Romane & Erzählungen
Unsere Träume warten hinter dem Horizont

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"Das Leben hat seine eigenen Spielregeln und nimmt auf niemanden Rücksicht"
Veröffentlicht am 05. Februar 2026, 62 Seiten
Kategorie Romane & Erzählungen
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Über den Autor:

Mein Name ist Marc de Sarno. Ich bin 1961 in der Nähe von Salzburg geboren. Ich habe verschiedene Ausbildungen absolviert. Für meine Berufe als Koch, Kommunikationstechniker, staatlich geprüfter Hufschmied, Mechatroniker und CAD-Techniker. Für meine Freizeit als Reitlehrer, Wanderreitführer, Westernreitcoach und Segellehrer. Meine sportlichen Interessen sind: Segeln, laufen, reiten, Radfahren, wandern, Motorrad fahren, Bogen schießen und Kanu ...
Das Leben hat seine eigenen Spielregeln und nimmt auf niemanden Rücksicht

Unsere Träume warten hinter dem Horizont

Unsere Träume warten hinter dem Horizont

Dies ist eine Leseprobe aus meinem gleichnamigen Roman


Prolog Herbst 1966 Das Letzte, an das er sich erinnern konnte, waren die Schritte. Sie hallten auf dem gekachelten Boden in den hohen Räumen wider, wurden zurückgeworfen von den kahlen Wänden und prallten an der Gruppe ab, die durch die Eingangshalle ging. An ihren steinernen Mienen und den langen Mänteln, die sie

trugen, auch die Frau in der Mitte, mit dem Jungen an der Hand. Das Klacken ihrer Schuhe dröhnte in Tommys Ohren und seine Augen gingen hierhin und dahin, staunend über die Größe des Hauses. Es war riesig und alles hier drin hoch, die Türen, die Fenster, sogar die Tische und Stühle, die an den Wänden aufgereiht waren. Ein Haus für Riesen aus der Sicht des Fünfjährigen, der tapfer mittrippelte, mehr ein Laufen als Gehen, um mithalten zu können. Sie liefen eine Treppe mit flachen, ausgetretenen Stufen nach oben in den ersten Stock, bogen um mehrere Ecken und blieben abrupt stehen. Tommy hatte nicht aufgepasst und lief zwei

Schritte weiter, dem Mann vor ihm in den Mantel und für einen Augenblick war nur der weiche Stoff um ihn, der ihn am Atmen hinderte, bevor ihn die Frau nach hinten zog. Mit einem kräftigen Ruck, der ihn beinahe zu Sturz brachte. »Pass doch auf«, zischte sie und ruckte noch einmal an seiner Hand, obwohl er schon stillstand. Er sah sie erschrocken an und vermisste mit einem Mal seinen Hund. Ein braun-schwarzes schmieriges Stoffbündel mit abgenutztem Fell, das aussah wie ein räudiger Wolf mit Knopfaugen, ein Ohr zur Hälfte abgerissen und der Schwanz ein Stummel. Sie hatten ihm seinen Freund genommen, ihn in diese steife Hose und

das kratzige Hemd gesteckt, die drückenden Schuhe übergezogen und hierhergebracht. Und geredet dabei, zu zweit oder zu dritt und er hatte nichts davon verstanden, weil ihre Sprache irgendwann zu einem einzigen, verrückten Sprachwirrwarr geworden war. Alles, was er mitbekam, war ein neues Zuhause, und dass er mitkommen musste. Warum auch immer? Und jetzt redeten sie wieder, in kurzen, knappen Sätzen, von Regeln, die zu beachten waren und Regeln, die Gesetz waren. Alles Dinge, die Tommy nicht begriff. Die Frau klopfte an die Tür vor ihnen. Ein hohles Geräusch im kalten

Flur, dann traten sie ein, und für Tommy begann ein neues Leben in einem neuen Zuhause. Drei Jahre später fand ihn eine Polizeistreife, als er auf den Gleisen der Eisenbahn Richtung Westen marschierte. Er war seit fünf Stunden unterwegs und zu erschöpft, um davonzulaufen. »Du bist fünfzehn Kilometer auf den Gleisen gelaufen«, sagte der Polizist und schüttelte den Kopf. »Hier fahren Dutzende Züge. Was denkst du, wäre passiert, wenn dich einer überfahren hätte?« »Ich habe aufgepasst und bin jedes Mal rechtzeitig zur Seite gesprungen«, erwiderte Tommy trotzig.

»Du hättest tot sein können«, murmelte der Polizist. »Ein Lokführer hat uns angerufen, sonst hätten wir dich nicht gefunden.« Zwei Jahre darauf fanden sie Tommy nach dreitägiger Suche in einem Keller eines Neubaus, hungrig, durstig, müde. »Tommy, du kannst nicht immer davonlaufen. Du läufst aus dem Kinderheim davon und du läufst von deinen Pflegeeltern weg. Sie haben gesagt, das Spiel geht seit Jahren mit dir. Das muss ein Ende haben. Du kannst nicht jedes Frühjahr abhauen. Es gibt niemand mehr, der dich haben will, verstehst du das?«, sagte die junge Frau

vom Jugendamt, die ihn dort herausholte. »Du musst das sein lassen. Sie sperren dich irgendwann so lange ein, bis du vergisst, wie die Sonne aussieht.« »Das macht nichts«, erwiderte der Junge mit zusammengepressten Lippen. »Ich werde wieder davonlaufen. So lange können sie mich nicht in den Keller sperren. Bei der nächsten Gelegenheit bin ich wieder weg.« Ungläubig sah die Frau den Jungen an. Drei Monate danach stand er mit ihr vor der Tür eines großen Bauernhofes. Bleich, hohlwangig, dünn. »Das ist also der junge Mann«, sagte die Frau und stellte eine Tasche mit Tommys wenigen Habseligkeiten ab. Sie begrüßte

die Hausfrau des Hofes, schob den Jungen nach vor und drückte ihm die Tasche in die Hand. »Das ist dein neues Zuhause«, sagte sie und lächelte. »Guten Tag, Tommy«, begrüßte die Hausfrau den Jungen. »Wir können einen wie dich gut gebrauchen.« Und im Hineingehen beugte sie sich zu ihm und flüsterte ihm ihre erste Regel zu. »Du wirst fleißig arbeiten bei uns, dann vergehen dir auch die Flausen, die in deinem Kopf herumschwirren.«




