
Dies ist eine Leseprobe aus meinem gleichnamigen Roman. Prolog Frühjahr 1969 »Cedric, kommst du mit? Ich verrate dir ein Geheimnis. Aber du darfst es keinem erzählen. Keinem, hörst du!« »Ich verrat’s niemandem.« »Okay, ich vertraue dir.« Annabell stieß ein leicht hysterisches Kichern aus. »Komm! Ich hab’s unter dem alten Holunderbusch versteckt. Dort finden sie
es nicht, weil sie nicht hinkommen, die Großen.« Aufgeregt liefen der Junge und das Mädchen im Schatten blühender Sträucher durch den Garten, der mit hohen Mauern umgeben war. Vorbei an den endlosen Beeten mit Gemüse, die sie das ganze Jahr pflegen mussten. Unkraut jäten, harken, gießen, Gemüse einsammeln. Die kiesbestreuten Wege entlang, die sie an Bänken und kleine Inseln mit Blumen führten, bis weit nach hinten, in den abgegrenzten Bereich, wo das Gras hüfthoch war und die Büsche wild wucherten. Hier war das Reich der Kinder. Der Garten wild und naturbelassen. Schmale
Pfade führten zwischen dornenberankten Sträuchern und alten Obstbäumen hindurch. Die Luft war kühl und vom frühlingshaften Geruch der Blumen und Sträucher durchsetzt. Immer wieder sah sich das Mädchen um, ob ihnen auch niemand folgte, hüpfte fröhlich den Pfad entlang und verschwand tiefgebückt unter den Zweigen des Holunders, der schon voller Blüten war und alles verbarg, was in seinem Innersten war. Das Licht fiel nur spärlich in die halbdunkle Höhle, von vielen Kinderhänden geschaffen. Der Boden war eingesunken, mit moderndem Laub übersät. Sie fegte mit fliegenden Fingern eine Handvoll trockener Blätter zur
Seite, holte eine weiße Papierserviette darunter hervor und öffnete sie vorsichtig, sah sich aber gleichzeitig nach allen Seiten um. Ihr Herz klopfte vor Aufregung und Angst, entdeckt zu werden. »Ein Kuchen«, flüsterte Cedric ehrfürchtig, hockte sich vor sie hin und schaute sie an. Seine Augen groß wie runde Knöpfe. »Du hast ein Stück Kuchen geklaut.« Cedric liebte Annabell, das Mädchen mit dem schönen Namen, den er so gerne aussprach. Sie war seine einzige Freundin in dieser Welt. Die Sonne am Himmel seiner Kindheit, sein Licht in dunklen Tagen. Eine Freundin, die man
in diesem schrecklichen Haus beschützen musste, weil sie selbst es nicht fertigbrachte. Mit ihrem Ungestüm, ihrer Tollpatschigkeit und ihrer Leichtfertigkeit. Sie, die kleine dunkelhaarige Maus mit den großen, elektrisierend blauen Augen, die so verletzlich wirkte, als ob sie immer das Schlimmste befürchten würde, aber gleichzeitig die Hoffnung hegte, dass ihr die Sterne stets wohlgesonnen wären. Aber das waren sie nicht. Denn die Götter mussten sie unverständlicherweise hassen. Warum sonst würden sie das kleine Mädchen beinahe jeden Tag aufs Neue bestrafen.
»Ja. Für dich. Wo du doch Kuchen so gerne magst«, sagte sie treuherzig und musterte mit wachem Blick sein Gesicht. Gleichzeitig lauschte sie auf die klimpernden Geräusche eines Windspiels, das einer der älteren Kinder an einem Ast über ihnen aufgehängt hatte, den Gesang der Vögel, die sich zu Dutzenden im Strauch tummelten. Bienen, Hummeln und andere Insekten summten und brummten rund um sie, alles roch nach Frühling und Frische und Neubeginn. Die Blüten, das Gras, die Blumen, die sich in der Wiese zu behaupten versuchten. »Du weißt, wie gefährlich das ist. Wenn sie dich erwischen, setzt es massenhaft
Schläge und sie sperren dich in den Keller«, flüsterte Cedric erschrocken, konnte aber nicht den Blick von dem Kuchenstück nehmen. »Das macht mir nix. Sie können mich nicht mehr in den Keller stecken. Ich komme in eine Familie«, erwiderte Annabell stolz, und reckte das Kinn in die Höhe, obgleich neben der Vorfreude auch eine ungewisse Angst in ihrer Stimme vibrierte. Ihre Augen glitzerten in einem Sonnenstrahl, der sich für einen winzigen Moment durch die Blätter verirrt hatte. »Du gehst weg?«, fragte Cedric mit belegter Stimme und schaute sie an. Vergessen war der Kuchen, die Freude
über das süße Geheimnis. »Ja. Cedric. Eine Familie will mich haben. Eine richtige Familie. Ich hab’s gehört, wie sie es gesagt haben. ›Wir haben uns für die kleine Annabell entschieden.‹ Es gibt hier nur eine Annabell, und das bin ich. Ich werde in einem Haus wohnen. Allein in einem eigenen Bett schlafen. Und ich werde einen Hund haben. Einen richtigen Hund. Ich wollte schon immer einen kleinen Hund, weißt du.« Annabell schluckte und biss sich auf die Unterlippe. Jetzt war es heraus. Sie wollte noch etwas sagen, aber dann wurde ihr klar, dass es nichts mehr zu sagen gab. Ihre Blicke suchten in Cedrics Gesicht nach Zustimmung, um
