
Nach den ersten Jahren einer Wochenendbeziehung hatten Mira und Uwe gerne zusammen leben wollen und Mira war trotz der Befürchtung, dass es nicht gut gehen würde, mutig mit ihren Zwillingen in das Haus von Uwe eingezogen, nachdem sie vergebens endlose Gespräche darüber geführt hatten, dass Mira es sinnvoller fand, wenn alle gemeinsam einen Neuanfang machen müssten. So schön sie das Haus und die dörfliche Umgebung fand, so sehr hatte sie bereits vorher die Befürchtung gehabt, dass Uwe und seine Kinder, die dort mit der Mutter
gemeinsam aufgewachsen waren und die nach der Geburt der Jüngsten mit einem anderen Mann während ihrer vierten Schwangerschaft abgehauen war, sich nicht an neue Mitbewohner im gleichen Haus abfinden würden. Und genau dies bewahrheitete sich auch schon kurze Zeit nach ihrem Einzug, außer ihrem friedfertigen Sohnemann waren alle, besonders die damals pubertierenden sechzehnjährigen Mädels zickig und machten Stress, jeder pochte auf sein Gewohnheitsrecht. Hinzu kam der Umstand, dass Uwe nachts arbeiten musste und Mira tagsüber. Im Rückblick war das Zusammenleben eigentlich von Anfang an zum Scheitern verurteilt
gewesen, nach knapp einem halben Jahr war sie mit ihren Kindern wieder ausgezogen. Mira war danach nicht nur erschöpft, traurig und frustriert, sie war natürlich auch wieder Single. Wie sollte eine Beziehung allen diesen Schwierigkeiten standhalten?! Mira spürte, wie der alte Ärger und die ehemalige Enttäuschung unerwartet wieder in ihr aufstieg, man konnte zwar nicht wirklich Jemanden die Schuld geben, und nach dem Auszug hatte sie oft darüber nachgedacht, ob es besser gelaufen wäre, wenn sie den Vollzeitjob aufgegeben und Zuhause geblieben wäre, doch es nutze ja alles Nachdenken
nichts, es war nun mal vorbei und jeder seinen Weg irgendwie weiter gegangen. Als sie Uwe nach ein paar Monaten einmal zufällig in der Stadt gesehen hatte, war es ihr so vorgekommen, als wäre er ihr absichtlich aus dem Weg gegangen, und gemeinsame Freunde hatten sich quasi selbst entschieden, mit wem sie weiterhin zu tun haben wollten. Ihre beste Freundin Mona hatte ihr so gut sie konnte beigestanden und beim erneuten Einrichten und Zurechtfinden war sie ihr eine liebevolle Unterstützung gewesen. Jo wiederum hatte sie vor vier Jahren zufällig kennengelernt nachdem ihre
Beiden kurz nacheinander ausgezogen waren und Mira sich nach einer kleineren Wohnung umgesehen hatte, weil sie ihre Arbeitsstunden gerne reduzieren und dementsprechend kostengünstiger leben wollte, außerdem hatte sie begonnen, ihre freigewordene Zeit mit neuen Hobbys zu füllen und sich zu verschiedenen Kursen von Improvisationstheater bis hin zum Malkurs angemeldet. Während der Abschlussveranstaltung, einer Aufführung der Improvisationsgruppe, die sie selbst jedoch noch während des laufenden Kurses verlassen hatte, weil einige der teilnehmenden Frauen ihr gegenüber so abschätzig waren, dass es
Mira keinen Spaß mehr gemacht hatte, war sie vom gutaussehenden Jo, wie er so auffällig unauffällig die Bühnendekoration im Hintergrund hin und her schob, direkt beeindruckt. Als der Gruppenleiter ihn nach der Aufführung kurz als Bühnenbildner vorstellte und sich nicht nur bei der teilnehmenden Gruppe, sondern auch bei ihm so überschwänglich bedankte, hatte Mira sich gewünscht, ihn einmal sprechen zu können, um zu erfahren, wie er die einzelnen Hintergrundbilder und die Möbelstücke gefertigt haben mochte. Hätte sie damals schon gewusst, dass er nie wieder aufhören würde, über seine Werke zu sprechen, hätte sie es sich dann
vielleicht anders überlegt? Mira versuchte, sich gedanklich noch mal an diesen Abend zurück zu versetzen, nachzufühlen, ob sie der Versuchung, ihn auf seine Arbeit anzusprechen, hätte widerstehen können, wahrscheinlich nicht, denn sie war so begeistert und wollte mehr über sein kreatives Schaffen wissen, mal abgesehen davon, dass sie von seiner Größe und seinem Redefluss damals angetan war. Inzwischen war es ihr eindeutig viel zu viel und viel zu einseitig.
Plötzlich fühlte Mira sich schlapp und irgendwie ausgelaugt, lustlos griff sie nach der Wasserflasche im Rucksack, trank mehrere Schlucke und machte sich
nochmals eine Zigarette an. Sie würde sich zusammenreißen und nun intensiv nach einer kleinen Wohnung suchen, oder wenigstens nach einer anderen Bleibe! „Hey Mira, worauf wartest du denn hier?“ Die Stimme kam Mira bekannt vor, doch so schnell konnte sie sie nicht zuordnen, wie sich eine Frauenhand sanft auf ihrer Schulter legte und Mira sich zum Schauen umgedreht hatte.
