
Ich bin wach, bevor mein Körper sich traut, es offiziell zuzugeben.
Nicht weil ich ausgeschlafen bin.
Sondern weil mein Inneres keinen Unterschied macht zwischen „Schlaf“ und „kurz nicht hinschauen“.
Unter meinen Lidern ist Schwarz. Kein Traum. Kein Bild. Nur Druck, als würde die Wohnung bereits wissen wollen, ob ich heute eine gute Bewohnerin spiele. Altbau-Luft steht nicht still, sie sitzt. In den Ecken. Unter dem Fensterbrett. Im Spalt zwischen Schrank und Wand,
als hätte sie dort seit Jahrzehnten denselben Gedanken deponiert: „Sei ordentlich. Sei leise. Sei nicht zu viel.“
Die Matratze unter meinem linken Schulterblatt gibt minimal anders nach als unter dem rechten. Links ist sie müde. Dort hat eine Feder gelernt, schneller klein beizugeben. Mein Körper gleicht aus, ohne dass ich darüber nachdenke: ich lege nie ganz Gewicht hinein. Ich liege nicht weich. Ich liege wie jemand, der jederzeit aufspringen könnte, ohne dass das Bett später vor Gericht aussagt, ich hätte geschlafen.
Das Laken ist Baumwolle, nicht
weich wie Luxus, sondern weich wie Arbeit. Tausendmal gewaschen, fasrig an den Rändern, glattgerieben dort, wo Haut immer wieder liegt. Ein Grat von einer Naht drückt an meiner Ferse. Ich bewege den Fuß nicht, ich erhöhe nur den Druck. Prüfung. Der Grat bleibt hart. Gut. Dinge, die bleiben, machen mich ruhig.
Die Decke liegt am Schienbein straffer als am Knie, am Fußende doppelt gefaltet. Doppelte Lage hält Wärme. Wärme ist hier kein „gemütlich“. Wärme ist ein Beweis, dass ein Körper da war. Ein Beweis macht angreifbar. Und trotzdem…
ich halte sie.
Neben mir liegt Mara.
Nicht „neben“ wie ein Gegenstand.
Neben wie ein eigenes Feld, das den Raum verändert.
Mara ist 20.
Und sie schläft nicht wie jemand, der Sicherheit besitzt. Sie schläft wie jemand, der Sicherheit probt, bis sie sich irgendwann wie echt anfühlt. Ihr Knie hebt die Decke minimal an. Ihre Seite hat eine kleine Welle, als würde sie selbst im Schlaf eine Ausgangsposition halten. Ihr Atem bewegt die Decke kaum. Kein sanftes Wogen, eher kurze Züge: Heben. Halten. Senken.
Die Haltephase zu kurz. Eckig. Denken im Brustkorb.
Ich halte zwei Finger auf ihrem Unterarm, genau dort, wo ihr Ärmel hochgerutscht ist und Haut frei liegt. Punktkontakt. Punkt ist sauber. Punkt ist Information. Punkt ist auch das, was sich bei mir „Zärtlichkeit“ nennt, wenn ich so tue, als wäre es nur Kontrolle.
Warm. Stabil. Kein Fieber. Gut.
Stillsein ist Tarnung.
Stillsein ist aber auch… diese kleine Gier, die man nur hat, wenn man Nähe sonst immer bezahlen muss.
Mara bewegt sich.
Nicht groß. Keine Drehung. Kein
Aufsetzen. Nur ein winziger Impuls startet in ihrer Schulter und wandert in den Arm. Der Stoff ihres Shirts spannt am Schlüsselbein für einen Atemzug, dann löst er sich wieder. Wie ein Seufzer ohne Geräusch. Ihre Hand taucht unter der Decke hervor, erst Handrücken, dann Knöchel, dann Finger, leicht gekrümmt. Sie sucht nicht hektisch. Sie sucht, als hätte sie den Weg tausendmal im Dunkeln geübt.
Ihre Fingerkuppen gleiten über den Deckenstoff. Der Stoff bremst. Rau gegen Haut. Sie erhöht den Druck gerade so viel, dass Reibung nachgibt. Für einen winzigen
Moment werden die Kuppen heller, weil Blut ausweicht. Dann trifft sie meine Finger.
