Ein Atemzug entfernt – Das dunkle Fenster (Teil 4)
Bevor ich in die Küche gehe, schaue ich noch einmal rüber.
Das Fenster bleibt dunkel. Kein Schatten, kein Licht. Nur diese schwarze Fläche, die mir mein eigenes Spiegelbild zurückgibt.
„Na gut“, murmele ich leise. „Dann eben nicht.“
In der Küche ist es wärmer.
Verlässlicher.
Ich setze Wasser auf, hacke Zwiebeln, höre das leise Zischen, als das Hackfleisch in die Pfanne fällt. Knoblauch, Tomaten, ein bisschen Oregano. Spaghetti Bolognese. Nichts Besonderes – aber ehrlich.
Kochen beruhigt mich.
Da weiß ich, was ich tue.
Wenn ich umrühre, passiert etwas. Wenn ich würze, verändert sich der Geschmack. So einfach ist das. Keine Fantasie. Kein Hoffen.
Mit dem Teller in der Hand setze ich mich wieder auf meine eingebaute Eckbank am
Fenster.
Ich habe sie damals selbst gebaut, als ich nach der Trennung vor dem Nichts stand. Massives Holz, stabile Lehne. Etwas, das bleibt.
Ich esse langsam und schaue zwischendurch rüber.
Immer noch dunkel.
Vielleicht ist sie nicht da.
Vielleicht bin ich der Einzige, der sich Gedanken macht.
Vielleicht starre ich nicht nur in ihr Fenster.
Vielleicht starre ich in ein Leben, das ich nie bekommen
habe.
Ich setze mich später an meinen kleinen Tisch und schlage mein Notizbuch auf.
Schreiben fällt mir leichter, als nur zu schauen.
Vielleicht fasziniert mich nicht nur sie.
Vielleicht ist es das, was sie hat.
Kinder.
Manchmal glaube ich, ich sehe nicht nur sie dort drüben. Ich sehe Stimmen, die durch eine Wohnung hallen. Kleine Schuhe im Flur. Chaos am Küchentisch. Lachen.
Ihre Kinder hätten meine sein können.
Zumindest
theoretisch.
Aber es sollte nicht sein.
Sabrina konnte keine bekommen.
Wir haben es versucht. Jahre lang. Arzttermine, Hoffnungen, Enttäuschungen. Irgendwann redet man weniger darüber. Und irgendwann redet man überhaupt weniger.
Und dann geht man getrennte Wege.
Vielleicht schaue ich deshalb so oft rüber.
Nicht nur wegen Ellen.
Sondern wegen allem, was hätte sein können.
Später liege ich auf der Couch. Nur kurz ausruhen, denke ich.
Eine Stunde später wache ich wieder auf. Der Fernseher läuft noch leise, draußen ist es ganz ruhig.
Ich setze mich auf, fahre mir durchs Gesicht.
Und mein erster Blick geht – wie von selbst – wieder zum Fenster.
Immer noch dunkel.
Und trotzdem schaue ich.
Im Bad putze ich mir die Zähne, sehe mein Spiegelbild
an.
Rasiere mich sorgfältig, wie jeden Abend. Ordnung im Außen. Gedanken im Inneren.
Dann springe ich ins Bett, ziehe die Decke hoch und starre noch einen Moment an die Decke.
Es ist still.
Und genau in diesem Moment klingelt mein Handy.