Am Maisfeld
Nachdem sich Mira glücklich und zufrieden über ihre Erkenntnis und der Pause auf den Wurzeln ihres geliebten Baumes von ihm mit einer festen Umarmung und einem Abschiedskuss verabschiedet hatte, war sie mit Elan und voll guter Ziele für die Suche nach einer eigenen kleinen Wohnung losmarschiert. Der Trampelpfad verlief das letzte Stück bis zum Dorf mitten durch die mit Bäumen dünn besiedelte Landschaft entlang des Flussbettes. Mira musste hier teilweise um Bäume herum gehen oder jungen Ablegern ausweichen, bevor der Trampelpfad direkt am Feld endete.
Dieses Jahr hatte der Bauer Mais ausgesäht und mittlerweile waren die jungen Pflanzen schon hüfthoch, aber die Maiskolben noch fest verschlossen in ihren großen dunkelgrünen Blättern.
Zum Glück hatte der Bauer freundlicher Weise den schmalen Randstreifen beim Aussähen ausgespart, damit die Fußgänger den Trampelpfad zwischen Stadt und Dorf weiterhin nutzen konnten. Sicherlich waren darüber auch die Hundebesitzer erfreut, um ihre Fellnasen frei laufen lassen zu können. Am Ende des Feldes begann der erste Straßenzug einer Sackgasse mit Einfamilienhäusern und großzügig angelegten Gärten. Das erste Haus hatte noch nicht einmal sein
Grundstück zum Bachlauf, welcher nun direkt hinter den Häusern verlief und wenig später unter eine breite, gut ausgebaute Brücke hindurch geleitet wurde, abgezäunt.
Mira war noch nicht bis zum Ende des Maisfeldes vorgedrungen, als sie von weiten einen Mann mit Hund ihr entgegen kommen sah. An sich nichts Ungewöhnliches, denn natürlich begegneten ihr häufig Leute mit ihren Fellnasen, die ja nun mal auch täglich spazieren gehen mussten, so wie Mira fast täglich das Bedürfnis hatte, raus zu kommen und sich weg von Zuhause frei bewegen zu können. Doch mit jedem Schritt, den sie dem Mann in Jeans und
einem langärmeligen Shirt näher kam, war sie sich sicher, ihn hier noch nie gesehen zu haben. Auch sein Hund, der ein klein gewachsener Golden Retriever zu sein schien und ohne Leine ganz ruhig bei Fuß lief, kam ihr unbekannt vor, da war sie sich sicher, denn die meisten Fellnasen des Dorfes konnte sie den jeweiligen Besitzern zuordnen, auch wenn sie natürlich nicht alle Leute persönlich kannte. Aber so ist das nun mal auf dem Dorf, man weiß, wer zu wem gehört und wer mit wem verwandt oder verschwägert ist.
Doch als die Beiden sich auf dem schmalen Weg entlang des Maisfeldes nur noch ein paar Meter vor Mira
befanden, musste sie vor Schreck stehen bleiben. War das Uwe, ihr Exfreund? Eigentlich konnte das doch gar nicht möglich sein, denn er wohnte knapp dreizig Kilometer entfernt und was sollte ihn plötzlich hierher geführt haben? Doch wie der glatzköpfige Mann seine Schritte setzte, der kleine Golden Retriever brav bei Fuß ging, löste dieser Anblick bei Mira nicht nur einen erhöhten Puls aus, sondern auch eine Mischung von Staunen und Wohlwollen, Uwe und seine Mandy wiederzusehen. Es wäre eine unerwartete, aber nicht zu verwerfende Überraschung, denkt Mira in dem Moment, wie der Mann seinen Hund auf die andere Seite schickt und Mira
freundlich fragt; „Hallooo, alles in Ordnung bei Ihnen? Sie brauchen keine Angst vor dem Hund haben! Sehen Sie, er geht schon auf der Außenseite! Alles gut.“
Mira hatte ihn nur verblüfft ansehen können, er hatte nicht die Stimme und auch nicht die Gesichtszüge von Uwe, selbst wenn er sich natürlich in den vergangenen zehn Jahren verändert haben könnte, sie selbst war ja schließlich auch älter geworden, und dennoch musste sie sich unweigerlich umdrehen und ihm hinterher schauen. Die Haltung des Mannes war dem ihres Exfreundes verblüffend ähnlich, staunend blickte Mira den Beiden nach, bis sie in das
