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Der Künstler ist Shlomeister
Reise zum Schamanen – Teil 2
Alex starrte das grün schimmernde Buch an. Ein seltsames Kribbeln lief über seine Arme, als würde das Buch schon seine Gedanken lesen. Er schluckte schwer. Ein Schamane – jemand, der sich mit alter Magie auskennt – sollte ihm helfen, sich gegen die Zahnfee zu
wappnen. Onkel Klaus bemerkte seine Unsicherheit. „Es ist kein Spiel, Alex. Die Zahnfee wartet nicht. Sie beobachtet dich, jeden deiner Träume. Wenn wir zu spät sind, könnte es zu spät sein.“ Alex nickte, obwohl ein Schauer über seinen Rücken lief. Das Summen war wieder da – leise, fremd, drängend. Es kribbelte in seinem Kopf, ließ seine Gedanken taumeln. „Wann gehen wir?“ fragte er schließlich. „Sobald es dunkel wird“, antwortete Onkel Klaus. „Es gibt einen Ort am
Waldrand, den nur wenige kennen. Dort lebt der Schamane. Wir müssen vorsichtig sein. Jede Aufmerksamkeit könnte gefährlich sein.“ Der Regen hatte inzwischen aufgehört, und die Straßen glänzten im Schein der Laternen. Alex zog die Kapuze über den Kopf und folgte Onkel Klaus hinaus in die feuchte Nacht. Das Summen schien ihnen zu folgen wie eine unsichtbare Welle, die seine Gedanken durcheinanderwirbelte. Im Wald war es still, nur das Knacken von Zweigen unter ihren Schritten war zu hören. Alex spürte, wie sein Herz schneller schlug. „Hörst du das auch?“ flüsterte
er. „Ja“, sagte Onkel Klaus leise. „Die Zahnfee ist in der Nähe. Sie spürt, dass du auf dem Weg bist. Aber sie kann uns nicht sehen – noch nicht.“ Sie gingen tiefer in den Wald, vorbei an knorrigen Bäumen und schimmernden Pfützen. Dann tauchte zwischen den alten Eichen eine kleine Hütte auf, fast von Moos überwuchert, von Nebel umhüllt. Ein schwaches, warmes Licht fiel durch das Fenster, das den Nebel um sie herum in Gold schimmern ließ. Begegnung mit dem Schamanen / Erste
Prüfung Eine tiefe Stimme hallte aus der Hütte. „Alex… ich wusste, dass du kommen würdest.“ Alex blieb stehen, sein Herz schlug wild. Er konnte den Schamanen noch nicht sehen, nur die Silhouette hinter dem Fenster. „Wer… wer bist du?“ Die Gestalt trat aus dem Schatten. Lange, silbrig durchzogene Haare, Augen, die wie glühende Kohlen leuchteten. „Ich bin der Schamane“, sagte die Gestalt ruhig. „Und du bist hier, weil deine Träume Macht haben – Macht, die die Zahnfee fürchtet. Wenn du sie schützen willst, musst du lernen, die
Dunkelheit zu erkennen… bevor sie dich findet.“ Kaum hatte er die Worte gesprochen, hörte Alex ein leises Rascheln hinter sich. Er wirbelte herum – doch da war nur der Nebel, der zwischen den Bäumen waberte. Dann ein plötzlicher Schmerz in der Stirn: das Summen verwandelte sich in ein kreischendes Echo. Die Zahnfee! „Sie ist hier“, flüsterte Alex. „Sie… sie spürt uns.“ „Gut beobachtet“, sagte der Schamane. „Die Dunkelheit wartet nicht. Wenn wir zögern, wird sie versuchen, deine Träume zu stehlen – noch bevor du lernst, dich
zu wehren.“ Alex spürte die Panik in sich aufsteigen, doch gleichzeitig eine eigenartige Kraft, wie ein leises Brennen in der Brust. Er hörte Gedanken – flüchtige Bilder von Kindern, die träumten, von verlorenen Spielzeugen, von flackernden Kerzen. Jede Vision vibrierte durch seinen Kopf, und er begriff: Die Zahnfee verschlang genau das, was die Menschen stark machte. „Konzentriere dich, Alex!“, rief der Schamane. „Fühle die Gedanken, nicht nur die Angst. Lerne, sie zu lenken!“ Zögerlich hob Alex die Hände, als würde er die unsichtbaren Ströme greifen.
Bilder flossen durch seinen Geist – flackernd, chaotisch, wie ein Sturm. Doch unter der Anleitung des Schamanen lernte er, sie zu ordnen, zu filtern, zu bündeln. Das Summen in seinem Kopf wurde greifbarer, als hätte es plötzlich Form angenommen. Und dann, aus dem Nebel, glitt eine dunkle Silhouette – die Zahnfee selbst, schwarze Augen, eine Stimme, die durch seine Gedanken schnitt: „Deine Träume gehören jetzt mir…“ Alex schluckte, doch er spürte, wie die Macht in ihm wuchs. Dies war der Moment, in dem er entscheiden musste, ob er fliehen oder kämpfen
würde. Alex spürte, wie sein Herz hämmerte, doch die Bilder in seinem Kopf begannen sich zu ordnen. Die flackernden Visionen der Träume – Kinder, Kerzen, Spielzeug – wirbelten vor ihm wie ein Sturm. Langsam hob er die Hände, konzentrierte sich, ließ die Angst wie Nebel durch sich hindurchziehen. „Ich… ich bin nicht dein Opfer!“ dachte er, und sofort spürte er, wie sich die Gedanken zu einem leuchtenden Schild formten. Die Zahnfee zischte, als ob ihre Stimme durch Eis schnitt, und wich einen Schritt
zurück. „Gut!“, rief der Schamane. „Halt diese Macht! Lass sie nicht entgleiten. Sie wird versuchen, dich zu brechen – doch nur, wenn du selbst daran zweifelst.“ Die Schatten der Zahnfee begannen zu tanzen, als würden sie sich auflösen, dann wieder zusammensetzen. Alex spürte ein Ziehen in seinem Inneren – eine Mischung aus Furcht und Stärke. Dies war mehr als ein Kampf. Es war eine Prüfung, die zeigen würde, ob er die Dunkelheit erkennen konnte, bevor sie ihn verschlang. Die Zahnfee bewegte sich näher, ihre
schwarzen Augen glühten wie Kohlen. „Du kannst dich nicht verstecken, Alex. Deine Träume sind mein Recht.“ Doch Alex spürte etwas Neues in sich – eine Klarheit, als hätten die vielen Stimmen, die er immer hörte, sich zu einem einzigen Strom vereint. Er hörte nicht nur Gedanken, sondern konnte sie lenken. Vorsichtig, fast spielerisch, ließ er die Visionen der Kinder wie leuchtende Kugeln durch seinen Geist kreisen. Die Zahnfee stieß einen schrillen Schrei aus, als die Kugeln wie Spiegel vor ihr auftauchten – Bilder von Hoffnung, Freude und Mut, die sich um sie legten.