Kapitel - I - Sommer 1975 So bleibt mir nur dem Flüstern des Windes zu lauschen, und seinen Geschichten von Freiheit, Sehnsucht und unendlicher Weite, die er sah, auf seinem Weg zu mir. Die Luft lastete über dem Land wie eine Glocke aus Dunst und Abgasen und ließ die Sonne als fahle Scheibe am Himmel hängen. Eine leichte Brise trug eine Staubfahne über die trockenen, strohgelben Halme der abgemähten

Wiese, an deren Rand ein mittelgroßer Jugendlicher saß. Das ausgebleichte Shirt war fleckig vom Schweiß, die ausgefransten Jeans zu lange, aber sauber. Er mochte fünfzehn, sechzehn Jahre sein. Mit kurzgeschnittenem Haar, so kurz, wie man sie von amerikanischen Soldaten kannte. Suchend blickte er sich um und ließ seine Blicke an den Ufern des schmalen Flusses, der sich träge durch die flache Landschaft wälzte, die Böschung entlangwandern. Zunächst in die eine Richtung, dann in die andere. Niemand war zu sehen, das Land lag wie ausgestorben vor ihm. Nur das hundertfache Zirpen von Grillen war zu hören, untermalt vom leisen Murmeln des

Flusses. In der Ferne flimmerte die Luft über einer Siedlung, verstreute Häuser am Rande der Stadt. Er riss den Blick los, rutschte den Abhang nach unten, streifte Jeans und Shirt ab und stieg nackt ins Wasser. Und im Untertauchen holte er Luft, ein letztes Atmen, bevor er verschwand. Ein nackter Fisch, der erst flussabwärts bei der nächsten Biegung den Kopf über Wasser hielt und Mensch wurde damit. Er schwamm ans gegenüberliegende Ufer, kletterte hinaus und hielt Ausschau nach anderen Menschen. Still und leer lag das Land vor ihm. Er war allein. Mit zusammengekniffenen Lippen ging er das Ufer entlang, richtete

sein Augenmerk auf den Fluss und sprang an einer tiefen Stelle kopfüber hinein. Tauchte mit kräftigen Tempi bis an den felsigen Grund. Tastete unter die großen Steine, die im Schatten der Bäume unter ihm lagen, ging tiefer und griff wieder hinein, um endlich aufzutauchen. Leise, als hätte er nur kurz den Kopf unter Wasser gesteckt, atmete er aus und ein, bis sich seine Lungen beruhigt hatten. Nach einem suchenden Blick über Wasser und die Ufer entlang, schwamm er gemächlich an den Rand des Flusses, wie ein Schwimmer der Abkühlung suchte. Er stieg aus dem Wasser und trat zwischen die Weiden, die das Ufer

säumten. Tötete mit einem schnellen Schlag auf einen scharfkantigen Stein den Fisch, den er in der Hand verborgen hatte, und steckte ihn in einen Beutel. Vorsichtig in die Runde blickend, wandte er sich dem Ufer zu, legte den Beutel wieder ins Wasser und deckte ihn mit einem flachen Stein ab. Dann sprang er ein weiteres Mal in den Fluss. Später, in der Abenddämmerung bevor der Mond aufging, wanderte der Junge den Weg entlang in Richtung Stadt. Er hatte sein Lager in einem Wäldchen nahe der letzten Siedlung aufgeschlagen. Dort hängte er die Tasche mit den gefangenen Forellen in einen Baum, räumte die Äste, die seine Feuerstelle tarnte, weg und

schichtete trockenes Reisig auf. Dann ging er und schnitt frische Zweige mit dichtem Laub, um sein Feuer vor neugierigen Blicken zu schützen. Er hielt es klein, rauchlos und briet die Fische und Kartoffel in der Glut. Nach dem Essen, einen Teil hatte er weggelegt für ein Frühstück, setzte er sich an den Rand des Waldes und sah in den Himmel über ihm. Millionen von Sternen flackerten dort droben wie die Lagerfeuer einer anderen Welt. Er lauschte den Geräuschen der Nacht. Dem trockenen Bellen eines Fuchses, dem Knacken eines Zweiges und dem Murmeln des Flusses, der sich in einiger Entfernung Richtung Osten wälzte, sein

