
Dies ist eine Leseprobe aus meinem gleichnamigen Roman und die Fortsetzung von - Unsere Träume warten hinter dem Horizont -
Vorwort Sommer 1981 »Es wird Zeit für mich, zu gehen. Ich muss wieder nach Hause«, sagte Mica Böhm, schlang die Arme um ihre Beine und legte den Kopf auf die Knie. Ihr rechter Mundwinkel zuckte. Sie saß auf ihrer roten Wolldecke vor dem
Lagerfeuer, das Tom Thorwell vor einer halben Stunde für sie angezündet hatte. Der Mann, den sie gerade mal ein paar Tage kannte und der ihr doch so vertraut war, aus Erzählungen anderer, die ihn besser kannten als sie. Die mit ihm gelebt und gearbeitet hatten. In einer anderen Zeit. In einer anderen Welt, die wenig mit der Welt zu tun hatte, in der sie lebte. Sie war Polizistin, alleinstehend, hatte Kollegen, Freunde, Bekannte und eine kleine Wohnung. Sie hatte regelmäßige Arbeitszeiten, berufliche Ziele und bis diesen Sommer eine ziemlich genaue Vorstellung von ihrem Leben, ihrer Welt gehabt. Aber seine war eine andere.
Er war ein Vagabund ohne festen Wohnsitz, ohne Job und Familie. Seine Haut war tief gebräunt. Er trug verschlissene Jeans, halbhohe Westernboots, ein dunkelrotes Hemd und einen Dreitagebart, der ihn um einiges älter wirken ließ, als seine neunzehn Jahre. Kummer und ein entbehrungsreiches Leben hatten tiefe Falten in sein Gesicht gegraben. Seine Freundin war an Krebs gestorben. Er hatte eines Nachts ihre Urne ausgegraben und war mit einem Pferd von Salzburg, über die Schweiz nach Frankreich geritten, um ein Versprechen einzulösen und ihre Asche am Meer zu verstreuen.
Jetzt saß er ihr gegenüber. Unterhalb der Stadt Carolle, in der Normandie, wo sie an der Küste ihr Zelt aufgeschlagen und auf ihn gewartet hatte. Sie blickte in den Himmel und atmete den Duft nach Meer und Salz und den Gräsern und Blumen der Küste ein. Dann schaute sie in das Dunkel hinter ihm und versuchte zwischen den Sträuchern und Pinien eine Bewegung von seinem Pferd zu erkennen, das stets frei herumlief, aber sofort kam, wenn er nach ihm rief. Schließlich sah sie Tom wieder an. Sie war ihm bis hierher gefolgt, in den Westen Frankreichs, aber jetzt war ihr Urlaub vorbei.
Sie hatte jeden Urlaubstag, jeden Zeitausgleich und jede freie Stunde zusammengekratzt, um Tom zu finden. Aber ihr Guthaben war aufgebraucht. Sie musste nach Hause. Sich ihrem Job und ihrem Alltag stellen. Zurückkehren in ihre eigene Welt und ihn der seinen überlassen. Wenn sie daran dachte und ihn ansah, spürte sie ein Gefühl der Leere in sich, als würde sie in einem Fahrstuhl stehen, der plötzlich nach unten sackte. »Ja. Ich denke, es wird auch für mich Zeit, weiterzuziehen«, antwortete Tom mit ruhiger Stimme, und folgte ihrem Blick hoch zu den Sternen, die nach und
nach den nächtlichen Himmel erhellten. Hinter ihm in der Dunkelheit scharrte das Pferd mit den Hufen im steinigen Boden und schüttelte den Kopf, um lästige Fliegen loszuwerden. Vom Meer wehte der Wind herauf, die Luft war durchsetzt mit Salz, dem Rauch des Lagerfeuers und dem Geruch der Pinien hinter ihnen. Die Sonne, die bis vor kurzem noch eine Handbreit über dem Meer gestanden hatte, war inzwischen, einem glühenden Ball gleich, in den Wellen verschwunden und hatte einer Dunkelheit Platz gemacht, in der nur die Flammen ihres Feuers tanzten. »Ich habe Jessica ans Meer gebracht. An
diese Küste, die sie unbedingt sehen wollte. Jetzt ist sie hier und für immer mit ihr verbunden. Ich hoffe, sie findet hier ihren Frieden. Der Atlantik ist rau und wild, kein sanftes Wesen, aber das war auch Jessica nie. Sie war eine Rebellin, stark und wild, das dem Leben getrotzt hat, bis der Krebs sie besiegt hat. Die Urne nehme ich mit in die Camargue, um sie dort zu begraben. Irgendwo auf einem Stück Land, über das die weißen Pferde laufen. Das war ihr Wunsch.« Sein Blick ging zu dem Felsen, neben den er die Urne von Jessica, seiner großen Liebe, gestellt hatte und dann zurück zu Mica. Sie trug eine fransige
