So ein Glück
Schreibparty 116
Thema: Kopfkino
Vorgabewörter:
Flackernder Blick
Schatten
Traum
Geräusch
Erinnerung
Baumwipfel
Kochtopf
Dies ist meine erste Satire:
Sara lief so schnell sie konnte.
Die Zeit war knapp geworden.
Inständig hoffte sie, dass die Straßenbahn ein paar Minuten Verspätung haben möge.
Wenn sie diese Bahn verpassen sollte, käme sie zu spät zur Arbeit. In der Probezeit macht sich das gar nicht gut.
Heute morgen hatte alles ein bisschen länger gedauert. Zuerst war Leo quengelig und hatte ewig gebraucht, um sich anzuziehen. Dann auf dem Weg zur Kindertagesstätte hatte er in einem Baumwipfel die Vögel beobachten
und ihnen zuwinken wollen.
Kaum bei der Tagesmutter angekommen, musste er ihr unbedingt die neue Kinderküche mit den kleinen Kochtöpfen und Minibackformen im Spielzimmer zeigen. Dafür war eigentlich gar keine Zeit vorhanden. Es ärgerte sie, nicht mehr Zeit zu haben, um auf ihn eingehen zu können. Als alleinerziehende Mutter hatte sie so Vieles zu bedenken und die Eingewöhnungszeit für Leo war vorbei.
Die Bahn kam, Sara legte an Tempo zu und winkte mit den
Armen.
Zu ihrer großen Erleichterung wartete der freundliche Fahrer tatsächlich mit geöffneten Türen, bis sie eingestiegen war. Sie rief ein „Danke“ durch die Bahn und ließ sich auf einen freien Sitz fallen. Geschafft, dachte Sara, zog sich die Jacke aus und rollte diese in ihren Rücken, um es sich für die halbstündige Bahnfahrt gemütlich zu machen.
Sie griff in die Hosentasche um das Handy hervor zu holen.
„Shit, wo ist mein Handy?!“, rief Sara laut auf und eine nervöse Unruhe breitete sich in ihr aus.
Hektisch durchsuchte sie die anderen Hosentaschen, die Taschen der Jacke und den Schatten dahinter, nichts!
Normalerweise hatte sie ihr Handy immer griffbereit, trotzdem durchwühlte sie mit flackerndem Blick in Windeseile ihre schwarze Umhängetasche.
Erfolglos!
„So ein Mist!“ rief sie in der aufkommenden Panik, es verloren zu haben. Dummerweise lieferte ihr Gedächtnis überhaupt keine Erinnerung dazu, wo sie es zuletzt gesehen
hatte.
Ihr Puls raste, ohne Handy konnte sie nicht zur Arbeit fahren!
Wenn irgendetwas mit Leo sein sollte, würde die Tagesmutter sie nicht erreichen. Nicht auszudenken!
Mit zunehmender Hektik sammelte Sara alle Sachen schnell zusammen und lief zum Ausgang. Inzwischen hatte die Straßenbahn bereits drei Haltestellen passiert und sie würde ein ganzes Stück laufen müssen, um ihr Handy zu suchen.
Mit jedem Schritt zurück spulte Saras Kopfkino eine Szene nach der
anderen ab:
Ohne ihr Handy konnte sie ihren Chef nicht anrufen um Bescheid zu sagen, dass sie sich leider verspäten würde. Wahrscheinlich war es das dann auch schon mit der ersten Stelle nach der Erziehungszeit?
Und wenn sie bis mittags nicht einmal bei WhatsApp sichtbar sein würde, könnte sic sich auf einen Tobsuchtanfall von Tobias gefasst machen. Er bestand darauf, jeden Vormittag zu erfahren, wie es seinem Sohn geht.
Zu dumm aber auch, dass sie ihr Handy nicht dabei hatte, sonst
hätte sie wenigstens ihre Freundin anrufen können. Eventuell ist sie ja noch unterwegs und könnte sie mitnehmen.
So ein Mist!
Plötzlich brach Sara der Schweiß aus.
Ob durch den schnellen Schritt oder wegen der plötzlichen Sicherheit, dass sie ja nun auch noch so schnell wie möglich ihr Konto sperren lassen musste! Wenn nämlich Jemand mit Fachkenntnissen ihr Handy knackt, würde er sicher das Konto leer räumen. Nicht
auszudenken!
Unweigerlich begann Sara nun um ihr Leben zu joggen, als könnte sie dadurch dem grausamen Alptraum entkommen.
Endlich Zuhause angekommen stolperte sie außer Atem die Treppe zur ersten Etage hoch. Doch ihr Bein verhedderte sich unglücklich mit dem Gurt ihrer Handtasche. So stütze Sara über die letzte Stufe und landete mit lauten und knackenden Geräuschen längst auf dem Absatz. Sie wollte wieder aufspringen, doch ihr Bein schmerzte höllisch und im Fuß spürte sie heftiges Pochen.
Sara atmete tief durch und öffnete nach einer Weile die Augen. Sie blickte direkt auf die Fußmatte vor ihrer Wohnungstür.
Inmitten der Aufschrift „Willkommen“ lächelte ihr das Bild von Leo aus der Rückseite der Handyhülle entgegen.
So ein Glück!
Bild Cover und Text:
Gabriele Busch
Bild Handyhülle im Buch:
abfotografierte Werbung