Kurzgeschichte
Ein Atemzug entfernt 1

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"Manchmal ist alles, was wir fühlen, nur einen Atemzug entfernt."
Veröffentlicht am 27. Februar 2026, 12 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Manchmal ist alles, was wir fühlen, nur einen Atemzug entfernt.

Ein Atemzug entfernt 1


Coverbild gefunden auf Pixabay

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Meinen Dank, und Respekt

an ( Pamola Grey), für das wunderschön gemalte Bild...




Meinen Dank und Respekt an Pamola Grey für das wunderschön gemalte

Bild. Kapitel 1 – Ein Atemzug entfernt Ich heiße Mike. Ich wohne in einer kleinen Einzimmerwohnung. Ein Raum, ein Bett, ein Tisch am Fenster, eine kleine Küchenzeile. Mehr brauche ich eigentlich nicht. Gegenüber ist ein Sechsfamilienhaus. Vor drei Monaten ist Ellen dort eingezogen. Seitdem sehe ich sie fast jeden Tag – immer dann, wenn ich zuhause bin. Wenn ich meinen Kaffee trinke oder abends am

Fenster sitze. Ich bin Schreiner, viel unterwegs, viel auf Baustellen. Wendeltreppen, Dachstühle, Möbel – alles, was aus Holz ist, entsteht unter meinen Händen. Holz ist ehrlich. Es lebt, es arbeitet, es trägt Spuren. Vielleicht mag ich meinen Beruf genau deshalb so sehr. Doch heute ist Winter. Es schneit. In dieser Zeit gibt es Wintergeld, und trotzdem ist es auch gut, mal eine Zeit auszuruhen. Ich sitze an meiner Eckbank am Fenster. So eine, wie sie früher in Großmutters

Wohnküche stand – gemütlich, gediegen. Ich habe sie selbst eingebaut, nach meiner Trennung, als ich vor dem Nichts stand. Sie ist genau an der richtigen Stelle. Ein Platz, um die Welt draußen zu beobachten, um Ruhe zu finden. In meinen Händen eine Tasse Kakao. Auf meinem Plattenspieler dreht sich eine alte Jazzplatte, ein Musiker, den ich noch aus früheren Zeiten kenne. Das ist das Einzige, was von meiner 25-jährigen Ehe übrig geblieben ist – Musik, die Rillen auf der Platte, die Melodie. Sie

hält mich ein bisschen bei mir selbst. Draußen wirbeln die Schneeflocken. Hinter dem Fenster gegenüber brennt Licht. Ellen ist da. Sie hebt eines der Kinder hoch, lacht leise. Ich lächle – traurig und glücklich zugleich. Ich bin schon lange in sie verliebt. Und ich weiß, sie wird nie meine sein. Zwischen uns liegt nur eine schmale Straße, zwanzig Schritte vielleicht. Und doch trennt uns mehr. Unsichtbare

Grenzen, die man nicht überschreiten darf. Ich greife nach einem Stift. Das Papier wirkt fast zu leer, als würde es auf meine Worte warten. Ich schreibe von den Schneeflocken, vom Licht hinter ihrem Fenster, vom Kinderlachen – und vom Duft nach Mehl, Zimt und Mandarine. Ich lächle leise, denn das bedeutet: Ich habe gerade Pfannkuchen gebacken. Alles, was ich sehe, alles, was ich fühle, fließt in die

Zeilen. Während ich schreibe, verschwimmen die Welten. Die Kälte draußen, die Wärme drinnen. Ich bin nicht bei ihnen – und doch bin ich Teil dieses kleinen Moments. Als Beobachter. Als Träumer. Als jemand, der liebt, ohne zu besitzen. Meine Wohnung ist still. Zu still manchmal. Werkzeug liegt ordentlich in der Ecke, meine Arbeitsjacke hängt über dem