Levi’s, eine rosa Bluse und ihre Sportschuhe, mit denen sie auf den sandigen Wegen zum Meer hinunter keinen richtigen Halt fand. »Komm mit mir«, sagte sie leise, als ob sie fürchtete, die Stimmung des Abends zu stören und schaute Tom an, der den Kopf gesenkt hatte und in die Flammen des Lagerfeuers starrte. »Wohin?« »Nach Hause.« »Ich bin zu Hause.« »Nein. Ich meine in ein richtiges zu Hause.« »Das ist mein zu Hause«, erwiderte er und ließ seinen Blick über den dunklen, mit kniehohem, hartem Gras und Büschen
bewachsenen Hang wandern, auf dem ihr Zelt stand und er daneben sein Lager aufgeschlagen hatte, das nur aus ein paar Decken und einem alten Schlafsack bestand. Über die schwarzen Klippen weiter unten, gegen die der Atlantik mit weiß schäumenden Wellen lief und das Meer, das sich in der Dunkelheit vor ihnen ausbreitete. Unendlich weit. »Ein anderes habe ich nicht.« »Ich könnte dir eines geben«, sagte Mica. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Sie reckte das Kinn nach vor. Ihre Augen suchten die seinen, während ihre Finger sich in sich selbst verflochten. Ihr einziger Halt an diesem
Abend. Diese Reise hatte etwas in ihr ausgelöst. Eine Veränderung, deren Natur sie nicht benennen konnte. Der Wind spielte in ihren aschblonden Haaren, die von der Sonne in den letzten Tagen gebleicht waren, und ließ sie blinzeln. Sie wusste nicht, warum sie ihn fragte. Warum sie ihn in ihre Welt holen wollte. War es Mitleid mit dem Jungen, obwohl er nicht verloren wirkte? Tom schien mehr in sich zu ruhen, als sie selbst. Er hatte seinen Schmerz tief in seinem Inneren vergraben und genau dort würde er bleiben, da war sie sich sicher. War es eine Art Verbundenheit, die sie für ihn fühlte? Einfach das Gefühl, ihn zu kennen, weil sie schon so lange auf
seiner Spur war? Oder war der Augenblick nur der Stimmung geschuldet? Dem Lagerfeuer, dem Rauschen des Meeres, dem Sternenhimmel und ihrer Einsamkeit, wenn sie an zu Hause dachte? Er hatte sie noch nicht mal geküsst, hatte ihr nicht gesagt, dass er sie mochte, dass er sein Herz an sie verloren hatte, so wie sie das ihre an ihn. Was wartete zu Hause schon auf sie, außer dem Job und dem Alltag, dem sie für eine kleine Weile entflohen war? »Du kennst mich doch nicht. Du weißt nur meinen Namen«, unterbrach Tom ihre Gedanken und warf ihr über das Feuer hinweg einen langen Blick zu. »Ich bin
ein Vagabund. Meine einzigen Freunde sind ein Pferd und ein Schäferhund. Alles, was ich besitze, habe ich bei mir. Alles was ich vom Leben will, ist, meine Reise in die Camargue zu einem guten Ende zu bringen. Was danach kommt, liegt in den Händen der Götter.« Unwillkürlich sah Mica sich wieder um, nach dem Pferd, das sie ab und an hören konnte und dem schwarzen Hund, der wie ein unheimlicher Schatten irgendwo zwischen den Felsen saß und jeden Schritt von Tom überwachte. »Ich kenne dich besser, als du ahnst, und könnte dir mehr geben, als du denkst«, hörte sie sich sagen, bevor sie ihre Worte überdenken konnte, kniff die Lippen
zusammen und senkte den Blick, verschämt, weil sie diese Sehnsucht in ihrem Herzen spürte, wenn man sich zu einem anderen Menschen hingezogen fühlt und weiß, dass dieses Gefühl nicht erwidert wird. »Du könntest bei mir wohnen, einen Job suchen und wir verlieben uns ineinander, was hältst du davon«, sprach sie schnell weiter, und schickte ein leises, unsicheres Lachen hinterher, obwohl ihr nicht zum Lachen war. Sie senkte den Kopf, damit er ihr nicht in die Augen sehen konnte. »Es wäre leicht, mich in dich zu verlieben«, hörte sie ihn sagen. »Du bist hübsch, hast ein Lachen, das mitreißt und
schöne Augen, die einem Mann wie mich verzaubern.« Seine Stimme wurde eine Nuance dunkler. »Aber da ist noch immer Jessica, die zwischen uns steht. Ich muss erst darüber hinwegkommen. Es wäre dir gegenüber nicht fair. Ich brauche einfach noch Zeit. Zeit, um loszulassen, Zeit, um mich selbst zu finden.« »Du reitest also weiter und ich fahre nach Hause. Du ziehst mit deinem Pferd und mit dem Hund durchs Land und ich schreibe Strafzettel und ärgere mich mit Typen herum, die kiffen, klauen, Autos knacken oder ihre Frauen verprügeln.« »Es tut mir leid, Mica. Du hast so viel auf dich genommen, um Alice zuvorzukommen, um uns zu beschützen.
