Trampelpfad 3. Teil
Zur Begrüßung drückte Mira ihrem Lieblingsbaum einen langen festen Kuss auf die Stelle zwischen den zwei kleinen Ästen, dorthin, wo sie ihn immer zur Begrüßung und zum Abschied zu küssen pflegte. Diese Stelle am Baumstamm hatte bereits eine dicke Fettschicht von den täglichen Liebkosungen, denn Mira hatte die Angewohnheit, alle paar Stunden den Labello aufzutragen. Heute überhäufte Mira den Baum mit Küssen und einer festen Umarmung, so weit ihre Arme reichten, ungefähr die Hälfte des Baumstammes konnte sie einnehmen und
die Hände fest auf die unebene Rinde des Baumes drücken.
Und schon plapperte Mira los: „Du glaubst gar nicht, was mir heute passiert ist! Nach dem Frühstück wusste ich auf einmal, dass ich endlich gehen muss! Also habe ich meine Tasche gepackt und bin zum Bahnhof losgerannt, wollte einfach den nächsten Zug nehmen und abhauen, denn es ist nicht mehr auszuhalten! Aber dann, ach Mensch, es hat nicht geklappt, dass muss ich dir gleich mal erzählen. Erstmal bin ich froh, dass ich hier bei dir bin!“
Während Miras Gedanken und Gefühle auf diese Weise ungeordnet heraussprudelten, lockerte sie ihren
Umarmungsgriff, drückte dem Baum nochmals einen Kuss auf seinen Fettfleck und flüsterte ihm ein „Ich bin so froh, dass es dich gibt“ zu. Dann schaute sie sich um, ob aus irgendeiner Richtung Fußgänger zu sehen waren, und da alles ruhig zu sein schien, zog sie ihre Schuhe aus und stellte sie neben dem Rucksack ab, den sie als erstes an die vorstehenden Wurzeln des mächtigen Baumes geworfen hatte. Bevor Mira vorsichtig auf die dicken Wurzelstränge kletterte, fiel ihr Blick auf die täglich größer werdenden Wiesenblümchen zwischen den kurzen Wurzeln, welche auf dieser Seite in den Waldboden verschwanden. Von den Wiesenblumen kannte sie lediglich die
Sumpfdotterblume, welche sie aber auch besonders schön fand mit ihren kleinen festen Blütenblättern und sah ihnen seit Tagen beim Wachsen zu. Dann hangelte sie sich um den Baum herum, damit sie sich auf die an der Böschung vorstehenden Wurzeln niederlassen konnte und ihre Unterschenkel und Füße endlich frische Luft hatten und baumeln konnten wie auf einer Schaukel. Einfach herrlich und befreiend dieses Gefühl!
Miras Hände lagen tastend auf der Rinde des Baumstammes, ihre Augen erfreuten sich an den springenden Tropfen, welche durch den Aufprall des Wassers an den großen mitten im Bach liegenden Steinen, entstanden. Gleichzeitig stellte
sie sich vor, wie alle ihre Gedanken und Ärgernisse in das leise plätschernde Wasser abfallen sollten und von der Strömung mitgenommen würden. Auf diese Weise saß Mira eine lange Zeit dort mitten in der Natur und genoss die Ruhe und das Nichtstun. Zwischendrin beobachtete sie ihren eigenen Atem, wie sie ihn durch Mund und Nase einatmete und kräftig durch den offenen Mund auspustete. Dann wiederum beobachtete sie das fließende Wasser und die Spiegelungen der Sonne je nachdem, wie sich die Blätter der Büsche und Bäume auf der gegenüberliegenden Uferseite im leichten Wind hin und her bewegten.
Ohne Nachzudenken begann Mira dem
Baum zu erzählen: „Weißt du, ich bin jetzt gerade sehr froh, hier bei dir zu sein, aber eigentlich hatte ich im Zug sitzen wollen um endlich fort zu kommen von dem Chaos und der Ungerechtigkeit Zuhause. Ich war heute Morgen so stolz auf mich, dass ich den Mut fühlte, meine wichtigsten Sachen zu packen und zu gehen. Aber nun stelle dir vor, ich stehe am Zug und da purzelt mir im wahrsten Sinne des Wortes eine verwahrloste, ganz sicher obdachlose Frau aus dem Zug entgegen! Und ich war so mit Staunen und Beobachten dieser Frau beschäftigt, dass ich die Abfahrt vollkommen verpasst habe! Ist das zu fassen?! Was meinst du? Bin ich doch nicht mutig
genug gewesen? Oder hatte es was zu bedeuten, dass mir diese arme heimatlose Frau bei ihrem Ausstieg quasi fast in die Arme gefallen wäre?“
Mira hielt inne um tief Luft zu holen und sich wieder ein bisschen zu beruhigen, denn sie spürte beim Erzählen wieder die innere Unruhe und die Verwunderung über das Erlebte in sich aufsteigen. Als sich ihre Atmung und Aufregung etwas beruhigt hatten, konnte Mira tief in sich eine Antwort spüren, nämlich, dass diese Frau nicht ohne Grund ausgerechnet aus genau derjenigen Zugtür heraus gestolpert war, in welche sie zur Flucht einsteigen wollte. Es fühlte sich für Mira wie eine Antwort des Baumes an, als sie
aus ihrem Inneren zu hören meinte, dass wenn sie heute in diesen Zug eingestiegen wäre, sie irgendwann ebenso wie diese obdachlose Frau würde leben. Mira fragte sich kurz, warum das denn so sein sollte, aber sehr schnell wusste sie ohne zuvor darüber nachgedacht zu haben, dass dies nur aus einem einzigen Grund so gewesen sein konnte: Es war noch nicht der richtige Zeitpunkt zum Gehen, denn sie war weder vorbereitet, noch hatte sie eine konkrete Vorstellung, wohin sie gehen könnte. Alle bisherigen Versuche, eine kleine eigene Wohnung zu finden, waren im Sande verlaufen und in Wahrheit hatte sie sich bislang nicht wirklich getraut,
sich ernsthaft allein auf den Weg zu machen.
Mira kannte bereits das Phänomen der ungeschönten Ehrlichkeit sich selbst gegenüber, auf den Wurzeln des Baumes sitzend war die Wahrheit glasklar und unbeängstigend. Jedoch in der Gegenwart von Jo, und dass wusste sie aus Erfahrung, fühlte sie sich nicht nur unsicher, sondern auch ohne jegliche Kraft für ihre eigenen persönlichen Interessen einzustehen.
Miras Augen folgten der Strömung des Bachlaufs stadteinwärts welcher unter der alten Brücke zu verschwinden schien, und doch wusste Mira, dass er ein paar Meter hinter der Brücke sogar an
Geschwindigkeit zunehmen und auf dem Weg in die Stadt mehrmals in geschwungenen Bögen sein Tempo wieder drosseln würde. Ganz genauso war es zurzeit mit ihrem Leben, sie konnte einfach noch nicht sehen, wie es weiter verlaufen würde, wenn sie endlich gehen würde.
„Nicht die Hoffnung verlieren! Du wirst es schaffen!“ hörte Mira ihr Herz.
War es der Baum auf dessen Wurzeln sie gerade saß, der zu ihr gesprochen hatte? Oder war es ihr Unterbewusstsein? Mira beschloss, dass es für sie letztendlich unrelevant sein durfte, woher diese Stimme kam, Hauptsache, sie konnte es fühlen. Und das tat sie!
Ende
(dieses Kapitels)