Der Markt der Unsterblichen – Kapitel 3:
Die ruhige Hand
Jonathan Kade hasste Überraschungen.
Er liebte Zahlen, weil sie ehrlich waren. Sie logen nicht – sie taten nur das, was man ihnen erlaubte.
Der Blick aus seinem Büro im 47. Stock reichte bis zum Hudson. Die Stadt lag unter ihm wie ein Schachbrett. Er stand reglos, eine Kaffeetasse in der Hand, während die asiatischen Märkte sich neu
sortierten.
„Nur ein weiterer Zug“, sagte er leise.
Auf seinem Schreibtisch lag der Vertrag. Kein Firmenlogo. Kein Briefkopf. Nur Papier, ungewöhnlich schwer, als hätte es ein eigenes Gewicht. Er konnte sich nicht erinnern, wann er ihn erhalten hatte. Aber er wusste, dass er unterschreiben würde.
Unterbewusst.
Jonathan setzte sich. Die Zahlen auf dem Bildschirm flossen ruhig, beinahe elegant. Risiken, sauber berechnet.
Menschen tauchten darin nicht auf. Länder schon – aber nur als Variablen.
Tief unter dem Gebäude regte sich Mammon.
„Er ist bereit.“
Gabriel stand im Schatten des Raumes, für menschliche Augen unsichtbar. Er beobachtete Jonathans Hände. Sie zitterten nicht. Sie hatten noch nie gezittert.
„Er glaubt, er entscheidet selbst“, sagte Gabriel.
„Das tun sie immer“, erwiderte Mammon.
„Freiheit ist eine sehr flexible Illusion.“
Jonathan nahm den Stift. Für einen Moment zögerte er. Ein Gedanke blitzte auf – ein Gesicht, das er nicht kannte. Eine Frau in einer Bar. Goldene Linien auf schwarzem Grund.
Er runzelte die Stirn.
„Schlafmangel“, murmelte er.
Der Stift berührte das Papier.
In diesem Augenblick flackerte irgendwo in der Stadt ein Handy auf. Ein Symbol erschien, identisch, lautlos. Und weit entfernt verschob sich ein Markt um
einen kaum messbaren Bruchteil.
Jonathan setzte seine Unterschrift.
Er lehnte sich zurück, zufrieden.
„Erledigt.“
Gabriel schloss kurz die Augen.
Mammon lächelte.
Draußen zog eine dunkle Wolkenfront auf. Niemand bemerkte sie rechtzeitig.
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