Ein Herzschlag Stillstand. Verifizieren.
Dann schließt sie ihre Hand um meine Finger.
Fest.
Nicht süß. Nicht weich. Fest wie Geländer. Fest wie „du gehst nicht“. Fest wie „ich brauche das jetzt, sonst kippt etwas in mir“.
Sie drückt meine Finger in die Matratze. Nicht schmerzhaft. Eindeutig. Ein Reflex kribbelt in meinen Fingerspitzen und will hoch. Ich drücke ihn runter, bevor
er mein Gesicht erreicht.
Mein Kiefer bleibt neutral. Neutralität ist Schutz.
Aber der Zungenansatz spannt minimal. Mein Körper weiß nicht, ob er weich sein darf.
Mara öffnet die Augen.
Nicht plötzlich. Nicht weit.
Wie jemand, der die Welt dosiert.
Ihr Blick geht nicht zur Tür. Nicht zum Fenster. Nicht zur Wand.
Er geht sofort zu mir.
Und bevor ihre Hände sprechen, spricht ihr Gesicht.
Augenbrauen heben sich gleichmäßig: Frage.
Augen öffnen sich einen Hauch
weiter: Bitte, aber nicht klein.
Kopf minimal nach vorn: Nähe.
Mund geschlossen, Lippen gespannt: Mut wird festgehalten, damit er nicht flieht.
Dann kommen die Hände, klein, unter der Decke, dicht am Körper, wie ein Gespräch, das nicht die ganze Wohnung hören darf.
Sie legt die linke Hand flach vor den Bauch, Handfläche nach oben, Finger zusammen, als würde sie einen Platz anbieten.
Die rechte Hand kommt flachkantig und setzt sich einmal bestimmt darauf. Kein Streicheln. Ein Punkt.
(Bleib.)
Sie hält die Bewegung einen Tick länger, als nötig wäre. Dann markiert sie das „hier“ nicht groß, sondern als Punkt: ein kurzes Zeigen nach unten zwischen uns, auf Matratze, Wärme, diesen schmalen sicheren Streifen, den wir uns teilen.
(Hier. Bleib.)
Ich blinzle einmal.
Nicht Müdigkeit. Sortieren.
In welchem Jahrhundert war „Bleib“ harmlos?
In welchem war es Falle?
In welchem war es der Moment, bevor die Tür von außen zuging?
Die Gegenwart ist eine dünne
Schicht über alten Räumen. Ich drücke sie nach oben, damit sie oben bleibt.
Ich öffne die Augen ganz, aber nicht weit. Nur genug.
Ich lasse den Blick nicht wandern. Wandern ist Offenheit. Offenheit ist Lesbarkeit. Lesbarkeit ist Gefahr.
Ich antworte langsam.
Handfläche nach unten, ich glätte die Luft zwischen uns, als würde ich etwas Unsichtbares beruhigen, damit es nicht zu laut wird.
(Ruhig.)
Dann tippe ich mir kurz an die Brust. Punkt. Ich.
Und öffne die Hand zu ihr.
Langsam. Ohne Kante.
(Ich. Hier.)
Mara wird weicher, aber nur in Millimetern.
Der Unterkiefer sinkt minimal.
Der Mund löst sich einen Hauch.
Die Augenbrauen bleiben oben, aber verlieren Härte.
Ihr Griff um meine Finger wird nicht lockerer, aber weniger krampfhaft, als würde sie kurz glauben, sie müsste mich nicht festnageln.
Sie rutscht näher, so wenig, dass man es später nicht beweisen könnte. Die Decke verschiebt sich an ihrer Schulter. Ihr Kopf kommt
vor. Ihre Stirn streift meinen Oberarm. Warm. Ein Punkt, der prüft: wirklich?
Dann küsst sie mich.
Kurz.
Kein Filmkuss. Kein Drama.
Ein Satzpunkt.
Ihre Lippen treffen meine erst leicht, dann ein Hauch fester. Die Wärme ist klar. Der Druck kontrolliert. Die Dauer kurz genug, dass es „nie passiert“ sein könnte. Lang genug, dass mein Körper es nicht mehr ignorieren kann.
Mein Brustbein zieht nach vorn.
Mein Kopf will zurück.