Wasser schwarz wie Atlasseide. Erst zu vorgerückter Stunde, wenn der Mond sich zeigte, und in tausend kleinen Wellen widerspiegelte, würde es glitzernd schimmern. Wie ein helles Band, das sich durch die Landschaft zog. Er zupfte einen Grashalm ab und begann darauf herumzukauen. Die Nacht sah ihn noch lange sitzen, still, mit dem verträumten Ausdruck im Gesicht von Menschen, die in sich ruhen und ihre Seele wandern lassen. * * * »Draußen vor der Stadt, im Süden treibt sich ein junger Kerl herum. Ich dachte,

er hat ein Lagerfeuer beim Fluss, aber als ich näherkam, war er nicht aufzufinden. Auch keine Feuerstelle. Vor zwei Tagen habe ich ihn wiedergesehen. Ich bin sofort in den Wagen und habe ihn gesucht. Nichts. Er ist wie ein Geist. Ich habe zwar Rauch gerochen, aber nichts gefunden. Na, zumindest weiß ich jetzt, wo er sich herumtreibt.« Der stämmige, etwa vierzigjährige Mann mit dunklem Schnauzbart und Koteletten, schob sein Bierglas hin und her, bevor er es in langen Zügen austrank. »Hinter der Gartensiedlung! Ich habe davon gehört«, antwortete sein Gegenüber und blinzelte in den Rauch seiner Zigarette. »Er ist in der Stadt

gesehen worden. Ein Vagabund. Wäre es ein Zigeuner, wäre er nicht allein, die kommen in Gruppen.« Er schnaubte verächtlich und fügte ein fragendes »Was will der bloß dort draußen?« hinzu. »Aus der Stadt ist er nicht«, brummte der Stämmige. »Hier kennt jeder den anderen. Und wenn die Leute über ihn reden, wüssten sie einen Namen.« »Stimmt auch wieder«, nickte ein dritter Mann. Sie saßen im Gastgarten ihres Lieblingswirten unter uralten Kastanienbäumen und ließen den Tag bei einem Glas Bier ausklingen. Zwei der drei Männer waren Jäger, gekleidet in dunkelgrüne Hosen, laubgrüne Hemden und festem Schuhwerk, trotz der Hitze,

die am Abend anhielt. Der Dritte war ein Polizist außer Dienst, noch in Uniform. »Gestohlen wurde bis jetzt nichts, aber die Leute werden nervös, wenn sich jemand herumtreibt, den niemand kennt. Man weiß nie, was denen einfällt«, sagte er und ließ den Blick über die Tische ringsum schweifen. Außer ihrem Tisch waren von dem guten Dutzend, die lose verstreut standen, nur drei besetzt. »Ich könnte dort vorbeikommen, wenn ich Streife fahre, dann weiß er zumindest, dass wir auf ihn aufmerksam sind.« »Gute Idee«, murmelte der Stämmige und drehte das Glas zwischen klobigen Fingern. »Aber ich habe eine bessere.«

Er senkte den Kopf und seine Stimme ging in ein Flüstern über, ein Wechsel zum Verborgenen, dort wo es an die Grenze zum Erlaubten ging. »Wir kreisen ihn am Wochenende ein, holen ihn aus seiner Deckung und befragen ihn.« Sein grüner Kollege grinste mit strahlenden Augen und zog an der Zigarette. Der Gedanke gefiel ihm. Eine Jagd in der Schonzeit, versprach Abwechslung vom Alltag. Der Polizist neigte den Kopf und runzelte die Stirn. »Ich weiß nicht«, meinte er, wurde aber sofort von dem Stämmigen unterbrochen. »Wir wollen ihn nicht erschießen.« Er lehnte sich zurück, sah in die Runde und

suchte Beistand. »Nur befragen.« »Abgemacht!«, sagte der Polizist und klopfte mit der flachen Hand auf den Tisch. Ein Zeichen für den Wirt, drei Bier für seine Gäste zu bringen. »Aber ich bin dabei. Damit das Ganze amtlich ist und nicht aus dem Ruder läuft.« Sie tüftelten bis Mitternacht an ihrem Plan, der zu fortgeschrittener Stunde immer umfangreicher wurde, und sie nach der fünften Runde Bier überzeugt waren, eine Räuberbande zur Strecke zu bringen. Sie verabredeten sich für Freitag, eine Stunde vor Sonnenuntergang. Treffpunkt Gartensiedlung. Jeder sollte zwei oder drei Freunde mitbringen, und für später

reservierten sie den halben Gastgarten, um ihren Einsatz zu besprechen. * * * Am nächsten Morgen schlug der Junge die Augen auf und war mit einem Schlag hellwach. Die Sonne stand eine Handbreit über dem Horizont und heizte die Luft im Dickicht auf, in der er seine Schlafstatt eingerichtet hatte. Ein fremdes Geräusch hatte ihn geweckt. Ein seltsames Dröhnen, das nicht hierhergehörte, das er nicht kannte. Wie erstarrt lag er unter der Decke und rührte sich nicht, lauschte dem Laut, der ihn aus dem Schlaf geholt hatte, und

versuchte sich zu orientieren. Von der Stadt hallte das Brummen von schweren Motoren und Rufen herüber, also nicht in unmittelbarer Nähe und keine Gefahr. Er schlüpfte unter der Decke hervor und aus seinem Versteck heraus, das aus einer grünen Plane über einer Mulde bestand, die er mit Ästen und Laub bedeckt hatte, um unsichtbar und trocken zu schlafen. Sah sich um und schlich bis an den Rand des Wäldchens. Vorsichtig achtete er darauf, ob andere Menschen in der Nähe wären. Der Platz davor war leer und am Fluss konnte er niemand sehen. Dafür standen auf der Wiese neben der Siedlung, auf der er vor ein paar Tagen Kinder Fußball spielen

gesehen hatte, drei riesige Lastwagen in einem Halbkreis und ein Vierter fuhr eben vor. Zwei Männer liefen herum und gaben lautstark Anweisungen. Der Wind trug ihre Befehle bis zu ihm und darüber hinaus. Er beobachtete sie eine Weile und ging dann zurück in den Wald. Im Laufe des Tages rollten große Wagen mit Wohnwagen an, die den Kreis schlossen. Der Junge sah ihnen vom Fluss aus zu, wie sie sich einrichteten. In den Nachmittagsstunden kamen die Kinder und Jugendlichen aus der Stadt, um das Spektakel aus der Nähe zu sehen. Auf Fahrrädern und Mopeds trafen sie ein, umkreisten die Wagenburg, sammelten sich zu Gruppen und