ihre eigenen Ängste aus der Welt zu schaffen. »Du darfst es aber keinem verraten, hörst du. Du hast es versprochen.« »Ich verrate es keinem«, antwortete Cedric leise, und schlug die Augen nieder. Es wird Kuchen geben, haben sie gesagt, dachte Annabell. Ich kann jeden Tag Kuchen haben. Aber das sagte sie nicht laut, denn Cedric kam in keine Familie. Niemand wollte ihn haben. Er konnte wahrscheinlich noch lange keinen Kuchen haben. Sie nahmen meist nur Mädchen oder kleine Kinder. Jungens eigentlich selten, bis nie. Annabell schluckte wieder. Ihre
Mundwinkel zuckten. Eigentlich wollte sie ihn nicht verlassen, wollte für immer bei ihm bleiben, aber sie hatten ihr versprochen, sie würden versuchen ihn herauszuholen. Nicht zu sich, das wollten sie irgendwie nicht, aber Freunde könnten ihn vielleicht zu sich nehmen. Dann könnten sie wieder zusammen sein, also fast. »Wir haben darüber geredet, weißt du nicht mehr?«, erinnerte sie ihn, und zupfte an seinem Ärmel. »Ja! Wir haben darüber geredet«, bestätigte Cedric. Er lauschte auf den Wind, der mit den Blättern spielte, während seine Augen die Schatten unter dem Strauch verfolgten. In seiner
Erinnerung tauchte ein geflüstertes Gespräch im Speisesaal auf, das er längst vergessen und verdrängt hatte. Die Mädchen redeten ständig über irgendwelche Eltern, die sie aus dem Waisenhaus holen sollten. Das gab sich, wenn sie älter wurden. Dann starben auch die Hoffnungen, wurden zu unerfüllten Träumen, die mit der Zeit verblassten. Allzu oft schon hatten sich Kinder gefreut, in eine Familie zu kommen, doch dann lief irgendetwas schief und sie hingen tagelang herum, enttäuscht und verlassen. Manche noch länger und manche erholten sich nie. Besser man freute sich nicht zu früh, dann war die Enttäuschung nicht allzu
groß. Sein Herz wurde schwer, als ihm bewusst wurde, dass er Annabell vielleicht nie mehr sehen würde, obwohl er sie verstand. Sie würde einen Hund bekommen, und er sie verlieren. »Iss den Kuchen«, sagte sie, und versuchte zu lächeln. Sie schaute ihn an, als ob sie sich jede Kleinigkeit seines Anblicks einprägen wollte. Betrachtete die Augen, den Mund, das schmale Gesicht, den dichten blonden Haarschopf. »Wenn wir einmal getrennt werden, gibt es immer noch die Möglichkeit, dass wir später zueinanderfinden«, hatte sie zu ihm gesagt, und seine Hand in die ihre
genommen. »Wenn wir erwachsen sind, müssen sie uns frei lassen, dann verschwinden wir gemeinsam«, hatte er geantwortet. So wie in dem Buch, das sie gelesen hatten, der Titel fiel ihr nicht mehr ein, aber sie wusste, dass sie nicht auf immer im Waisenhaus leben mussten. Die Großen gingen irgendwann und kamen nicht wieder. Wer einmal frei gelassen wurde, kam nie mehr zurück. Cedric schob sich das kleine Stück Kuchen, nicht größer als eine Babyfaust, in den Mund, und Annabell wischte mit großem Ernst einen Krümel Schokolade von seinen Lippen und hielt den Finger hoch.
Sie lachten erleichtert, mit dem guten Gefühl, nicht erwischt worden zu sein. »Hier seid ihr also! Ich suche euch schon eine ganze Weile, verdammt!« Erschrocken starrte Annabell in den Zugang ihrer Höhle. Ihr Herz klopfte, als wollte es aus ihrer Brust springen. Die Augen groß wie zwei helle Murmeln. Vor dem Busch stand Herr Bormann, gefürchteter Erzieher, strenger Ordnungshüter und brutaler Schläger, dem es besonderen Spaß zu machen schien, die jüngeren und schwachen Kinder zu malträtieren. Den älteren ging er tunlichst aus dem Weg, mit denen scheute er die Konflikte.
Eine unheimliche Stille legte sich über die hintere Ecke des Gartens. Es schien, als ob auch die Vögel und Insekten die Luft anhalten würden. »Was haben wir denn da?«, fragte er in gespieltem Interesse und starrte auf Annabells Finger, den sie immer noch vor sich hielt, mit dem Krümel der Schokolade als Beweis ihrer Schuld. Er hatte die Zweige des Strauchs mit beiden Händen zur Seite gebogen und spähte, weit nach vorne gelehnt, auf die Kinder. Sie konnten sein rotes Gesicht sehen, das über ihnen in den grünen Blättern schwebte, wie der Gott des Zorns und der Vergeltung.