Zwei Systeme: Hunger und Tarnung.
Ich lege zwei Fingerspitzen an ihr Handgelenk. Kein Greifen. Nur Kontakt. Ein Rahmen.
(Kurz.)
Sie versteht sofort. Sie zieht nicht weg. Sie macht es kleiner, nicht weniger. Der Kuss schrumpft zu einem Hauch, den man wegreden könnte. Aber die Wärme bleibt auf meiner Oberlippe wie ein Abdruck, als hätte sie mir ein geheimes Zeichen auf die Haut gedruckt.
Wir bleiben einen Atemzug so nah, dass die Luft zwischen unseren Mündern warm bleibt.
Dann löst sie sich langsam.
Langsam genug, dass die Matratze
nichts erzählt.
Sie zieht die Decke weg. Kälte kriecht über ihre Knie. Haut strafft sich minimal. Sie zuckt nicht. Jung, aber trainiert. Sie setzt die Füße auf den Boden, die Zehen spreizen sich kurz, als würde sie das Linoleum prüfen.
Dann steht sie auf.
Ihr Gewicht verlässt das Bett, und die Wärme, die eben noch zwischen uns war, zieht sich zurück, als hätte jemand eine Lampe um einen Millimeter gedreht.
Sie geht in den Flur.
Ich höre nichts, aber ich sehe die Luft. Der Türspalt verändert sich,
weil sie durchgeht.
Ich bleibe liegen.
Nicht aus Faulheit.
Aus Gier nach diesem Rest Wärme auf meinen Lippen, bevor der Tag ihn wegdrückt.
Dann setze ich die Füße auf den Boden.
Barfuß.
Linoleumkälte steigt sofort in die Fersen. Sachlich. Direkt. Keine Aggression. Tatsache. Meine Zehen krümmen sich für einen Atemzug. Reflex. Zu menschlich.
Ich fange es ein.
Keine zweite Bewegung.
Ich stehe auf.
Das Schlafunterhemd rutscht über meine Hüfte. Stoff streift Vitiligo-Haut. Die hellen Flächen fühlen sich nicht anders an, aber ich weiß, Licht wird später anders darauf liegen. Im Dunkeln ruhig. Im Morgenlicht deutlicher, als hätte Licht beschlossen, sich dort auszuruhen.
Ich ziehe mein Hauskleid über. Ausgewaschenes Grau. Baumwolle. Schwer genug, dass es nicht flattert. Flattern ist Aufmerksamkeit.
Strickjacke darüber, kratzig am Unterarm. Kernseife. Naturfaser. Natur beruhigt mich, weil Natur
ehrlich altert.
Der Flur ist schmal.
Nicht nur in Zentimetern. Im Gefühl.
Man geht nicht „hindurch“. Man bewegt sich „entlang“, als wären die Wände Zeugen.
Rauhfaser, vergilbt. Körner, in denen Schatten hängen bleiben. Spiegel schief. Schief heißt: ich sehe mich nie ganz korrekt. Korrekt wäre eine Lüge.
Hakenbrett: Mantel, Tasche, Schlüsselband.
Schuhregal: Kanten abgetreten.
Darunter: die flache Schachtel.
Zu glatt. Zu sauber. Zu westlich.
Ich sehe sie im Augenwinkel. Ich sehe sie nicht direkt. Direkter Blick wäre Interesse. Interesse wäre Spur.
Wohnzimmer: Möbel wie Deckung. Schrank nicht mittig. Tisch versetzt. Gardine bricht Sichtlinien. Tote Winkel als Schutz. Nicht als Stil.
Auf dem Lowboard liegen Dinge, die nicht nach „Gegenstand“ riechen, sondern nach Zeit:
Metallkiste feldgrau, Ecke eingedellt.
Stoffbeutel mit rotem Kreuz, Rot ins Braun gekippt.
Mullbinden in Papier, dünn.
Aluminiumlöffel stumpf.
Notizbuch Eselsohren.
Orden stumpf, schwer.
Ein Bild schneidet durch meinen Kopf: Schnee, der nach Asche riecht. Blutwärme. Ein Körper, der zu schwer wird.
Ich schiebe es nicht weg. Ich lege es tiefer. Elbengedächtnis ist kein Archiv. Es ist Haut.