stromerten herum. Leise klang Musik in fremden Tönen zwischen den Wagen und doch lag etwas Stilles über all dem. Ein Abwarten oder Warten auf Größeres. Der Junge ging hinunter zum Wasser, schwamm und tauchte, legte sich in die Wiese, in die Sonne und gegen Nachmittag wusch er die wenige Kleidung, die er besaß. Zwei Jeans, ein paar Shirts und Socken und hing alles zum Trocknen auf die Weiden. Am nächsten Morgen packte er die Sachen in einen alten grauen Seesack und verwischte sorgfältig alle Spuren im Wäldchen. Er vergrub die Zweige in der Mulde und ging zu der Wagenburg, als würde er dort erwartet. Er nahm den Weg

neben dem Fluss, ein Wanderer, der auf die Stadt zuging, bog vor der Siedlung ab, umrundete die Häuser querfeldein und wandte sich den Wagen zu. Sie waren bemalt in schreiend bunten Farben und Bildern vom Jahrmarkt mit fröhlichen Menschen. Das gefiel ihm. Er ging dazwischen durch und fand sich auf einem weiten Platz. In der Mitte stand ein Anhänger und davor Stapel von Metallplatten, Gerüsten und Kisten mit allerlei Kabeln und bunten Glühbirnen. Es mussten Tausende sein. Ein bulliger Kerl mit glattrasiertem Kopf und einem goldenen Ohrring, wie ihn Piraten in alten Filmen trugen, kam über den Platz, verharrte einen Augenblick und trat ihm

entgegen. Auf dem rechten Unterarm hatte er einen Totenschädel und am linken zwei gekreuzte Schwerter tätowiert. Im Mundwinkel hing ein glimmender Zigarettenstummel. Der Bulle blieb vor ihm stehen und starrte ihn finster an. »Guten Morgen«, sagte der Junge. »Das wird sich zeigen«, antwortete der Bulle schroff. »Ich bin Tom«, fuhr der Junge fort und erwiderte ruhig den Blick. »Ich suche einen Job.« »Woher und wohin«, knurrte der Mann und betrachtete Tom, wie man ein Pferd begutachtet, das einem unvermittelt angeboten wird und man nicht weiß, was

man mit dem Gaul anfangen soll. »Aus einer anderen Stadt und weg, wenn ich den Job nicht bekomme.« »Wie viel?« »Zu essen und trinken, ein Dach über dem Kopf und so viel Geld, wie die anderen bekommen.« »Ich bin Black Jack«, sagte der Bulle und seine Stimme klang so finster wie seine Augen. »Nenn mich Jakob und du bist tot. Ich bin der Boss hier und mein Wort ist Gesetz.« Er ließ seinen Blick über Tom wandern, der unwillkürlich die Muskeln anspannte. »Geh zu Steve, er ist bei den Autoscootern, er zeigt dir, worum es geht. Wenn du mithalten kannst, bist du

dabei und ich stelle keine Fragen. Wenn du schlapp machst, verschwinde, bevor ich dich in die Finger bekomme.« Er drehte sich um, rief ein dröhnendes »Steve!« und verschwand in einem der Wohnwägen, ohne den Jungen weiter zu beachten. Tom hob den Kopf und ging zu dem Anhänger in der Mitte des Platzes, wo ein hagerer Mann in zerknitterter Kleidung zwischen den Stapeln mit den Gerüsten hervorgetreten war und die beiden beobachtet hatte. »Du kannst den Seesack beim Wagen abstellen«, zeigte er mit dem Kopf auf einen Wohnwagen und wischte seine Finger mit einem Lappen ab, der so

schmutzig war, dass sich Tom fragte, was er in den Händen gehalten hatte. »Schön, wenn ich Hilfe bekomme. Bis heute Abend müssen die Dinger laufen und wir sind spät dran.« Tom packte an, ohne zu reden und machte stumm jede Arbeit, als wüsste er, was zu tun war. Sie waren zu viert. Carlos, ein großer untersetzter Kerl, der die Statur des Black Jack hatte, wenn auch nicht so finster, wie er, und Emilio, ein mittelgroßer, sehniger Italiener, arbeiteten Hand in Hand und geben das Tempo vor, das Tom nur mit Mühe halten konnte. Steve war überall gleichzeitig, und das Gerüst schnell aufgebaut und gesichert.

Er überwachte den Aufbau, packte an, wo er gebraucht wurde, zog Schrauben nach und schloss den Strom an. Danach mussten sie schwere Metallplatten verlegen. Erst außen die Treppen entlang und dann innen. Steve turnte im Dach herum, kletterte an den Stützen auf und ab und war im nächsten Moment unter dem Aufbau verschwunden. Tom und Emilio legten die letzten Platten, die an einer Seite eingehängt wurden und krachend in die Halterung fielen, als Steve den Kopf aus dem Boden hochstreckte. Tom konnte die Platte im letzten Augenblick auffangen, bevor sie Steve auf den Kopf knallte. Er hievte sie hoch und Steve sprang heraus, murrte

