Kapitel 11 – Risse in der Stille
Seit dem Streit im Haus gegenüber ist es still geworden. Tim habe ich seit Tagen nicht mehr gesehen. Die Fenster wirken dunkler als sonst, als hätte sich etwas verändert, das man nicht mehr zurückholen kann.
Ich stehe an meiner Eckbank und schaue hinaus. Die Straße ist ruhig, nur ein paar Autos fahren vorbei. Die Kinder sehe ich kaum noch draußen spielen.
Dann entdecke ich Ben.
Er kommt die Straße entlang, die Hände
in den Jackentaschen, den Blick gesenkt. Einen Moment bleibt er vor Ellas Haustür stehen, als würde er überlegen.
Mein Magen zieht sich zusammen.
Dann klingelt er.
Kurz darauf öffnet sich die Tür – und er verschwindet im Haus.
Ich bleibe am Fenster stehen. Vielleicht hat sie ihn angerufen. Vielleicht brauchte sie jemanden zum Reden. Nach allem, was passiert ist.
Ich weiß es
nicht.
Am nächsten Morgen muss ich wieder auf Montage. Zwei Wochen Baustelle, früh raus, spät zurück. Bretter, Maschinenlärm und der Geruch von frischem Holz. Die Arbeit lenkt mich ab, aber die Gedanken kommen immer wieder zurück.
Als ich wieder nach Hause komme, fühlt sich alles anders an.
Ein paar Tage später treffe ich Ben.
Er steht vor dem Haus, als hätte er auf mich gewartet. Sein Blick wirkt
angespannt, aber auch trotzig.
„Mike“, sagt er.
Ich sehe ihn nur an. Zu viele Bilder sind in meinem Kopf – Ella, das offene Fenster, der Moment, als er in ihr Haus gegangen ist.
„Du hast sie verführt, oder?“ Die Worte kommen schneller aus mir heraus, als ich sie aufhalten kann.
Ben hebt sofort die Hände. „Mike, jetzt übertreib nicht. Ich hab nichts gemacht, was sie nicht auch
wollte.“
Diese Worte treffen mich härter als jeder Schlag.
„Du weißt genau, was du getan hast“, sage ich leise.
Er schüttelt den Kopf. „Ich bin nicht schuld daran, dass ihre Ehe kaputt ist.“
In diesem Moment reißt etwas in mir.
Meine Faust trifft ihn, bevor ich darüber nachdenken kann. Ben taumelt zurück, stößt gegen die Hauswand und schlägt sofort zurück. Wir geraten ineinander,
ein wildes Ringen, mehr Wut als Kampf.
Jahre der Freundschaft liegen plötzlich zwischen uns wie Scherben.
Schließlich stoßen wir uns voneinander ab, beide außer Atem.
Ben wischt sich über die Lippe und schaut mich an, als würde er mich zum ersten Mal sehen.
„Du liebst sie, oder?“, sagt er plötzlich.
Ich antworte nicht.
Aber in diesem Moment weiß er
es.
Und ich weiß, dass unsere Freundschaft gerade zerbrochen ist.