Ich war Helferin.
Dann Rekrutin.
Dann Hexe.
Dann Alchemistin.
Dann Apothekerin.
Dann Ärztin.
Nicht, weil ich Karriere wollte.
Weil Menschen immer genau da sterben, wo man mich gerade braucht.
Ich betrete die Küche.
Das Licht ist ein Streifen unter der Gardine. Zinnfarben, nicht gold. Es schneidet über das Linoleum, trifft Tischfuß, bleibt am Stuhlbein hängen, als müsste es entscheiden, ob es weiter darf.
Die Küche ist schmal, aber voller benutztem Leben:
Schrankfronten hell. Griffe dunkler vom Greifen.
Brotkorb geflochten, leicht schief.
Emaillierter Brotkasten mit einer Schramme.
Topf mit rotem Deckel.
Glas mit Löffeln.
Ein winziger Fettpunkt glänzt.
Mara sitzt am Tisch, seitlich zum Fenster. Schutzposition.
Dunkler Rock. Hochgeschlossene Bluse. Letzter Knopf am Hals wie ein Verschluss. Matte Strumpfhose. Strickjacke. Haare streng hoch. Keine losen Strähnen.
Sie glättet ein Küchentuch.
Einmal.
Zweimal.
Beim dritten Mal zu fest.
Wangenmuskel zuckt. Sie sammelt ihn sofort ein. Neutralität zurück. Aber der Kiefer arbeitet minimal,
dieses winzige „zu viel“, das sie glattpresst.
Auf dem Tisch liegt PRAMO.
Glattes Papier. Druckfarbe. Neuheit, die sich besser anfühlt als sie sollte.
Mara streicht mit der Fingerspitze darüber, als würde sie Zukunft anfassen. Ich sehe, wie ihre Pupillen minimal größer werden. Der Mundwinkel will lächeln. Dann rollt sie es wieder ein, als wäre Freude etwas, das man ordentlich zusammenfaltet.
Sie schaut zu mir.
Die Frage entsteht zuerst in ihrem Gesicht: Augenbrauen hoch, Blick
direkt, Kopf minimal vor, Mund kurz zusammen, lösen. Dann kommen die Hände fließend, nicht einzeln, nicht „ausgestellt“, einfach wie Reden.
Zwei Finger kurz zum Topf.
Dann ans Handgelenk.
Dann Richtung Flur, begleitet von einem winzigen Blick zur Wohnungstür.
Dann zurück zu mir, offene Handfläche, als würde sie die Antwort schon auffangen.
Tee jetzt? Gehst du? Kommst du wieder?
In ihrer Mimik liegt noch etwas, das sie nicht in die Hände packt:
„Sag’s mir sicher.“
Ich stelle meine Tasse einen Millimeter zu nah an den Rand.
Absichtlich.
Kontakt, der wie Alltag aussieht.
Mara schiebt sie zurück, ohne hinzusehen. Zwei Finger. Sauber. Knapp. Ihre Fingerkuppen bleiben einen Hauch zu lang auf der Wärme. Zärtlichkeit, getarnt als Korrektur. Unser Dialekt: Liebe als Haushalt.
Ich antworte langsam, damit mein Gesicht nicht streng wird. Handfläche nach unten, Luft glätten. Bewegung eng an den Brustkorb ziehen. Zwei Finger
hoch, runter: später.
Ruhig. Heute klein. Später.
Mara rollt die Augen. Lautlos. Trocken. Aber die Augen werden weich. Und dieses Weichwerden ist ihr echtes „ja“.
Sie steht auf. Der Stuhl rutscht minimal. Licht verschiebt sich. Sie greift nach der Schürze am Haken. Dederon. Glatt. Kühl. Praktisch. Der Stoff hat diesen neuen, fast frechen Fall, als würde er die Regeln nicht ganz ernst nehmen.
Sie hält ihn einen Herzschlag zu lang. Fast genießerisch.
Dann bindet sie den Knoten hinten zu fest.
Der Knoten zieht ihren Bauch zusammen wie eine Hand, die zu hart zupackt.
Mein Körper reagiert sofort: Luft geben. Atmen erlauben.