Du bist so weit gereist, um mich kennenzulernen. Aber ich bin noch nicht so weit, für ein anderes zu Hause. Es hat mich gefreut, dich kennenzulernen und ich bin dir dankbar für alles, was du für uns, für mich getan hast, auch wenn das platt klingt. Aber ich habe das alles hinter mir gelassen, weil ich noch viel zu viel Platz um mich herum brauche. Weil mein Herz zu schwer ist, um es in die Hand einer anderen Frau zu legen. Weil ich Jessica in jedem Augenblick, jedem Atemzug und jedem Herzschlag vermisse. Kannst du das verstehen?« Er senkte den Kopf, griff nach einem Stock und stocherte in einer hilflosen Geste im Feuer herum, das für einen Moment hell
aufloderte und weißen Rauch und orange-rote Funken zum Meer hinunter schickte. »Irgendwann wird es leichter werden, irgendwann wird der Schmerz weniger und ich den Göttern verzeihen können, dass sie mir meine Liebe genommen haben. Ich bin mir sicher, dass es so kommt, ich bin mir sicher, dass ich irgendwann wieder lieben kann. Eines Tages, wenn sehr viel mehr Wasser den großen Fluss hinunter geflossen ist.« »Vielleicht ist es dann aber für mich zu spät«, sagte Mica leise, mit einem Kratzen im Hals. Ihre Stimme kam ihr seltsam verloren vor. So verloren, wie sie sich fühlte, weil sie selbst nicht wusste, warum sie ihn nicht gehen lassen
wollte. Warum sie ihn festhalten und beschützen wollte. Vor sich selbst und den Gefahren, die auf seinem weiteren Weg warteten, und sei es nur die Gefahr, ein weiteres Mal in seinen Gefühlen verletzt zu werden. »Das wird uns die Zeit zeigen. Darauf muss ich es ankommen lassen.« Tom hob den Kopf und sah sie an. In seinen Augen tanzten die Flammen, doch dahinter schimmerte ein Schmerz, der Mica betroffen den Kopf abwenden ließ. Sie lauschte auf die brechenden Wellen, die weiß schäumend im Mondlicht gegen die Felsen donnerten und wäre doch am liebsten zu ihm gegangen, um ihn in die Arme zu nehmen, ihn an sich zu drücken,
seinen Herzschlag zu spüren und ihm die Liebe zu geben, die er so sehr zu vermissen schien. Sie verwünschte ihren Job, ihr altes Leben, ihr Pflichtbewusstsein, nach Hause zurückkehren zu müssen und fragte sich zum wiederholten Male, wie es wäre, mit ihm zu gehen. Durchs Land zu ziehen. Einfach alles hinter sich zu lassen, wie Jessica und er es getan hatten. Keine Fragen nach dem Morgen, nur dem Jetzt verpflichtet und wusste im gleichen Augenblick, dass sie ihren Gefühlen nicht folgen konnte, dass es bei ihrem Wunsch bleiben würde. Eine Zeile aus dem Song ›Me and Bobby McGee‹ von Janis Joplin ging ihr durch den Kopf.
»Freedom’s just another Word for nothin left to lose« Sie konnte nicht einmal reiten, hatte kein Pferd, keine Ausrüstung und dieser Tage das erste Mal in einem Zelt übernachtet. Eine fremde Welt für sie, und doch konnte sie sich irgendwo tief in ihrem Herzen vorstellen, sich irgendwann darin zu Hause zu fühlen. Irgendwann. Irgendwie. Was hätte sie dafür gegeben, noch eine Weile zu bleiben, und einen langen Moment hoffte sie, dass er ihr anbot, mit ihm zu kommen und wusste doch sofort, dass er das nicht tun würde. Auch nicht, wenn sie ihn darum bat.
»Wirst du bei mir anklopfen, wenn du wieder in der Stadt bist?«, fragte sie stattdessen, und schaute auf eine Fledermaus, die lautlos vor ihr im Wind kreuz und quer durch die Luft nach Insekten jagte. Sie hörte, wie das Wasser drüben bei der Quelle über die Steine plätscherte, das Scharren von kleinen Hufen der Tiere, die jetzt, da der Tag zur Neige ging, über den Hang zur Tränke kamen. Das flackernde Licht des Lagerfeuers lag auf ihrem Gesicht. »Weißt du denn, wo du mich finden wirst?« Tom sah sie so lange an, bis sie seinen Blick erwiderte.
»Du bist eine Polizistin. Wenn es unser Schicksal ist, werde ich dich finden.«
Kapitel - I - Früh am nächsten Morgen öffnete Tom Thorwell die Augen und blinzelte in das blaue Licht der Dämmerung. Es war sehr still. Bis auf das Pulsieren des Bluts in seinen Ohren war kein Geräusch zu hören. Die Möwen und Landvögel schliefen noch. Nur vereinzelt waren ein paar müde Zikaden zu vernehmen, die in den felsigen Dünen unter ihm zirpten. Selbst die Wellen des Atlantiks schienen
träge an die Klippen zu rollen, obwohl die Flut noch nicht ihren Höchststand erreicht hatte. Ihr stetes Rauschen war heute leiser als sonst. Der Hund saß unter den Pinien am Rand ihres Lagers und schaute ihn mit wachen Augen an. »Schläfst du denn nie, mein Freund?«, murmelte Tom verschlafen und warf seine Decke zurück. Er setzte sich auf und lauschte auf die Geräusche ringsum, das leise Plätschern der Quelle neben dem Lager, den Wind, der in den Blättern der Sträucher spielte, dem sanften Rauschen des Meeres. Im Zelt nebenan war es ruhig. Mica schlief. Sie würde erst in zwei oder
