Sonstiges
Pyrene

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"Eine alte Sage"
Veröffentlicht am 11. Februar 2026, 14 Seiten
Kategorie Sonstiges
© Umschlag Bildmaterial: Cover: Autor eigenes Foto; Bilder aus Wikimedia
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Über den Autor:

Ich lebe mit meiner Frau in Frankreich. Erst in meiner neuen Heimat habe ich mit dem Schreiben begonnen. Es bereitet mir Freude, mit meiner Fantasie den Leserinnen und Lesern vergnügliche und unterhaltsame Stunden schenken zu können. http://franck-sezelli.jimdo.com/
Eine alte Sage

Pyrene

Pyrene


Bebryx, der stolze König der Bebryker, rief seine liebreizende Tochter: »Pyrene, wir bekommen heute Besuch von dem großen Herkules. Bitte sei nett zu ihm, er hat einen weiten Weg hinter sich und eine sehr schwere Aufgabe vor sich. Da wollen wir ihm den Aufenthalt recht angenehm gestalten.«


»Was hat er denn für eine Aufgabe zu bewältigen, Vater?«, fragte neugierig die schöne Prinzessin.


»Das weiß auch ich nicht genau, aber Herkules ist durch seine Taten bereits in der

ganzen Welt als Held bekannt. Hera hat ihm


Land der Bebryker (1000 v. Chr.)

diese schweren Arbeiten durch das Orakel von Delphi aufgetragen als Sühne einer Missetat seiner Jugendzeit. Aber in Wirklichkeit ist sie ihm wohl nicht wohlgesonnen, weil ihn ihr ungetreuer Gatte Zeus mit Alkmene gezeugt hatte.« »Wir bekommen Besuch von des Gottes Zeus Sohn?« »Ja, Herkules ist ein Halbgott und verfügt über ungeheure Kräfte.« »Oh Vater, wie freue ich mich auf diesen hohen Besuch!«


Herkules hielt sich mit seinen Mannen einige Zeit im prachtvollen Palast des Bebryx auf. Er machte auch einige Ausritte in die Umgebung,

die ihm außerordentlich gefiel, zwischen den Corbièren, der Meeresküste und dem Land der Iberer. Die Prinzessin durfte ihn manchmal begleiten. Einmal, als sie weit gen Süden geritten waren, erzählte sie ihm von Gerió, der über viele Ländereien herrsche und auch diese Gegend hier erobern wolle. Die Völker hätten sich ihm alle schnell unterworfen, weil er kein Mensch, sondern ein Monster sei. »Er hat sogar mir nachgestellt, aber ich konnte ihm entkommen. Allerdings habe ich ihn gesehen – und mir graust heute noch bei der Erinnerung. Das könnt Ihr mir glauben, großer Herkules.« »Wieso? Was hat er Schreckliches an sich?« »Er ist ein Riese und ein Dreileib, besitzt drei Köpfe und drei Oberkörper, die an der Hüfte

zusammengewachsen sind. Sogar Flügel habe ich gesehen!« »Das ist bestimmt der Riese Geryon, wie wir sagen. In dessen Gebiet bin ich unterwegs. Dieses Monster soll dich nie mehr ängstigen, schöne Prinzessin!«


Herodots Welt


Bei Tisch am Abend erzählte Pyrene ihrem Vater von dem Vorhaben ihres Gastes. Herkules bestätigte: »Ja, es ist meine zehnte Aufgabe. Ich werde die Rinderherde des Geryon rauben, um sie zu Eurystheus zu bringen.« »Oh, das ist aber eine sehr riskante Angelegenheit«, rief Bebryx aus. »Man erzählt sich, dass dies außergewöhnlich schönes Vieh ist, eine Herde roter Stiere, die von einem Hirten und von dem zweiköpfigen Hund Orthos bewacht wird, der ein Bruder des Höllenhunds Kerberos ist.« »Ein Herkules kennt keine Angst! Habt Ihr nicht meine große Keule aus Olivenholz gesehen? Und – ich möchte, dass Eure

bewundernswerte Tochter nicht länger Angst vor diesem Monster Geryon haben soll.«

Noch in derselben Nacht empfing Pyrene den Helden dankbar in ihrem Schlafgemach. Dort zeigte der große Grieche ihr eine zweite mächtige Keule, nicht aus Olivenholz, und beeindruckte sie damit so sehr, dass sie diese wiederholt in ihr Schatzkästlein bettete.

