Kurzgeschichte
Mohácser Busojaras - Ungarns spektakulärster Fasching

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"Mohácser Busojaras - Ungarns spektakulärster Fasching"
Veröffentlicht am 02. Februar 2026, 22 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Über den Autor:

Ich erinnere mich noch gerne meiner allerersten Zeilen - ein Schulgedicht: Der Winter ist ein Bösewicht, die Bäume tragen Schneegewicht, die Stämme sind kahl und so schwarz wie ein Pfahl, die Felder sind weiß und auf dem See liegt Eis. In den seither vergangenen Jahrzehnten hat sich mein Schreibstil sicher geändert - ist erwachsen geworden -, aber die Freude am Schreiben ist ungetrübt.
Mohácser Busojaras - Ungarns spektakulärster Fasching

Mohácser Busojaras - Ungarns spektakulärster Fasching

In Mohács erwacht der Winter unter Trommeln, Rasseln und Trompeten. Maskierte Gestalten, deren Holzmasken Zähne fletschen und deren Felle im Wind rascheln, ziehen durch die Gassen und vertreiben die kalte Jahreszeit wie ein altes Ritual. Tage voller Umzüge, Lagerfeuer, feuriger Musik und wilden Tanzes verschmelzen zu einem Schauspiel, das die Seele berührt. Kein Wunder, dass die Busójárás als UNESCO-Kulturerbe gefeiert wird – ein Fest, das Tradition atmet und jeden Besucher in seinen Bann zieht. Vor langer Zeit war der Winter ein hungriges Tier, das Felder, Häuser und

Hoffnung verschlang. Ein alter Mann in Mohács wusste: Mit Furcht allein überlebt man nicht. Er legte Tierfelle, Hörner und alte Masken an und trat hinaus – nicht mehr Mensch, sondern Schatten zwischen Leben und Tod. Die Dorfbewohner folgten ihm, bildeten einen wirbelnden Haufen aus Feuer, Rauch, Trommeln und Glöckchen. Die Feinde flohen, denn sie sahen nicht Menschen, sondern Ahnen aus dem Nebel steigen. Seit jener Nacht wiederholt sich der Tanz: Rauch, Trommeln, Masken – Erinnerung daran, dass Mut, Gemeinschaft und Ahnen stärker sind als

jede Furcht. Tief im Gemencer Wald flüstern die Bäume noch heute von jener Nacht. Die alten Busós ziehen sich dorthin zurück, Hörner glänzend im Mondlicht, Felle schwer vom Regen, Augen glühend wie Glut unter der Rinde. Wer still bleibt, kann hören: das Knacken von Holz, das ferne Rufen der Glöckchen, ein Echo der Hüter, die über Wald und Wasser wachen. Ein neugieriger Junge aus Mohács schleicht heimlich in den Wald. Er erstarrt, als Schatten tanzen, Hörner glitzern und Lachen wie ferne Glöckchen klingt. Die Busós bemerken ihn, nicht zornig, sondern wissend. Geschichten

fliegen wie Funken durch die Nacht: von Mädchen, die trotz Angst tanzten, von Trommeln, die Herzen retteten. Er spürt Mut, Erinnerung und Ahnen – und als die Busós verschwinden, nimmt er ein Stück dieser alten Kraft mit ins Dorf. Am Morgen erwacht Mohács, Trommeln hallen, Rauch verzieht sich. Die Busós wirbeln durch die Straßen, Glöckchen klingeln, Kinder laufen zwischen ihnen hindurch. Vergangenheit und Gegenwart verschmelzen, Mensch und Legende tanzen miteinander. Bald sind die Busós verschwunden, doch tief im Wald warten die alten Hüter – still, unsichtbar, immer präsent. Und das Echo ihrer Nacht hallt

weiter, in jedem Herzschlag, in jedem Schritt, in jeder Nacht, die der Winter fürchtet.

Das Echo der Busós – Eine Nacht, die niemals endete

Der Winter hatte Mohács fest im Griff. Die Gassen lagen still unter einem Mantel aus Raureif, Nebel und schweigendem Atem. Die Häuser schienen zu schlafen, nur die Schornsteine stießen rauchige Schwaden in die Nacht. Von fern drang Trommeln, tief, schwer, begleitet von Glöckchen, die leise in der Ferne klirrten. Ein raues, kratziges Lachen kam aus dem Dunkel und ließ die Fenster zittern. Es war der Atem einer alten Welt, die sich nicht von der Zeit beugen ließ. Ein Herzschlag, der durch jede Straße, jeden Winkel, jeden verschneiten Pfad zog.