böse und sah wild um sich, aber Emilio, der das schwere Metall fallen lassen hatte, ignorierte ihn mit einem Schulterzucken. »Scheiße, was sollte das?«, blaffte Steve ihn an und hielt drohend einen großen Schraubenschlüssel hoch, aber Emilio hob beschwichtigend die Arme. »Nix passiert, Boss. Ist okay. Der Tommy hier ist schnell. Hat seine Sache gut gemacht.« Er klopfte dem Jungen auf die Schulter und schob ihn mit dem Rücken vor Steve. Ein Schutzschild gegen den Zorn des anderen, die Worte ruhiger als das südländische Temperament vermuten ließe, wie Tom in seinen Augen sehen konnte. Er wollte

ausweichen, um nicht als Puffer zwischen die beiden zu kommen und den anderen im Auge behalten, sollten sie ihren Ärger mit den Fäusten klären. Aber im nächsten Augenblick war ein Krawall wie ein donnerndes Gewitter, die Köpfe fuhren herum und Steve und Emilio lachten erleichtert. Big Mama rief zu Tisch. Die alte Frau stand auf der anderen Seite des Platzes, klein und knochig mit faltigem Gesicht aus der eine spitze Nase stach. In den Händen hielt sie einen riesigen Deckel, wie einen römischen Rundschild und einen Kochlöffel, den sie darauf tanzen ließ. Ein Aufruhr, der allen sonstigen Lärm übertönte. Sie trug ein

bodenlanges, buntgemustertes Kleid. Ein rotes Kopftuch, das die langen grauen Haare in ihrer Fülle nur mäßig bändigte und jede Menge Halsketten und Armbänder, die sie allein vom Gewicht her zu Boden ziehen müssten. In ihrem Mundwinkel hing eine filterlose Zigarette, die sich keinen Deut bewegte, als sie nach ihnen rief. »Kommt endlich Essen fass´n, ihr Rabauken, oder soll ich´s den Hunden vorwerfen, weil´s euch zu schlecht is´, he?«, drohte sie mit erhobener Faust und ging zu einem Wohnwagen, vor dem Bänke standen und ein langer Tisch mit dampfenden Schüsseln, Teller und Gebäck darauf, für ein gutes Dutzend

hungriger Mäuler. »Sei nett zu Big Mama und unterschätze sie nicht, sie ist eine Hexe! Vor ihr hat sogar Black Jack Respekt. Sie ist uralt, keiner weiß wie viele Jahre, aber sicher hundert«, zischte Emilio in Toms Ohr, dann liefen sie los und setzten sich. Tom zögerte einen Moment und plötzlich stand die alte Frau vor ihm. Sie beäugte ihn misstrauisch, sah ihn an, mit einem Blick, der Eis zum Schmelzen brachte und Tom hatte das Gefühl, dass nichts vor ihr verborgen blieb. Sie sah direkt in sein Herz hinein. Verlegen schlug er die Augen nieder und wartete auf eine ruppige Frage oder dass sie ihn des Tisches verwies, weil er dort

nichts zu suchen hatte. Schließlich gehörte er nicht zur Familie. Er war nur ein Streuner, den sie aufgenommen hatten, damit er ihren Job machte. »Niemand entkommt seinem Schicksal - da bist du also«, sagte sie mit leiser Stimme, die zum Zuhören zwang und Tom nickte, als wüsste er, wovon sie sprach. Die Alte war ihm unheimlich. Er hielt den Atem an. Ein Verharren, um sich gegen Worte zu schützen. Schläge waren leichter zu ertragen. »Setz dich«, sagte sie und füllte einen Teller mit einem Eintopf aus Fleisch, Gemüse und Kartoffel. Black Jack, zwei weitere Männer und vier Frauen waren gekommen und hatten ebenfalls Platz

genommen. Sie alle sahen Tom an, den die Alte als Einzigen bediente, bis sie einen stummen Blick in die Runde warf und sie den Kopf senkten und zu essen begannen. Die Männer still, während die Frauen sich leise unterhielten. Tom sah unauffällig in die Runde und bemerkte im Hintergrund ein Mädchen, das ihn beobachtete. Ihr Gesicht war mit hellbraunen Sommersprossen übersät, die dunkelbraunen Haare fielen in dichten Locken auf ihre Schultern. Mit verschränkten Armen stand sie an das hintere Ende des Wohnwagens gelehnt und rauchte. Ließ in lässiger Ruhe den Rauch aus dem Mund fließen und zog ihn durch die Nase hoch, ein Bild, das sich

bei Tom in die Iris brannte, wie das Verglühen eines Feuerwerkskörpers. Ihre Augen waren verdeckt von den Haaren, die sie mit einer Handbewegung zur Seite wischte und ihren Kopf abwandte. Die Augen jetzt geschlossen, so dass ihre Farbe nur zu erahnen war. Und bevor er in die Richtung sehen konnte, die sie vorgab, spürte er den Blick der Alten auf dem Gesicht. Niemand entkommt seinem Schicksal, hatte sie gesagt, und Tom versuchte die Gedanken abzuschirmen, vor der Frau zu verbergen, wie eine Entstellung, von der sie nichts wissen durfte. Ein Versuch ihr zu trotzen, obwohl er wusste, dass sie stärker war als er. In gezwungener Ruhe

aß er Löffel für Löffel vom Eintopf, bis er merkte, dass sie von ihm abließ. Und danach ein Aufatmen, wie das Luftholen nach einem langen Tauchgang. Bis zum späten Nachmittag arbeiteten sie und so gegen fünf stand der Autoscooter. Die Männer drehten mit jedem Wagen eine Runde und stellten sie in zwei langen Reihen ab. Tom half beim Kettenkarussell aus, weil er nicht herumstehen wollte und zusehen, wie sie zu Kindern wurden, und er nicht teilhaben konnte an ihren Späßen, ohne zu bitten. Also packte er wortlos mit an, half ihnen die letzten Platten zu verlegen und die Frau, der er die Arbeit abnahm, dankte mit einem Nicken. Mehr als er

