sie legten mich hart auf den nassen Boden darin, einer kniete sofort auf meine Beine, ein anderer hielt meine Handgelenke. Über mir der Himmel. Seitlich die Männer. Dahinter das große Weiße auf dem Meer wie ein offenes Maul.

Ich hob den Kopf.

Das Ufer war schon weiter weg, obwohl wir uns kaum gelöst hatten. So schnell nimmt Wasser. So schnell wird aus Nähe Verlust. Keone stand jetzt im flachen Wasser, taumelnd, unfähig, weiter zu kommen. Einer der bleichen

Männer an Land hob wieder einen Feuerstock, und selbst aus dieser Entfernung sah ich, wie alles an unseren Leuten zurückzuckte. Nicht aus Feigheit. Aus dieser neuen, harten Erkenntnis, dass die Fremden Feuer in Stöcken trugen und Donner in den Händen.

Niemand sprang mehr nach.

Das ist keine Schuld.

Aber es ist auch kein Trost.

Der Mann auf meinen Beinen drückte fester, als ich mich aufbäumte. Schmerz fuhr in meine Hüften. Ich schlug nach ihm, traf nur Stoff und Holz. Einer der anderen sagte etwas. Kurz. Kalt.

Dann packte er mein Kinn und drehte mein Gesicht vom Ufer weg.

Ich riss mich los und sah trotzdem noch einmal zurück.

Mein Dorf.

Der schwarze Stein.

Der Hang.

Die Rauchfäden.

Die Menschen.

Alles noch da.

Und alles schon verloren.

Da begriff ich, dass die Entführung nicht in dem Augenblick begann, als ihre Hände mich packten.

Sie begann viel früher.

In der ersten Nacht, in der der Boden schwieg.

Im ersten Blick, den man mir nicht glaubte.

Im ersten sanften Wort, das meine Warnung kleiner machte.

In jedem Herzschlag, den wir an Hoffnung verschwendet hatten, obwohl das Weiße längst unterwegs war.

Das kleine dunkle Ding drehte. Wasser schlug gegen seine Seiten. Der große weiße Leib wuchs vor uns. Hinter mir schrumpfte die Insel.

Und zwischen beidem lag ich, festgehalten von fremden Händen,

mit Salz auf den Lippen,

Donner im Ohr,

und dem grausamen Wissen,

dass ich recht gehabt hatte, genau bis zu dem Punkt, an dem es nichts mehr rettete.

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Über den Autor

yumiko
Ich bin ein junge Schreiberin mit LRS (Lese recht scheib schwache) und möchte meine Gedanken zu Papier bringen möchte
was schwer ist und deshalb danke ich allen die helfen meine Worte zu Papier zu bringen.

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