Annabell schaute auf den Finger und steckte ihn schnell in den Mund. »Kommt sofort heraus aus dem Busch, ihr Lümmel. Sofort!«, schrie er. Sein Kopf wurde noch eine Spur dunkler. Ängstlich krabbelten die beiden unter den dicken Ästen durch, die nach ihnen griffen, und sie festzuhalten versuchten und stellten sich vor ihn hin. Kerzengerade. Hände an die Seite gepresst, Augen nach vorne und nicht blinzeln, nicht weinen. So lauteten die Regeln, und sie kannten sie nur allzu gut. »Du hast in der Küche ein Stück Schokolade gestohlen«, stellte er mit
kalter Stimme fest und sah Annabell aus mitleidlosen Augen an. »Nein«, erwiderte sie mit bleicher Miene. Sie hatte das Kuchenstück von einem Teller in der Vorratskammer stibitzt. »Lüg mich nicht an«, schrie der Mann. Er war ungefähr vierzig und hatte ein Gesicht wie eine kleine Bulldogge, plattgedrückt und hässlich. Bleiche Haarfransen hingen ihm über die Ohren. Seine Stimme passte genau zu seinem Aussehen. Sie klang bellend und gehetzt. Er hob eine Hand und verpasste Annabell eine schallende Ohrfeige, die sie zur Seite stolpern ließ. Sie duckte sich, eine Hand an der Wange, stand aber sofort
wieder gerade, mit brennendem Gesicht und Tränen in den Augen. »Lassen Sie Annabell in Ruhe! Sie dürfen sie nicht schlagen!«, wagte Cedric einen Einwand. Er stellte sich breitbeinig vor seine Freundin und stemmte die Arme in die Hüften, als wollte er seinen Standpunkt ein für alle Mal klar machen. Mit seinen acht Jahren war er fast genauso groß wie die zehnjährige Annabell, und genauso mager. »Ich schlage wen und wann ich will«, erwiderte der Erzieher und schlug ohne Vorwarnung zu. Seine Augen sprühten vor Hass und Zorn. Cedric wankte, hatte Mühe stehen zu bleiben. Die Seite seines Gesichts stand in Flammen, er spürte,
wie ihm die Tränen in die Augen schossen und über die Wange liefen. Er atmete durch den Mund, ballte seine Hände zu Fäusten und drückte sie fest an die Seite. »Mädchen darf man nicht schlagen«, hielt er ihm entgegen. »Warte bloß, du kleiner Scheißer. Du wagst es, mir zu widersprechen. Du kommst auch noch dran.« Der Mann holte aus und schlug Cedric mit der flachen Hand so heftig ins Gesicht, dass ihm das Kinn gegen die Schulter knallte und er zu Boden ging. Wütend rappelte er sich auf, wischte mit der Hand über die Nase, aus der Blut sickerte, und starrte den Erzieher an. Er versuchte ihm mit der
Kraft seiner Gedanken Einhalt zu gebieten, aber Bormann drehte sich herum und schlug Annabell ein weiteres Mal, diesmal noch härter. Die Wucht des Hiebes ließ sie abheben und in den Zweigen des Holunderbusches landen. Blütenblätter segelten durch die Luft und fielen zu Boden. Wutentbrannt ging Cedric auf den Erzieher los und fiel ihm in den Arm. »Verdammte Rotznase«, schrie der Mann außer sich, und Cedric, der sich nicht anders zu helfen wusste, spuckte ihm ins Gesicht. Angeekelt wischte Bormann sich den Speichel von Mund und Wange, während ein Beben durch seinen Körper ging.
»Das wirst du bereuen«, keuchte er. »Was denkst du dir dabei, mich anzuspucken. Ich werde dir eine Lektion erteilen, die du nicht so schnell vergisst. Und ich werde dir Manieren beibringen, auch wenn ich dich dabei halb tot prügeln muss. Wollen mal sehen, wer hier der Stärkere ist.« Er packte Cedric am Arm, riss ihn herum und schlug mit solcher Wucht zu, dass Cedric von den Beinen gerissen wurde und wie von einem Baum gefällt zu Boden ging. Aschfahl und mit zitternden Knien kam der Junge wieder hoch und ging in Kampfstellung. Niemals aufgeben! So hatte er es von den
größeren Jungen gelernt, wenn sie ihre Rangordnungskämpfe austrugen, die er immer öfter gewann. Kämpfe, solange du stehen kannst. Der Wind fuhr unter sein Hemd und blähte es auf. Sein Gesicht war verschmiert von Blut und Tränen. »Das werden sie eines Tages büßen«, fauchte er mit zusammengekniffenen Augen, die Fäuste erhoben. »Nicht weil sie mich geschlagen, sondern weil sie Annabell verprügelt haben.« »Sieh dir mal den Kleinen an. Das werde ich eines Tages büßen«, lachte der Erzieher und schluckte. Schaudernd musste er sich eingestehen, dass er noch nie so viel Hass und Abscheu in
Kinderaugen gesehen hatte. »Ich hoffe, das erlebe ich auch noch.« Dann fiel er über Cedric her und verprügelte ihn mit Fäusten und Tritten, bis sich dieser zu einer Kugel zusammenrollte, drückte ihm das Knie auf die Brust und schlug weiter zu, bis der Junge nur noch wimmerte. Er hörte erst auf, als er von einem anderen Erzieher nach hinten weggezogen wurde. »Heilige Scheiße, es reicht! Lass gut sein, wir reißen uns jetzt am Riemen, hast du gehört. Du bringst ihn noch um, das können wir nicht brauchen. Lass dich nicht immer von diesen Bengeln provozieren.« Er hatte die Stirn gefurcht, die Augenbrauen fest zusammengezogen.