sonst für sein Tun bekam. Big Mama saß vor ihrem Wagen und schaukelte in ihrem Stuhl aus Bambus hin und her, so wie man Babys wiegt und Trost findet in der Bewegung. Sie beobachtete Tom mit gerunzelter Stirn. Er warf ihr einen raschen Blick zu, im Aufstehen und Strecken, die Gelenke schmerzten vom ungewohnten Ablauf der Arbeit, und die Alte winkte ihn zu sich. »Is´ noch ´ne halbe Stunde Zeit, bevor es losgeht. Geh dich waschen, dann gibt´s Abendessen«, grummelte sie, nahm die Zigarette aus dem Mundwinkel, schnippte die Glut weg und ließ den Stummel in den Falten ihres Kleides verschwinden.

»Wenn es eng wird, koche ich für euch, aber denk bloß nich´, dass ich dich versorge. Du bekommst zu essen, weil es abgemacht is´ mit Jakob. Das war´s dann aber, um alles andere kümmer´ dich selbst. Der graue Wohnwagen da, das is´ ab sofort deiner. Der alte Pat is´ vor einem Monat gestorben, hat in´ Strom gegriffen und wurde geröstet. Seitdem steht der Wagen leer und vergammelt. Hat wohl auf dich gewartet.« Tom sah hinüber und nickte. »Danke.« Er wandte sich ab und wollte gehen, als ihn die Alte zurückrief. »Was is´n das Ding in deinem Seesack, ´ne abgesägte Schrotflinte?« Die Augen

waren auf ihn gerichtet und Tom fühlte sich nackt und schutzlos, wie eine Ameise unter einer Lupe, die von einem Sonnenstrahl gejagt wurde. »Nein, ein Bogen«, krächzte er, mühsam um Haltung ringend. »Lass sehen!« Tom holte den Seesack und gab den Bogen heraus, der zusammen mit einem Dutzend Pfeile in einer erdfarbenen Baumwollhülle unter einem Shirt steckte. Er reichte ihn der alten Frau. »Hmmh«, summte sie und ihre Augen leuchteten auf. »´n mongolischer Reiterbogen.« Sie nickte und betrachtete das gemaserte Holz, das vom jahrelangen Gebrauch glänzte und die Verarbeitung,

die von der Liebe des Erbauers zu seinem Werk erzählte. Tom staunte. »Die wenigsten Menschen erkennen einen Reiterbogen«, murmelte er anerkennend und die Frau fragte ihn nach dem Zuggewicht. »Neunzig Pfund«, antwortete der Junge und presste die Lippen aufeinander. »Ein Erbstück.« »So, so«, machte die Alte und gab ihm den Bogen zurück. Sie musterte Tom und nickte. »Was triffst n´ auf hundert Meter?«, eine ruhige Frage an ihn. Ihr Blick war auf den Bogen gerichtet. »Nicht viel, auf siebzig einen Hasen im Lauf, aber darüber hinaus wird es

schwierig«, erwiderte er mit leiser werdender Stimme. »Gut!«, nickte die Alte. »´ne ehrliche Antwort, un´ jetzt geh und komm´ dann essen. Hast es dir verdient.« Und Tom wusste nicht, ob sie seine Arbeit oder die Antwort meinte, verpackte den Bogen und ging zu Pat´s Wohnwagen, öffnete die Tür und zuckte zurück. Der starrte vor Dreck und es roch nach kaltem Rauch und Verwesung. Argwöhnisch trat er ein. Da drinnen lagen Decken über den Sitzen, schmierig, mit Brandlöchern von verlorenen Zigaretten und verschimmelte Essensreste am Boden und in den Ecken. »Dass der nicht abgebrannt ist«,

murmelte Tom und versuchte möglichst nirgendwo anzustreifen. Er warf einen Blick in die Dusche, die mehr unbenutzt, als sauber aussah, stellte das Wasser an und schnupperte daran. Dann öffnete er das Fenster und ging hinaus, nahm ein Stück Seife und ein Handtuch aus dem Seesack und stellte sich hinter den Wohnwagen. Dort griff er durch das Fenster, holte die Dusche heraus und wusch sich, als wollte er die Blicke der Zigeunerin abreiben. * * * Die Abenddämmerung brach herein und die Sonne sandte ihre letzten Strahlen

über die Wipfel der Bäume, bevor sie hinter einem schmalen Band aus Wolken versank. Am Parkplatz des Wirtshauses trafen nacheinander ein Dutzend Wagen ein, aus denen grüngekleidete Männer stiegen. Sie schulterten ihre Gewehre und ein paar holten Hunde aus vergitterten Boxen im Kofferraum. Zwei Dackel, ein junger Setter, der fröhlich bellend die Kleinen zum Spielen aufforderte und ein großer Vorstehhund liefen herum und begrüßten die Anwesenden. Freundliche Tiere, die für ein gutes Wort Hasen, Füchse und Katzen hetzten, aber Menschen liebten. Aus den Fenstern, hinter denen die Wirtshausküche lag, zog der Geruch von

gebratenem Speck und Kartoffeln herüber. Ignoriert von den Männern, die sich mit ernster Miene und verkniffenen Lippen zu drei Gruppen sammelten, in jeder davon ein Wortführer, der die Lage vorab erklärte. »Alle mal herhören!«, erhob schließlich der Polizist, der in jagdgrün gekleidet war, die Stimme, und die anderen hörten ihm zu. »Wir suchen den Kerl beim Wald an der Flussbiegung, treiben ihn aus seinem Versteck und befragen ihn nach dem Woher und was er bei uns will.« Sein Blick ging in die Runde und verharrte bei dem einen und anderen. »Es liegt nichts gegen ihn vor, er hat

