Fantasy & Horror
Zwei Seelen eine Welt

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"Zwei Seelen eine Welt "
Veröffentlicht am 08. März 2026, 24 Seiten
Kategorie Fantasy & Horror
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Über den Autor:

Ich bin ein junge Schreiberin mit LRS (Lese recht scheib schwache) und möchte meine Gedanken zu Papier bringen möchte was schwer ist und deshalb danke ich allen die helfen meine Worte zu Papier zu bringen.
Zwei Seelen eine Welt

Zwei Seelen eine Welt

Geschichte

Die Küche war still, aber nicht friedlich.

Das Licht über dem Tisch war gelb und müde. Der Tee zog längst nicht mehr richtig, stand nur noch da und wurde langsam bitter. Draußen lag Ost-Berlin in seiner gewohnten Nachtstarre, dieser stillen, überwachten Ruhe, in der selbst ein Hausflur wirkte, als hätte er Augen. Aelwyn stand barfuß am Schrank, das Linoleum kalt unter den Füßen, die Strickjacke offen, das Hauskleid schlicht. Ihre rotkupfernen Haare waren zurückgesteckt, streng

genug, um nichts Preiszugeben. Nur die Augen verrieten wie immer zu viel, wenn man sie lesen konnte. Und Mara konnte das.

Sie saß am Tisch und sah wieder zu lange auf das alte Tuch, das neben der Metallkiste lag.

Nicht, weil sie indiskret war.

Sondern weil in solchen Dingen Geschichte atmete, und Mara war jung genug, dass Geschichte in ihr noch etwas Helles entzünden konnte. Nicht Schulwissen. Nicht trockene Jahreszahlen. Sondern echtes, raues Davor. Etwas, das geblutet hatte, bevor es zu Papier geworden war.

Aelwyn bemerkte ihren Blick sofort.

Natürlich bemerkte sie ihn.

Sie drehte den Kopf nur leicht, und das grüne Auge fing zuerst das Licht, dann das blaue. Mara hielt still, aber ihr Gesicht war schon verräterisch geworden. Zu offen. Zu lebendig. Diese aufleuchtende Neugier, die Aelwyn zugleich rührte und beunruhigte.

Langsam hob Mara die Hände, dicht am Körper, klein genug für eine Wohnung mit Wänden, die man nie ganz traute. Erst zeigte sie auf das Tuch. Dann auf Aelwyn. Dann fragend, vorsichtig, fast

schuldbewusst. Früher. Wer. Was ist das.

Aelwyn sah sie lange an.

Dann kam sie zum Tisch, setzte sich, legte zwei Finger auf den Stoff und glitt mit dem Daumen über die dunklere Ecke. Blut, dachte Mara sofort. Altes Blut. Nicht mehr rot. Nur geblieben.

Doch Aelwyn begann noch nicht zu erzählen.

Stattdessen hob sie die Hand und fragte mit einer langsamen, schmalen Bewegung, die mehr im Blick als in den Fingern lag: Warum willst du das wissen?

Mara blinzelte.

Für einen Moment war sie wieder zwanzig. Nicht die Agentin. Nicht die Frau, die ihre Tasse im richtigen Winkel abstellt und ihren Gesichtsausdruck rechtzeitig glättet. Einfach nur jung, ernst und ertappt.

Sie senkte die Hände kurz, sammelte sich, hob sie wieder.

Erst kam die Antwort zu schnell. Weil es deins ist. Weil es echt ist. Weil du es ansiehst, als würde es noch leben.

Aelwyns Gesicht veränderte sich kaum. Nur der Mund wurde stiller.

Mara merkte sofort, dass das noch nicht tief genug war.

Sie atmete aus, blickte kurz auf das Tuch und dann wieder hoch. Diesmal langsamer. Ihre Hände bewegten sich enger, näher an der Brust, als dürfte die Wahrheit selbst nicht zu viel Raum einnehmen.

Ich will wissen, was dich gemacht hat. Nicht aus Neugier. Nicht um es zu nehmen. Damit ich verstehe, warum du Dinge hältst, als könnten sie zerbrechen. Warum du jeden Kuss behandelst, als wäre er etwas, das Spuren hinterlässt.

Jetzt war es still.

Nicht kühl. Nicht scharf.

Nur offen.

Aelwyn sah sie an, und Mara spürte diesen seltenen Augenblick, in dem in Aelwyn mehrere Zeiten zugleich wach wurden. Die DDR-Küche. Das alte Tuch. Die junge Frau vor ihr. Und etwas anderes, viel älter, das hinter den Augen stand wie Schnee vor einem schwarzen Bahndamm.

Dann fragte Aelwyn noch einmal, kleiner, beinahe ohne Hände: Und warum genau jetzt?

Mara schluckte.