Am nächsten Morgen brach Herkules gen Südwesten auf, um das Land der Abendröte, die Insel Erytheia, zu suchen, in dem der Monsterriese hausen sollte. Als ihr Geliebter auch nach Monaten nicht wie versprochen zurückkam, glaubte sich die Prinzessin verlassen. Bald war nicht mehr zu

leugnen, was sie getrieben hatte. Sie fürchtete die Wut ihres königlichen Vaters ob dieser Schmach, entsagte der Wohltaten des Lebens im Palast und floh in die Wälder.


Die junge Frau verbarg sich in einsamen Höhlen und ernährte sich von Wurzeln und Beeren. Als es soweit war, gebar sie – wieso, das wissen nur die Götter – eine Schlange. Der Anblick dieser abscheulichen Frucht ihrer Liebe brachte sie an den Rand des Wahnsinns. Sie floh noch tiefer in die Wälder, wehklagte Tage und Nächte lang, beweinte die Nacht in den Armen des Herkules und seufzte über dessen vermeintliche Untreue. So konnte nicht ausbleiben, dass sie die

wilden Tiere des finsteren Waldes verfolgten und schließlich grausam zerrissen. Indessen fand Herkules die schönen Stiere, überwältigte den Hirten und den bösen Hund. Als Geryon herbeieilte, war es auch um ihn geschehen: Mit einem vergifteten Pfeil brachte er ihn zur Strecke. Bei der Rückkehr in den Palast, wo der Held seine Liebste anzutreffen hoffte, erfuhr er von deren Flucht in die Wälder. Nach tagelangem suchenden Umherirren fand Herkules die verstreuten Glieder der Geliebten. »Pyrene! Pyrene! Pyrene!«, schrie und schluchzte verzweifelt der große Heros und häufte dabei Stein auf Stein, Felsen auf Felsen, bis die unglückliche Prinzessin ein würdiges Grabmal hatte: die Pyrenäen!


























=================================== Diese Kurzgeschichte ist dem im Januar 2023 veröffentlichten Geschichten-Sammelband von Franck Sezelli „Andorra, Mallorca und der Mittelpunkt der Welt – Mythen und Legenden“ entnommen.

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Über den Autor

FranckSezelli
Ich lebe mit meiner Frau in Frankreich. Erst in meiner neuen Heimat habe ich mit dem Schreiben begonnen. Es bereitet mir Freude, mit meiner Fantasie den Leserinnen und Lesern vergnügliche und unterhaltsame Stunden schenken zu können.
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Flocke 
Oh, was so schön begann endet so grausam.
Diese Sage gefällt mir überhaupt nicht!
Aber DU hast ein tolles Buch daraus gemacht, lieber Franck.

Danke und liebe Grüße
zum Valentinstag :-)
Flocke
Heute - Antworten
FranckSezelli Das glaube ich dir gern, liebe Flocke. Ich habe eine Zeitlang nach Sagen, Mythen und Geschichten aus meiner Wohnregion gesucht. Man staunt, wie seltsam, oft auch grausam die Erzählungen vergangener Zeiten sind.
Erstaunlich für mich war, dass auch die griechischen Heldensagen hier eine Rolle spielen. Es gibt wohl auch den Glauben, dass die nicht weit von uns liegende bekannte katalanische Provinzstadt Gerona von dem in meiner Geschichte erwähnten Monster Gerió gegründet worden sei.
Liebe Grüße und auch dir einen schönen Valentinstag
Franck
Heute - Antworten
Flocke 
Dankeschön, lieber Franck.
Ich find es super, dass du dich dafür interessierst und uns hier
damit beschenkst. Auch hier, im Warnetal, gibt es so einige alte Sagen.
Aber bisher habe ich mich an so etwas nicht ran gewagt :-)
Es gibt nur wenige Geschichten von mir, aber viele, sehr viele Gedichte.
Hier schneit es schon wieder ....
Heute - Antworten
Eichenlaub Hallo Franck,
habe mir heute diese Sage vorgenommen. Ohje, ohje und was für ein trauriges Ende mit der Pyrene.
Doch nun weiß man, weshalb es die "Pyrenäen" heißt.

Lieben Gruß
Gerlinde
Vorgestern - Antworten
FranckSezelli Liebe Gerlinde, dies ist eine der vielen Sagen, die es hier in der Region gibt und die ich eine Zeitlang gesammelt habe.
Es ist schon eine interessante Gegend hier bei den Pyrenäen am Mittelmeer.
Danke fürs Lesen und Kommentieren!
Liebe Grüße
Franck
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