Ein kleiner Junge drückte sich an die Wand seines Hauses. Seine Augen waren groß, sein Herz ein wilder Trommelrhythmus, den er kaum zu bändigen vermochte. Zu jung, um Furcht wirklich zu kennen, zu neugierig, um zu gehorchen. Er lauschte dem Wind, der Geschichten zwischen den Dächern flüsterte – Geschichten, die älter waren als das Dorf selbst. Geschichten von Winter, der alles verschlang. Und von Wesen, die ihn vertrieben. Langsam, vorsichtig, schlich er aus dem Haus. Der Schnee knirschte unter seinen Füßen, ein leises Knistern, das mit seinem Herzschlag verschmolz. Er trat

ein in die Dunkelheit zwischen den Häusern, in die Schwärze, die den Gemencer Wald umschloss. Der Wald wartete. Dichte Bäume standen wie alte Wächter, Schatten verschlangen alles. Moos legte sich wie lebendiger Teppich über die Wurzeln, und Nebel kroch wie kaltes Wasser zwischen die Stämme. Jeder Schritt war ein leises Knistern, jeder Atemzug ein Echo der Stille, jeder Herzschlag ein Trommelschlag in der Nacht. Plötzlich glitzerte etwas im Mondlicht: Hörner und Felle, Masken mit scharfen Zähnen, die ihn anzustarren schienen, als

könnten sie die Seele lesen. Ein raues, kratziges Lachen erfüllte die Luft, freundlich und geheimnisvoll zugleich. Der Junge wusste: Hier beginnt die Nacht der Busós. Die Busós hatten sich im Kreis versammelt. Ihre Hörner glänzten wie alte Sterne, die Felle schwer vom Tau. Kleine Feuer flackerten und warfen Funken in den Nebel, Funken, die wie winzige Sterne aufstiegen und wieder verschwanden. Masken waren nicht nur Holz und Zähne – sie waren Hüter von Mut und Angst, von Geschichten, die älter waren als das

Dorf selbst. Sie erzählten von den ersten Nächten Mohács’, als der Winter alles verschlang: Felder, Häuser, Hoffnungen. Trommeln retteten Herzen, Funken stoben wie Sterne, Rauch schrieb Geschichten in die Bäume – Rauch, der sich zwischen Äste und Stämme wand, Rauch, der Geschichten wie alte Schatten auf den Boden legte. Der Junge wagte keinen Laut. Jede Bewegung, jedes Lachen, jeder Funke, der durch die Luft sprang, wurde in ihm aufgenommen. Keine Worte richteten sich an ihn, doch er war gesehen – nicht als Feind, sondern als Kind, das zu neugierig war, um zu verstehen.

Die Busós lehrten nicht mit Zorn, sondern durch Präsenz. Durch jeden Schritt, jeden Dreh, jeden Trommelschlag. Jede Bewegung war ein Gedicht, jede Drehung eine Geschichte, die Zeit überdauerte, jede Drehung eine Erinnerung, die in den Nebel geschrieben wurde. Die Mädchen tanzten, Füße leicht wie Federn, Augen weit aufgerissen vor Angst und Freude zugleich. Dorfbewohner lauschten hinter Türen, jeder Atemzug ein Schlag der Trommeln. Das Rascheln der Felle, das Knistern des Feuers, das Knarren der Hörner – alles war Musik, alles war Atem, alles war Erinnerung.

Der Junge bemerkte die Details: Ein Busó, schwarz wie die Nacht, beugte sich zu einem Funkenflug hinunter. Ein anderes Lachen mischte sich, rau und kratzig, mit dem Glöckchenklang. Für einen Moment schien die Welt zu schweigen; nur die Magie tanzte weiter. Zwischen den Bäumen huschten Schatten. Ein alter Hund, der den Winter hasste, winselte, sprang auf und lief zwischen den Busós hindurch, als wüsste er, dass diese Nacht kein Ende kannte. Ein Fuchs lugte aus dem Dickicht, seine Augen glänzend wie kleine Laternen, dann verschwand er wieder, als hätte er die Geschichten gehört, die die Trommeln

erzählten. Mäuse huschten über gefrorene Wurzeln, das Knistern unter ihren Pfoten wie leise Trommeln der Natur. Ein Uhu schwang sich durch die Äste, sein Ruf ein langgezogener Ton, der mit dem Trommeln verschmolz. Alles lebte, alles tanzte, alles war Teil der Nacht. Die ältesten Busós standen auf einer kleinen Lichtung, Hörner schwer vom Tau, Felle glänzend im Mondlicht. Rauch stieg von winzigen Feuerstellen auf, die wie glimmende Sterne zwischen den Bäumen verteilt waren. Sie erzählten Geschichten, die älter waren als die Häuser von Mohács: vom Winter, der

Felder verschlang, von Mädchen, die trotz Furcht tanzten, von Trommeln, die das Herz des Dorfes retteten. Die Funken stoben, als hätten sie eigene Gedanken, als wollten sie den Himmel warnen: Bald beginnt Mohács, bald wird der Tanz kommen. Die Bäume flüsterten im Nebel, und jedes Rascheln der Äste wurde zu einem Echo der Ahnen. Der Junge spürte, wie die Nacht lebte, wie jeder Schritt, jedes Kichern und jeder Trommelschlag ein Teil eines uralten Rhythmus war, der sich über Jahrhunderte erstreckte. Ein Busó, schwarz wie die Nacht, setzte sich auf einen umgestürzten Baumstamm.