„Was… was tust du?“ kreischte sie. „Ich beschütze sie“, sagte Alex leise, doch fest. Er spürte, wie das Summen in seinem Kopf zu einem klaren Ton wurde, wie eine Melodie, die seine Gedanken ordnete. Mit jeder Bewegung seiner Hände formten sich die Kugeln zu einem Lichtkreis um ihn herum – ein Schild aus Träumen. Die Zahnfee wich zurück, ihr Schatten zitterte. „Du… du bist stärker, als ich dachte“, zischte sie. „Aber ich werde nicht aufgeben…“ „Ich auch nicht“, flüsterte Alex und spürte, wie das leise Brennen in seiner
Brust zu Wärme wurde – ein Gefühl, das Mut, Kraft und Kontrolle vereinte. Der Schamane trat näher, nickte ihm zu. „Gut gemacht, Alex. Aber dies war nur der Anfang. Die Dunkelheit hat viele Gesichter – und sie wird lernen wollen, dich zu brechen.“ Alex atmete tief durch. Zum ersten Mal seit Tagen fühlte er sich nicht überwältigt, sondern bereit. Die Zahnfee war noch da, irgendwo im Nebel, doch nun wusste er: Er konnte sie sehen, er konnte ihr entgegentreten. Und das war nur der erste Schritt auf einem Weg, der weit gefährlicher und geheimnisvoller war, als er je geahnt
hatte. Alex spürte, wie die dunkle Gestalt der Zahnfee näher rückte, ihr Flüstern sich wie ein kalter Wind durch seinen Kopf zog. Doch diesmal blieb er ruhig. Statt zurückzuweichen, öffnete er seinen Geist – nicht, um alles zu hören, sondern um auszuwählen, was er hören wollte. Die Zahnfee versuchte, seine Gedanken zu durchdringen, ihre Stimme bohrte sich in seine Angst. Aber Alex ließ sie nicht durch. Stattdessen griff er nach den Bildern der Kinderträume, nach den leuchtenden Kugeln, die er geschaffen hatte, und formte sie zu einem Wirbel aus Licht, der zwischen ihm und der Zahnfee
wirbelte. „Das… kann nicht sein!“, kreischte die Zahnfee, als der Wirbel aus Hoffnung und Mut sie zurückdrängte. Sie versuchte, die Kugeln zu verschlingen, doch Alex lenkte sie immer wieder weg, wie einen Strom aus Wasser, der seinen Lauf nicht ändern konnte. „Sehr gut, Alex!“, rief der Schamane. „Jetzt musst du selbst aktiv werden. Nutze nicht nur die Gedanken – sondern auch die Stille dazwischen. Die Dunkelheit fürchtet sie.“ Alex konzentrierte sich auf die Momente zwischen den Stimmen – auf die Pausen,
das leere Summen, das vorher wie Lärm gewesen war. Dort spürte er die Zahnfee am schwächsten. Mit einem Gedankenstoß richtete er seine Kraft auf sie, die Kugeln aus Licht schossen wie Pfeile auf die dunkle Silhouette. Die Zahnfee schrie auf, ihr Schatten zitterte und schwankte. Für einen Augenblick sah sie menschlich aus, klein und verletzlich – und Alex begriff: Sie konnte nur Macht über ihn ausüben, wenn er selbst Angst hatte. Der Wirbel aus Licht zerriss den Nebel um sie herum. Die Zahnfee taumelte zurück, verschwand dann wie Rauch im Wind. Nur ihr krächzendes Lachen blieb,
leise und drohend: „Dies ist nicht vorbei, Alex… ich komme wieder… und das nächste Mal bist du nicht vorbereitet.“ Alex sackte auf die Knie, außer Atem, doch ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Zum ersten Mal hatte er nicht nur reagiert, sondern gehandelt. Er hatte die Kontrolle gespürt – und er wusste, dass er stärker war, als er gedacht hatte. Der Schamane legte eine Hand auf seine Schulter. „Gut gemacht, Alex. Du hast das erste Spiel gewonnen. Aber die Prüfungen kommen dichter, und die Dunkelheit wird lernen, dich zu testen – auf Wegen, die du dir noch nicht
vorstellen kannst.“
Alex blickte in den dunklen Wald, das Summen noch immer in seinem Kopf, doch jetzt als rhythmischer Klang, der seine Kraft spiegelte. „Ich bin bereit“, flüsterte er. „Ich werde nicht zulassen, dass sie meine Träume nimmt.“
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