nichts Unrechtes getan. Also lasst ihn in Ruhe und erschießt ihn bloß nicht.« Die Jäger grinsten verlegen, betrachteten ihre Schuhspitzen und nickten sich zu. »Sollte er fragen, machen wir eine kleine Treibjagd und er ist uns vor die Flinten gelaufen, hat Glück, dass ihm nichts passiert ist.« Von den fröhlichen Gesichtern reihum inspiriert, hob er das Gewehr und rief. »Dass zurzeit nur junge Böcke gejagt werden, muss er nicht wissen.« Die Männer lachten befreit und die Hunde liefen aufgeregt herum, die Nasen am Boden. Sie freuten sich auf die kommende Aufgabe und spürten die Anspannung der Gruppe.

»Und nach dem kleinen Spaß, den wir uns gönnen«, hob der Polizist noch einmal die Stimme, um die Freunde zu übertönen. »Setzen wir uns ins Wirtshaus ›Zur Traube‹ auf ein Bier.« Sie zollten ihm Beifall und riefen ihre Zustimmung aus. Dann zogen sie mit dem erwartungsvollen Hoffen los, die eine Jagd begleitet, und gingen querfeldein über trockene Wiesen mit kurzem hartem Gras. »Es wird Zeit, dass es regnet, der Sommer ist verflucht heiß dieses Jahr«, murrten die Bauern unter ihnen und ernteten Bestätigung von ihresgleichen. Von der östlichen Seite der Siedlung

dröhnte der Lärm des Jahrmarkts herüber, die Hitze des Tages lag schwer in der Luft. Erst im Schatten des Waldes wurde es kühler. Eine leichte Brise trug den Geruch nach modrigem Laub und Moos heran. Sie stellten sich am Rand auf, dort wo sie den Fremden vermuteten. Im Halbkreis, mit halblaut gesprochenen Worten, um den Gesuchten keinesfalls zu warnen und waren doch zu laut, wären wachsame Ohren in der Nähe. Nach Süden hin ließen sie den Kreis geöffnet, zum Fluss und zur Ebene, damit er laufen konnte, und trotzdem nicht entkam, ohne entdeckt zu werden. Das war der Plan. Dann durchkämmten sie den Wald, in

einem Abstand, in dem der Gejagte gemütlich zwischen ihnen hinausspaziert wäre. Sie trieben einen jungen Rehbock hoch, während die klügeren Alten versteckt blieben, und einer der Jäger konnte es nicht lassen, hob die Flinte und schoss. Die Kugel ging daneben, sorgte aber für Aufregung über Wochen. Es hätte den Vagabunden treffen können, das wäre zu erklären gewesen, oder einen der Ihren und das wäre schlimm ausgegangen. Besonders für den Schützen. Sie liefen zusammen und es gab ein Geschrei und Tumult. Schließlich wusste keiner, woher der Schuss kam und wem er galt.

»Achtung!«, und »In Deckung!«, riefen die einen, und »Gewehr runter! Wer schießt da, ihr Idioten!«, die anderen. Der Polizist in Zivil fasste sich als Erster und trat dem Jäger entgegen, der mit dem Gewehr im Anschlag dastand, bereit auf alles zu schießen, was vor ihm davonlief. »Runter mit dem Ding«, herrschte er den Schützen an und der blickte ihn verdattert hinter dicken Brillengläsern an. Betreten senkte er den Lauf. »Wir reden später darüber.« Der Polizist winkte der Gruppe und befahl ihnen sich aufzuteilen. »Wir suchen den Fluss ab«, rief er ihnen

zu, und sie gingen zum Wasser. Doch auch dort fanden sie niemand. Das kühlte die Gemüter und am Ende stapften sie durch den Wald, mit gesenkten Gewehren und müden Köpfen. Ein Jäger stolperte über einen ausgedörrten Schnürstiefel und hob ihn triumphierend hoch, als Beweis, dass hier einer gewesen war. Die anderen umringten neidisch den glücklichen Finder und sie diskutierten über den Vagabunden, der mit einem Stiefel weiterlaufen musste. Dass das gute Stück seit letztem Herbst hier lag und innen voll mit Erde war, interessierte keinen der Männer. Ihr Jagdinstinkt war wiedererwacht. Zufrieden kehrten sie in die Stadt zurück

und gingen ins Wirtshaus, um ihren Streich zu feiern. Der Herumtreiber war vertrieben und die Gefahr gebannt, was wollten sie mehr? Nur der Polizist vermutete den Jungen beim Jahrmarkt. Sein Verdacht, als sie zurückgingen und der Lärm bis zum Wirtshaus hallte. Der Jahrmarkt zog Jugendliche und Streuner an. Immer schon. Aber das hatte Zeit bis morgen. In der Nacht unter hunderten Menschen hatte er ohnehin keine Möglichkeiten, ihn zu finden. * * * Jessica stand vor der Schießbude,

wischte den Tresen sauber und ließ ihren Blick über den Platz schweifen. Sie beobachtete Tom mit der wachsamen Vorsicht einer Wölfin und der Neugier der Gleichgesinnten. Als er am Morgen über die Wiese kam und Black Jack ihn abfing, wusste sie sofort, woher er kam. Mit dem Instinkt eines Heimkindes erkannte sie, dass sie das gleiche Schicksal teilten. Er war ein Streuner auf der Flucht, den das Leben an diesen Strand gespült hatte. Genau wie sie vor drei Jahren, als sie aus dem Heim davongelaufen und auf der Suche nach einer Bleibe am Jahrmarkt gelandet war. Vom Regen durchnässt, hungrig und am Ende ihrer Kräfte war sie zu den Buden

