
Ich bin wach, bevor mein Körper sich traut, es offiziell zuzugeben.
Nicht weil ich ausgeschlafen bin.
Sondern weil mein Inneres keinen Unterschied macht zwischen „Schlaf“ und „kurz nicht hinschauen“.
Unter meinen Lidern ist Schwarz. Kein Traum. Kein Bild. Nur Druck, als würde die Wohnung bereits wissen wollen, ob ich heute eine gute Bewohnerin spiele. Altbau-Luft steht nicht still, sie sitzt. In den Ecken. Unter dem Fensterbrett. Im Spalt zwischen Schrank und Wand,
als hätte sie dort seit Jahrzehnten denselben Gedanken deponiert: „Sei ordentlich. Sei leise. Sei nicht zu viel.“
Die Matratze unter meinem linken Schulterblatt gibt minimal anders nach als unter dem rechten. Links ist sie müde. Dort hat eine Feder gelernt, schneller klein beizugeben. Mein Körper gleicht aus, ohne dass ich darüber nachdenke: ich lege nie ganz Gewicht hinein. Ich liege nicht weich. Ich liege wie jemand, der jederzeit aufspringen könnte, ohne dass das Bett später vor Gericht aussagt, ich hätte geschlafen.
Das Laken ist Baumwolle, nicht
weich wie Luxus, sondern weich wie Arbeit. Tausendmal gewaschen, fasrig an den Rändern, glattgerieben dort, wo Haut immer wieder liegt. Ein Grat von einer Naht drückt an meiner Ferse. Ich bewege den Fuß nicht, ich erhöhe nur den Druck. Prüfung. Der Grat bleibt hart. Gut. Dinge, die bleiben, machen mich ruhig.
Die Decke liegt am Schienbein straffer als am Knie, am Fußende doppelt gefaltet. Doppelte Lage hält Wärme. Wärme ist hier kein „gemütlich“. Wärme ist ein Beweis, dass ein Körper da war. Ein Beweis macht angreifbar. Und trotzdem…
ich halte sie.
Neben mir liegt Mara.
Nicht „neben“ wie ein Gegenstand.
Neben wie ein eigenes Feld, das den Raum verändert.
Mara ist 20.
Und sie schläft nicht wie jemand, der Sicherheit besitzt. Sie schläft wie jemand, der Sicherheit probt, bis sie sich irgendwann wie echt anfühlt. Ihr Knie hebt die Decke minimal an. Ihre Seite hat eine kleine Welle, als würde sie selbst im Schlaf eine Ausgangsposition halten. Ihr Atem bewegt die Decke kaum. Kein sanftes Wogen, eher kurze Züge: Heben. Halten. Senken.
Die Haltephase zu kurz. Eckig. Denken im Brustkorb.
Ich halte zwei Finger auf ihrem Unterarm, genau dort, wo ihr Ärmel hochgerutscht ist und Haut frei liegt. Punktkontakt. Punkt ist sauber. Punkt ist Information. Punkt ist auch das, was sich bei mir „Zärtlichkeit“ nennt, wenn ich so tue, als wäre es nur Kontrolle.
Warm. Stabil. Kein Fieber. Gut.
Stillsein ist Tarnung.
Stillsein ist aber auch… diese kleine Gier, die man nur hat, wenn man Nähe sonst immer bezahlen muss.
Mara bewegt sich.
Nicht groß. Keine Drehung. Kein
Aufsetzen. Nur ein winziger Impuls startet in ihrer Schulter und wandert in den Arm. Der Stoff ihres Shirts spannt am Schlüsselbein für einen Atemzug, dann löst er sich wieder. Wie ein Seufzer ohne Geräusch. Ihre Hand taucht unter der Decke hervor, erst Handrücken, dann Knöchel, dann Finger, leicht gekrümmt. Sie sucht nicht hektisch. Sie sucht, als hätte sie den Weg tausendmal im Dunkeln geübt.
Ihre Fingerkuppen gleiten über den Deckenstoff. Der Stoff bremst. Rau gegen Haut. Sie erhöht den Druck gerade so viel, dass Reibung nachgibt. Für einen winzigen
Moment werden die Kuppen heller, weil Blut ausweicht. Dann trifft sie meine Finger.
Ein Herzschlag Stillstand. Verifizieren.
Dann schließt sie ihre Hand um meine Finger.
Fest.
Nicht süß. Nicht weich. Fest wie Geländer. Fest wie „du gehst nicht“. Fest wie „ich brauche das jetzt, sonst kippt etwas in mir“.
Sie drückt meine Finger in die Matratze. Nicht schmerzhaft. Eindeutig. Ein Reflex kribbelt in meinen Fingerspitzen und will hoch. Ich drücke ihn runter, bevor
er mein Gesicht erreicht.
Mein Kiefer bleibt neutral. Neutralität ist Schutz.
Aber der Zungenansatz spannt minimal. Mein Körper weiß nicht, ob er weich sein darf.
Mara öffnet die Augen.
Nicht plötzlich. Nicht weit.
