Schreibparty 116
Kopfkino
von Schnief
Thema: Kopfkino
Vorgabeworte: Flackernder Blick, Schatten, Traum, Geräusch, Erinnerung,
Baumwipfel, Kochtopf
Text und Cover Schnief
Mit einem flackernden Blick auf die Küchenuhr bemerkte Erik, dass es erst drei Uhr morgens war. Er stand vor dem Herd, starrte in einen leeren Kochtopf und spürte, wie die Grenze zwischen Wachsein und Traum stetig dünner wurde.
Plötzlich huschte ein Schatten über die Fliesen des Küchenbodens oder war es nur das Kopfkino, das ihm nach der langen wachen Nacht einen Streich spielte?
Ein leises, rhythmisches Geräusch drang an sein Ohr. Es hörte sich an, wie das Schaben von Krallen auf Holz.
Eine Erinnerung an das alte Waldhaus in seiner Kindheit stieg in ihm auf, so
intensiv, dass er fast den Duft von feuchter Erde riechen konnte.
Er schaute aus dem Fenster, wo sich die dunklen Baumwipfel im Wind bogen und wie schwarze Finger nach dem Mond griffen. In seinem Kopf begann die Geschichte von selbst weiterzulaufen. Was, wenn das Klopfen nicht vom Wind kam? Er hielt den Atem an, während die Stille der Küche fast ohrenbetäubend wurde.
Erik schmunzelte plötzlich, als er das leise Schaben erneut hörte. Es war kein Ungeheuer, sondern eine Erinnerung an seine Großmutter, die nachts oft noch in der Küche
werkelte.
Er griff nach einem hölzernen Kochlöffel neben dem Kochtopf. Das Geräusch kam von der alten Fensterdichtung, die im Wind sang, genau wie damals im Waldhaus, wenn die Baumwipfel ein Schlaflied gegen die Scheiben rüttelten. Sein Blick entspannte sich, denn der dunkle Schatten an der Wand war nur seine eigene Silhouette im fahlen Mondlicht.
Es war zum Glück kein Albtraum, sondern ein friedvolles Kopfkino. Er schloss die Augen, ließ den Traum vom Duft frisch gekochten Pudding in der Luft hängen und fühlte sich für einen Moment wieder wie der kleine Junge, der
sicher in der Geborgenheit der Nacht bei der Großmutter wartete.
Erik legte den Holzlöffel zurück und begriff, dass diese nächtlichen Besuche seines eigenen Geistes kein Fluch, sondern sein Anker waren. In einer Welt, die sich immer schneller drehte, war sein
Kopfkino der einzige Ort, an dem die Zeit stillstand und die Erinnerungen lebendig blieben. Er löschte das Licht, ließ den leeren Kochtopf und die dunklen Baumwipfel hinter sich und nahm die Gewissheit mit in den Schlaf, dass man niemals wirklich allein ist, solange die eigenen Träume einem den Weg nach Hause weisen.