Kurzgeschichte
Trampelpfad Fortsetzung

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"Trampelpfad Fortsetzung"
Veröffentlicht am 20. Januar 2026, 12 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
© Umschlag Bildmaterial: Serghei Velusceac - Fotolia.com
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Über den Autor:

Die Nachtkerze stand im Garten meiner Mutter am hintersten Ende des Grundstücks, wo der Jägerzaun das Ferienhäuschen zum Kiefernwald abgrenzte. Als Kind war ich verwundert, dass die hauchdünnen Blütenblätter immer geschlossen waren, bis wir wegen dem schönen Wetter lange aufbleiben durften. Wie durch ein Wunder entblätterte sich die gelbe Blüte ausgerechnet zu der Zeit, als es dunkel geworden war. Die Sonne der Nacht nannte meine Mutter ihre ...
Trampelpfad Fortsetzung

Trampelpfad Fortsetzung

Trampelpfad Fortsetzung


Zu ihrer Linken führten die Bahnschienen auf der Böschung Richtung Großstadt und zu ihrer Rechten schlängelte sich der Fluss zwischen Bäumen und Sträuchern entlang. Etwas, dass Mira von Anfang an bei ihrem Einzug in das ansässige Dorf irritiert hatte, war die Tatsache, dass dieses Stück Bahnstrecke in keinerlei Weise gesichert war. Auf der anderen Seite der Schienen befand sich zwar ein riesiges Holzverarbeitungswerk, so dass zwischen der Hauptstraße, auf welcher sie zur Stadt gelaufen war, und den

Bahnschienen keine Zugangsmöglichkeit war. Aber hier vom Trampelpfad durch Bäume und Felder war der Zugang für Suizidsuchende einfach und simpel gelegen. Bei ihrem allerersten Spaziergang hier hatte sie sich kaum beruhigen können vor lauter Verwunderung, nrgends zuvor hatte sie eine ungesicherte Bahnstrecke entdeckt. Inzwischen wunderte sie sich nicht mehr, obwohl sie über die Jahre, welche Mira nun schon hier Zuhause war, von einigen tödlichen Bahnunfällen und Selbstmord-fällen in früherer Vergangenheit erfahren hatte. Aus unerfindlichen Gründen schienen aber selbst die Todesfälle keine Konsequenzen diesbezüglich nach sich

zu ziehen.

Das laute Knattern und starke Vibrieren unter den Füßen jedoch belustigte Mira eher als das es sie erschreckte. Denn hier unten am Fuße der Böschung war sie sicher und würde gleich an ihrem Lieblingsplatz am Flussufer Pause machen. Auf dem Weg dorthin kam sie an unterschiedlichen Sträuchern vorbei, welche alle unterschiedliche Blüten trugen. Den einen Strauch, welcher höher als Mira gewachsen war und mit blauen sternenförmigen Blüten glänzte und längliche Fäden am Rande der Stempel hatte, fand Mira besonders hübsch und nannte sie die Fühler des Sternenbuschs.

Von Weiten konnte Mira wie gewohnt

ihren Lieblingsbaum am Bachlauf sehen und winkte ihm über die kleine Brücke hinweg zu. Die Brücke war wirklich schon sehr alt und an vielen Stellen bereits bröselig und teilweise waren Steine weggebrochen und das Geländer längst nicht mehr vollständig. Mira fand sie dennoch schön in ihrem alten urig wirkenden Zustand. Sie hatte den Eindruck, dass die Natur ringsum diese alte Steinbrücke „aufgenommen“ hatte und sich selbst erlaubte, sie an den Enden und über das Geländer hinweg nach eigener Wahl zu bewachsen. Stabil war sie bisweilen noch, da machte sich Mira keine Sorgen beim Betreten. Von der Brücke aus hatte Mira einen sehr

guten Ausblick in beide Richtungen des Bachverlaufs. Stadteinwärts, von wo sie gekommen war, und stadtauswärts, wo das kleine Dorf sich ein Vorort der Stadt nannte. Stadtauswärts, auf der rechten Seite der zweite Baum am Flussufer, dass war ihr Lieblingsbaum. Denn seine mächtigen Wurzeln ragten über der Erde entlang und hielten der Böschung stand, drehten sich geschwungen in der Luft und wuchsen ein Meter weiter wieder in die Erde. Zwei dicke Wurzelstränge nebeneinander ergaben somit einen stabilen Sitzplatz am Ufer, wenn man seine Füße in luftiger Höhe über das fließende Wasser baumeln lassen mochte. Und genau das machte Mira besonders

Spaß.