dünn besiedelte Wäldchen auf dem Trampelpfad verschwunden waren. Mira seufzte laut und konnte das Gefühl, welches die Möglichkeit einer unerwarteten sich real anfühlenden Begegnung mit Uwe in ihr ausgelöst hatte, noch nicht abschütteln. Ohne weiter nachzudenken lief sie zügig bis ans Ende des Feldes, dann lief im Joggingschritt mit schüttelnden Armen die Sackgasse hinauf und anstatt nach links über die große Brücke nach Hause abzubiegen, lief sie rechts die Straße entlang bis zur Bank auf dem kleinen Marktplatz, welcher von den einzigen Geschäften des Dorfes begrenzt wurde, und setzte sich außer Atem und den
Rucksack abwerfend hin. Mira konzentrierte sich, so ruhig wie möglich einzuatmen und so fest und ausdauernd wie möglich, auszuatmen. Sie wusste, ihre Aufregung würde sich auf diese Weise beruhigen, schließlich war es nicht Uwe gewesen, auch wenn dieser Mann mit Hund sie so plötzlich und intensiv an ihn erinnert hatte. Eine zeitlang atmete sie konzentriert ein und fest pustend wieder aus, bis sich ihr Puls einigermaßen beruhigt hatte, ihre Gedanken jedoch nicht wirklich. Mit diesem Ereignis fühlte sich Mira zehn Jahre zurück versetzt und ihr Denken beschäftigte sich mit der Zeit, die sie gemeinsam verbracht hatten. Mit Uwe
und seiner Hündin Mandy hatte Mira die Natur für sich entdecken können. Zuvor war sie ausschließlich mit Arbeiten und ihren Kindern beschäftigt gewesen, hatte weder die Zeit und auch nicht den Wunsch nach frischer Luft umgeben von Bäumen, Sträuchern, Erde und Wasser verspürt. Doch nach den ersten Jahren einer aufgrund der räumlichen Entfernung und der Kinder wegen lediglich auf das Wochenende beschränkten Beziehung war sie bei den Spaziergängen zu dritt in das Wohlgefühl von Naturspaziergängen eingetaucht und hatte sehr oft Bäume umarmt und sich an ihnen angelehnt, während Uwe mit seinem Hund spielte.
Wie alt mochten seine Kinder inzwischen sein? Während Mira ausdruckslos auf die dunklen Scheiben der Metzgerei starrte, rechnete ihr Gehirn dem damaligen Alter seiner Kinder die vergangenen Jahre seit der Trennung hinzu, der Älteste, Lars musste also mittlerweile einunddreißig sein, der Mittlere Sven nun neunundzwanzig, ob er mittlerweile Fuß gefasst hatte? Mira wünschte es ihm aus der Ferne, schließlich war er ein netter Kerl, nur hoffnungslos chaotisch, das vollkommene Gegenteil von ihrem Jonathan, der sie mit seiner Geradlinigkeit, die er nicht von ihr haben konnte, immer wieder verblüffte, sowohl als er gutverdienend mit nur
vierundzwanzig Jahren seine Freundin heiratete, wie auch als er und Sarah Mira vor einem Jahr mit Nachwuchs überraschten. Auch staunte sie immer wieder darüber, wie unterschiedlich ihre Zwillinge waren, denn Svenja liebte es, gut ausgestattet zu leben, hatte bislang mit ihren sechsundzwanzig Jahren nur kurzweilige Beziehungen geführt und arbeitete fast rund um die Uhr.
Miras Augen wanderten mit leerem Blick die Schaufenster der über die Mittagszeit geschlossenen Geschäfte rund um den Marktplatz ab, der Friseur hatte montags immer geschlossen, die Bäckerei, der Metzger und der Tante Emma Laden würden um fünfzehn Uhr wieder öffnen.
Sie kramte ihr Handy umständlich aus dem Rucksack, drückte auf den Knopf zum Entsperren und staunend fuhr sie sich durch die Haare, wie konnte so viel Zeit vergangen sein? Als sie die Abfahrt des Zuges am Bahnhof in der Stadt wegen der verwahrlosten und sicherlich obdachlosen Frau verpasst hatte, war es kurz nach zehn Uhr gewesen und nun schon Vierzehn?! Als Mira ihre Zigaretten in der Seitentasche des Rucksacks heraus geholt und sich eine angezündet hatte, nahmen die Gedanken an vergangene Zeiten wieder ihren Lauf.
Fortsetzung folgt