Coverbild gefunden auf Pixabay
wal_172619
Meinen Dank, und Respekt
an ( Pamola Grey), für das wunderschön gemalte Bild...
Kapitel 1 – Ein Atemzug
entfernt
Ich heiße Mike.
Ich wohne in einer kleinen Einzimmerwohnung. Ein Raum, ein Bett, ein Tisch am Fenster, eine kleine Küchenzeile. Mehr brauche ich eigentlich nicht.
Gegenüber ist ein Sechsfamilienhaus. Vor drei Monaten ist Ellen dort eingezogen. Seitdem sehe ich sie fast jeden Tag – immer dann, wenn ich zuhause bin. Wenn ich meinen Kaffee trinke oder abends am Fenster sitze.
Ich bin Schreiner, viel unterwegs, viel
auf Baustellen. Wendeltreppen, Dachstühle, Möbel – alles, was aus Holz ist, entsteht unter meinen Händen. Holz ist ehrlich. Es lebt, es arbeitet, es trägt Spuren. Vielleicht mag ich meinen Beruf genau deshalb so sehr.
Doch heute ist Winter. Es schneit. In dieser Zeit gibt es Wintergeld, und trotzdem ist es auch gut, mal eine Zeit auszuruhen.
Ich sitze an meiner Eckbank am Fenster. So eine, wie sie früher in Großmutters Wohnküche stand – gemütlich, gediegen. Ich habe sie selbst eingebaut, nach meiner Trennung, als ich vor dem Nichts
stand. Sie ist genau an der richtigen Stelle. Ein Platz, um die Welt draußen zu beobachten, um Ruhe zu finden.
In meinen Händen eine Tasse Kakao. Auf meinem Plattenspieler dreht sich eine alte Jazzplatte, ein Musiker, den ich noch aus früheren Zeiten kenne. Das ist das Einzige, was von meiner 25-jährigen Ehe übriggeblieben ist – Musik, die Rillen auf der Platte, die Melodie. Sie hält mich ein bisschen bei mir selbst.
Draußen wirbeln die Schneeflocken. Hinter dem Fenster gegenüber brennt Licht. Ellen ist da. Sie hebt eines der Kinder hoch, lacht leise. Ich lächle –
traurig und glücklich zugleich.
Ich bin schon lange in sie verliebt. Und ich weiß, sie wird nie meine sein.
Zwischen uns liegt nur eine schmale Straße, zwanzig Schritte vielleicht. Und doch trennt uns mehr. Unsichtbare Grenzen, die man nicht überschreiten darf.
Ich greife nach einem Stift. Das Papier wirkt fast zu leer, als würde es auf meine Worte warten.
Ich schreibe von den Schneeflocken, vom Licht hinter ihrem Fenster, vom
Kinderlachen – und vom Duft nach Mehl, Zimt und Mandarine. Ich lächle leise, denn das bedeutet: Ich habe gerade Pfannkuchen gebacken. Alles, was ich sehe, alles, was ich fühle, fließt in die Zeilen.
Während ich schreibe, verschwimmen die Welten. Die Kälte draußen, die Wärme drinnen. Ich bin nicht bei ihnen – und doch bin ich Teil dieses kleinen Moments. Als Beobachter. Als Träumer. Als jemand, der liebt, ohne zu besitzen.
Meine Wohnung ist still. Zu still manchmal. Werkzeug liegt ordentlich in der Ecke, meine Arbeitsjacke hängt über
dem Stuhl. Tagsüber erschaffe ich Dinge, die bleiben. Abends schreibe ich, um Gefühle festzuhalten, die sonst niemand sieht.
Warum fasziniert sie mich so sehr?
Es ist nicht nur ihr Lachen. Nicht nur ihr Gesicht. Es sind die kleinen Augenblicke. Wenn sie das Fenster kippt, die Vorhänge zur Seite zieht, mit den Kindern lacht.
Und trotzdem weiß ich: Ich darf nicht. Sie gehört jemand anderem. Genau das verlangt meinen Respekt.
Also schreibe ich. Von Schneeflocken,
Licht, Wärme, Jazzmusik, Pfannkuchen und meiner Eckbank am Fenster. Von Momenten, die ich nur aus der Ferne sehe. Ich schaffe Nähe, ohne Grenzen zu überschreiten.
Ein Atemzug entfernt scheint alles
greifbar.
Und doch bleibt alles still, behutsam und voller Respekt.
— Ende Kapitel 1 —
© Mike 27.02.2026