Stadtwohnung
Kurze Anmerkung vorweg:
Die Kurzgeschichten
Trampelpfad (Mira)
Trampelpfad Fortsetzung (Mira)
Trampelpfad 3. Teil (Mira)
Am Maisfeld (Mira)
Am Maisfeld 2. Teil (Mira)
gehen dieser abschließenden
Mira-Geschichte Stadtwohnung (Mira)
voraus.
Mira saß eingekuschelt in eine flauschige Decke auf ihrem Sofa gegenüber vom Wohnzimmerfenster und schaute in den trüben Aprilregen hinaus. Hier hatte sie es gemütlich und fühlte sich wohl auf der rot bezogenen massiven Couch im viktorianischen Stiel, welches sie kurz nach ihrem Einzug im Sozialmöbelhaus gekauft hatte. Während der Suche nach gut erhaltenen brauchbaren Möbeln hatte sie sich spontan für den roten bequemen Farbtupfer entschieden, weil er sie an ihr Studentenappartement erinnerte. Der alte kleine Schultisch vor der Couch war zusammen mit der antiken
Waschkommode, welcher ihr einst als Babywickeltisch gedient hatte, das Einzige, was sie aus ihrem alten Leben hatte retten können. Den dunklen alten Grundschultisch mochte sie besonders, denn er hatte nicht nur unter der Tischplatte für zwei Schüler ein schmales Fach für Bücher und Hefte, sondern auf jeder Außenseite einen geschwungenen Metallhaken für die damaligen Schulranzen. In der Mitte des Tisches befand sich eine kleine metallene Klappvorrichtung, unter welcher sich die Öffnung für das Tintenfass befand. Ganz offensichtlich hatte es öfters ein Malheur mit der Tinte gegeben, denn die dunklen Farbspuren waren immer noch zu sehen.
Mira liebte den Tisch mit all seinen Gebrauchsspuren als den stillen Zeugen von Unterrichtsstunden lange vor ihrer eigenen Schulzeit. Er hatte einige Zeit vor ihrem Auszug aus dem Dorf, wo sie mit Jo gelebt hatte, am Straßenrand vor der Kirche für die Sperrmüllabholung gestanden und Jo hatte ihn für sie herein geholt. Die antike Waschkommode aus Weichholz wiederum begleitete Mira nun schon fast ihr gesamtes Leben, genau genommen hatte er sie bereits dreiundvierzig Jahre durch alle Höhen und Tiefen, durch viele Beziehungen und unzählige Umzüge hinweg begleitet. Er hatte ihre Beiden aufwachsen sehen und sie vor vielen Jahren in deren
selbstständiges Leben verabschiedet. Gekauft hatte sie den Spiegelschrank mit großer Ablage für die im letzten Jahrhundert benutzten Waschschüsseln aus Porzellan, gemeinsam mit dem Vater ihrer Zwillinge, um ihn als Wickeltisch zu nutzen. Mira war damals ganz begeistert von ihrer Idee gewesen, denn schon als junge Frau mochte sie die modernen Möbeleinrichtungen nicht und im Grunde genommen war ihr diese Abwehr gegen das allgegenwärtig Moderne bis heute erhalten geblieben. Die kuschelige Decke jedoch war eine von den typischen billigen Fleecedecken und wärmte angenehm weich trotz der Chemiefasern. Während Mira sich an
dem Anblick ihrer alten Möbelstücke erfreute, schmunzelte sie nach einem Schluck aus ihrer Kaffeetasse über ihre eigenen Gedankengänge und redete sich selbst gut zu; „Na ja, so altertümlich bist du nun auch wieder nicht…… der Kaffeepott ist modern und der Fernseher ist neu und mit dem Smarthone bin ich ja auch fast auf dem neuesten Stand!“ Mira lachte über sich selbst, glücklich und zufrieden mit sich.
Sie hatte es geschafft! Sie hatte zwar ewig gebraucht, aber nun war sie unabhängig und konnte frei entscheiden, was sie tun möchte und was nicht. Um diese Fähigkeit der Selbstbestimmung zu erlernen, hatte sie die vergangenen acht
Jahre gebraucht, denn die gewonnene Freiheit positiv und authentisch zu nutzen, war ihr nicht angeboren. An trüben Tagen wie diesen, wo Regen unaufhörlich gegen die Fensterscheiben prasselte, war Mira nachdenklich und auch ein bisschen traurig darüber, dass sie über die Jahre nicht nur dazu gelernt hatte, sondern auch alt geworden war. Aber an sonnigen Tagen packte sie oft ihren kleinen Rucksack, verließ ihre kleine Stadtwohnung und fuhr mit dem Bus bis zum Stadtwald, um ihren neuen Lieblingsbaum zu besuchen. Und wenn es warm genug war, dann lehnte sie sich an seinen Stamm und hörte auf ihre innere
Stimme.
Auf ihren neuen Baum war sie vor zwei Jahren aufmerksam geworden, weil in dessen Rinde genau auf Augenhöhe ein Herz zu sehen war, sicherlich hatte es irgendwann mal Jemand hinein geritzt. Seither besuchte sie ihn häufig und schenkte ihm zum Abschied einen Kuss unter das Herz.
Bei ihrem letzten Besuch hatte sie ihn gebeten, per Erdverbundenheit ihren ehemals liebsten Baum mit seinen beeindruckenden Wurzeln über dem Fluss, zu grüßen und ihm auszurichten, dass es ihr dreihundert Kilometer weiter gut geht.
Ende