Wie jemand, der die Welt dosiert.
Ihr Blick geht nicht zur Tür. Nicht zum Fenster. Nicht zur Wand.
Er geht sofort zu mir.
Und bevor ihre Hände sprechen, spricht ihr Gesicht.
Augenbrauen heben sich gleichmäßig: Frage.
Augen öffnen sich einen Hauch
weiter: Bitte, aber nicht klein.
Kopf minimal nach vorn: Nähe.
Mund geschlossen, Lippen gespannt: Mut wird festgehalten, damit er nicht flieht.
Dann kommen die Hände, klein, unter der Decke, dicht am Körper, wie ein Gespräch, das nicht die ganze Wohnung hören darf.
Sie legt die linke Hand flach vor den Bauch, Handfläche nach oben, Finger zusammen, als würde sie einen Platz anbieten.
Die rechte Hand kommt flachkantig und setzt sich einmal bestimmt darauf. Kein Streicheln. Ein Punkt.
(Bleib.)
Sie hält die Bewegung einen Tick länger, als nötig wäre. Dann markiert sie das „hier“ nicht groß, sondern als Punkt: ein kurzes Zeigen nach unten zwischen uns, auf Matratze, Wärme, diesen schmalen sicheren Streifen, den wir uns teilen.
(Hier. Bleib.)
Ich blinzle einmal.
Nicht Müdigkeit. Sortieren.
In welchem Jahrhundert war „Bleib“ harmlos?
In welchem war es Falle?
In welchem war es der Moment, bevor die Tür von außen zuging?
Die Gegenwart ist eine dünne
Schicht über alten Räumen. Ich drücke sie nach oben, damit sie oben bleibt.
Ich öffne die Augen ganz, aber nicht weit. Nur genug.
Ich lasse den Blick nicht wandern. Wandern ist Offenheit. Offenheit ist Lesbarkeit. Lesbarkeit ist Gefahr.
Ich antworte langsam.
Handfläche nach unten, ich glätte die Luft zwischen uns, als würde ich etwas Unsichtbares beruhigen, damit es nicht zu laut wird.
(Ruhig.)
Dann tippe ich mir kurz an die Brust. Punkt. Ich.
Und öffne die Hand zu ihr.
Langsam. Ohne Kante.
(Ich. Hier.)
Mara wird weicher, aber nur in Millimetern.
Der Unterkiefer sinkt minimal.
Der Mund löst sich einen Hauch.
Die Augenbrauen bleiben oben, aber verlieren Härte.
Ihr Griff um meine Finger wird nicht lockerer, aber weniger krampfhaft, als würde sie kurz glauben, sie müsste mich nicht festnageln.
Sie rutscht näher, so wenig, dass man es später nicht beweisen könnte. Die Decke verschiebt sich an ihrer Schulter. Ihr Kopf kommt
vor. Ihre Stirn streift meinen Oberarm. Warm. Ein Punkt, der prüft: wirklich?
Dann küsst sie mich.
Kurz.
Kein Filmkuss. Kein Drama.
Ein Satzpunkt.
Ihre Lippen treffen meine erst leicht, dann ein Hauch fester. Die Wärme ist klar. Der Druck kontrolliert. Die Dauer kurz genug, dass es „nie passiert“ sein könnte. Lang genug, dass mein Körper es nicht mehr ignorieren kann.
Mein Brustbein zieht nach vorn.
Mein Kopf will zurück.
Zwei Systeme: Hunger und Tarnung.
Ich lege zwei Fingerspitzen an ihr Handgelenk. Kein Greifen. Nur Kontakt. Ein Rahmen.
(Kurz.)
Sie versteht sofort. Sie zieht nicht weg. Sie macht es kleiner, nicht weniger. Der Kuss schrumpft zu einem Hauch, den man wegreden könnte. Aber die Wärme bleibt auf meiner Oberlippe wie ein Abdruck, als hätte sie mir ein geheimes Zeichen auf die Haut gedruckt.
Wir bleiben einen Atemzug so nah, dass die Luft zwischen unseren Mündern warm bleibt.
Dann löst sie sich langsam.
Langsam genug, dass die Matratze
nichts erzählt.
Sie zieht die Decke weg. Kälte kriecht über ihre Knie. Haut strafft sich minimal. Sie zuckt nicht. Jung, aber trainiert. Sie setzt die Füße auf den Boden, die Zehen spreizen sich kurz, als würde sie das Linoleum prüfen.
Dann steht sie auf.
Ihr Gewicht verlässt das Bett, und die Wärme, die eben noch zwischen uns war, zieht sich zurück, als hätte jemand eine Lampe um einen Millimeter gedreht.
Sie geht in den Flur.
Ich höre nichts, aber ich sehe die Luft. Der Türspalt verändert sich,
weil sie durchgeht.
Ich bleibe liegen.
Nicht aus Faulheit.
Aus Gier nach diesem Rest Wärme auf meinen Lippen, bevor der Tag ihn wegdrückt.
Dann setze ich die Füße auf den Boden.
Barfuß.
