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Der Markt der Unsterblichen – Kapitel 1
Nach Börsenschluss
Nachts roch die Wall Street anders. Nicht nach Abgasen oder nassem Asphalt, sondern metallisch. Alt. Wie Blut, das zu lange an Gold getrocknet war.
Die New York Stock Exchange lag im Dunkeln, ihre Säulen ragten wie Rippen in den Himmel. Offiziell war der Handel seit Stunden beendet. Inoffiziell begann er gerade erst.
Unter dem Pflaster, tief unter Glasfaserkabeln, Serverräumen und
vergessenen Fundamenten, erwachte Mammon.
Er war kein Dämon mit Hörnern oder Feuer. Mammon war ein Prinzip. Gier, verdichtet zu Bewusstsein. Er nährte sich nicht von Seelen, sondern von Entscheidungen – von jenem winzigen Moment, in dem ein Mensch mehr wollte, obwohl er bereits alles hatte.
„Der Markt ist nervös“, flüsterte eine Stimme.
Am Rand der Broad Street stand Gabriel. Groß, schlank, makelloses Gesicht – auf eine Art, die nicht menschlich war.
Silberweißes Haar fiel ihm ins Gesicht, seine Augen schimmerten golden, als spiegelten sich darin Börsenkurven.
Ein gefallener Engel, der nie gefallen war. Nur versetzt.
„Er ist immer nervös vor einem Opfer“, sagte Mammon aus der Tiefe. Der Asphalt vibrierte kaum merklich.
„Wer ist es diesmal?“
Gabriel lächelte schwach.
„Ein Fondsmanager. Milliarden schwer. Morgen früh wird er einen Trade auslösen, der drei Länder in die
Rezession stürzt.“
„Und er weiß es?“
„Unterbewusst.“ Gabriel blickte zu den dunklen Fenstern der Hochhäuser. „Aber er wird unterschreiben. Sie tun es immer.“
Mammon lachte leise. In diesem Moment zuckten die Kurse in Tokio.
„Dann ist der Vertrag gültig.“
Am Ende der Straße blieb eine junge Frau stehen. Zu jung für diese Gegend um diese Uhrzeit. Sie sah nicht auf ihr
Handy. Nicht auf die Gebäude. Sondern auf den Boden.
„Gabriel“, flüsterte Mammon plötzlich, und seine Stimme klang ernst.
„Sie kann uns sehen.“
Gabriel spannte sich an. Menschen sollten das hier nicht sehen. Doch die Frau hob den Kopf, ihre Augen trafen seine. Ein Moment reiner Erkenntnis, und Gabriel spürte, dass dies kein Zufall war.
„Du solltest nicht hier sein“, murmelte er, die Worte mehr zu sich selbst als zu
ihr.
Die Frau nickte kaum merklich, als ob sie etwas verstand, das sie nicht verstehen durfte. Ein leises Summen durchzog die Luft – wie der Herzschlag der Stadt selbst, der sich mit Mammon verband.
Dann, ohne ein weiteres Wort, wandte sie sich um und verschwand in der Dunkelheit der Gasse.
Gabriel blieb zurück, die Hände in den Taschen, die goldenen Augen auf die leeren Straßen gerichtet. Tief unter der Stadt vibrierte die Stimme von
Mammon:
„Ein Zeuge. Interessant. Lass uns beobachten, was sie macht.“
Die Wall Street war still. Doch das Spiel hatte begonnen.