drei Stunden aufwachen und aus ihrem Zelt kommen, um dann zu merken, dass er längst aufgebrochen war. Tom hatte überlegt, auf Mica zu warten, für ein letztes Frühstück, eine letzte, zögerliche Umarmung, ein paar belanglose Worte, bevor sie beide ihrer Wege gingen. Aber dann hatte er sich dagegen entschieden. Sie hatte ihm von ihrer kleinen Schwester erzählt, die vor Jahren verschwunden und nie wieder aufgetaucht war, ihr ganz eigener Beweggrund, ihm und Jessica zu folgen. Von Alice, Jessicas Freundin, von ihrer Suche nach ihm und von Lisbeth Gruber, die ihn und Jessica einst in ihrem Hotel mit angrenzendem Reitstall
aufgenommen hatte und wie sie ihn durch einen glücklichen Zufall und beruflichem Instinkt gefunden hatte. Es gab nichts mehr, dass er ihr noch hätte sagen können. Es gab nichts mehr, worüber er reden wollte. Es war ohnehin alles gesagt. Er hatte ihr in den letzten Tagen mehr erzählt, mehr von sich preisgegeben, als er es jemals sonst bei anderen Menschen getan hatte, ohne zu wissen, warum. Vielleicht war es ihre stille Art, ihm zuzuhören. Vielleicht aber auch sein Wunsch, sich mitzuteilen. Seinen Kummer mit ihr zu teilen. Weil ihn ihre Verletzlichkeit rührte, die hinter ihrer Schale steckte, die sie nach außen hin
trug. Er stand auf, streckte sich mit knackenden Gliedern, nahm seinen Hut und ging zum Rand ihres Lagerplatzes. Der pfefferfarbene, von schwarzen Steinen durchbrochene Sand fühlte sich kühl unter seinen bloßen Füßen an. Am Abgrund stehend blickte er über den mit hohem Gras und niedrigen Sträuchern überwucherten Hang hinunter, auf den Atlantik, der zwei Steinwürfe weit unter ihm lag. Die Sonne war noch hinter dem Hügel, schickte aber ihre Strahlen bereits über das Wasser, das mit den glitzernden Wellen ein Meer aus Licht schuf. Beinahe friedlich rollte die See heute gegen die Klippen an, schickte die
Wellen hoch, überspülte die Felsen und zog sich wieder zurück. Vor und zurück. Wie das gleichmäßige Atmen eines schlafenden Riesen. Still betrachtete Tom mit der Sonne im Rücken, den Weg der Wellen, das Aufschäumen, zurückziehen, die Veränderungen des Lichts und der tanzenden Schatten über der Küstenlinie, die sich links und rechts vor ihm hinzog. Er drehte seinen Hut in der Hand, glättete den Rand, drückte eine Delle aus der Krone und wischte dabei einen Fleck aus dem Filz. Anschließend setzte er ihn auf und rückte ihn zurecht. Seine Gedanken wanderten wieder zu Jessica, den Tagen, als es ihr noch gut
ging. Beinahe konnte er ihr Lachen hören. »Ihre Stimmen vergessen wir zuerst«, hatte ihm sein Freund Erik einmal erklärt. »Keine Ahnung warum. Ihre Gesichter bleiben für immer. Sogar ihr Lachen hast du lange im Ohr, aber die Stimme vergeht. Sie ist irgendwann nicht mehr abrufbar.« Tom hatte damals versucht, sich an die Stimme von Big Mama, der Zigeunerin, die Jessica in ihr Herz und ihr Leben aufgenommen hatte, zu erinnern. Aber da war nichts mehr. Wenn er die Augen schloss, hatte er jedes kleine Detail ihres Gesichts im Kopf, sah ihre Augen, die tief in sein Herz blicken konnten, vor
sich. Er hätte sie auch von hinten an ihren Bewegungen, an ihrer Haltung erkennen können. Aber ihre Stimme war nach mehr als drei Jahren vergessen. »Nein«, sagte Tom, und erschrak beinahe über seine eigenen Worte, die sich in der Stille des Morgens laut anhörten. »Deine Stimme vergesse ich nicht, liebste Jessie. Wie sollte ich auch?« Er konnte beinahe ihre Fröhlichkeit, ihren Lebensmut spüren, an den sie sich bis zuletzt geklammert hatte. Ihm schien, als hörte er plötzlich die Klänge ihrer Mundharmonika, rief sich ihre Stimme ins Gedächtnis, um sich immer daran zu erinnern und summte mit ihr - Tu t’en
vas - das französische Chanson von Alain Barrière, das sie so gerne gespielt und gesungen hatte, das von der Liebe erzählte, die dabei war, von ihm zu gehen. Deine Stimme vergesse ich nie, aber dich muss ich zurücklassen, dachte er. Auch wenn du für immer in meinem Herzen wohnst, ist das hier ein Teil deiner neuen Heimat. So wie du es dir gewünscht hast. Er verharrte noch eine lange Weile, verloren in der Zeit, bis sich die erste Möwe weit unter ihm von ihrem Schlafplatz erhob und krächzend in den Himmel stieg, um mit der Morgenbrise aufs Meer hinauszufliegen. Erst als sie mit dem grauen Dunst über
dem Meer verschmolz und für ihn unsichtbar wurde, wandte er sich um und ging zur Quelle zwischen den Felsen, um sich zu waschen. In deren Schatten sammelte sich das Wasser unter einem schmalen Wasserfall in einem knietiefen Becken, bevor es als Bach auf das Meer zulief. Tom starrte auf die glitzernde Oberfläche, die sich im Wind kräuselte, ging in die Knie, legte den Hut neben sich, wischte mit den Händen durch das eiskalte Wasser und trank daraus. Anschließend wusch er sich das Gesicht, ließ das Wasser über den Kopf in den Nacken laufen und strich sich die Haare aus den Augen. Seine Haut war von Salz