Linoleumkälte steigt sofort in die Fersen. Sachlich. Direkt. Keine Aggression. Tatsache. Meine Zehen krümmen sich für einen Atemzug. Reflex. Zu menschlich.
Ich fange es ein.
Keine zweite Bewegung.
Ich stehe auf.
Das Schlafunterhemd rutscht über meine Hüfte. Stoff streift Vitiligo-Haut. Die hellen Flächen fühlen sich nicht anders an, aber ich weiß, Licht wird später anders darauf liegen. Im Dunkeln ruhig. Im Morgenlicht deutlicher, als hätte Licht beschlossen, sich dort auszuruhen.
Ich ziehe mein Hauskleid über. Ausgewaschenes Grau. Baumwolle. Schwer genug, dass es nicht flattert. Flattern ist Aufmerksamkeit.
Strickjacke darüber, kratzig am Unterarm. Kernseife. Naturfaser. Natur beruhigt mich, weil Natur
ehrlich altert.
Der Flur ist schmal.
Nicht nur in Zentimetern. Im Gefühl.
Man geht nicht „hindurch“. Man bewegt sich „entlang“, als wären die Wände Zeugen.
Rauhfaser, vergilbt. Körner, in denen Schatten hängen bleiben. Spiegel schief. Schief heißt: ich sehe mich nie ganz korrekt. Korrekt wäre eine Lüge.
Hakenbrett: Mantel, Tasche, Schlüsselband.
Schuhregal: Kanten abgetreten.
Darunter: die flache Schachtel.
Zu glatt. Zu sauber. Zu westlich.
Ich sehe sie im Augenwinkel. Ich sehe sie nicht direkt. Direkter Blick wäre Interesse. Interesse wäre Spur.
Wohnzimmer: Möbel wie Deckung. Schrank nicht mittig. Tisch versetzt. Gardine bricht Sichtlinien. Tote Winkel als Schutz. Nicht als Stil.
Auf dem Lowboard liegen Dinge, die nicht nach „Gegenstand“ riechen, sondern nach Zeit:
Metallkiste feldgrau, Ecke eingedellt.
Stoffbeutel mit rotem Kreuz, Rot ins Braun gekippt.
Mullbinden in Papier, dünn.
Aluminiumlöffel stumpf.
Notizbuch Eselsohren.
Orden stumpf, schwer.
Ein Bild schneidet durch meinen Kopf: Schnee, der nach Asche riecht. Blutwärme. Ein Körper, der zu schwer wird.
Ich schiebe es nicht weg. Ich lege es tiefer. Elbengedächtnis ist kein Archiv. Es ist Haut.
Ich war Helferin.
Dann Rekrutin.
Dann Hexe.
Dann Alchemistin.
Dann Apothekerin.
Dann Ärztin.
Nicht, weil ich Karriere wollte.
Weil Menschen immer genau da sterben, wo man mich gerade braucht.
Ich betrete die Küche.
Das Licht ist ein Streifen unter der Gardine. Zinnfarben, nicht gold. Es schneidet über das Linoleum, trifft Tischfuß, bleibt am Stuhlbein hängen, als müsste es entscheiden, ob es weiter darf.
Die Küche ist schmal, aber voller benutztem Leben:
Schrankfronten hell. Griffe dunkler vom Greifen.
Brotkorb geflochten, leicht schief.
Emaillierter Brotkasten mit einer Schramme.
Topf mit rotem Deckel.
Glas mit Löffeln.
Ein winziger Fettpunkt glänzt.
Mara sitzt am Tisch, seitlich zum Fenster. Schutzposition.
Dunkler Rock. Hochgeschlossene Bluse. Letzter Knopf am Hals wie ein Verschluss. Matte Strumpfhose. Strickjacke. Haare streng hoch. Keine losen Strähnen.
Sie glättet ein Küchentuch.
Einmal.
Zweimal.
Beim dritten Mal zu fest.
Wangenmuskel zuckt. Sie sammelt ihn sofort ein. Neutralität zurück. Aber der Kiefer arbeitet minimal,
dieses winzige „zu viel“, das sie glattpresst.
Auf dem Tisch liegt PRAMO.
Glattes Papier. Druckfarbe. Neuheit, die sich besser anfühlt als sie sollte.
Mara streicht mit der Fingerspitze darüber, als würde sie Zukunft anfassen. Ich sehe, wie ihre Pupillen minimal größer werden. Der Mundwinkel will lächeln. Dann rollt sie es wieder ein, als wäre Freude etwas, das man ordentlich zusammenfaltet.
Sie schaut zu mir.
Die Frage entsteht zuerst in ihrem Gesicht: Augenbrauen hoch, Blick
direkt, Kopf minimal vor, Mund kurz zusammen, lösen. Dann kommen die Hände fließend, nicht einzeln, nicht „ausgestellt“, einfach wie Reden.
Zwei Finger kurz zum Topf.
Dann ans Handgelenk.
Dann Richtung Flur, begleitet von einem winzigen Blick zur Wohnungstür.
