Drago und das fehlende Feuer
© 2026 Pamola Grey
Vorgeschichte / Vorwort:
Manchmal spüren wir erst, wie besonders wir sind, wenn wir etwas nicht können, das andere können. Diese Geschichte erzählt von Drago, einem Drachen, der sein eigenes Talent entdeckt – und dass jeder auf seine eigene Art leuchten kann.
Alle Illustrationen innerhalb des Buches sind selbstgemalt von der Autorin
Pamola Grey.
Das Coverbild stammt von Pixabay (Künstler leider unbekannt).
Kapitel 1 – Ein Drache ohne Feuer
Drago gähnte und streckte seine kleinen Flügel, als die Sonne über dem Drachenberg aufging. Hoch oben am Himmel zogen die anderen Drachen bereits ihre leuchtenden Feuerbahnen. Ihre Flügel rauschten stolz im Morgenwind.
Drago
sprang.
Einmal.
Zweimal.
Doch jedes Mal landete er wieder im weichen Gras.
Kein Aufwind hob ihn an.
Kein Funke kam aus seinem Maul.
Er setzte sich auf einen moosgrünen Felsen und ließ den Kopf hängen.
„Was hat die Natur nur mit mir gemacht?“, murmelte er traurig.
„Ich kann nicht fliegen. Und Feuer spucken schon gar nicht.“
Die anderen Drachen wirbelten durch die
Luft. Ihre Flammen funkelten wie kleine Sonnen. Drago spürte, wie sein Herz schwer wurde.
„Vielleicht bin ich gar kein richtiger Drache“, flüsterte er.
Da raschelte es hinter ihm im Gebüsch.
„Wer sagt denn, dass ein Drache nur Feuer und Flügel braucht?“
Drago hob überrascht den Kopf.
Vor ihm stand keine große Heldengestalt. Kein gewaltiger Drache mit goldenen Hörnern.
Es war eine kleine, alte Schildkröte mit moosgrünem Panzer und klugen, ruhigen
Augen.
„Ich sage das“, sprach sie sanft.
Drago schniefte.
„Aber Drachen müssen fliegen. Und Feuer spucken.“
Die Schildkröte lächelte langsam.
„Müssen? Wer hat dir das denn erzählt?“
Drago dachte nach. Eigentlich … alle.
Die Schildkröte kam ein Stück näher.
„Manchmal braucht die Welt keinen Drachen, der Feuer macht“, sagte sie
leise.
„Manchmal braucht sie einen Drachen, der etwas anderes kann.“
Drago blinzelte
„Und was soll das sein?“
In diesem Moment begann die Luft um ihn herum ganz leicht zu schimmern.
Ganz fein. Fast unsichtbar.
Drago spürte ein Kribbeln in seiner Brust.
Und ohne es zu wollen, atmete er tief ein – und wieder aus.
Doch statt Feuer kam etwas ganz anderes
aus seinem Maul.
Ein sanfter, warmer Lichtnebel breitete sich aus.
Wo er den Boden berührte, begannen kleine Blumen zu wachsen. Zarte, bunte Blüten öffneten sich im Gras.
Drago riss die Augen auf.
Die Schildkröte nickte zufrieden.
„Siehst du“, sagte sie ruhig.
„Nicht jeder Drache ist für das Brennen gemacht. Manche sind für das Wachsen da.“
Drago sah auf die
Blumen.
Und zum ersten Mal fühlte sich sein Herz nicht schwer an.
Vielleicht war er doch ein richtiger Drache.
Nur eben auf seine eigene Art.
Kapitel 2 – Der große Bruder
Die kleinen Blumen leuchteten noch immer im Gras, als plötzlich ein gewaltiger Schatten über Drago fiel.
Ein tiefes Rauschen erfüllte die Luft.
Mit mächtigen Flügelschlägen landete ein großer schwarzer Drache auf dem Felsen neben ihm. Seine Schuppen
glänzten wie polierte Nacht. Seine Zähne blitzten. Seine Flügel waren stark und weit wie der Himmel selbst.
Es war Ragnar, Dragos großer Bruder.
Alle Drachen im Tal bewunderten ihn.
Er konnte höher fliegen als jeder andere.
Sein Feuer war heiß und hell.
Drago senkte den Blick.
„Du brauchst mich nicht auszulachen“, murmelte er.
Ragnar sah auf die Blumen im Gras. Dann sah er seinen kleinen Bruder an.
„Auslachen?“, fragte er
ruhig.
„Warum sollte ich?“
Drago schluckte.
„Ich kann kein Feuer spucken. Und fliegen kann ich auch nicht richtig.“
Der große schwarze Drache setzte sich neben ihn. Der Boden bebte leicht.
„Weißt du, kleiner Bruder“, sagte Ragnar nachdenklich, „Feuer machen viele. Es wärmt. Es brennt. Es beeindruckt.“
Er deutete mit der Klaue auf die leuchtenden Blumen.