Weil ich dich liebe, hätte sie sagen können.

Aber das war zu groß. Zu nackt. Zu gefährlich.

Also sagte sie es anders.

Ihre Finger zögerten nur einmal, dann formten sie weich und dicht zwischen ihren Körpern: Weil ich sehe, dass etwas in dir immer noch dort ist. Und ich will nicht, dass du allein dorthin musst.

Da brach nichts an Aelwyn auf.

Sie war nicht aus der Sorte Mensch, die in sichtbaren Rissen spricht.

Aber Mara sah trotzdem, wie etwas nachgab. Ein winziger Verlust von Spannung in den Schultern. Ein kaum merkliches Blinzeln zu spät. Die Hand auf dem Tuch blieb einen Herzschlag länger still, als sie müsste.

Dann begann Aelwyn zu erzählen.

Ihre Hände blieben klein. Nah am Tisch. Nah am Körper. So gebärdete sie in unsicheren Räumen, und Erinnerung war für sie immer ein unsicherer Raum.

Am Anfang der Sowjetunion, erzählte sie, aber nicht so, wie die Leute es später aus Büchern machten. Nicht sauber. Nicht groß. Nicht mit Fahnen und glatten Sätzen. Es war roh. Hungrig. Überall Schlamm, Kohlenrauch, nasse Wolle. Züge voller Verwundeter. Männer, die die Farbe ihrer Treue wechselten, aber nicht ihre Grausamkeit.

Mara hörte zu, ohne noch

irgendeine Hast im Gesicht zu tragen.

Aelwyns rechter Zeigefinger strich einmal über den Rand des Tuchs, dann formte sie weiter: Ich war bei den Verwundeten. Nicht nur. Aber meistens dort. Dort, wo Blut schneller war als Politik.

Der Satz war trocken. Fast hart. Genau deshalb tat er weh.

Draußen vibrierte irgendwo eine späte Straßenbahn durch das Gebäude. Das Glas im Schrank arbeitete leise. Die Welt in der Küche blieb klein. Nur Aelwyns Vergangenheit wurde größer.

Dann kam der Name.

Sie hieß Jekaterina.

Mara hatte damit gerechnet und war doch nicht vorbereitet.

Aelwyns Hände wurden noch stiller. Als hätte allein der Name Gewicht.

Dann, viel kleiner, viel näher, fast nur im Mundwinkel und in den Fingerspitzen: Katja.

Mara sah das Gesicht, mit dem Aelwyn diesen Namen trug.

Nicht weich.

Nie weich wie andere.

Aber entwaffnet.

Für einen einzigen, kostbaren Augenblick.

Sie war Mensch, erzählte Aelwyn.

Braune Augen. Hände warm, selbst im Winter. Ich habe nie verstanden, wie sie das machte. Alles fror damals. Wasser. Bretter. Haut. Nur ihre Hände nie.

Mara senkte den Blick auf Aelwyns Hände. Diese schmalen, präzisen Hände, die heute Tassen vom Rand schoben und Knoten lockerten, als sei Fürsorge etwas, das man nur in Millimetern überleben könne.

Aelwyn bemerkte den Blick. Natürlich.

Ihre Finger hielten kurz inne, dann sprachen sie weiter.

Wir hatten keine großen Worte dafür. Keine sicheren. Keine

sauberen. Es gab Brot, das geteilt wurde. Einen Mantel, den sie mir gab, als sie selbst fror. Ihre Stirn an meiner, wenn es dunkel war. Ein Verband, den sie bei mir löste, als wäre es Arbeit. Und wir beide wussten, dass es nicht nur Arbeit war.

Mara spürte einen dumpfen Schmerz tief in sich. Nicht Eifersucht. Eher etwas Ernsteres. Das Wissen, dass sie nicht die Erste war, die Aelwyn liebte, aber vielleicht die Erste, die diese alte Wunde wirklich ansehen durfte.

Sie hob die Hände nur wenig. Und dann?

Aelwyn atmete ein.

Lang. Zu flach am Ende.

Es war Winter, erzählte sie. Nicht schöner Schnee. Dieser graue, nasse Winter, der nicht fällt, sondern klebt. Wir waren in einem Behelfslazarett, wenn man es überhaupt so nennen konnte. Eine alte Verwaltungsstation. Bretter. Tragen. Eimer. Blut in Stoff. Zu wenig Licht. Zu viele Körper.

Ihre rechte Hand hob sich an die Nase, nur kurz. Eine alte Bewegung. Ein altes Warnzeichen.

Mara wurde augenblicklich still.

Es gab Beschuss, fuhr Aelwyn fort. Kein heroischer Angriff. Nichts, das

auf ein Denkmal gehört. Nur dummes Zerreißen. Holz, das nachgab. Staub. Schreie. Drinnen waren noch Verwundete. Und Katja.