Dann zurück zu mir, offene Handfläche, als würde sie die Antwort schon auffangen.
Tee jetzt? Gehst du? Kommst du wieder?
In ihrer Mimik liegt noch etwas, das sie nicht in die Hände packt:
„Sag’s mir sicher.“
Ich stelle meine Tasse einen Millimeter zu nah an den Rand.
Absichtlich.
Kontakt, der wie Alltag aussieht.
Mara schiebt sie zurück, ohne hinzusehen. Zwei Finger. Sauber. Knapp. Ihre Fingerkuppen bleiben einen Hauch zu lang auf der Wärme. Zärtlichkeit, getarnt als Korrektur. Unser Dialekt: Liebe als Haushalt.
Ich antworte langsam, damit mein Gesicht nicht streng wird. Handfläche nach unten, Luft glätten. Bewegung eng an den Brustkorb ziehen. Zwei Finger
hoch, runter: später.
Ruhig. Heute klein. Später.
Mara rollt die Augen. Lautlos. Trocken. Aber die Augen werden weich. Und dieses Weichwerden ist ihr echtes „ja“.
Sie steht auf. Der Stuhl rutscht minimal. Licht verschiebt sich. Sie greift nach der Schürze am Haken. Dederon. Glatt. Kühl. Praktisch. Der Stoff hat diesen neuen, fast frechen Fall, als würde er die Regeln nicht ganz ernst nehmen.
Sie hält ihn einen Herzschlag zu lang. Fast genießerisch.
Dann bindet sie den Knoten hinten zu fest.
Der Knoten zieht ihren Bauch zusammen wie eine Hand, die zu hart zupackt.
Mein Körper reagiert sofort: Luft geben. Atmen erlauben.
Ich gehe hinter sie. Ein Schritt. Noch einer. Mein Schatten fällt auf ihre Hände. Ich sehe, wie ein Muskel im Nacken spannt, Erwartung, nicht Angst.
Ich lege nicht die ganze Hand auf sie. Nur zwei Fingerspitzen an den Knoten. Kontakt. Und lockere ihn um einen Millimeter.
Nur ein Millimeter.
Der Stoff gibt nach.
Der Bauch bekommt Raum.
Der Atem bekommt Platz.
Mara atmet aus. Sichtbar. Ein Hauch, als würde der Körper sagen: Danke, bevor sie es wieder einfängt.
Sie dreht den Kopf ein Stück, Blick trifft mich. Und in diesem Blick ist nicht Mode, nicht Papier, nicht Alltag.
Es ist: gesehen.
Ich küsse sie nicht. Nicht hier. Nicht im Morgenlicht. Nicht so, dass die Küche es beweisen könnte.
Aber ich bleibe einen Herzschlag zu lange nah.
Das ist mein „Bleib“.
Ohne Wort. Ohne Handzeichen.
Ohne Risiko.
Mara nimmt es wie einen Schatz, den man nicht offen tragen darf. Ich sehe, wie sie es einsammelt: Mundwinkel zuckt, dann glatt. Augen weich, dann neutral. Kopf minimal runter, dann wieder gerade.
Und ich liebe sie in diesem Moment so sehr, dass es fast lächerlich ist.
Nicht, weil sie perfekt ist.
Sondern weil sie 20 ist und trotzdem schon gelernt hat, wie man ein Herz versteckt.
Und weil sie es bei mir manchmal kurz rausholt, als hätte ich es verdient.
Ich denke etwas, das nicht klug ist. Nicht vorsichtig. Nicht „Dienst“.
Bleib.
Nicht als Befehl.
Als Bitte.
Ich sage es nicht.
Ich tue nur etwas, das niemand beweisen kann:
Meine Finger bleiben einen Moment zu lang am gelockerten Knoten.
Nur als Erinnerung: Luft. Platz. Ich bin hier.
Und Mara kocht Tee, als wäre das normal.
Als wäre Liebe nicht gefährlich.
Als wäre das hier nicht Ost-Berlin.
Als wäre die Welt nicht aus Blicken
gebaut.
Und genau deshalb fühlt es sich für einen winzigen Moment an wie Leben.
Wachwerden ist bei mir kein langsames Auftauchen.
Es ist ein Klick.
Ein inneres Einrasten hinter der Stirn, als hätte jemand irgendwo im Kopf einen Schalter umgelegt und plötzlich ist alles da, obwohl es still ist. Still ist es auch. Aber still heißt nicht harmlos. Still heißt nur: die Gefahr macht keine Geräusche.
Unter meinen Lidern ist schwarz. Kein Traum. Keine Bilder. Nur Druck. Der Druck sitzt nicht auf mir, er sitzt um mich, wie Luft, die zu lange in einem Raum stand.
Altbau. Andere Decke als im Westen. Mehr Höhe, mehr Schatten, mehr Möglichkeiten für Dinge, sich zu verstecken. Der Geruch ist nicht „Wohnung“, der Geruch ist Geschichte: Tapete, Staub, alte Farbe, Kernseife, ein Hauch Metall aus Heizungsrohren, als würde irgendwo ein Knochen aus Eisen im Haus liegen.