und dem Sand überzogen, den der stete Wind über das Land trieb. Er drehte den Kopf und wandte das Gesicht in die Brise, die den vor ihm liegenden Hang herunter wehte. Es war ein wunderschöner Tag. Überall funkelte Tau auf den Hängen, der Wind flüsterte im Gras und raschelte im Laub der Bäume. Es wurde Zeit aufzubrechen. Er würde später frühstücken, unterwegs, wenn er wieder allein war. Unter den aufmerksamen Augen des schwarzen Schäferhundes ging er ins Lager zurück, packte die wenigen Sachen, die er besaß in seine Satteltaschen, verstreute die kalte Asche unter den Sträuchern und schichtete
frische Zweige und Zunder für ein neues Feuer auf. Dann hockte er sich vor die Steine der Feuerstätte, legte seine Hände auf die Knie und ließ sein Gesicht von der Sonne wärmen. »Sie braucht morgens eine Weile, bis sie richtig wach ist«, erklärte er dem Hund mit einem Lächeln in den Augen und warf einen schnellen Blick auf Micas Zelt, aus dem das raschelnde Geräusch ihres Schlafsacks kam, als sie sich darin herumdrehte. Ein Muster aus Licht und Schatten lag vor dem Zelt. Die warme Brise, die vom Hang zum Meer herab wehte, beugte das Gras und brachte den Geruch der Felder vor der Stadt mit sich. Für einen kurzen Moment wünschte Tom
sich, Mica noch einmal zu sehen, aber gleichzeitig wandte er sich ab, bevor sie aus dem Zelt kam und ging, um sein Pferd zu rufen. Flamenca kam zwischen den Pinien hervor, sowie er sich erhob und Ausschau nach ihr hielt, fast als hätte sie auf ihn gewartet. Es hob den Kopf und stellte die Ohren auf. Ein Zittern huschte über seine Haut, als eine Bremse auf seinem Rücken landete. »Braves Mädchen«, flüsterte Tom, mehr zu sich selbst gewandt, verscheuchte die Bremse und legte ihr die schwere Decke und den Sattel auf. Reglos ließ die Stute die Prozedur über sich ergehen. Tom streifte ihr das Zaumzeug über, schnallte
die Satteltaschen, seinen langen australischen Regenmantel und den Schlafsack fest und stieg auf. Er ließ seinen Blick über das Lager schweifen, das sauber und aufgeräumt wirkte, und ritt los. Der Hund folgte ihm lautlos. Für den Aufstieg über den gewundenen Pfad den Hang entlang war nur das Knarren des Sattelleders und das Klacken der Hufeisen auf dem steinigen Weg zu hören. Oben am Kamm angekommen, wandte Tom sich im Sattel um, schaute hinunter zum Strand, auf dem er Jessicas Asche verstreut hatte und fragte sich, ob sie hier war, ihn sehen könnte. Ihn vielleicht bei seinem Tun beobachtete.
Er drehte den Kopf, suchte den Hang bis zum Meer hinunter nach einem Zeichen ab und verharrte mit den Augen bei ihrem Lagerplatz, tief unter ihm. Von hier aus hatte er einen guten Blick auf Micas dunkelgrünes Zelt, das unter den Pinien stand und mit seinem Hintergrund beinahe verschmolz. Es war von seinem Standort kaum zu erkennen. Flamenca scharrte mit dem Vorderhuf über den steinigen Boden und wieherte verhalten. »Ja, alles klar«, murmelte Tom, und wandte sich nach Osten. Die Sonne stand bereits eine Handbreit über dem Horizont.
Es wurde Zeit für sie zu gehen. Am Himmel war keine Wolke zu sehen, die Luft war noch kühl. Sein Blick wanderte ein letztes Mal über das Meer, das funkelnd und geheimnisvoll vor ihm lag, als könnte er sich nicht von ihm trennen. In Momenten wie diesen, wenn das Meer in der Morgensonne glitzerte, das Gras sich flüsternd wiegte und der Duft eines Tages aufstieg, der heiß zu werden versprach, wusste er, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte. Du bist jetzt eins mit dem Meer, Jessica. Mit dem Land, mit dem Wind, dachte er, und sein Herz wurde schwer. Der Schatten einer Möwe, die über ihm flog,
legte sich auf sein Gesicht. Eigentlich war er noch nicht bereit, den Ort zu verlassen, aber Flamenca setzte sich in Bewegung und trabte an, lief den mittlerweile vertrauten Weg der Sonne entgegen, und Tom ließ sie gehen. Vor der Stadt waren die ersten Häuser zu sehen, aber keine Menschenseele auf der Straße. Vereinzelt hingen Rauchfahnen in der klaren Luft. Tom hätte gerne einen Blick hinter die Mauern der Häuser geworfen. Er stellte sich vor, wie die Leute ihre Vorkehrungen für den kommenden Tag trafen. Unter der Dusche standen, Frühstück zubereiteten, die Kinder weckten, um sie später in die Schule zu bringen und sich für den Job
fertigmachten. Alltägliche Handgriffe für ein alltägliches Leben. Gefangen in ihren Mühen und Pflichten, von denen sie sich nicht zu trennen wagten. Aus Furcht vor den Konsequenzen, weil sie keine Träume hatten oder sie ihnen bereits verloren gegangen waren. Er warf einen Blick auf seinen Hund, der linker Hand neben ihm lief, und zuckte kaum merklich mit der Schulter. »Würdest du so ein Dasein dem vorziehen, das wir haben?«, fragte er ihn, und dachte an das Leben, das er zurückgelassen hatte. Dem er sich so lange nicht entziehen konnte, bis es für
