Schreibparty 116
Thema: Kopfkino
Vorgabewörter:
1. Flackernder Blick
2. Schatten
3. Traum
4. Geräusch
5. Erinnerung
6. Baumwipfel
7. Kochtopf
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Ich reiste allein nach Marokko, trampte durch das Land und übernachtete in einfachen Herbergen.
Eines Abends schlief ich am Strand. Ich öffnete eine Dose Bier und starrte auf die untergehende Sonne, die sich blutrot im Wasser spiegelte. Mein flackernder Blick verlor sich im Horizont, während die Palmen lange Schatten über den Sand warfen.
Irgendwo hinter mir knackte etwas.
Vielleicht nur Treibholz. Vielleicht der Wind.
Ich drehte mich nicht um.
Dann – ein harter Schlag.
Das Bier kippte um, versickerte im Sand. Sterne explodierten vor meinen Augen.
Alles wurde schwarz.
Als ich erwachte, war alles verschwunden: meine Tasche, mein Geld, mein Ausweis – und mein Gedächtnis.
Ich wusste nicht mehr, wer ich war. Nicht, wie ich hieß. Nicht einmal, in welchem Land ich mich befand. Eine kalte Leere breitete sich in mir aus, schwer und drückend. Ich stand auf und ging einfach los. Das Rauschen der Wellen war das einzige vertraute Geräusch, doch selbst das klang, als käme es aus weiter Ferne.
Ich folgte dem Meer bis zu einer kleinen Ansammlung weißer Häuser. Zögernd klopfte ich an eine Tür. Eine Frau öffnete. Ihre Augen musterten mich
wachsam.
Ich sprach Deutsch, doch meine Worte klangen fremd in meinen eigenen Ohren, als gehörten sie nicht zu mir. Sie verstand mich nicht. Misstrauisch schloss sie die Tür.
Ich stolperte weiter, bis ich in eine Stadt gelangte. Ein kleiner Kanal zog sich glitzernd durch die Gassen, als würde er unbeirrt seinen Weg kennen – im Gegensatz zu mir. Menschen streiften mich mit ihren Blicken. Niemand blieb stehen.
Hunger brannte in meinem Magen. In dieser Nacht schlief ich auf dem kalten Boden und fragte mich, ob ich überhaupt jemand war – oder nur eine leere Hülle
ohne Geschichte.
Über mir schwankten die Baumwipfel in der Abendbrise, ihre Spitzen wie tastende Finger gegen den Himmel. Für einen Moment stellte ich mir vor, sie könnten mir zuflüstern, wer ich war. Doch sie schwiegen.
Am Morgen begegnete ich einem Obdachlosen. Wir verständigten uns mit Gesten. Er führte mich zu einem alten Mann mit wettergegerbtem Gesicht. Der Duft fremder Gewürze erfüllte den Raum, warm und schwer, während etwas in einem schweren Kochtopf leise vor sich hin bruzzelte. Dieses Geräusch hatte etwas Beruhigendes, fast Heimisches – obwohl ich nicht wusste,
wo mein Zuhause war.
Er ließ mich duschen, gab mir saubere Kleidung und brachte mich schließlich zur Polizei. Dort sprach ich wieder Deutsch. Doch meine Worte klangen brüchig, als würden sie jeden Moment zerfallen. Die Beamten sahen mich ratlos an.
Erst als eine Dolmetscherin hinzukam, setzte sie sich mir gegenüber. Ihre Stimme war ruhig. Warm.
„Wie heißen Sie?“
Ich öffnete den Mund.
Nichts.
In mir war nur Leere.
Meine Hände begannen zu zittern. Mein Herz schlug so laut, dass ich es in
meinen Ohren rauschen hörte. Wenn ich nicht wusste, wer ich war – war ich dann überhaupt jemand?
Die Dolmetscherin stellte einfache Fragen. Jede traf mich wie ein Schlag.
Geburtsdatum?
Wohnort?
Familie?
Plötzlich stiegen Tränen in meine Augen. Ich fühlte mich wie ein Kind, das sich verlaufen hatte – nur dass ich mich selbst verloren hatte.
Und dann geschah es.
Ein Bild flackerte auf.
Wie ein alter Filmstreifen, der rissig durch meinen Kopf lief.
Unscharf.
Zerbrechlich.
Das Gesicht einer Frau. Ihr Lächeln.
Eine erste Erinnerung.
Ich presste die Hände gegen die Schläfen, als könnte ich das Bild festhalten.
„Mama …“, flüsterte ich.
Mit diesem Wort brach etwas in mir auf. Weitere Bilder folgten – mein Zimmer, meine Straße, das vertraute Geräusch der Haustür. Mein Name.
Er kam zögernd zurück, wie ein Traum, aus dem man langsam erwacht – unsicher, ob er wirklich real ist.
Zwei Tage später saß ich im Flugzeug nach Deutschland.
Auf dem Heimflug schloss ich die
Augen.
Das Rauschen der Wellen.
Das leise Blubbern im Kochtopf.
Das Knacken im Sand hinter mir.
Alles lief noch einmal vor meinem inneren Auge ab – mein ganz persönliches Kopfkino.
Und zum ersten Mal fragte ich mich, ob manche Bilder vielleicht nie ganz verschwinden.
© 2026 Pamola Grey
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