Ich schlucke einmal, bevor ich die Augen öffne. Nicht weil ich muss, sondern weil Trockenheit am Gaumen sitzt. Trockenheit ist bei mir nie nur „Durst“. Trockenheit heißt: Nervensystem wach. Zunge flach am Gaumen. Speichel sammelt
sich. Genug, um nicht unangenehm zu sein. Nicht genug, um bequem zu sein. Bequem ist verdächtig.
Meine Augen gehen auf.
Nicht weit. Nicht dramatisch. Nur genug.
Erster Check: Licht.
Ein dünner Streifen unter der Gardine, unten nicht ganz dicht. Das Licht schiebt sich durch wie eine helle Klinge über den Boden. Es macht keine Wärme, nur Sichtbarkeit. Sichtbarkeit ist hier eine Währung, die man nicht ausgibt, wenn man nicht muss.
Zweiter Check: Raumkanten.
Hohe Decke. Rauhfaser. Der
Schatten sitzt in den kleinen Körnern wie festgehalten. Das Bett steht längs an der Wand. Kopfteil in der Ecke, so dass der Türspalt nicht direkt ins Gesicht schreibt. Schrank gegenüber. Hellholz, Griffe dunkler vom Greifen. Zwischen Bettkante und Schrank bleibt nur ein schmaler Streifen Weg, gerade breit genug, dass man hindurchkommt, ohne „durchzugehen“. Man bewegt sich hier immer ein bisschen entlang.
Dritter Check: Körper.
Die Matratze unter mir ist müde an einer Stelle, ich kenne diese Stelle jetzt schon, obwohl ich erst seit
kurzem hier bin. Sie gibt nach, als hätte sie gelernt, dass man sich anpassen muss. Der Stoff unter meinem Rücken ist Baumwolle, nicht weich, eher… ehrlich. Keine Flauschigkeit, keine Ausrede. Das Laken ist glatter dort, wo öfter Reibung war. Unter dem Ellbogen rauer. Ein kleiner Grat von der Naht streift meine Wade. Ein Millimeter. Vielleicht weniger. Ich bewege mich nicht, ich registriere nur. Registrieren ist mein Komfort.
Und dann: Aelwyn.
Sie liegt neben mir, auf dem Rücken, als hätte sie sogar im Schlaf Disziplin. Nicht steif. Eher
geparkt. Als hätte ihr Körper den Zustand „Ruhe“ nie ganz gelernt, nur „gerade nicht aktiv“. Ihre Hand liegt auf meinem Unterarm. Zwei Finger. Punktkontakt. Kein Streicheln. Kein Besitz. Wie eine Markierung auf einer Karte. Wie ein Stempel: Du bist hier. Du bist warm. Du lebst.
Ich schaue sie an, ohne den Kopf zu bewegen. Nur Augen.
Ihr Haar, ginger, als wäre die Welt irgendwo doch mutig gewesen. Diese Farbe ist keine Farbe, das ist ein Signal. In mir, in diesem Teil von mir, der „Westen“ ist, schreit es sofort: auffällig. Risiko. Profil. Und
gleichzeitig schreit etwas anderes: schön. Heimisch. Meins.
Ihre Haut ist im Dämmerlicht ein eigenes Muster: Vitiligo, helle Flächen wie Lichtinseln auf einem dunkleren Grund. Nicht „Flecken“. Eher wie Landkartenstücke, als hätte jemand Sterne auf sie gelegt und vergessen, sie wieder einzusammeln. Und ihre Augen… jedes Mal, wenn ich sie sehe, stolpere ich kurz, weil mein Kopf es nicht gewohnt ist: eins grün, eins blau. Zwei Wetterlagen in einem Gesicht. Zwei Möglichkeiten, sich zu verlieren.
Sie wirkt älter als alles um uns
herum und gleichzeitig… manchmal erschreckend jung, wenn sie in einer Sekunde nicht ganz im Jetzt ist. Als würde sie kurz in irgendeinem Jahrhundert hängen bleiben, in irgendeiner Erinnerung, und dann erst wieder zurückfinden. Das ist das, was ich an ihr „niedlich“ finde, obwohl ich es niemals so nennen würde. Nicht laut. Nicht offen. Nicht in einem Haus, in dem selbst Wände neugierig sein könnten.
Ich bin 20.
Und genau deshalb ist alles an mir gerade zu laut, selbst wenn ich still bin.
Das ist meine erste Mission.
Nicht „erste Mission“ wie in Filmen, wo jemand cool ist und geschniegelt und so tut, als hätte er alles im Griff. Erste Mission heißt: Ich bin geschniegelt, ja, aber es ist Tarnung, weil mein Inneres gleichzeitig ständig fragt: Mache ich es richtig? Sieht man es? Riecht man Westen an mir?
Ich habe gelernt, mein Gesicht zu kontrollieren. Aber ich bin jung genug, dass der Körper manchmal schneller ist als die Kontrolle.
