
Bild ist vom Künstler Merlinlightpainting...
Kapitel 1 – Das Tor der Farben Ich gehe mit meinem Hund am Waldrand entlang. Der kleine See ist fast ausgetrocknet, nur eine dunkle, schlammige Pfütze glänzt noch in der Mitte. Wahrscheinlich steht deshalb das alte Boot dort – schief im grauen Boden, als hätte es jemand beim letzten Wasserstand vergessen. Es muss schon lange hier sein. Und
trotzdem ist es mir nie aufgefallen. Mein Hund bleibt plötzlich stehen. Kein Knurren, kein Bellen – er starrt nur. Ich trete vorsichtig näher, und plötzlich verändert sich das Boot. Zuerst glaube ich, es sei nur das Licht, ein Schatten, der verrutscht. Aber dann sehe ich es deutlich: Das Holz wirkt dunkler, feuchter. Als würde es wieder im Wasser liegen. Der Boden unter meinen Füßen ist trocken, rissig, staubig. Und trotzdem höre ich es – ein leises Glucksen. Mein Hund weicht einen Schritt zurück. Das Boot neigt sich ein Stück – kaum
sichtbar – als würde jemand von innen sein Gewicht verlagern. Ein dumpfes, rhythmisches Geräusch hallt leise. Als würde jemand rudern. Langsam, bedächtig. „Hallo?“ Meine Stimme klingt fremd, selbst mir. Keine Antwort. Nur das Geräusch – und plötzlich ein Flüstern. Leise, kaum verständlich, und doch wunderschön. Es zieht mich an, als würde es mich rufen. Ich spüre, wie jeder Atemzug und jeder Schritt die Welt um mich herum verändert. Mein Hund schaut mich an, die Ohren gespitzt, fasziniert von dem, was ich
auch fühle. Ich gehe weiter, und der Boden unter meinen Füßen verändert sich. Er ist nicht mehr Erde, nicht mehr Schlamm, sondern weich, als würde jeder Schritt in Farbe sinken. Jeder Abdruck hinterlässt ein leises Leuchten, das sofort wieder verblasst. Die Farben fließen um mich herum, als würden sie atmen: blassblau, Ocker, Waldgrün, schimmerndes Purpur und Kupfer, flüssiges Licht, das über die Fläche gleitet. Und ich merke es: Die Farben reagieren auf mich. Jede Bewegung, jeder Atemzug
verändert das Muster um mich herum. Ein purpurner Streifen dehnt sich aus, als würde er meine Unsicherheit umschließen. Ein blauer Schimmer wird intensiver, als ich ruhig ein- und ausatme. Langsam verstehe ich: Dies ist kein gewöhnlicher Wald. Dies ist ein Ort zwischen Zeit, Bewusstsein und Fantasie – ein Wald, der mir zeigt, wer ich bin, und mir zugleich Inspiration für mein Kinderbuch schenkt. Hinter einem Vorhang aus fließendem Grün höre ich wieder das Flüstern. Es ist zart, fremd, aber wunderschön. Ich
spüre, wie es mich anzieht, fast physisch. Jeder Atemzug hier lässt meine Ideen lebendig werden – Figuren, Farben, Wesen, die ich noch nie gesehen habe. Mein Hund bleibt stehen, als wüsste er, dass dies kein normaler Wald ist. Ich folge dem Flüstern, durch die leuchtenden Bahnen der Farben, und mit jedem Schritt öffnet sich die Welt weiter, reicher, lebendiger – wie eine Elfenwelt, die nur darauf wartet, in mein Buch zu fließen. Ich weiß, dass dies mehr ist als Inspiration. Dies ist ein Tor. Ein Tor in
eine andere Zeit, ein anderes Bewusstsein – eine Welt, in der alles möglich ist, und die ich nur betreten kann, wenn ich mutig bleibe, staune und mich treiben lasse.