Bormann riss sich los und erhob sich, seine Augen waren glasig, ohne Ausdruck. Er stieß den Atem aus und ließ die Arme hängen. »Er hat mich angespuckt. Das dürfen die nicht. Wenn sie anfangen uns anzuspucken, haben wir demnächst einen Krieg, den wir nicht gewinnen können. Wir müssen sie Gehorsam und Respekt lehren oder willst du dich von ihnen unterkriegen lassen.« »Nein. Aber wenn du ihn umbringst, bekommst du mehr Ärger, als du von dem da erwarten kannst. Willst du etwa die Polizei hier haben, oder irgendjemand vom Jugendamt, auch wenn die nichts zu
sagen haben. Dann haben wir womöglich noch eine dämliche Zeitungstussi am Hals und die Wichtigtuer, die keine Ahnung haben, wie das hier abgeht, stehen Schlange bei dir. Willst du das?« »Pass gut auf, dieser Scheißkerl schlitzt dir irgendwann im Schlaf die Kehle auf. Ich habe es in seinen Augen gesehen.« »Du solltest sie dir vielleicht nicht immer zum Feind machen«, sagte der Mann. »Genau darum halte ich sie mir klein«, sprach Bormann weiter, ohne auf die Worte seines Kollegen einzugehen. »Um auch morgen noch, mit geschlossenen Augen schlafen zu können.« Annabell stand daneben, schlang ihre
Arme um die Brust und zitterte, als stände sie ohne Mantel in einem eiskalten Wind. Tränen liefen ihr über die Wangen und zeichneten zittrige Spuren in ihr Gesicht. Inzwischen war es später Nachmittag, der Wind hatte zugelegt und zog tiefe Furchen durch das hohe Gras. Aus der hintersten Ecke des Gartens drang ein muffiger Geruch. Wolken zogen vor der Sonne vorbei und am Himmel schwirrten Vögel hin und her. Sie sperrten den Jungen für eine Woche in den Keller hinter dem Haus, den er auch nicht verlassen durfte, um zur Schule zu gehen. Annabell wurde sonnabends abgeholt und kam zu ihren
Pflegeeltern, ohne dass sie sich von Cedric verabschieden konnte. Sein Trost war ihr kleiner Stoffhund, den sie aus vielen Flicken selbst genäht hatte, kaum größer als eine Faust. Sie steckte ihm den Hund unter sein Kopfkissen, weil sie wusste, dass sie ihm den seinen vor Jahren genommen hatten. Als er nach sieben Tagen wieder das Tageslicht sah, schaute er mit versteinerter Miene auf die Straße hinaus und auf den Staub, den der Wind dort kreisen ließ, der Himmel über ihm war eisengrau und unbarmherzig. Trockene Blitze, die ein Gewitter ankündigten, zuckten hoch über ihm hinweg. Bei der nächsten Gelegenheit
verschwinde ich von hier, dachte er. Sein Mund war trocken und sein Herz so dunkel, wie die ziehenden Wolken. Die Frau, die ihn aus seinem Verlies geholt hatte, warf ihm einen finsteren Blick zu. »Du bist bockig und bösartig. Ein Aufrührer, den man klein halten muss. Ich hoffe, du hast aus deiner Strafe gelernt«, sagte sie. Aber Cedric hielt ihrem Starren stand und antwortete nicht. Als sie merkte, dass er weder mit ihr sprechen, noch blinzeln würde, schaute sie weg.
Kapitel - I -
Es war ein heißer Tag im Juli. In den
Baumkronen der drei alten Kiefern, die vor dem Haus standen und ihre Schatten über den Garten warfen, säuselte der Wind und gab den Blick frei auf das Blau des Himmels, der so makellos glänzte wie matte Seide. Der Duft der Blumen, die jenseits des Gartens wuchsen, und der Geruch der Walderde gaben der Luft ein angenehmes und unverwechselbares Aroma. Cedric, zehn Jahre jung, sehnig und mager, wie ein junger Straßenköter, lag mit dem Rücken auf einem Ast hoch oben in der mittleren Kiefer, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, und genoss das Gefühl der Freiheit, das er nur hier oben hatte. Weit entfernt von den Pflichten,
der Arbeit, die zu erledigen war, dem Gekeife der Frau und dem Zorn des Mannes, dem er nichts, aber auch gar nichts entgegensetzen konnte. Er trug verwaschene Jeans mit schlecht geflickten Löchern an den Knien, ein Hemd mit Streifen und ausgebleichte Turnschuhe. »Warum haben sie mich aus dem Waisenhaus geholt, wenn sie mich in Wahrheit hassen?«, fragte er den Wind und überlegte, wohin er gehen sollte. Da war kein Zaun, keine Mauer. Er konnte einfach zur Tür hinausmarschieren und verschwinden. Er musste die Flucht nur besser planen als das letzte Mal, damit sie ihn nicht wieder einfangen könnten.