Stuhl. Tagsüber erschaffe ich Dinge, die bleiben. Abends schreibe ich, um Gefühle festzuhalten, die sonst niemand sieht. Warum fasziniert sie mich so sehr? Es ist nicht nur ihr Lachen. Nicht nur ihr Gesicht. Es sind die kleinen Augenblicke. Wenn sie das Fenster kippt, die Vorhänge zur Seite zieht, mit den Kindern lacht. Und trotzdem weiß ich: Ich darf nicht. Sie gehört jemand anderem. Genau das

verlangt meinen Respekt. Also schreibe ich. Von Schneeflocken, Licht, Wärme, Jazzmusik, Pfannkuchen und meiner Eckbank am Fenster. Von Momenten, die ich nur aus der Ferne sehe. Ich schaffe Nähe, ohne Grenzen zu überschreiten. Ein Atemzug entfernt scheint alles greifbar. Und doch bleibt alles still, behutsam und

voller Respekt. — Ende Kapitel 1 — © Mike · 27.02.2026

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Enya2853 Hallo Mike,
was für ein schöner Einstieg in eine Geschichte. Mit deinen einfühlsamen Worten, deiner detaillierten Beschreibung deines Zuhauses hast du mich mitgenommen, die Atmosphäre habe ich sehr gut gespürt. Ein Hauch von Einsamkeit, von Sehnsucht, von Stille ... und dann wieder das Zurückkehren in die Realität.
Diese Momente, die dich faszinieren, die dir Ellen näherbringen ... ich denke, es sind Momente des Alltags, Momente von Leben.
Sehr gern gelesen, freu mich auf mehr.

Liebe Grüße
Enya
Vor einem Monat - Antworten
Darkjuls Hallo Mike, "Ich schaffe Nähe, ohne Grenzen zu überschreiten." Das finde ich wirklich großartig gedacht und vollzogen. Deine sanfte und detailverliebte Beschreibung gefällt mir sehr. Mal sehen, wie es weitergeht. Bin gespannt, mehr von Dir zu lesen.

Liebe Grüße Marina
Vor ein paar Monaten - Antworten
Eichenlaub 
Großartig wie Du Deine gefühlvolle Geschichte beschreibst. Das liest sich "glatt wie Öl" und man wird weiterhin gespannt sein.
Lieben Gruß
Gerlinde
Vor ein paar Monaten - Antworten
drachenzaehmer „Danke, Gerlinde! Schön, dass dir die Geschichte so gut gefällt – mal sehen, wie die Fortsetzung ankommt.
LG Mike
Vor ein paar Monaten - Antworten
PamolaGrey Lieber Mike,
ich habe dein Buch „Ein Atemzug entfernt 1“ gelesen und bin wirklich beeindruckt von der einfühlsamen Art, wie du die kleinen Momente und Emotionen einfängst. Es war schön, dass du ein Bild von mir eingebaut hast – das hat mich wirklich gefreut. Du hattest mich ja vorher gefragt, und ich finde es toll, wie du es in die Geschichte integriert hast. Ich bin gespannt, wie sich die Geschichte weiterentwickelt.
LG Pam
Vor ein paar Monaten - Antworten
drachenzaehmer Danke! Es war mir eine Freude, das Bild, das du mir geschickt hast, mit einzubauen. Freut mich, dass es dir gefällt – ich bin gespannt, wie du die Fortsetzung findest.
LG Mike
Vor ein paar Monaten - Antworten
Flocke 
Auch ich bin gespannt und freue mich auf die Fortsetzung dieser wunderschönen, mich sehr berührenden, Erzählung.
Lieber Gruß, Flocke
Vor ein paar Monaten - Antworten
drachenzaehmer Danke, Flocke! Es freut mich sehr, dass dich die Geschichte berührt.
Ich arbeite schon an der Fortsetzung.
LG Mike
Vor ein paar Monaten - Antworten
Kornblume Ein wunderschönes und sanftes 1.Kapitel und der Beginn einer zauberhaften Liebesgeschichte .Bin gespannt wie es weitergeht,
Das Lesen hat mir großen Spaß gemacht.
Ich weiß nur noch nicht soll ich ihm Glück wünschen oder ihn von ganzen Herzen bedauern .Die Kornblume schwankt noch.
Vor ein paar Monaten - Antworten
drachenzaehmer Vielen Dank, das freut mich! Ich hoffe, die Geschichte kann dich weiter überraschen.
LG Mike
Vor ein paar Monaten - Antworten
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