Kapitel 2 – Die Elfe im Blau Ich folge dem Flüstern durch die leuchtenden Bahnen der Farben, als plötzlich ein winziges Blau zwischen den grünen Strahlen auftaucht. Sie ist klein – kaum größer als ein Kolibri – und doch strahlt sie eine Schönheit aus, die meinen Atem stocken lässt. Ihre Flügel glitzern in allen Blautönen, als hätten der Himmel und das Meer sich in ihnen vereint. Jede Bewegung ist ein leises, funkelndes
Tanzen. Normalerweise würde man sie nie erkennen. Sie ist so zart, dass ein falscher Schritt sie hätte zerstreuen können. Doch ich höre sie. Ich verstehe sie. Ich bin die Elfenflüsterin. „Wer bist du?“ flüstere ich. Meine Stimme zittert vor Staunen. Kapitel 3 – Erkundung der Farbenwelt Die kleine Elfe fliegt vor mir her, ihre blauen Flügel wie flüssiges Licht, und
ich folge ihr vorsichtig durch die leuchtenden Bahnen der Farben. Jeder Schritt fühlt sich an, als würde ich auf weichem Nebel gehen, der sich unter meinen Füßen sanft verformt. „Pass auf“, flüstert die Elfe, „nicht alles, was du siehst, ist so, wie es scheint.“ Ich nicke, obwohl ich kaum verstehen kann, wie sie spricht. Ihre Stimme ist mehr Gefühl als Wort, und doch verstehe ich jedes Nuance. Über uns glitzert ein Regenbogen aus flüssigem Licht, der sich langsam über den Himmel der Farben spannt. Unter uns
breiten sich streifenartige Wälder aus Purpur, Ocker und Smaragdgrün aus, die wie lebendige Adern pulsieren. Plötzlich bleibt mein Hund stehen und knurrt leise. Ich drehe mich um und sehe kleine, funkelnde Gestalten zwischen den Farben huschen. Sie sind kaum größer als meine Hand und haben durchscheinende Flügel, die wie winzige Juwelen glitzern. Sie lachen nicht – aber ihre Bewegungen wirken spielerisch, neugierig. Die Elfe wirbelt um mich herum und sagt: „Sie sind scheu, aber neugierig. Zeig ihnen, dass du ein Freund bist.“ Ich strecke vorsichtig die Hand aus, und
einer der kleinen Wesen nähert sich. Es schnuppert kurz an meinen Fingern, dann wirbelt es in einem kleinen Kreis aus Licht und verschwindet wieder in den Farbstreifen. Ich spüre ein Knistern in der Luft – die Farben reagieren auf uns. Purpur wird intensiver, Ocker weicher, Smaragdgrün leuchtender. Ich beginne zu verstehen: Ich bin nicht nur Beobachterin. Ich kann die Welt formen, ohne dass sie ihre Eigenständigkeit verliert. Die Elfe fliegt zu mir zurück. „Du bist die Elfenflüsterin“, sagt sie erneut, „durch dich kann diese Welt erzählen,
was sie ist. Und was sie sein kann.“ Ich atme tief ein und spüre, wie sich mein Herz öffnet. Alles um mich herum pulsiert, lebt, flüstert. Und ich weiß: Ich werde jede Nuance in meinem Buch festhalten – nicht nur für mich, sondern für die Kinder, die einmal durch meine Worte in diese Farbenwelt treten werden. Sie schwebt näher, ohne Angst. Ich spüre, dass sie die Farben um sich herum selbst formt, dass sie mit jedem Flügelschlag kleine Lichtfunken in die Luft wirbelt. „Ich… habe auf dich gewartet“, antwortet sie mit einem Flüstern, das so
klar ist, dass es direkt in meinen Kopf dringt. „Du bist diejenige, die unsere Welt sichtbar macht. Durch dich werden die Farben, die Geschichten, die Träume lebendig.“
Mein Herz schlägt schneller. Ich spüre, dass alles, was ich bisher geschrieben habe, nur der Anfang war. Diese winzige Elfe ist der Schlüssel. Sie öffnet die Türen zu einer Welt, die noch größer, noch leuchtender und noch geheimnisvoller ist, als ich sie mir je vorgestellt habe.
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