Aelwyns Finger auf meinem Arm sind warm. Stabil. Und plötzlich, ohne dass ich es beschlossen habe,
will ich etwas Dummes:
Ich will, dass sie bleibt.
Nicht irgendwann. Nicht „im Prinzip“. Jetzt. Hier. In dieser warmen Mulde, in der mein Körper kurz vergisst, dass er eine Rolle spielt.
Ich schließe meine Hand um ihre zwei Finger.
Fest.
Nicht zart. Nicht filmisch. Fest wie: Geländer. Fest wie: du gehst nicht. Und ich drücke ihre Finger einen Hauch tiefer in die Matratze, als würde ich die Bewegung festnageln, als könnte ich mit Kraft verhindern, dass der Morgen uns
auseinanderzieht.
Aelwyn reagiert sofort, obwohl sie noch aussieht, als würde sie ruhen. Ein winziger Muskel am Hals zieht. Eine Mikroanspannung, die nur jemand sieht, der auf Menschen trainiert ist. Sie hat gelesen, was ich tue, bevor ich es selbst begriffen habe.
Meine Frage entsteht zuerst im Gesicht.
Augenbrauen hoch, deutlich.
Augen minimal weiter.
Kopf einen Hauch nach vorn.
Mund bleibt geschlossen, aber die Lippen spannen sich, als würde ich ein Wort festhalten, damit es nicht
aus mir rausläuft.
Erst dann kommen die Hände, klein, unter der Decke, dicht am Körper, so privat, dass es fast so wirkt, als würde ich nur das Bett richten.
Linke Hand flach vor dem Bauch, Handfläche nach oben. Eine Fläche.
Rechte Hand flachkantig setzt sich einmal bestimmt darauf. Punkt. Kein Streicheln.
Bleib.
Ich halte die Gebärde einen Tick zu lang, weil das Halten selbst die Bedeutung ist. Dann markiere ich „hier“ nicht groß, nur als Punkt: ich zeige kurz nach unten zwischen
uns, auf Matratze, Wärme, diese kleine Insel.
Hier. Bleib.
Mein Blick bleibt an ihr hängen. Nicht am Fenster. Nicht an der Tür. An ihr. Ich lasse die Augenbrauen oben, ich lasse den Satz als Frage stehen, weil ich nicht mutig genug bin, ihn als Befehl zu setzen.
Aelwyn blinzelt einmal.
Und ich sehe, wie in ihr kurz etwas arbeitet. Nicht Emotion wie bei Menschen. Eher wie ein System, das sortiert: harmlos oder Falle. Nähe oder Gefahr. Jetzt oder Vergangenheit. Sie ist in allem langsam und schnell gleichzeitig.
Langsam in der Wärme. Schnell in der Vorsicht.
Dann glättet sie die Luft mit ihrer Hand, Handfläche nach unten, langsam, als würde sie etwas Unsichtbares beruhigen.
Ruhig.
Sie tippt sich kurz an die Brust, Punkt. Ich.
Dann öffnet sie die Hand zu mir, langsam, ohne Kante.
Ich hier.
Ihre Antwort ist zärtlich, aber in ihr wohnt immer ein Schatten von Alarm. Und dieser Schatten macht mich gleichzeitig traurig und beruhigt, weil ich ihn verstehe:
Alarm heißt, sie nimmt uns ernst.
Ich lasse meinen Kopf sinken. Ganz kurz. Meine Stirn streift fast ihren Oberarm. Warm. Stoff. Seife. Und unter dem Ganzen dieser metallische Hauch, den mein Kopf mit ihr verbindet, als würde sie immer nach „Waffe, aber sauber“ riechen. Vielleicht ist das Einbildung. Vielleicht ist es mein Westen-Gehirn. Vielleicht ist es auch einfach nur sie.
Ich will sie küssen.
Nicht filmisch. Nicht groß. Nur als Beweis.
Mein Körper ist schneller als mein Mut.
Ich beuge mich vor und drücke meine Lippen auf ihre.
Kurz.
Ein Satzpunkt.
Erst leicht. Dann ein Hauch fester. Wärme klar. Dauer kurz genug, dass man ihn wegreden könnte. Lang genug, dass er im Körper bleibt.
Aelwyns Brust hebt sich minimal. Nicht erschrocken. Eher… als würde sie für einen Moment vergessen, dass Disziplin existiert.
Und ich spüre in mir dieses dumme, junge Ding: Stolz. Weil ich sie weich gekriegt habe. Für einen Atemzug.
Dann sind ihre Fingerspitzen an meinem Handgelenk. Zwei Finger. Ein leichter Druck. Kein Wegdrücken. Ein Rahmen.
Kurz.
Ich verstehe sofort. Nicht beleidigt. Nicht verletzt. Ich mache es kleiner. Ich ziehe mich nicht weg, ich dämpfe nur. Wie man Licht dimmt, wenn man merkt, dass es zu hell ist.
Der Kuss schrumpft zu einem Kontakt, den man wegzuerklären könnte.
Aber die Wärme bleibt.
