Kurzgeschichte
Ein Atemzug im Alltag 3

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"Ich sitze auf der Baustelle, die Wendeltreppe vor mir, und denke an Ellen ? so nah, so fern."
Veröffentlicht am 07. März 2026, 10 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Ich sitze auf der Baustelle, die Wendeltreppe vor mir, und denke an Ellen ? so nah, so fern.

Ein Atemzug im Alltag 3


Kapitel 3 – Ein Atemzug im Alltag Der Schnee taut langsam, und die Baustelle erwacht wieder zum Leben. Maschinen dröhnen, Bretter werden bewegt, Schrauben klopfen, und es riecht nach Holz, frischer Sägespäne und harziger Luft. Die Kälte zieht noch immer in die Knochen, aber der Frühling ist spürbar, und mit ihm das Erwachen der Baustelle. Ich stehe auf der Baustelle, die Hände an der Säge, doch meine Gedanken sind schon bei Ellen – bei der schönen Nachbarin, die mir so nah und doch

unerreichbar ist. In meinen Gedanken sehe ich sie immer wieder vor mir, wie sie an ihrem Fenster steht, den Blick auf die Straße gerichtet, die Hände an einer Tasse warmen Tees. Ein Bild, das so vertraut ist, und doch so weit entfernt wie der Horizont, den ich hier inmitten von Staub und Lärm kaum wahrnehmen kann. Zwischen Wendeltreppen, Winterstaub und dem Rhythmus meiner Arbeit beobachte ich sie in Gedanken, halte jeden Moment fest und spüre, wie leise Sehnsucht durch mich fließt. Ein Atemzug entfernt bleibt alles möglich – und manchmal reicht das, um

den Tag zu überstehen. Hier draußen ist alles anders. Kein Kakao, kein flackerndes Licht, keine Kinder, die kichern, kein Lächeln, das mich verführt, den Tag anzuhalten. Nur der Rhythmus der Arbeit: Messen, Zuschneiden, Schrauben. Der tägliche Kampf gegen die Zeit, gegen die Kälte, gegen die Müdigkeit. Und trotzdem spüre ich, wie die Erinnerung an die Winterabende wie eine leise Melodie in mir nachklingt. Sie schleicht sich in meine Gedanken, warm und weich, wie eine Erinnerung, die ich nie ganz loslassen

will. Die Wendeltreppe, an der ich arbeite, ist ein Monster aus Holz und Stahl. Sie wiegt Tonnen, und jeder Schritt, den ich mache, ist ein Schritt näher an dem Moment, in dem ich wieder einen kleinen Sieg über diese kalte, harte Welt errungen habe. Doch ich weiß, dass sie nicht nur Arbeit ist. Sie ist Brücke, Bühne, Traum. Ein Bindeglied zwischen meiner Welt hier und der Vorstellung von Ellen – der, die ich nie ganz erreichen kann, aber die ich so dringend brauche.


Ich lehne mich zurück, wische mir den

Schweiß von der Stirn und genieße diesen kleinen Moment Ruhe. Ein Moment, in dem ich die Illusion der Nähe, die die Wendeltreppe mir gibt, voll auskosten kann. Sie ist wie der Weg zu Ellen, der steinige Aufstieg, der sich hinzieht, aber trotzdem – vielleicht – irgendwann ans Ziel führen könnte. In diesem Augenblick – halb Traum, halb Wirklichkeit – sehe ich sie: Ellen. Ich sehe sie auf der Wendeltreppe, von oben nach unten schreitend, majestätisch, fast wie in einem Traum. Ihre Bewegungen sind fließend, sicher, vollkommen – eine Melodie, die ich mit

jeder Faser meines Körpers zu hören glaube. Kein Lachen, kein Wort, nur der Fluss ihres Schrittes, der so leicht erscheint, als würde sie die Schwere der Welt hinter sich lassen. Ich halte den Atem an, und die Welt um mich herum – Maschinen, Bretter, Kälte – verschwimmt. Die Wendeltreppe ist jetzt nicht nur Arbeit. Sie ist alles: Brücke, Bühne, Traum. Der Weg zu ihr, den ich immer wieder beschreite, obwohl ich weiß, dass ich niemals ganz ankommen werde. Ich stehe still, als könnte ich jeden

Augenblick festhalten, ohne ihn zu stören, und dennoch weiß ich, dass er, genau wie die Erinnerung an sie, bald wieder verblassen wird. Die Sonne sinkt langsam, die Baustelle leert sich, die Maschinen verstummen. Morgen geht es weiter – Treppen, Dachstühle, Fertighäuser. Die ewige Wiederholung der Arbeit. Aber trotzdem bleibt sie bei mir, irgendwo zwischen Brettern, Schrauben und meinen Gedanken, wie ein flüchtiger Funken, der meinen Tag hell macht, nur um ihn kurz darauf wieder zu verlöschen. Ein Atemzug entfernt bleibt alles

möglich. Und manchmal, nur manchmal, reicht das, um den Tag zu überstehen. Vielleicht ist das alles, was bleibt – die Hoffnung auf diesen einen, flüchtigen Moment, in dem alles möglich scheint.

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drachenzaehmer

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