Er begann zu murmeln, leise Geschichten von den ersten Nächten, in denen Menschen noch hinter Türen kauernd zusahen. Die Stimmen der Busós mischten sich mit dem Wind, der durch die Äste fuhr, und mit jedem Atemzug spürte der Junge die Gegenwart der Vergangenheit. Ein anderes Busó beugte sich zu einem kleinen Feuer, fing Funken auf, die wie winzige Glühwürmchen um ihn herum tanzten. Er lachte rau, kratzig, doch warm – als wollte er sagen: „Fürchtet euch nicht. Wir sind Hüter, nicht Feinde.“ Der Junge wagte keinen Laut. Er fühlte sich klein, doch getragen von der Kraft der Nacht, von den

Geschichten, von der Gemeinschaft, die hier entstand. Plötzlich erzählte ein alter Busó von der Nacht, als der Winter Mohács bedrohte. Häuser waren verschüttet, Felder zerstört, die Menschen hatten Angst. Doch die Busós kamen – maskiert, mit Hörnern, mit Fell und Rauch. Sie tanzten durch die Straßen, trommelten, lachten, erzeugten eine Energie, die selbst die Feinde erzittern ließ. Sie sahen nicht Menschen, sie sahen Ahnen, Geister, Schatten – und flohen, gejagt von der Nacht selbst. Der Junge lauschte jedem Wort, jedem Geräusch, jedem Funken, der in der Luft

zersprang. Die Nacht fühlte sich endlos an, Zeit war aufgehoben, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verschmolzen. Jeder Atemzug war eine Geschichte, jede Bewegung ein Gedicht, jeder Schritt ein Echo. Jahre vergingen. Der Junge wuchs, wurde Mann, Vater, Großvater. Er schrieb alles auf: Masken, Hörner, Tänze, Feuer, Funken, Nebel, Trommeln, Glöckchen, Geräusche, Geschichten. Doch die Zeit verstaubte die Schubladen seines Lebens, und die Aufzeichnungen gerieten in Vergessenheit, bis der Dachboden entrümpelt wurde.

Staub stieg auf, Sonnenstrahlen fielen schräg durch die Ritzen, und zwischen alten Kisten lag das Bündel Papier. Lederband spröde, Seiten vergilbt, Ränder eingerissen. Wer sie aufschlug, hörte Trommeln, Glöckchen, raues Lachen und spürte Rauch und Nebel zwischen den Zeilen. Vergangenheit und Gegenwart verschmolzen, die Busós lebten wieder, nicht als Masken, sondern als Atem, Herzschlag, Echo. Die Geschichten erzählten von Funken, die über Hände sprangen, von Jungen und Mädchen, die trotz Angst tanzten, von Dorfbewohnern, die das Herz Mohács’ spürten. Sie erzählten von Winter, der

alles verschlucken wollte, von Trommeln, die das Dorf retteten, von Mut, Erinnerung, den Ahnen. Wer die Seiten las, spürte die Präsenz der Busós in jedem Atemzug, in jedem Knistern, in jedem Flackern von Licht. Wer still blieb, konnte sie hören: das Echo der Nacht, die niemals endete. Die Busós waren Hüter der Zeit selbst – unsichtbar, spürbar, ewig. Nicht nur im Wald, nicht nur im Dorf, sondern überall dort, wo jemand still genug war, um zuzuhören. Der Nebel kroch weiter, Trommeln hallten fern, Glöckchen klirrten in

Gedanken. Wer die Geschichte las, fühlte sich klein und doch stark, getragen von der Erinnerung an die Nacht, in der der Winter nicht mit Kraft, sondern mit Schatten, Feuer, Tanz und Geschichten besiegt wurde. Und irgendwo, tief im Gemencer Wald, zwischen Nebel und alten Bäumen, warten sie noch heute. Masken, Hörner, Felle – lebendig für die Beobachter. Trommeln, Glöckchen, Rauch, Funken – das Echo einer Nacht, die niemals endete.

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KatharinaK
Ich erinnere mich noch gerne meiner allerersten Zeilen - ein Schulgedicht:
Der Winter ist ein Bösewicht,
die Bäume tragen Schneegewicht,
die Stämme sind kahl
und so schwarz wie ein Pfahl,
die Felder sind weiß
und auf dem See liegt Eis.
In den seither vergangenen Jahrzehnten hat sich mein Schreibstil sicher geändert - ist erwachsen geworden -, aber die Freude am Schreiben ist ungetrübt.

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