Als er den Kopf zur Seite drehte und zum Wald hinüberschaute, sah er, wie der Wind durch die Bäume fuhr und ihre Wipfel neigte. Du hast es gut, dachte er. Kannst gehen wohin du willst, kannst machen wie du willst. Kommst sanft daher, spielst mit Blättern oder stürmst heran und reißt an Bäumen, wie ein wütendes Ungeheuer. Ganz wie du dich fühlst. Bist niemand verpflichtet. Keiner kann dich einsperren, niemand verprügeln. Er schloss die Augen und lauschte auf die Geräusche rings um ihn. Eines Tages kommt die Zeit, dachte er. Dann wird mich keiner finden. Dann werde ich frei sein. Frei wie der Wind,
welch wunderbarer Gedanke. Niemand würde ihn herumstoßen, niemand würde ihn schlagen, niemand würde ihn mehr einsperren. Er lernte jedes Mal dazu, blieb länger weg und machte es ihnen schwieriger, ihn wieder einzufangen. Über sein Gesicht stahl sich ein zufriedenes Lächeln, das sich zu einer Grimasse verzerrte, als er den Mann auf der Straße seinen Namen rufen hörte. »Cedric, wo bist du, verdammter Bengel? Komm rein, es gibt Arbeit. Cedric, komm sofort herein! Ich möchte dich nicht holen müssen.« Der Junge stöhnte bei dem Gedanken, was unweigerlich folgen würde. Er
richtete sich auf und schaute in den Garten hinunter, und für einen Moment überlegte er, zu warten, um auszuloten, wie weit er das Spiel treiben konnte, den Mann zu ärgern. »Cedric, ich warne dich, übertreib es nicht, oder es setzt eine Tracht Prügel, du kleiner Scheißer!« Vor Wut bebend stand der Mann in der Haustür, die Fäuste geballt und starrte in den Garten. Die dicken Brauen über seinen dunklen Augen zuckten wie borstige Raupen, auf seinen Wangen lagen rote Flecken. Cedric sprang auf einen Ast unter ihm, drehte sich in die entgegengesetzte Richtung und legte die Faust an den Mund.
»Ich komme«, rief er auf die Straße hinaus. Laut genug, dass der Mann ihn hören konnte, aber auch so leise, dass er seine Position nicht verriet. Dann kletterte er den Baum hinunter. Ein paar Elstern zankten sich in der Kiefer daneben, und er konnte nur Teile der Antwort des Mannes verstehen. Er sprang in die Wiese, lief zu ihm und sein Blick ging ins Leere, als er vor ihm zu stehen kam. »Wo treibst du dich herum, du nichtsnutziger Bengel. Du solltest doch das Holz hinter dem Haus aufschichten, das du gestern gehackt hast. Muss man dir immer alles dreimal sagen, bis du es
kapierst? Willst du es liegen lassen, bis es verfault und verrottet?« Er stieß ihm den Finger in die Rippen, seine Augen schweiften über den Garten, an den Kiefern vorbei, und blieben am Nachbargrundstück hängen. »Ich warne dich! Wenn du zu denen da drüben gehst, um dich über mich zu beschweren, dann prügle ich dir die Scheiße aus deinem Leib, bis du kotzt, und ich hab’ dabei nich’ mal ein schlechtes Gewissen.« Der Mann beugte sich vor und starrte den Jungen an, sein Gesicht war gerötet. Er stank nach Zigarettenrauch und Bierschweiß, die Augen glänzten vom Alkohol und der Aussicht, seine
unstillbare Wut an dem Jungen auszulassen. »Mach’ ich nich’«, erwiderte der Junge. Sein Blick war stur geradeaus gerichtet, die Pupillen geweitet. Was immer in seinem Kopf vor sich gehen mochte, sein Gesicht verriet absolut nichts. »Gut so«, knurrte der Mann. »Das möchte ich dir auch geraten haben. Und jetzt pack dich.« Angewidert verzog er das Gesicht und hieb seine Faust auf Cedrics Schulter. Der sackte auf die Knie. Sein Mund klappte auf, und er sog mit lautem Zischen die Luft ein. Eine Stunde später erwischte ihn der Mann, wie er neben dem halb
aufgeschichteten Holzstoß auf dem Bauch lag und selbstvergessen einen schwarzen Hirschkäfer betrachtete. Sein Gesicht war von der Arbeit mit Schweiß bedeckt, seine Haare staubig. Überrascht sah er hoch, als der Schatten des Mannes den Platz verdunkelte, wie eine schwarze Wolke, die sich vor die Sonne schob. Dann wurden seine Augen blicklos, so als wäre er mit einem Gedanken befasst, der ihm durch den Kopf ging. »Hast du was mit den Ohren? Oder bist du zu blöd, eine Aufgabe zu erledigen?« »Ich mach’ schon«, beeilte sich Cedric zu versichern. Schützend legte er die Hand über den Käfer, rappelte sich umständlich hoch, und versuchte dabei
das Tier in seiner Faust zu verstecken. Doch der Mann packte ihn am Arm, sein Gesicht verdüsterte sich. Er wirbelte den Jungen herum, und schüttelte seine Hand, bis er den Käfer loslassen musste. »Was hast du da? Womit spielst du herum, anstatt zu arbeiten?« Das Tier flog in hohem Bogen durch die Luft, landete auf dem steinigen Boden und verharrte regungslos. Plötzlich begannen seine kleinen Geweihe nervös, zu zucken. Es wollte zupacken, sich wehren, den übermächtigen Gegner zum Kampf stellen. Aber der Mann trat mit einem widerlichen Grinsen einen Schritt vor und Cedric konnte das Knacken beinahe körperlich spüren, als der Rückenpanzer
des Käfers unter dem grobstolligen Profil der Schuhe brach. Er starrte den Mann an, sein Gesicht zuckte, seine Lippen formten lautlose Worte. »Hast du etwas zu sagen?«, schrie der Mann Cedric an, packte ihn am Arm und schüttelte ihn aufs Neue. »Spielt mit blöden Käfern. Willst mich wohl verscheißern, wie? Ich werde dir zeigen, was ich von deinen Spielchen halte. Hast du mich verstanden?« Aber Cedric hatte gar nichts verstanden. All seine Sinne waren auf den Käfer gerichtet, der sich mühsam über die Steine schleppte und unter den Holzstoß kroch, um an seinen Verletzungen zu sterben.