Auf meiner Oberlippe. In meinem Bauch. In der Art, wie mein
Brustkorb plötzlich zu eng ist, weil ich zu viel fühlen will.
Ich löse mich langsam.
Langsam genug, dass die Matratze nichts erzählt.
Ich schiebe die Decke zurück. Kalte Luft kriecht über meine Knie. Die Haut dort strafft sich minimal. Ich zucke nicht. Ich bin jung, aber nicht weich. Ich bin trainiert. Training ist das Einzige, was sich anfühlt wie Kontrolle.
Ich setze die Füße auf den Boden. Linoleumkälte zieht hoch. Ost-Kälte ist nicht dramatisch. Ost-Kälte ist konsequent. Wie ein Blick, der nicht lächelt.
Ich stehe auf.
Der Raum kippt minimal, weil mein Gewicht weg ist. Die Decke sinkt auf Aelwyns Seite nach. Ihr Wärmefeld bleibt noch einen Moment unter dem Stoff, als hätte das Bett sie gespeichert.
Ich gehe in den Flur.
Der Flur ist schmal, nicht nur im Maß, im Gefühl. Man geht nicht hindurch, man bewegt sich entlang. Links Küche. Rechts Bad. Geradeaus Wohnzimmer. Das Fenster dort ist ein Auge zur Straße.
An der Wand hängt ein Hakenbrett. Mantel. Schal. Tasche. Darüber ein Spiegel, der nicht ganz gerade
hängt. Darunter ein Schuhregal. Abgetreten. Praktisch. Nicht schön. Echt.
Ganz unten, halb verborgen, steht die flache Schachtel.
Zu sauber. Zu glatt. Zu westlich.
Mein Herz macht einen kleinen Sprung, so dumm wie verräterisch.
Da drin sind Dinge, die hier nicht existieren dürften. Kleine, lächerliche Beweise, dass ich nicht aus dieser Welt komme: ein Stoff, der anders fällt, ein Heft, das nach anderer Druckfarbe riecht, eine Kleinigkeit, die man nicht erklären kann, wenn sie jemand findet.
Ich schaue nicht hin.
Ich tue, was man tut, wenn man lügt: Ich bewege mich so, als wäre alles normal.
In der Küche ist das Licht heller, weil dort die Gardine dünner ist. Das Fenster ist klein, aber ehrlich. Die Küche ist schmal, funktional, und trotzdem wohnlich, weil Aelwyn sie über Jahrzehnte mit Dingen gefüllt hat, die nicht weggehen, selbst wenn die Welt es versucht.
Helle Schrankfronten. Holzton. Griffe dunkler vom Greifen.
Arbeitsplatte. Brotkorb geflochten, leicht schief.
Ein emaillierter Brotkasten, an
einer Ecke eine Schramme.
Töpfe mit roten Deckeln, die so glänzen, als wären sie stolz, noch da zu sein.
An der Wand hängt eine Schürze. Bunt gemustert. Taschen. Dederon. Pflegeleicht. Stoff, der so tut, als hätte man eine Ideologie hineingewebt: praktisch, robust, unkaputtbar.
Ich ziehe sie über.
Nicht weil ich Hausfrau spielen will.
Weil eine Schürze ein Schutz ist. Stoff zwischen mir und der Welt. Und Taschen sind immer gut.
Ich binde die Bänder hinten zu fest.
Das ist mein Problem. Ich mache Knoten, als könnte ein fester Knoten auch Gedanken festhalten.
Auf dem Tisch liegt PRAMO.
Glattes Papier. Druckfarbe, die noch frisch riecht. Mode. Neu. Versprechen. Eine Frau auf dem Titel in einem Ton, der im Osten selten so laut sein darf. Ich streiche mit der Fingerspitze darüber, als würde ich Zukunft anfassen.
Ich liebe neue Dinge. Das ist mein kleines, peinliches Geständnis.
Neue Schnitte. Neue Stoffe. Neue Möglichkeiten, mich zu verwandeln, ohne mich wirklich zu verwandeln.
Aelwyn liebt das nicht.
Aelwyn liebt Holz. Natur. Dinge, die ehrlich altern, nicht Dinge, die so tun, als wären sie unsterblich.
Ich stelle Wasser auf. Der Hahn klingt nicht, aber ich sehe das Zittern im Metall, ich sehe den Sprung des Wassers, wenn es auf Emaille trifft. Ich sehe auch, dass die Herdplatte nicht perfekt sauber ist. Ein winziger Fettpunkt fängt Licht. Niemand lebt hier wie in einer Reklame. Wir leben wie in einem echten Raum, in dem echte Körper müde sind.
Ich drehe mich.
Aelwyn steht im Türrahmen.
Barfuß.
Als würde sie dem Beton trotzen, als wäre der Boden nur eine Meinung. Ihr Hauskleid ist schlicht, ausgewaschen, und darüber eine Strickjacke, an den Ellbogen leicht glänzend vom Leben. Ihre Haut ist Lichtkarte. Im Küchenlicht wirkt es nicht nach „anders“. Es wirkt nach Sternenstaub, den jemand verteilt hat und vergessen, wieder aufzuwischen.