Als sie vor ein paar Jahren entdeckt hatte, dass die Wurzelstränge stark genug waren, um ihr Gewicht zu halten, war sie auf der Stelle begeistert und ließ sich gerne darauf nieder, nachdem sie Schuhe und Rucksack an die Seite des Baumes gestellt hatte. Hier gefiel es ihr sehr. In der Regel schaute sie dem Regenbogen zu, der sichtbar wurde, wenn das Sonnenlicht sich im bewegten Wasser spiegelte, während ihre Hände die Wurzeln streichelten oder die Rinde des Baumstammes erkundeten. Und mit der Zeit, die sie hier verbrachte, kam es, dass sie dem Baum alles Mögliche erzählte. Doch war sie vor fast zwei

Jahren sehr verwundert gewesen, als sie zum ersten Mal feststellte, dass der Baum ihr antwortete. Natürlich nicht mit einer normalen menschlichen Stimme, so verrückt war Mira dann nun auch wieder nicht, auch wenn sie sich zeitlebens stets als Außenseiterin empfunden hatte, sondern mit einem Gefühl, dass ihr Herz für sie zu übersetzen schien. Immer wieder aber zweifelte Mira daran und erklärte sich dieses Phänomen damit, dass sie vielleicht in der Ruhe und Gelassenheit, welche sie auf den Wurzelsträngen sitzend verspürte, ihr eigenes Unterbewusstsein wahrnehmen konnte und sie auf diese Weise gepaart mit den für sie sehr beglückenden

Erlebnissen an der frischen Luft und in der Natur auf Gedanken und Ideen kam, welche im normalen Tagesablauf keinen Platz hatten. Letztendlich war es ja auch nicht wirklich wichtig zu wissen, wie es entstand. Dass Wichtigste für sie war die Zuverlässigkeit, mit der ihr Baum stets an seinem Platz Zeit für sie hatte. Nur wenige Male hatte sie an ihm vorüber gehen müssen, weil tatsächlich Jemand anderes auf den Wurzeln Platz genommen hatte. Während Mira vorsichtigen Schrittes zur Böschung herunter stieg, staunte sie ebenso wie den Tag zuvor darüber, dass der Giersch hier so zügig wuchs, sowohl in die Höhe wie auch in die Breite.

Anscheinend waren entlang des Bachlaufs die Bedingungen besonders günstig für sein Wachstum. Jedes Mal, wenn sie die Anordnung der Blüten in strahlenartiger Doldenform sah, fühlte sie sich an den giftigen Bärenklau erinnert, vor dem sie mächtig Angst hatte, weil sie sich trotz der ewig langen Zeit noch an die schlimmen Brandblasen ihrer ehemaligen Klassenkameradin erinnern konnte. Trotz dessen empfand sie die zarten weißen Blüten des Giersch hübsch und ermahnte sich selbst, endlich ihrer Freundin vom zahlreichen Wachstum in der Nähe ihres Dorfes zu erzählen. Denn Mira war sich sicher, dass Mona, ihre kräuterbegeisterte

Freundin sich freuen würde, anlässlich eines Erntespaziergangs herzukommen. Sie nahm sich fest vor, am Abend, unabhängig vom unangenehmen Chaos zuhause, ihrer Freundin eine Nachricht zu schicken. Es wurde Zeit, sie hatten sich viel zu lange nicht mehr gesehen.





Fortsetzung folgt

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Über den Autor

Nachtkerze
Die Nachtkerze
stand im Garten meiner Mutter am hintersten Ende des Grundstücks, wo der Jägerzaun das Ferienhäuschen zum Kiefernwald abgrenzte. Als Kind war ich verwundert, dass die hauchdünnen Blütenblätter immer geschlossen waren, bis wir wegen dem schönen Wetter lange aufbleiben durften. Wie durch ein Wunder entblätterte sich die gelbe Blüte ausgerechnet zu der Zeit, als es dunkel geworden war.
Die Sonne der Nacht
nannte meine Mutter ihre Lieblingsblume.
Wenn mir heutzutage der intensive Geruch in die Nase steigt, muss ich an meine Mutter und ihren Garten denken.
So geht es mir mit vielen Erlebnissen in meinem Leben:
Ich erinnere mich ganz plötzlich an eine Situation, und dann habe ich das starke Bedürfnis, dieses frühere Erlebnis aufzuschreiben und nochmal zu erleben. Aus der Vogelperspektive.

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