Jessica zu spät war. Der Hund hob den Kopf und sah ihn an, als würde er verstehen. Tom lenkte das Pferd auf den Weg in die Stadt, für eine letzte Besorgung. Als sie zurückkamen, lag der Zeltplatz genauso ruhig vor ihnen, wie zuvor. Er legte Mica ein frisches Baguette, einen Apfel und eine Flasche Perrier, das französische Mineralwasser, für ihre Reise zurück in ihr altes Leben auf den Beifahrersitz ihres Wagens. Danach stieg er wieder auf sein Pferd und ritt weg von der Stadt, die er plötzlich nicht mehr ertrug, folgte einem Pfad, der ihn die Küste entlang führen würde. Der Weg ging zwischen Felsbrocken
hindurch, die kühl, mit Moos und Flechten bewachsen waren und reichlich Schatten spendeten. Er würde später ins Landesinnere gehen. Morgen oder an einem der nächsten Tage. Zeit spielte ohnehin keine Rolle für ihn. Er war wieder unterwegs auf dem Weg in die Camargue. Nur das zählte. Nichts sonst. Eine halbe Stunde später erwachte Mica, schlug ihr Zelt auf, trat in den Sonnenschein hinaus und wusste sofort, dass sie allein war. Der Platz neben ihrem Zelt war leer. Kein Hund, der sie begrüßte. Kein Pferd, das mit den Hufen scharrte. Kein Tom, der Kaffee für sie gekocht
hatte. Sie versuchte ihre Müdigkeit abzuschütteln, rappelte sich auf, schaute auf das Meer, die Klippen, den Strand und betrachtete die Möwen, die mit dem Wind flogen und sich auf die Krabben am Strand stürzten. Anstatt zu schlafen, hatte sie den größten Teil der Nacht damit verbracht, an Tom zu denken. Eine lange Weile stand sie da, stocksteif, blinzelte in den ewigen Wind, der hier nie zur Ruhe kam und winkte in die Richtung, in der Tom verschwunden sein musste, das Herz schwer vor Kummer. Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie hatte sich danach gesehnt, ihn heute Morgen neben sich zu sehen, zu spüren,
und hätte vielleicht gewagt, ihn zu fragen, ob er sie mit sich nahm. Vielleicht. Sicher wusste sie es nicht. Sie wusste in diesem Augenblick nur, dass sie in den wenigen Tagen mit ihm ein anderer Mensch geworden war. Mit ihren Händen formte sie einen Trichter und schrie Toms Namen in den Wind. In der Stille klang ihre Stimme laut, die Bäume bei der Quelle warfen ein Echo zurück. »Ich hoffe, ich sehe dich wieder, du verrückter Kerl«, setzte sie nach. Aber Tom Thorwell war längst hinter den Hügeln verschwunden. Nur eine Möwe, die über dem
verlassenen Platz kreiste, antwortete ihr. * * * Eine Stunde später, nachdem sie die Stadt hinter sich gelassen hatten, ritt Tom, begleitet von seinem Hund, einen schmalen Bergpfad hinauf, die Küste entlang und kam an einen Abschnitt, an der sie steil abfiel. Felsig, mit hohem, hartem Gras, das zwischen dem Sand und den Steinen wuchs und ein paar verkrüppelten Weiden, aber es waren keine Menschen oder Ansiedlungen zu sehen. Tom lenkte sein Pferd bis an den Abgrund, nahm den Hut ab und kratzte
sich am Kopf. Tief unter ihm warf der Atlantik schäumende Wellen gegen den Strand und der Wind zerrte an seinem Hemd. Ein Stück weiter südlich machte die Küste einen Bogen Richtung Westen und er konnte in der Ferne eine Handvoll Häuser erkennen. Ein Fenster glitzerte in der Morgensonne. »Was meinst du?«, fragte er den Hund und nickte ihm zu. »Der Platz ist doch wie geeignet, um hier zu frühstücken.« Er wendete Flamenca, ritt auf die Gruppe Weiden zu, stieg ab, holte einen kleinen Klappspaten aus der Satteltasche und sah sich nach Steinen und Holz für ein Lagerfeuer um. Der Wind blies durch die Bäume und klang dabei wie das Rauschen
eines Flusses. Das Pferd senkte den Kopf und rupfte die jungen Halme zwischen dem trockenen Gras. Der ganze Hang hinauf bis zu einer Kuppe war mit struppigen Kiefern bewachsen. In ihrem Schatten krächzten eine Schar Krähen. Tom kratzte ein Stück blanken Felsen frei, legte rundum einen Ring aus Feldsteinen, sammelte unter den Bäumen einen Armvoll Zweige und trockenes Reisig, türmte sie an der Feuerstelle zu einem flachen Haufen auf. Er schichtete trockenes Gras auf, brach eine Handvoll Reisig darüber und zündete es mit einem Streichholz an. Kurz darauf knisterte ein kleines Feuer, über das er einen Wasserkessel hängte. Der Wind fuhr in
die Flammen und wirbelte tanzende Funken in den Himmel, und in der Glut knackten die von Sand überzogenen Kiefernzweige. Der Rauch trieb durch die Äste der Bäume über ihm. Als das letzte Blau aus dem Morgen verschwunden war und die Sonne das Meer vor ihm zum Strahlen brachte, brühte er Kaffee auf und grillte auf Weidenruten gespießte Würstchen. Der Hund sah ihm aufmerksam zu. »Für dich hab ich was Besseres«, nickte ihm Tom zu. »Kalbfleisch mit Getreide und feinem Gemüse, wie hört sich das an?« Er kramte in der Satteltasche und holte eine Dose Hundefutter heraus. »Einmal etwas anderes, als das Zeug, das
du sonst hinunterschlingst.« Er öffnete mit dem Messer die Dose. Der Hund schnupperte daran, verhielt sich still und hielt die Augen auf Tom gerichtet. Seine Lefzen waren leicht nach oben gebogen, sodass es aussah, als grinste er. Tom kratzte mit einer Gabel die Hälfte heraus. »Den Rest gibt es morgen.« Der Hund fraß langsam, beinahe genüsslich sein Frühstück. Tom nahm sich die Würstchen und knabberte an dem Baguette, das er am Vortag aus Carolle geholt hatte. »Ein Fauxpas, ich weiß«, nickte er dem Hund zu, der ihn unter zusammengekniffenen Augenbrauen