„Ach Marlies, du hast mich jetzt aber erschreckt!“ „Sorry, dass wollte ich natürlich nicht! Warst du so in Gedanken? Was machst du denn hier mutterseelen allein?“
Marlies lachte ihr kugelrundes Gurgeln,
in dessen Genuss man bei jedem Besuch ihres Friseursalons kam, gänzlich unabhängig davon, welches Thema die Entstehung des neuen Haarschnitts begleitete, und warf mit ihrer markanten Kopfbewegung gekonnte die rotbraune Lockenpracht zur linken Schulterseite. Unwillkürlich zogen sich Miras Mundwinkel zu einem breiten Grinsen auseinander und lächelnd erwiderte sie; „Ach, weißt du, ich bin am Maisfeld Jemandem mit einem Golden Retriver begegnet, der mich so unwahrscheinlich an einen früheren Freund von mir erinnert hat. Dass hatte mich so ein bisschen aus dem Konzept gebracht, zumal ich den Mann und auch den Hund
hier noch nie gesehen habe! Kennst du den vielleicht?“
Während Marlies erneut ihr kugelrundes gurgelndes Lächeln erklingen ließ, setzte sie sich schwungvoll zu Mira auf die Bank, legte vertrauensvoll die linke Hand auf Miras Oberschenkel und berichtete ihr im gedämpften Ton;
„Du meinst doch bestimmt den Werner? So ein älterer schmaler Mann, läuft immer mit Jeans rum und hat `ne Glatze? Der hat doch so einen hellen Hund bei sich!?“ Verwundert starrte Mira in Marlies Gesicht, eigentlich hätte sie es sich ja denken können, dass sie den Mann tatsächlich kennen würde, Marlies kannte
eben einfach Jeden, der hier vorbei kam, selbst die Leute, welche auf dem Wanderweg unterwegs waren. Mira musste einfach herzhaft über ihren eigenen Einfall lachen;
„Marlies, dass ist jetzt nicht dein Ernst. Woher kennst du denn den Mann? Ich verstehe ja, dass du alle Dorfbewohner hier von Klein auf kennst, aber es kann doch gar nicht sein, dass selbst die Touristen und Wanderer sich bei dir anmelden? Oder kommen die alle zum Haare schneiden und übernachten dann bei dir?“ Dieser Einfall war nun so komisch, dass beide Frauen um die Wette lachten, die eine gurgelnd, die andere kichernd.
Als sich beide Frauen nach einer Weile beruhigt hatten, beobachteten sie schweigend, wie Thorsten die Glastüre seines Tante Emma Ladens demonstrativ zur Seite schob und nach und nach seine Schilder und Körbe vor die Schaufenster schob. „Jetzt mal unter uns Mira, im Ernst, der Werner ist der Sohn von dem Bruder von der alten Klara, die über der ehemaligen Apotheke wohnt. Weißt du, die war doch früher auf der Hauptstraße zur Stadt, neben dem jetzt leerstehenden Haus, wo nämlich früher das Ärztehaus drin war. Das kannst du mir jetzt ruhig glauben. Ich nehme nämlich an, er besucht die alte Klara, weil er Sorge hat, dass sie
vielleicht nicht mehr lange lebt. Vermute ich doch jetzt mal so, ist ja schon eine Weile her, dass er sich hier hat blicken lassen! Das kannst du mir glauben Mira!“
Und wieder wurde der kleine Marktplatz vom kugelrunden und kichernden Gelächter der beiden Frauen belebt. Thorsten in seinem weißen Kittel war offensichtlich fertig mit der Präsentation der Waren und kam schlurfend auf die beiden Frauen zu, welche sich ausgerechnet in dem Moment erhoben, als er plump fragte;
„Habt Ihr schon lange gewartet? Ich bin jetzt fertig, Ihr könnte gerne rein kommen, ich habe heute Schokomilchreis
und den geschnittenen Gouda im Angebot.“
Marlies und Mira schauten sich mit verdrehten Augen und grinsenden Blick an, Marlies klatsche sich in die Hände. „So, dann muss ich mal weiter! Grüß mir deinen Mann! Vielleicht kannst du ihn ja noch mal daran erinnern, dass er mir die Rückwand zum Schaufenster machen wollte? Er hatte es mir doch versprochen!“
Während Marlies mit energischem Schritt die Straße Richtung Neubaugebiet hinauf lief, drehte sich Mira um, ging die Straße zurück, an der Sackgasse vorbei, dann über die große ausgebaute Brücke, welche über den Fluss führte. Nachdem
Mira die Bahnschienen überquerte hatte, schaute sie die Hauptstraße rauf und runter, um dann auf der gegenüberliegenden Straße stehen zu bleiben, welche rechterhand von einer auffallend imposanten Kirche dominiert wurde, welche für Miras Geschmack viel zu groß für so ein kleines Dorf war, und linkerhand befand sich nach zwei alten Wohnhäusern das ehemaligen Autorhaus, vor dem sie nun nach dem Wagen von Jo Ausschau hielt.
Ende (des Kapitels)
Fortsetzung folgt