
Der Schrein steht im Morgengrau wie ein alter Baum, der nicht erklärt, sondern hält.
Holz, das Regen kennt. Stein, der Schritte zählt. Papier, das zittert, ohne sich zu entschuldigen.
Ich trete durch das Torii, barfuß, und mein Körper weiß vor meinem Kopf:
Schwelle.
Nicht „Eingang“, nicht „Besuch“. Schwelle.
Hier endet das Mitnehmen. Hier beginnt das Ablegen.
Der Stein unter meinen Sohlen ist
kalt.
Kalt genug, dass mein Atem sich kurz verschluckt.
Kalt genug, dass ich mich erinnere: Ich bin im Kontakt. Ich kann nichts schönreden.
Über mir hängt das shimenawa, dick gedreht, schwer wie Geduld.
Die shide sind weiß wie ein Schnitt in die Luft, nicht dekorativ, sondern eindeutig.
Sie sagen nicht „Willkommen“.
Sie sagen: Klarheit.
Ich bleibe stehen, weil mir plötzlich peinlich wird, dass ich existiere.
Das ist die Last, die niemand sieht:
Meine Wildmagie ist nicht etwas,
das ich benutze.
Sie ist etwas, das mich benutzt, wenn die Welt ihre Stimme hebt.
Ich gehe zum temizuya, als ginge ich zu einem Spiegel, der nicht schmeichelt.
Wasser wartet nicht. Wasser ist.
Schon der Geruch ist kalt.
Ich tauche die Fingerspitzen hinein und die Kälte läuft mir den Arm hinauf bis zum Ellbogen, als würde sie mir das Summen der Stadt aus den Nerven ziehen.
Ich schöpfe.
Linke Hand. Rechte Hand.
Ich halte die Schale nahe an die Lippen, nur zum Riechen.
Wasser riecht nach dem, was nicht verhandelt.
Dann stolpert die Welt.
Nicht groß.
Nur schief genug, dass mein Körper sofort versteht: Erde. Tief.
Der Zug kommt seitlich, klein und eindeutig.
Mein Magen wird kalt, als hätte mir jemand einen Stein hineingelegt.
Mein Atem bleibt oben hängen, knapp unter dem Brustbein, wie ein Tier, das Angst hat, tiefer zu werden.
Meine Zehen krallen sich in den Stein, und ich hasse mich dafür, weil ich weiß, dass ich nicht den
Boden festhalte. Ich halte mich fest.
Ein Brett im Dach knackt trocken.
Ein ema an der Wand schwingt minimal.
Und in diesem winzigen Schwingen liegt mehr Gewicht als in jedem Donner, denn ich sehe nicht Holz.
Ich sehe Menschen.
Bitten.
Herzen, die man an Holz hängt, weil man sie sonst nicht tragen kann.
In mir springt es an.
Würfel.
Wärme schießt mir in die Hände, brennend, drängend.
Meine Finger werden schwer, als
hätten sie plötzlich mehr Gewicht als sie dürfen.
Die Wildmagie will antworten, weil Antwort bei mir Reflex ist.
Nicht „ich entscheide“.
Es ist ein Anlaufen, ein innerer Sturm, der jedes Zittern als Einladung versteht.
Das Wasser im Becken bekommt Wellen.
Zuerst die echten, von der Erde.
Dann eine zweite Bewegung, zu gleichmäßig, zu sauber, wie ein Muster, das jemand in die Oberfläche zeichnet.
Das Muster ist mein Fehler.
Ich sehe es und mir wird übel,
nicht im Magen, sondern hinter den Rippen, als wäre dort ein Nerv frei gelegt.
So eine Art Schmerz, die nicht nach außen blutet, aber trotzdem schreit: Stopp.
Schuld ist kein Wort.
Schuld ist ein Befehl.
Mach es rückgängig. Sofort. Reparier.
Ich presse die Nägel in meine Handfläche, bis Schmerz aufblitzt.
Ein kleiner Blitz als Zaun, weil ich keinen anderen Zaun habe.
Ich zwinge jeden Finger einzeln zur Ruhe, als wären es Tiere, die ich an Leinen halte.
Daumen still. Zeigefinger still. Mittelfinger still.
Das ist meine Würde: nicht zu greifen, wenn alles in mir greifen will.
Und dennoch laufen die Bilder los, unerbittlich, weil die Last nicht nur Wirkung ist, sondern Voraussicht:
Ein Tropfen auf Stein, ein Fuß rutscht.
Ein Kind erschrickt und weint.
Ein alter Mensch stolpert.
Ein ema fällt, und jemand denkt: Der Ort will mich nicht.
Das sind keine „Katastrophen“.
Das sind diese kleinen Schäden, die die Welt später „nichts“ nennt, weil
sie nicht groß genug sind, um ernst genommen zu werden.
Ich kenne sie.
Mein Hals zieht sich zu und ich bin nicht im Jetzt, nicht ganz.
Ein kurzer Flash, scharf wie kaltes Wasser:
Ein anderer Hof, eine andere Stufe, ein Tag ohne Beben, nur mein ungeduldiger Atem.
Ein Spiel, ein Schritt, ein falscher Wind.
Ein Körper, der erschrickt.
Ein Knöchel, der umknickt.
Ein Blick, der mich ansieht, nicht wütend, nur verletzt.
Und das Allerschlimmste daran war
nicht der Schmerz dieses Menschen.
Das Allerschlimmste war, dass es mein Fehler war, ohne dass ich „böse“ gewesen wäre.
Ich blinzle, und der Schrein ist wieder da, und das Wasser ist da, und meine Hände sind da.
Scham steigt auf, heiß und heimlich.
Scham ist nicht: Ich habe etwas Gefährliches getan.