Mit fest zusammengebissenen Zähnen steckte der Junge später die Hiebe mit dem Gürtel weg, die seinen Rücken trafen. Strafe für das Nichtstun, das Träumen, das Kind sein. Jeder Schlag ein Knacken, wie das Brechen seines Panzers. Sein Gesicht war geschwollen von den Prügeln, die er zuvor hatte einstecken müssen. Blut und Speichel liefen ihm aus dem Mund. Sein Rücken zitterte unkontrolliert. Seine Miene war voll Schmerz, und in den Augen loderte nicht nur der Zorn und die Verzweiflung des Augenblicks, sondern die ohnmächtige Wut eines ganzen Lebens.
Eine Woche später stand die Sonne hoch über den Bäumen. Cedric lehnte sich an das hölzerne Brückengeländer eines schmalen Flusses und schaute auf das Spiel der goldenen Strahlen, die auf dem Wasser tanzten, ohne eine Miene zu verziehen. Von Süden blies ein warmer Wind, strich ihm übers Gesicht, fuhr unter sein Hemd und trocknete den Schweiß auf seiner Haut. Ein frischer Geruch nach Minze und Salbei lag in der Luft. Er trabte die Brücke entlang, kroch unter einem Zaun durch und rutschte den Abhang zum Fluss hinunter. Dort setzte er sich ans Wasser und schöpfte mit der
Hand das kühle Nass, um zu trinken. Im nächsten Moment wich die Anspannung aus seinem Gesicht. Seine Blicke gingen den Fluss hinauf und hinunter. Das Wasser war so klar, dass man die glitschigen Steine am Grund sah und die dunklen Schatten der Felsbrocken, deren moosüberwucherte Höcker in der Strömung aufragten, aber nicht tief. Vielleicht kniehoch. Er watete hinein, suchte nach Fischen, Krebsen und anderen essbaren Tieren, fing einen Steinbeißer, schnupperte daran und ließ ihn mit einem erleichterten Lachen wieder frei, weil er ohnehin nicht wusste, wie er ihn braten sollte. Er hatte sich vor fünf Tagen aus dem
schrecklichen Haus davongemacht, und war hungrig. Das Brot und der Käse, den er mitgenommen hatte, waren längst aufgebraucht. Aus einem Garten hatte er am Abend zuvor eine Handvoll Möhren gezogen, und im Park in den Abfalleimern einen Apfel und ein halbes Brötchen mit Wurst gefunden. Seitdem hatte er nichts gegessen. Er war hungrig, obwohl er Hunger kannte, durstig, obwohl er getrunken hatte und so erschöpft, dass er bereit war, sich irgendjemand anzuvertrauen. Aber um Essen zu betteln, würde auch heißen aufzugeben. Sie würden ihn festhalten und zurückbringen. Die hielten bestimmt schon Ausschau nach ihm. Das
kannte er bereits und durfte auf keinen Fall geschehen. Er rieb sich mit der flachen Hand über den Mund, einen müden Ausdruck im Gesicht und hockte sich ins Gras, unschlüssig, hin und her gerissen, so als gingen ihm allerlei Fragen und Antworten zugleich durch den Kopf. Von der Brücke prasselten kleine Steine in den Fluss, als ein Wagen mit hoher Geschwindigkeit vorbeifuhr. Was würden die Indianer aus meinen Büchern tun, dachte er, und sah dem Wagen nach. Den Büchern, die er aus der Bibliothek geliehen und zwischen den Schulbüchern, Mathematik und Geschichte, versteckt gehalten hatte, damit sie ihm keiner
nehmen konnte. Er hatte sie heimlich des Nachts gelesen, am Boden unter dem Fenster sitzend, im Licht der Straßenlaterne, die ihren fahlen Schein in sein Zimmer geworfen hatte. Immer darauf bedacht, nicht erwischt zu werden. Nun vermisste er sie mehr als gedacht. »Nicht aufgeben«, murmelte er vor sich hin. »Kämpfen bis zum bitteren Ende, das würden sie tun.« Sein Gesicht war schweißüberströmt, während sich sein Mund so trocken anfühlte, wie nie zuvor. Er schob seine Hände zwischen die Knie, ließ sich in die Wiese fallen, schob den Arm über die Stirn und fiel in einen unruhigen, traumlosen Schlaf.