musterte. »Ein Baguette isst man nur frisch, ich hätte heute Morgen auch eines für mich mitnehmen können, aber dann hätte ich dieses hier wegwerfen müssen und dazu ist es mir zu schade.« Er zupfte ein großes Stück ab und steckte es in den Mund. »Verrat mich bloß nicht, wenn wir das nächste Mal in einen Laden kommen.« Nach dem Frühstück bedeckte er das Feuer mit Sand und Erde, rollte die Steine auseinander und ging hinunter zum Meer, um sein Geschirr und die Hände zu waschen. Kniehohe Wellen klatschten auf den Sand und warfen neben Seetang auch winzigen Krabben an den Strand, auf die sich kreischend eine
Schar Möwen stürzte. Er dachte über Micas Worte vom Vorabend nach. Über das Zuhause, das sie ihm angeboten hatte und ein Lächeln, das keines war, nur ein Verziehen der Lippen dehnte seinen Mund. Irgendwie ist mein Leben, wie ich es jetzt führe genau das, was ich immer wollte, dachte er. Jessica fehlt mir, aber gleichzeitig ist sie auch stets in meiner Nähe. Auch wenn er nicht erklären konnte, wie es sich anfühlte. Es war mehr eine Wahrnehmung, als ein Gefühl, so wie er wusste, dass sein Hund oder sein Pferd in seiner Nähe waren, ohne dass er sie sah. Ein Psychologe würde wahrscheinlich
meinen, dass der Moment oder der Glauben daran aus einer Depression geboren war und mit ihm in einem Vokabular reden, mit dem er nichts anfangen konnte. Aber Worte brachten ihm ohnehin nie einen Trost, dann schon eher das Schweigen. Wie hatte es Ernest Hemingway einmal ausgedrückt? ›Man braucht zwei Jahre, um sprechen, aber fünfzig, um schweigen zu lernen.‹ Er hockte sich auf seine Fersen und blickte hinaus aufs Meer, auf die grünen Wellen, die sich vor ihm aufbäumten und am grobkörnigen Sandstrand zusammenbrachen. Sah zu, wie der Schaum sich ein ums andere Mal über
den Sand ins Meer zurückzog. Im Augenwinkel bemerkte er den Hund, der sich neben ihn setzte und wie er aufs Meer hinausschaute. »Irgendwo weiter oben im Norden an dieser Küste sind vor vielen Jahren die Alliierten gelandet und von deutschen Soldaten empfangen worden. Ein Gemetzel. Damals sind viele Tausend Menschen an dieser Küste gestorben, auf beiden Seiten. Schlimm, was sich Menschen antun, nicht wahr?« Der Hund warf ihm einen kurzen Seitenblick zu und schaute dann wieder aufs Meer hinaus. Auf die weite Unendlichkeit. Tom wandte den Blick von ihm ab, nahm eine Handvoll Sand
und ließ ihn zu Boden rieseln. Beobachtete wie ihn der Wind, in einer Fahne vertrug, sah wieder aufs Meer hinaus und ließ eine zweite Handvoll folgen. Allmählich flaute die Hitze des Tages ab. Die Luft war feucht und schmeckte nach Salz, die Sonne stand wie ein Feuerball über den Hügeln und die Gräser am Hang wiegten sich im Wind, der an dieser Küste nie zur Ruhe kommt. Mückenschwärme tanzten über dem Gras. Oben am Kamm schnaubte Flamenca, scharrte mit den Hufen und schüttelte sich. Offenbar hatten die kleinen Mücken und Pferdebremsen sie gefunden. »Na los, komm! Es wird Zeit zu gehen.
Wir werden der Küste weiter folgen, bis es wieder nach Süden geht«, sagte der Junge, stand auf und wischte die Hand an seinem Hemd sauber, das ihm der Wind gegen Brust und Bauch drückte. Gegen Mittag bereitete er mit den Vorräten, die er am Vortag eingekauft hatte, sein Essen. Auf dem Weg hierher hatte er nichts Brauchbares für eine Mahlzeit gefunden. Sie waren vor der Stadt Avranches nach Süden ausgewichen, hatten ein, bis auf ein Rinnsal ausgetrocknetes Flussbett durchquert, in dem keine Fische, keine Krebstiere, nichts, das er essen könnte, zu sehen war. Die Hitze des Sommers hatte das Wasser aufgesogen und die
Überreste des einst breiten Flusses blassgrün verfärbt. Also waren sie weiter nach Westen gegangen, um der Küste zu folgen. Noch war er nicht so weit, das Meer hinter sich zu lassen. Die nächsten zwei Nächte schlief er am Strand, ließ sich von dem Geräusch der Wellen in den Schlaf wiegen und schwamm am Morgen in der Brandung, bevor sie weiterzogen. Dann waren seine Vorräte aufgebraucht und er fragte in einem Gasthaus nach Arbeit. Der Wirt betrachtete ihn lange und ausgiebig. Sein Gesicht war von zu viel Alkohol aufgedunsen, sein Hals runzelig und schlaff, sein dunkles Haar kringelte
sich und hatte graue Strähnen. Er stellte ein Glas Bier auf die mit zinnfarbenem Blech beschlagene Theke und stützte sich mit seinen großen Händen darauf. Dann glitt sein Blick zur Seite und blieb dort an etwas oder jemandem hängen. Tom dachte, dass er ihn vielleicht nicht verstanden hätte und überlegte, wie er die Frage anders formulieren sollte, aber schließlich schüttelte der Wirt den Kopf. »Tut mir leid, mein Junge, aber ich kann zur Zeit niemand einstellen. Auch nicht für ein paar Tage. Ist grade nicht so viel los hier, du verstehst?« Seine Stimme war tief und rau. Tom ließ seine Worte im Ohr nachklingen.