Ihre Augen treffen meine. Grün und Blau. Zwei Wetterlagen.
Und mein Herz macht dieses dumme junge Ding: Es will aufmachen.
Ich will sie küssen. Direkt. Ohne Plan. Ohne Vorsicht.
Ich tue es nicht.
Nicht, weil ich sie nicht will.
Sondern weil ich immer noch lerne, was „ungesehen“ wirklich heißt.
Ungesehen heißt nicht: Niemand guckt.
Ungesehen heißt: nicht mal die Wohnung darf zu viel wissen.
Aelwyn kommt näher.
Langsam. Nicht zögerlich. Kontrolliert. Ihre Hand streift meinen Rücken, nicht als Streicheln, sondern als Markierung: Ich bin da. Ich decke dich. Liebe in ihrem Dialekt: Schutz.
Ich drehe den Kopf leicht. Und die Frage steht wieder zuerst im Gesicht. Augenbrauen nur ein bisschen hoch. Blick kurz zu ihrem Mund, dann zu ihren Augen, dann zurück. Eine winzige Bitte, so klein, dass sie nicht protokollierbar ist.
Aelwyn versteht.
Sie setzt die Fingerspitzen an meine Kieferlinie. Drückt ganz leicht, als würde sie mich in eine Position schieben. Dann kommt sie näher, so nah, dass ich ihre Wärme spüre, bevor sie mich berührt.
Der Kuss ist kurz.
Kein Film.
Kein Drama.
Eher wie ein Stempel: existent.
Und das Verrückte ist: genau diese Kürze macht ihn größer. Weil er heimlich ist. Weil er gehört, ohne gesehen zu werden.
Sie löst sich wieder, als wäre sie nie da gewesen.
Und ich bin gleichzeitig zufrieden und hungrig.
Ich gieße Tee ein. Der Dampf steigt auf, weiß, dünn, und ich muss lachen, ganz klein, nur im Gesicht, weil der Dampf sich für einen Moment in einer perfekten Spirale hält, als hätte jemand eine unsichtbare Schnur hineingelegt.
Aelwyn sieht es auch.
Ihr Mundwinkel zuckt. Nicht Freude. Vorsicht.
Magie ist hier nicht „Wow“.
Magie ist ein Risiko.
Ich sehe, wie sie es unterdrückt, wie man ein Lachen unterdrückt, wenn man im falschen Raum steht.
Und genau da passiert etwas, das sich wie Leben anfühlt:
Sie streckt die Hand aus und stellt meine Tasse einen Millimeter weiter nach innen, weg vom Rand.
Ein Haushaltgriff. Eine Kleinigkeit.
Aber in mir ist es wie: Sie will nicht, dass ich falle.
Mein Gesicht wird weich, bevor ich es kontrollieren kann.
Und dann kontrolliere ich es sofort wieder.
20 ist eine gefährliche Zahl.
20 ist die Zahl, in der man noch glaubt, Liebe könne ein Zuhause sein, ohne dass sie gleichzeitig eine Falle ist.
Ich greife nach dem PRAMO-Heft, halte es hoch, zeige auf das Titelbild, dann auf mich, dann mache ich mit den Fingern eine kleine Bewegung an meiner Bluse entlang, als würde ich den Stoff abtasten, dann zeige ich auf Aelwyn und ziehe eine Linie über ihren Ärmel: Natur.
Eine Frage steht in meinem Gesicht:
Augenbrauen hoch, Mund leicht offen, Blick hell.
Gefällt dir das? Ich will das. Ist das dumm?
Aelwyn antwortet, ohne streng zu werden.
Sie reibt ihren Ärmel zwischen Daumen und Zeigefinger, als würde sie die Faser sprechen lassen. Dann deutet sie kurz auf das Heft, dann macht sie mit den Händen eine glatte, schnelle Bewegung, als würde sie etwas rutschig machen, und zieht die Lippen minimal schmal.
Zu glatt. Nicht meins.
Dann tippt sie sich an die Brust und
öffnet die Hand zu mir, weicher als ihre Worte.
Du… darfst. Ich… nicht.
Und ich liebe sie dafür. Dass sie mir erlaubt, jung zu sein, ohne mich zu belächeln.
Ich ziehe eine kleine Grimasse, gespielt beleidigt, und schiebe das Heft wieder auf den Tisch, als würde ich es „bestrafen“. Aber meine Augen verraten mich: ich bin stolz, dass ich sie zum Antworten gebracht habe. Stolz, dass sie überhaupt antwortet, so menschlich, so… hier.
Ich drehe mich zurück zum Herd.
Und während ich rühre, ganz ruhig,
kreisend, denke ich:
Das ist meine erste Mission.
Und das Schwierigste daran ist nicht der Osten.
Nicht die Mauer.
Nicht die Regeln.
Sondern dass ich mich verliebt habe, bevor ich gelernt habe, wie man Liebe versteckt, ohne dass sie stirbt.