Scham ist: Ich bin gefährlich.
Meine Schultern wollen in meine Rippen hinein.
Mein Gesicht wird heiß, als wäre Blick eine Flamme, obwohl niemand mich ansieht.
Ich will kleiner werden, unsichtbar, zurück durchs Torii, zurück in die Welt, wo Reinheit nicht zählt, weil alles ohnehin verkauft wird.
Und genau da, als würde der Ort meinen Fluchttrieb hören, bewegt sich Weiß.
Die shide heben sich gleichzeitig, ein Herzschlag lang.
Nicht chaotisch. Nicht zufällig.
Zu präzise, um nur Wind zu sein.
Ein Luftzug streicht über meine Knöchel, gezielt, wie zwei Finger, die mich an die Grenze tippen.
Nicht Strafe.
Grenze.
Nicht: Du bist schlecht.
Sondern: Du bist zu laut. Werde klar.
Mir wird kalt in den Zähnen, obwohl die Luft nicht kälter wird.
Das ist das Gefühl, ertappt zu sein, nicht von einem Richter, sondern von einer Schwelle.
Ich schlucke.
Meine Kehle brennt, nicht vom Rauch, sondern vom Festhalten.
Und dann tue ich etwas, das sich für mich anfühlt, als würde ich mich selbst entwaffnen:
Ich bitte.
Nicht um Vergebung.
Nicht um „mach mich brav“.
Nur um Zustand.
Klar. Bitte. Klar.
Kein Satz. Kein Theater.
Ein inneres Knien, ohne Knien.
Das Wasser im Becken beruhigt sich Welle für Welle.
Nicht plötzlich. Sichtbar.
Die zweite, zu saubere Bewegung, die meine war, verliert ihre Kante und wird wieder echte Unordnung, echte Natur.
Der Wind fällt in sich zusammen.
Die shide sinken.
Der Hof wird wieder zu dem, was er sein will: kein Ort der Kontrolle, sondern ein Ort der Klarheit.
Erleichterung trifft mich so heftig, dass sie weh tut.
Meine Knie werden weich.
Ich hasse es, weil Weichsein sich gefährlich anfühlt, wenn man immer befürchtet, man selbst sei die Gefahr.
Und in dieser Weichheit kommt das schwerste Gefühl von allen, weil es mich nicht zerbricht, sondern bindet:
Mitgefühl.
Nicht süß. Nicht glänzend.
Mitgefühl ist ein schweres Tier, das sich in meiner Brust hinlegt und sagt:
Dieser Ort trägt so viele. Trag du ihn nicht kaputt.
Ich spüre plötzlich die Menschen,
die nicht hier sind:
die Hände, die Münzen werfen,
die Stirnen, die sich beugen,
die Lippen, die „bitte“ sagen, ohne es laut zu sagen.
Und ich weiß: Ich verletze nicht nur Körper.
Ich verletze Vertrauen.
Ein Schritt im Hof.
Ein alter Mann ist da, früh wie der Schrein.
Er hält eine Münze zwischen zwei Fingern. Keine Hast. Keine Gier.
Er schaut kurz zum Wasser, kurz zu den shide und macht nur: „Hm.“
Dieses „Hm“ ist keine Analyse.
Es ist Anerkennung: Ja. Die Welt hat
sich bewegt.
Er wirft die Münze in den saisenbako.
Das Klacken ist klein, hart, echt.
Es zieht mich zurück in die Gegenwart.
Er verbeugt sich, schlicht, korrekt, ohne Show.
Er schaut zu mir.
Ich spüre das winzige Zögern, die Schublade, die er suchen könnte.
Meine Füße. Mein Rot-Weiß. Meine Augen.
Mein Körper zieht sich schon zusammen, bereit für das Urteil.
Aber es kommt nicht.
Er atmet aus.
Und dieses Ausatmen tut etwas, was kein Zauber kann:
Es lässt mich existieren, ohne mich zu erklären.
Da brechen die Tränen durch.
Nicht als Drama.
Als Wasser, das endlich einen Weg findet.
Eine Träne, dann noch eine, warm auf der Haut.
Und ich merke, wie mein Körper aufhört, sich selbst zu bekämpfen.
Ich senke den Blick auf meine Füße.
Staub in den Sohlenlinien. Ein kleines Steinchen steckt fest und drückt.
Ich lasse es.
Weil Kontakt mich ehrlich hält.
Glätte macht mich gefährlich.
Das Beben ist vorbei.
Sagt die Stille. Sagen die Dinge, die wieder still stehen.
Aber die Last bleibt, und ich spreche sie mir nicht schön.
Ich werde diese Wildmagie mein Leben lang tragen.
Nicht als Geschenk. Als Verantwortung.
Sie macht mich nicht böse.
Aber sie macht mich niemals sorglos.
Ich berühre noch einmal das kalte Wasser.
Diesmal würfelt die Magie nicht als
Wind, nicht als Muster, nicht als Befehl.
Sie würfelt klein, naturklein:
Ein winziger Moosfaden in einer Ritze am Stein wirkt für einen Herzschlag grüner, als hätte er sich entschieden, heute zu leben.
So unspektakulär, dass niemand „Magie“ sagen würde.
So groß, dass mein Brustkorb endlich wieder Luft bekommt.
Ich bleibe noch einen Moment stehen, bis mein Atem tiefer wird.
Bis die Hände nicht mehr drängen.
Bis die shide still sind und der Hof mich nicht mehr korrigieren muss.
Der Schrein hält mich aus.
Nicht weil ich perfekt bin.
Sondern weil Reinheit nicht bedeutet, nie zu wanken.
Reinheit bedeutet: zu wanken, und trotzdem nicht zu greifen.