Am Nachmittag legte sich die Sonne gleißend über das Land und ließ die Luft über dem Bahndamm flirren, dem Cedric nach seiner Rast schon eine ganze Weile folgte. Auf diese Weise kam er gut voran und fühlte sich unbeobachtet. Auf der Straße hielt schon mal ein Auto an, um zu fragen, wohin er wollte, und warum er mutterseelenallein unterwegs war. Er war erschrocken erstarrt, hatte sich dann umgedreht und war blitzartig mit flatterndem Hemd davongelaufen, aber die Frau hatte ihn nicht weiterverfolgt. Seitdem war Cedric vorsichtiger. Er schwitzte in der Hitze, die von dem groben Kies zwischen den Schienen
reflektiert wurde. Mit dem Ärmel wischte er sich den Staub und den Schweiß vom Gesicht, während sein Blick in die Ferne schweifte, als ließe sich in der flimmernden Luft eine Antwort auf alle ungelösten Probleme seines Lebens finden. Eine halbe Stunde später tauchte ein gutes Stück vor ihm ein Dorf auf, er konnte den Kirchturm in der Ferne erkennen und überlegte lange, ob er besser in die Hügel daneben gehen sollte oder weiter dem Bahndamm entlang, konnte sich aber zu keiner Entscheidung aufraffen. Im Dorf würde er etwas zu essen finden und Wasser, er konnte in Abfalleimer stöbern und aus dem
Dorfbrunnen trinken, im Wald wäre er sicher. Er fühlte sich alles andere als wohl dabei, durch die Gärten zu stromern und Obst und Gemüse zu stehlen, aber Hunger und Durst ließen ihm keine andere Wahl. Schließlich nahm ihm das Schicksal die Entscheidung ab. Er hörte hinter sich das Geräusch eines sich nähernden Zuges, der über die Gleise ratterte und fuhr erschrocken herum. Die Lokomotive kam rasch näher. Schnell sprang er vom Bahndamm, lief in die Wiese daneben und weiter auf das Dorf zu, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Gesprenkelte Schatten flirrten über die blank polierte Oberfläche der Waggons,
die gleich darauf neben ihm vorbeirasten. Hinter den Fensterscheiben saßen Menschen, manche schauten zu ihm heraus oder über ihn hinweg und er wünschte für einen Moment, er könnte auch dort drinnen sitzen, und sei es nur, um schneller voranzukommen. Irgendwohin, immer schneller, immer weiter, einfach nur weg, wie ein ganz normaler Junge, der sich auf eine Reise begeben hatte. Er winkte dem Zug, den Menschen, den davonziehenden Träumen, schrie ihnen hinterher, lief mit ihnen und blieb schließlich schwer atmend stehen. Ein warmer Wind wehte über die Wiese und er spürte, dass er drauf und dran war,
endgültig aufzugeben, als sich ein Stück vor ihm eine Schar Krähen aus einem Baum in die Luft erhoben. Neugierig ging Cedric näher und legte den Kopf in den Nacken. Ein Raubvogel kreiste hoch über dem Wipfel eines Kirschbaums, kein Steinwurf von den ersten Häusern des Dorfes entfernt. Reglos hingen die von Staub überzogenen Blätter an den Bäumen, und das Laubdach warf in der Hitze seinen Schatten auf die Straße. Er konnte sein Glück kaum fassen und kletterte hoch. Der Baum war voll mit reifen Früchten, die offenbar nur darauf warteten, von ihm gepflückt zu werden. Grinsend setzte er sich auf einen Ast,
naschte die süßen Kirschen, spuckte die Kerne in alle Richtungen und stellte sich vor, wie aus jedem Einzelnen ein neuer Baum wachsen würde. In einiger Entfernung staksten die Krähen in der Wiese herum und pickten mit ihren scharfen Schnäbeln in die grünen Halme, auf der Jagd nach Insekten. »Kommt wieder zurück«, lachte er, starrte in die Äste und suchte zwischen den grünen Blättern nach den reiferen Früchten. »Ich esse nicht alle. Wir können teilen.« Aber sie kümmerten sich nicht um ihn. Wieder zufrieden mit sich und der Welt gingen seine Blicke nach einer Weile in die Runde, er schaute in einen Garten,
der ein Dutzend Schritte weiter im Schatten einer Handvoll Bäume lag. Eine einsame Schaukel baumelte an einem der Äste und unter dem Blattwerk versteckte sich ein kleines Haus aus Holz. Blau gestrichen, in der Farbe des Himmels. Unter seinem schmalen Vorbau hing eine Strickleiter. Cedrics Haut fühlte sich plötzlich heiß an, seine Hände steif und trocken. Wie es wohl wäre, in diesem Garten zu spielen, auf der Schaukel zu sitzen, in diesem Häuschen zu liegen und lesen, dachte er. Den Geräuschen der Bienen, Hummeln und Vögel zu lauschen, und dem Wind, der Geschichten erzählte. Er pflückte eine Handvoll Kirschen und saß
lange Zeit an den Stamm gelehnt, ohne sich zu rühren, die Augen zum Träumen geschlossen. Erst beim schwindenden Licht der Abenddämmerung kletterte er vom Baum. Ging einigermaßen gesättigt und zufrieden den Bahndamm weiter entlang, sprang zur Seite, als der nächste Zug kam und schlenderte ins Dorf, auf der Suche nach einem Schlafplatz. »Hey, junger Mann, wohin soll es denn gehen?«, hörte er hinter sich die fremde Stimme eines Mannes, als er die Straße überqueren wollte, und kämpfte sofort mit dem Drang davonzulaufen. Er drehte sich langsam um und schaute auf die beiden Polizisten, ein Mann und eine
Frau, die fünf Schritte hinter ihm stehen geblieben waren. »Nach Hause«, antwortete er nach kurzem Zögern, den Kopf schief gelegt. Fieberhaft überlegte er, was er ihnen antworten sollte, falls sie ihn nach einem Namen fragten. »Du bist nicht von hier, stimmt’s?«, sagte die Frau und nickte ihm zu. Cedric schluckte und suchte nach einer Antwort. Sämtliche Farbe war aus seinem Gesicht gewichen. Er schüttelte nachdrücklich den Kopf. »Nein. Ich bin zu Besuch bei Freunden«, krächzte er und schaute die Straße hinauf, suchte nach einem Ausweg und wog seine Chancen ab, den beiden zu
entkommen. Die Frau war unmerklich zwei Schritte nähergekommen. Als hätte sie seine Gedanken gehört, schweifte ihr Blick über die Straße und senkte sich auf ihn. »Du bist Cedric, nicht wahr?«, sagte sie. »Ein schöner Name. Warst du schon mal in Irland?« »Nein«, erwiderte Cedric, überrascht, weil die Frau seinen Namen wusste. Er fragte sich, wie er nach Irland kommen sollte, und sah zu ihr hoch. Sie stand vor ihm und hielt ihm die Hand hin, die er nahm, weil er zu müde war, um weiter davonzulaufen, weil sie nett war, und es sich richtig anfühlte. »Komm mit«, sagte sie. »Wir gehen erst mal etwas essen, du hast sicher Hunger.