„Aber Leben wachsen lassen? Das kann nicht
jeder.“
Drago blinzelte überrascht.
Ragnar beugte sich näher zu ihm und seine Stimme wurde weich.
„Vielleicht bist du nicht der Drache, der die Welt verbrennt.
Vielleicht bist du der Drache, der sie beschützt.“
Drago spürte wieder dieses warme Kribbeln in seiner Brust.
Und zum ersten Mal fühlte er sich mutig, stark, besonders.
Kapitel 3 – Drago entdeckt seine
Kraft
Am nächsten Morgen strahlte die Sonne warm über den Drachenberg.
Drago wachte früh auf, seine kleinen Flügel zitterten vor Aufregung.
Heute wollte er seine Fähigkeit ausprobieren – richtig ausprobieren.
Ragnar, der große schwarze Bruder, war schon wach und streckte seine mächtigen
Flügel.
„Bereit, kleiner Bruder?“ fragte er.
Drago nickte.
„Ich glaube, ich kann mehr, als ich dachte.“
Er trat auf eine kleine Lichtung und atmete tief ein.
Dann atmete er aus – und die Luft begann wieder zu schimmern.
Diesmal machte er es bewusst: Er lenkte den warmen Lichtnebel auf die Blumen vor ihm.
Die Blüten öffneten sich noch weiter, und funkelnde kleine Lichtpunkte stiegen
in die Luft. Ein winziger Regenbogen glitzerte über der Lichtung.
„Wow!“ rief Ragnar und schlug begeistert mit den Flügeln.
„Du hast sie zum Leuchten gebracht – und nicht nur das: Die Blumen bewegen sich fast wie kleine Tänzer!“
Drago lachte.
Zum ersten Mal fühlte er sich mutig und stark.
„Vielleicht kann ich ja wirklich etwas Besonderes“, sagte er.
In diesem Moment raschelte es am
Waldrand.
Ein kleiner Hase sprang hervor, aufgeschreckt von einem Knacken im Gebüsch.
Drago merkte, dass die Blumen seinen Lichtnebel reflektierten und ein warmes Schutzschild um den Hasen bildeten.
„Siehst du, kleiner Bruder?“ sagte Ragnar.
„Du kannst schützen. Du kannst Freude bringen. Du bist ein Drache, der Leben leuchten lässt.“
Drago spürte ein prickelndes Glück. Nicht wie Feuer, nicht wie Flammen – sondern anders. Besonders. Eigen.
Stark.
Kapitel 4 – Drago, der Ritter und die verlorene Prinzessin (Fortsetzung)
Am Nachmittag zog ein sanfter Wind durch den Wald.
Drago übte noch immer seine besondere Gabe, die Blumen zum Leuchten zu bringen.
Plötzlich hörte er ein ängstliches Rufen:
„Hilfe! Hilfe!“
Sein Herz machte einen Sprung.
Er folgte der Stimme zwischen den
Bäumen und entdeckte ein kleines Mädchen mit goldenem Haar – eine Prinzessin.
Sie sah sich verzweifelt um, Tränen standen ihr in den Augen.
„Oh nein, ich habe mich verlaufen!“ rief sie.
„Ich finde den Schlossweg nicht mehr!“
Hinter einem Baum tauchte plötzlich ein Ritter auf.
Er trug glänzende Rüstung, sein Schwert funkelte in der Sonne.
„Keine Sorge, Prinzessin“, sagte er, „ich werde dich
beschützen.“
Doch der Ritter wirkte etwas unsicher.
„Aber der Wald… er ist voller Schatten… und merkwürdiger Geräusche.“
Drago spürte, wie sein Mut wuchs.
Er trat aus den Büschen, seine Flügel ausgebreitet, und ließ seinen Lichtnebel über den Boden fließen.
Die Blumen begannen zu leuchten, der Weg durch den Wald wurde sichtbar. Die Schatten verschwanden langsam, und ein warmer Glanz hüllte Ritter und Prinzessin ein.
„Ein Drache!“, rief die Prinzessin
zunächst erschrocken.
Aber als sie sah, dass Drago freundlich lächelte und nichts Böses tat, entspannte sie sich.
„Danke“, flüsterte sie.
„Du hast uns den Weg gezeigt.“
Ragnar landete hinter Drago und nickte stolz.
„Siehst du, kleiner Bruder? Manchmal ist das, was wir nicht können – Feuer, Fliegen – gar nicht nötig. Dein Licht kann Wunder wirken.“
Drago spürte ein prickelndes Glück.
Er hatte geholfen – und auf seine eigene Art bewiesen, dass er ein richtiger
Drache war.
Und die Prinzessin, der Ritter und er – ein unerwartetes, kleines Team – machten sich gemeinsam auf den Weg durch den leuchtenden Wald, bereit für das nächste Abenteuer.
Nachwort
Manchmal sind die Dinge, die uns besonders machen, nicht die, die alle sehen.
Entdecke dein eigenes Licht, deine eigene Stärke – und lass die Welt daran teilhaben.