CoverBild ist vom Künstler Jakodona
Begegnung auf der Brücke – Teil 2
Lukas und der Winterhimmel
Ihre Augen – genau die, die du auf dem Bild siehst, das hier irgendwo in diesem Buch steckt – tragen alles in sich, was sie gesehen hat: die schneidende Kälte der Winter, das Schweigen der Straßen, die Stimmen derer, die niemand mehr
hören wollte. Sie sind ruhig, fast müde, und doch so wach, als entginge ihnen selbst das leiseste Zittern der Welt.
Der Wind fährt über die Brücke, schneidend und unerbittlich. Schnee tanzt in kleinen, rastlosen Wirbeln über das steinerne Pflaster. Winterburg liegt unter einer schweren, grauen Decke, gedämpft, als hielte die Stadt den Atem an.
Ich sehe Lukas am Geländer stehen. Der Mantel, zu dünn für diese Jahreszeit, hängt eng um seine Schultern. Seine Finger umklammern das Notizbuch, als könnte es ihn festhalten. Er starrt ins Leere, dorthin, wo Worte manchmal
auftauchen – und manchmal einfach ausbleiben.
„Sam … ich schreibe, um nicht zu vergessen“, sagt er. Der Wind verschluckt fast den Satz, aber ich höre ihn trotzdem.
Ich trete neben ihn. Der kalte Stein der Brüstung drückt gegen meine Hüften, durch die Kleidung hindurch.
„Was schreibst du?“
Er zuckt kaum merklich mit den Schultern. „Alles. Was passiert. Wer hilft, wer wegschaut.“ Eine kurze Pause. „Manchmal auch nur das Chaos in
meinem Kopf.“
Sein Atem malt flüchtige Wolken in die Luft. Ich ziehe die Thermoskanne aus meiner Tasche und drücke sie ihm in die Hand. Er schaut sie einen Moment an, als wüsste er nicht recht, ob er sie annehmen darf, dann trinkt er vorsichtig. Die Anspannung in seinem Gesicht löst sich ein kleines Stück, kaum sichtbar – aber echt.
„Manchmal reicht ein Gespräch“, sagt er leise, „damit man nicht ganz erfriert.“
Er meint nicht nur die Kälte.
Ich nicke und blicke über die Stadt:
verschneite Dächer, leere Straßen, Fenster ohne Licht. Alles wirkt fern und gleichzeitig bedrückend nah. Wir reden. Erst zögerlich, dann freier. Über seine Familie, die irgendwo anders lebt. Über Freunde, die irgendwann aufgehört haben, sich zu melden. Über Kleinigkeiten, die im Winter plötzlich alles bedeuten: ein warmes Getränk, ein Name, der ausgesprochen wird, jemand, der bleibt.
„Warum machst du das, Sam?“ Seine Stimme ist kaum mehr als ein Hauch. „Warum gehst du immer wieder raus? Warum hilfst
du?“
Ich muss kurz nach Worten suchen. „Weil jemand hinschauen muss“, sage ich schließlich. „Und weil jemand erzählen muss, dass ihr nicht unsichtbar seid.“
Er nickt. Kein großes Nicken. Eher ein stilles Anerkennen. Wir sagen nichts mehr. Der Wind fährt uns durch die Haare, der Schnee knirscht unter unseren Schuhen. Lukas blättert eine Seite in seinem Notizbuch um. Für einen Augenblick huscht etwas über sein Gesicht – ein Lächeln, so vorsichtig, als könnte es zerbrechen, wenn man es zu lange
ansieht.
„Danke, Sam“, sagt er. „Man vergisst leicht, dass Hoffnung noch da ist.“
Ich lege ihm die Hand auf die Schulter. Sie fühlt sich schmal an, fast zerbrechlich. „Kleine Gesten“, sage ich. „Große Wirkung. Vergiss das nicht.“
Vielleicht sage ich es auch mir selbst.
Dann gehe ich weiter, die Kälte brennt auf meiner Haut. Lukas bleibt zurück, das Notizbuch in der Hand. Für einen Moment frage ich mich, ob er seine Worte je wieder lesen wird.
Aber vielleicht ist das nicht wichtig.
Manchmal geht es nicht darum, etwas später zu verstehen – sondern darum, es jetzt festzuhalten.
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