»Ja, ist schon klar. Aber danke trotzdem«, erwiderte er dann, bevor das Schweigen unhöflich wurde, setzte seinen Hut auf und wandte sich ab. »Einen schönen Tag noch.« »Halt! Warte … «, rief der Wirt, runzelte die Stirn und wischte mit der Hand über sein Gesicht. In seinen Augen lag die Erkenntnis eines Verlusts, ein Ausdruck, der Tom an sich selbst erinnerte, an seine wilde Zeit, bevor ihn Jessica in ihr Leben zurückholte. Vielleicht hatte der Wirt vor langer Zeit selbst seine wilde Zeit gehabt, sie irgendwann hinter sich gelassen und dies in langen Stunden bereut, die er einsam
hinter dem Tresen stand, Gläser wusch, die in den Regalen hinter ihm verstaubten und auf Gäste wartete. »Es gibt einen Reitstall, keine drei Kilometer weiter. Die haben vielleicht Verwendung für einen wie dich.« Er schaute nachdenklich auf sein Glas und machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ist nicht böse gemeint, du siehst bloß etwas mitgenommen aus.« Tom sah an sich hinunter und lächelte. »Eine Dusche und warmes Essen, und ich bin wieder wie neu.« Der Wirt lachte gutmütig, hob das Bier zum Mund und winkte ihm kopfschüttelnd nach.
»Viel Glück, Cowboy.« Der Reitstall war ein in die Jahre gekommener Bauernhof, in dem ein halbes Dutzend Pferde im Schatten ein paar verstreuter Platanen mit hängenden Köpfen auf einer abgegrasten Weide standen. Sie beachteten die Ankömmlinge kaum, rupften nur lustlos an den dürren Gräsern oder hielten die Nasen, in der vagen Hoffnung, dass dieser die meisten Fliegen und Mücken von ihnen abhielt, in den Wind. Tom ritt in den grob gepflasterten Hof ein und sah sich um, als eine Frau Ende zwanzig, Anfang dreißig, aus der Tür trat. Sie drehte den Kopf in seine
Richtung, als sie den Hufschlag seines Pferdes hörte, und musterte ihn wie einen Vogel, der an ihre Fensterscheibe geprallt war. Dann kam sie mit hängenden Schultern auf ihn zu, das Gesicht hochgereckt, sodass das Licht darauf fiel. Sie blinzelte mit zusammengekniffenen Augen in den von gleißenden Sonnenstrahlen überfluteten Innenhof und hob den Arm vor die Stirn. Ihr Gesicht war schmal, sie hatte schulterlanges dunkelbraunes Haar und sah gut aus für ihr Alter. Sie trug eine helle, farblose Bluse ohne Ärmel über einer abgeschnittenen, knielangen Jeans und ihre nackten Füße steckten in braunen Sandalen.
»Bonne journée«, sagte Tom, nahm den Hut ab und lenkte sein Pferd so weit nach vor, bis die Frau in seinem Schatten stand und ihn sehen konnte, ohne geblendet zu sein. »Ich suche eine Bleibe für die Nacht, Futter für mein Pferd und den Hund und etwas zu essen für mich. Ich habe kein Geld mehr, aber ich würde gerne dafür arbeiten.« »Wo kommst du her? Du siehst aus, wie einer dieser Cowboys aus dem Fernsehen.« Ihre Augen glänzten, sie waren von graublauer Farbe. Ihr Gesicht zeigte weder Interesse noch Missfallen, ihre Stimme klang heiser und verzerrt,
als ob sie von einer Krankheit gezeichnet wäre. »Ich komme aus Österreich und habe mir eine Weile Auszeit genommen, um Frankreich kennenzulernen und durch Europa zu ziehen«, antwortete Tom. Ihre Frage überraschte ihn nicht. »Zu tun gäbe es genug«, sagte sie und ließ ihre Blicke zu einem Gebäude wandern, in dem der Stall untergebracht war. Es war aus Stein gemauert, gelb gestrichen und im oberen Bereich mit grünem Holz verkleidet. Die Türen standen weit offen. Der Boden sah aus, als wäre er erst kürzlich gefegt worden, die Boxen waren sauber, das Stroh in leuchtendem Gelb. Dann schaute sie ihn
an und reckte das Kinn nach oben, als würde sie nicht auf einen Fremden, sondern auf ein Wesen blicken, das ihr ein geheimnisvoller Gott und nicht ein glücklicher Zufall geschickt hatte. Sie spannte ihre Schultern an, um ihren Rücken zu strecken. »Ich habe selbst kein Geld, um dich zu bezahlen.« »Ich brauche kein Geld«, erwiderte Tom, und schenkte ihr ein zaghaftes Lächeln. In der Ferne konnte er sehen, wie der Himmel im Osten dunkler wurde und Regen sich ankündigte, während der Hof von den Sonnenstrahlen so gleißend hell wie Gold getaucht war. Ihm schien, als würde eine unwirkliche Schönheit über diesem Landstrich liegen, eine
Schönheit, die er weder selbst erfassen noch anderen beschreiben konnte. »Kost und Logis für ein paar Tage würden mir schon genügen.« Die Frau räusperte sich. Sie blinzelte in die Sonne. Ein Bussard zog über ihnen seine Kreise. So hoch oben, dass er beinahe mit den aufziehenden Schleierwolken verschmolz. »Ich bewirtschafte und führe den Reitstall allein. Ein Traum, den ich mir vor zwei Jahren erfüllt habe. Aber es gibt noch so viel zu tun und im Moment fühle ich mich wie erschlagen. Eine Sommergrippe. Das Schlimmste habe ich zwar überstanden, ich habe kein Fieber mehr, aber ich bin noch schwach auf den
Beinen und schaffe die anstehende Arbeit kaum.« Sie ließ die Schultern fallen und senkte den Kopf. Ihre Stimme war so rau und so leise, dass Tom sich anstrengen musste, sie zu verstehen.
»Ich könnte tatsächlich Hilfe gebrauchen. Du kannst in der Scheune schlafen. Sie liegt ein Stück den Weg da hinunter.«