Jetzt wurden die Zeichen zu präzise. Mara kannte das schon. Wenn Aelwyn eine Erinnerung zu sauber machte, dann deshalb, weil sie sonst unten im Körper wieder zu bluten begann.

Ich habe Magie benutzt, erzählte sie.

Nicht stolz.

Nicht groß.

Nur wahr.

Zu viel.

Mara sah unwillkürlich zu Aelwyns

Nase, als könnte auch jetzt, Jahrzehnte später, wieder Blut daraus laufen.

Ich hielt Balken. Luft. Einen Durchgang. Nur lang genug. Für die anderen hat es gereicht.

Da hielt Aelwyn inne.

Ihr Blick sank auf das Tuch. Nicht auf Mara. Nicht auf die Tasse. Nur auf das alte Blut.

Für Katja nicht.

Die Küche wurde kleiner.

Mara konnte nichts sagen. Ihre Hände ruhten offen auf ihrem eigenen Schoß, als hätte selbst Sprache jetzt nicht das Recht, sich dazwischenzudrängen.

Aelwyn hob die Hände wieder. Langsamer jetzt.

Ich habe sie noch gehalten. Das war das Grausamste. Sie war warm. Immer noch warm. Ihr Körper wusste mehr vom Leben als meiner vom Abschied.

Dann berührte Aelwyn zum ersten Mal an diesem Abend Maras Hand.

Nur mit zwei Fingern.

Kurz.

Aber Mara spürte darin mehr als in einer Umarmung.

Sie weinte, formte Aelwyn weiter. Nicht laut. Nicht dramatisch. Nur diese stillen Tränen. Eine nach der anderen. Auf meine Wange. Wie

Tau.

Mara kannte den Text. Nicht den wahren. Nur den Schatten davon. Jetzt begriff sie, woher er kam.

Aelwyns Blick hob sich langsam.

Sie küsste mich erst, als nichts mehr verborgen werden musste.

Mara schloss für einen Herzschlag die Augen.

Da war er.

Der Kern.

Die eiserne Nadel im ganzen Gewebe.

Warum Aelwyn Küsse kurz hielt.

Warum Liebe bei ihr immer zuerst Schutz war.

Warum jedes Bleib in ihr zugleich

Bitte und Angst trug.

Mara öffnete die Augen wieder und sah sie lange an.

Dann hob sie die Hände, dicht zwischen ihnen, so nah, dass die Worte beinahe schon Haut wurden.

Deshalb willst du alles klein halten.

Aelwyn nickte kaum sichtbar.

Mara atmete aus. Ihre Finger zitterten nun leicht, und sie ließ es zu.

Ich wollte es wissen, formte sie, nicht um ein altes Grab aufzureißen. Ich wollte wissen, woran du jedes Mal denkst, wenn du mich nur kurz küsst. Warum selbst deine Zärtlichkeit aussieht,

als würde sie Deckung suchen.

Jetzt war Aelwyn still.

Dann glitt ihre freie Hand an Maras Taille und lockerte den viel zu festen Schürzenknoten um genau einen Millimeter.

Diese kleine, lächerlich alltägliche Bewegung.

Bei Aelwyn war sie nie lächerlich.

Bei Aelwyn war sie ein Geständnis.

Mara musste blinzeln, weil ihr plötzlich die Augen heiß wurden.

Aelwyn sah es. Natürlich sah sie es.

Ihre Hände bewegten sich ein letztes Mal. Diesmal nicht in der Vergangenheit. Diesmal ganz hier.

Ich habe dich gefragt, warum du es

wissen willst.

Die Antwort reicht mir jetzt.

Mara beugte sich vor, langsam, so langsam, als müsste sie die Luft zwischen ihnen erst um Erlaubnis bitten, und legte die Stirn an Aelwyns.

Ich wollte nicht, dass Katja nur in deinem Schweigen weiterlebt, formte sie gegen diese Nähe. Und ich wollte wissen, wer dich gelehrt hat, so zu lieben.

Aelwyn schloss die Augen.

Als sie sie wieder öffnete, war in ihrem Gesicht nichts Großes. Kein offenes Weinen. Kein schöner Zusammenbruch. Dafür war sie zu

alt, zu genau, zu Aelwyn.

Aber etwas in ihr war nicht mehr allein.

Und so saßen sie in dieser DDR-Küche, zwischen Tee, Linoleum, Metallkiste und einem Tuch, das mehr Blut als Stoff geworden war, während Mara endlich verstand:

Manche Frauen erzählen ihre Vergangenheit nicht, weil sie reden wollen.

Sondern weil jemand sie ansieht, als könne sie ihr Gewicht mittragen.

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yumiko
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