Dann erzählst du uns, was du die letzten Tage erlebt hast. Ist das okay für dich?« »Ja«, erwiderte Cedric, schaute hinunter auf seine schmutzigen Füße, die in löchrigen Turnschuhen steckten, und ging mit ihr. »Du bist auf den Bahngleisen gelaufen«, sagte der Polizist und schüttelte den Kopf. Da saßen sie schon in einem Gasthaus und Cedric schnitt bedachtsam ein Stück von seinem gebratenen Kotelett und steckte es in den Mund. Er kaute langsam, genoss jeden Bissen. »Hier fahren Dutzende Züge. Was denkst du, wäre passiert, wenn dich einer erwischt hätte? Du musst da gar nicht so nah ran, weißt du? Es reicht, wenn dich
der Luftzug mitnimmt. Du bist dann schneller unter den Rädern, als du denkst.« »Ich habe aufgepasst und bin jedes Mal rechtzeitig zur Seite gesprungen«, erwiderte Cedric trotzig, ohne aufzusehen. »Du hättest tot sein können«, murmelte der Polizist. »Ein Lokführer hat uns angerufen, sonst hätten wir dich nicht gefunden.« Nach dem Essen bedankte sich Cedric, stand auf und wollte gehen. »Halt. Nicht so eilig. Wo willst du denn hin? Du musst uns noch erzählen, was du die letzten Tage gemacht hast«, sagte die Frau und hielt ihn mit ihren Blicken fest.
»So war es abgesprochen.« »Ich kann nicht bleiben«, antwortete der Junge, und schaute die beiden an. »Ich muss weiter, sonst fangen sie mich ein.« »Wer fängt dich ein?« »Na, der schreckliche Mann und die Frau, die mich aus dem Waisenhaus geholt haben. Er wird mich so lange mit dem Gürtel schlagen, bis ich tot bin«, erklärte Cedric mit ernstem Gesicht. »Er schlägt dich mit dem Gürtel?« »Er schlägt mich mit seinem Gürtel, sie mit einem Teppichklopfer. Seit das Ding aus Stroh kaputt ist, hat sie einen aus Plastik. Der tut beinahe mehr weh, als der Gürtel.« »Was hast du getan, weil sie dich
einfangen und schlagen wollen?«, fragte die Frau und sah Cedric mit finsterer Miene an. Das Gesicht des Jungen zeigte eine tiefe Kränkung, die sich nicht verbergen ließ. »Du musst nicht wieder zurück zu diesem Mann und der Frau. Versprochen. Du kannst auch wieder ins Waisenhaus. Sie haben uns nämlich angerufen, uns deinen Namen gesagt, und gebeten, dich zu suchen.« Die Polizistin streckte ihm wieder die Hand hin, aber diesmal blieb Cedric still stehen. Er brachte keinen Ton mehr heraus, so als erstickte er an seinen Gefühlen. »Ich habe das Klo verstopft, bevor ich davongelaufen bin«, murmelte er endlich
und presste die Lippen aufeinander. »Ich habe sein Hemd in die Schüssel gestopft, weit nach unten, damit er es nicht sieht und ihm beim Abziehen das ganze Zeug entgegenkommt. Weil er mich so oft verprügelt hat, obwohl ich gar nix getan hab’.« Die Bitterkeit, mit der er dies sagte, war mit Händen zu greifen. »Ach du heilige Scheiße!«, rief die Frau aus, und ihre Hand ging zum Mund. Dann huschte ein Grinsen über ihr Gesicht und Cedrics Mundwinkel zuckten verräterisch. Die Frau kniff die Augen zusammen und schüttelte den Kopf. Schließlich lachten die beiden, bis ihnen die Tränen über die Wangen liefen. Sie nahm ihn mit nach Hause und steckte
ihn erst in die Badewanne und dann in ein Bett mit weichen, weißen Decken. So weich und duftend, dass er das Gefühl hatte, auf Wolken zu liegen.
Obwohl es später Abend war, hörte er jede Menge Geräusche von draußen. Blätter raschelten im Wind, die Nachbarskinder spielten im Dunkeln, und weit entfernt bellte ein Hund.
Er wünschte sich, für immer hier bleiben zu dürfen, wusste aber bereits von ihr, dass dies nicht möglich war. Sie war eine Polizistin und er nur ein Kind ohne Eltern.
| Eichenlaub Hallo Marc, Dein hübsches, auffallende Cover hat mich neugierig gemacht, das Buch aufzuschlagen und zumindest in den ersten Seiten hineinzulesen. Du hast einen schönen Erzählstil und es gefällt mir auch, wie Du die Natur beschreibst. Ca. 60 Seiten habe ich nicht auf einmal geschafft, aber ich werde mir Dein Buch merken. Lieben Gruß Gerlinde |