gegangen, um jemand zu finden, der sie mit nach Hause nehmen würde. Sie hatte nur essen wollen, einen trockenen Platz zum Schlafen gesucht und Ruhe. Dafür hätte sie auch ihren Stolz gegeben. Sie hatte sich zur Schießbude unter das Dach gestellt und gewartet auf einen, der ihr ein Stofftier und eine Mahlzeit anbot. Aber als endlich ein Kerl gefragt hatte, war die Alte mit einem Gewehr in der Hand dazwischen gegangen. »Verschwinde!«, hatte sie ihn angeschnarrt und für sie ein Wink mit dem Kopf. »Komm in´ Wagen, die Tür is´ am hinteren Ende.« Jessica hatte gehorcht, zitternd vor Kälte und Hunger und die Frau hatte heißen Tee mit Rum

und ein paar Brötchen hingestellt, als hätte sie das Mädchen erwartet. »Wusst´ ich´s doch«, hatte sie gemurmelt und sich den Gewehren zugewandt, die geladen auf den Tresen gelegen waren. Damit die jungen Burschen und Mädchen, die trotz des Regens gekommen waren, ihre Schießkünste zeigen konnten. Von da an blieb Jessica bei Big Mama und half in allen Dingen. War Magd und Tochter, lockte im Sommer das Publikum, lud die Gewehre, kochte, putzte und lauschte im Winter vor dem offenen Kamin den Geschichten, die sie zu erzählen wusste, wie sonst keine. Tom war am Autoscooter eingesetzt,

brachte Wagen zurück, ging dazwischen, wenn sie stockten, und beobachtete das Mädchen unauffällig aus den Augenwinkeln heraus. Sie bewegte sich anmutig und geschmeidig, wie eine große Raubkatze, die sich ihrer Beute nähert, deren sie sich absolut sicher wähnt. In ihrem Lächeln lag eine gespannte Zuversicht. Die Augen strahlten in hellem Grün. Die Nasenflügel bebten. Die Sonne stand genau hinter ihr und tauchte sie in ein unwirklich illuminierendes Licht. Noch nie hatte er ein Mädchen gesehen, das Anmut gepaart mit Energie und Schönheit so sehr miteinander vereinte, wie sie. Für einen winzigen Augenblick hatte Tom das

Gefühl, Jessica würde direkt aus der Sonne kommen, und er musste an sich halten, um sie nicht mit weit offenem Mund zu bestaunen. »Lass die Finger von Jessica! Big Mama hält ihre Hand darüber. Sie würde dich zerquetschen wie eine lästige Wanze«, rief Emilio dem Jungen ins Ohr, um den Lärm der Musik zu übertönen und Tom wandte sich ab. Jessica konnte die Augen von Big Mama wie eine harte Hand im Rücken spüren. Sie saß auf der linken Seite der Schießbude in ihrem Bambusstuhl und sah alles, was sich am Platz und besonders neben ihr abspielte und beide wussten, was Emilio dem Jungen ins Ohr

gebrüllt hatte, als würde er neben ihnen stehen. Jessica blickte auf, ein Hinübersehen, um mit Blicken zu reden. Der Alten zu erklären, dass nichts war, sie sich nicht sorgen müsste. Er war ein halbwüchsiger Streuner. Einer von vielen, die am Jahrmarkt herumhingen. Er war ein junger Hund und sie die Wölfin, erfahren und ihm überlegen. Sie hatte gelernt, in Gesichtern zu lesen und ums Überleben zu kämpfen. Er nur, wie man um sich schlägt, um sich selbst zu retten. Auch wenn sie in seinem Gesicht schwer lesen konnte, so verriet seine Körpersprache viel mehr, als er ahnte. Sie nahm sich vor, morgen früh mit Big Mama über ihn

zu sprechen und die Sache abzuklären, auch für sich selbst. »Wer ist der beste Schütze von euch?«, rief sie einer Gruppe Jugendlicher zu, die an ihrem Wagen vorbeigingen. »Macht zweifünfzig für fünf Schuss!« Sie schenkte ihnen ihr schönstes Jahrmarktlächeln und ein paar lächelten zurück, in den Armen die Freundinnen, die sie mit Stofftieren und Papierblumen versöhnen mussten für das Lächeln, das sie ihr geschenkt hatten. Sie stieg in den Wohnwagen, lud die Gewehre, kassierte, verteilte das eine oder andere Plüschherz, einen goldfarbenen Löwen und sah dazwischen nach Tom, den Carlos und Emilio auf Trab hielten. Der

Abend lief gut und sie verdiente schönes Geld in dieser kleinen Stadt.

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Über den Autor

Marc_de_Sarno
Mein Name ist Marc de Sarno. Ich bin 1961 in der Nähe von Salzburg geboren.
Ich habe verschiedene Ausbildungen absolviert. Für meine Berufe als Koch, Kommunikationstechniker, staatlich geprüfter Hufschmied, Mechatroniker und CAD-Techniker.
Für meine Freizeit als Reitlehrer, Wanderreitführer, Westernreitcoach und Segellehrer.
Meine sportlichen Interessen sind: Segeln, laufen, reiten, Radfahren, wandern, Motorrad fahren, Bogen schießen und Kanu fahren.
Und sonst lese ich gerne. Romane, Krimis, Thriller, historische Romane.
Ich bin verheiratet, habe drei Kinder und lebe im nördlichen Niederösterreich.
Meine Bücher vertreibe ich über Amazon als E-Books, Soft- und Hardcore.

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