Winter in Winterbur
Mein Dank an den Künstler The Other Kev
von Pixabay:
Einleitung
Ich habe als Kamerafrau Straßenprojekte begleitet, und Sam – hier die Hauptfigur – ist meine Kollegin und Freundin. Alle Namen und Orte in dieser Geschichte sind verändert.
Was ihr hier lest, basiert auf echten Erfahrungen aus der Streetwork-Arbeit. Dieses Buch zeigt nicht nur das Leben auf der Straße – es ist ein Blick durch viele Augen: Manche sehen nur die Kälte, andere die kleinen Gesten, die Hoffnung schenken.
Genau wie auf dem Bild, das ihr hier seht, erzählen diese Augen ihre eigenen Geschichten. Ich möchte damit zeigen, wie hart das Leben auf der Straße sein
kann – und wie kleine Gesten manchmal den größten Unterschied machen.
Kurzgeschichte (aus Sams Sicht)
In Winterburg ist der Winter hart – besonders für Menschen ohne festen Wohnsitz. Sam, der Nachtfalke, arbeitet als Streetworkerin und begleitet diejenigen, die täglich ums Überleben kämpfen. Diese Kurzgeschichte erzählt von Paul, einem Mann, der trotz aller Widrigkeiten seinen Weg durch die kalte Jahreszeit findet und zeigt, wie kleine Gesten einen Unterschied machen
können.
Mein Name ist Sam, aber manche nennen mich den Nachtfalken. Ich arbeite seit Jahren in Winterburg auf den Straßen und begleite Menschen, die ohne Dach über dem Kopf leben müssen. Heute besuche ich Paul. Wir treffen uns an einem frostigen Januarmorgen vor der alten Kirche, die wenigstens ein bisschen Wärme spendet.
„Wie lange bist du schon hier draußen?“, frage ich.
Paul zuckt mit den Schultern.
„Zu lange … Erst die Scheidung, dann
der Job weg. Die Wohnung auch. Jetzt ist der Winter mein ständiger Begleiter.“
Wir gehen durch die Gassen. Eisige Winde fegen durch die Straßen, und Paul zeigt mir die Plätze über Heizungsschächten, die nur wenige kennen. Wer dort einen Platz ergattert, hat wenigstens etwas Wärme und ein kleines Gefühl von Sicherheit. Die Nachtasyle sind voll, das warme Essen in der Kirche schnell verteilt. Ohne diese kleinen Oasen wäre das Überleben fast unmöglich.
„Bist du für Leistungen registriert?“, frage ich
vorsichtig.
Paul nickt. Theoretisch gibt es Hilfe: ein Konto, ein paar Hundert Euro im Monat. Praktisch bedeutet das Papierkram, Wartezeiten und Bedingungen. Manche schaffen es kaum, jeden Tag zehn Euro für das Nötigste aufzutreiben.
Wir setzen uns in einen kleinen Unterstand, den Paul tagsüber als Schlafplatz nutzt. Er zieht seine abgenutzten Handschuhe enger über die Finger und spricht leise über seine Träume: wieder eine eigene Wohnung, ein warmes Bett, ein Leben ohne ständige Kälte. Über die kleinen Dinge, die für
andere selbstverständlich sind – Duschen, Frühstück, ein sicheres Dach.
„Manchmal muss ich zu drastischen Mitteln greifen, nur um den Winter zu überleben“, sagt Paul.
„Ein kurzer Aufenthalt im Gefängnis sichert mir wenigstens ein Bett und Wärme für ein paar Tage. Danach geht es zurück auf die Straße, bis ich wieder irgendwo Schutz finde.“
Später, als wir an der Sparkasse vorbeikommen, sehe ich durch das große Schaufenster zwei Männer im Schlafsack direkt neben der Heizung liegen. Sie haben keinen anderen Ort gefunden, um
wenigstens ein wenig Wärme zu bekommen. Ich halte kurz inne, nicke ihnen zu – eine kleine Geste der Anerkennung – und gehe weiter.
Am Ende des Tages verabschiede ich mich von Paul. Bevor ich gehe, hole ich aus meinem Rucksack ein warmes Sandwich und eine Thermoskanne Tee. Ich reiche sie ihm. Er lächelt kurz und nimmt das Essen dankbar an.
„Danke, Sam“, sagt er leise.
Paul zieht seinen abgewetzten Mantel enger um die Schultern und verschwindet in der Gasse. Ich gehe weiter, den Block
in der Hand, die Kälte in den Fingern, aber mit dem Wissen, dass Geschichten wie seine erzählt werden müssen – und dass selbst ein kleines Stück Wärme einen Unterschied machen kann.
© 2026 Pamela Grey