Ich gehe hinter sie. Ein Schritt. Noch einer. Mein Schatten fällt auf ihre Hände. Ich sehe, wie ein Muskel im Nacken spannt, Erwartung, nicht Angst.
Ich lege nicht die ganze Hand auf sie. Nur zwei Fingerspitzen an den Knoten. Kontakt. Und lockere ihn um einen Millimeter.
Nur ein Millimeter.
Der Stoff gibt nach.
Der Bauch bekommt Raum.
Der Atem bekommt Platz.
Mara atmet aus. Sichtbar. Ein Hauch, als würde der Körper sagen: Danke, bevor sie es wieder einfängt.
Sie dreht den Kopf ein Stück, Blick trifft mich. Und in diesem Blick ist nicht Mode, nicht Papier, nicht Alltag.
Es ist: gesehen.
Ich küsse sie nicht. Nicht hier. Nicht im Morgenlicht. Nicht so, dass die Küche es beweisen könnte.
Aber ich bleibe einen Herzschlag zu lange nah.
Das ist mein „Bleib“.
Ohne Wort. Ohne Handzeichen.
Ohne Risiko.
Mara nimmt es wie einen Schatz, den man nicht offen tragen darf. Ich sehe, wie sie es einsammelt: Mundwinkel zuckt, dann glatt. Augen weich, dann neutral. Kopf minimal runter, dann wieder gerade.
Und ich liebe sie in diesem Moment so sehr, dass es fast lächerlich ist.
Nicht, weil sie perfekt ist.
Sondern weil sie 20 ist und trotzdem schon gelernt hat, wie man ein Herz versteckt.
Und weil sie es bei mir manchmal kurz rausholt, als hätte ich es verdient.
Ich denke etwas, das nicht klug ist. Nicht vorsichtig. Nicht „Dienst“.
Bleib.
Nicht als Befehl.
Als Bitte.
Ich sage es nicht.
Ich tue nur etwas, das niemand beweisen kann:
Meine Finger bleiben einen Moment zu lang am gelockerten Knoten.
Nur als Erinnerung: Luft. Platz. Ich bin hier.
Und Mara kocht Tee, als wäre das normal.
Als wäre Liebe nicht gefährlich.
Als wäre das hier nicht Ost-Berlin.
Als wäre die Welt nicht aus Blicken
gebaut.
Und genau deshalb fühlt es sich für einen winzigen Moment an wie Leben.
Wachwerden ist bei mir kein langsames Auftauchen.
Es ist ein Klick.
Ein inneres Einrasten hinter der Stirn, als hätte jemand irgendwo im Kopf einen Schalter umgelegt und plötzlich ist alles da, obwohl es still ist. Still ist es auch. Aber still heißt nicht harmlos. Still heißt nur: die Gefahr macht keine Geräusche.
Unter meinen Lidern ist schwarz. Kein Traum. Keine Bilder. Nur Druck. Der Druck sitzt nicht auf mir, er sitzt um mich, wie Luft, die zu lange in einem Raum stand.
Altbau. Andere Decke als im Westen. Mehr Höhe, mehr Schatten, mehr Möglichkeiten für Dinge, sich zu verstecken. Der Geruch ist nicht „Wohnung“, der Geruch ist Geschichte: Tapete, Staub, alte Farbe, Kernseife, ein Hauch Metall aus Heizungsrohren, als würde irgendwo ein Knochen aus Eisen im Haus liegen.
Ich schlucke einmal, bevor ich die Augen öffne. Nicht weil ich muss, sondern weil Trockenheit am Gaumen sitzt. Trockenheit ist bei mir nie nur „Durst“. Trockenheit heißt: Nervensystem wach. Zunge flach am Gaumen. Speichel sammelt
sich. Genug, um nicht unangenehm zu sein. Nicht genug, um bequem zu sein. Bequem ist verdächtig.
Meine Augen gehen auf.
Nicht weit. Nicht dramatisch. Nur genug.
Erster Check: Licht.
Ein dünner Streifen unter der Gardine, unten nicht ganz dicht. Das Licht schiebt sich durch wie eine helle Klinge über den Boden. Es macht keine Wärme, nur Sichtbarkeit. Sichtbarkeit ist hier eine Währung, die man nicht ausgibt, wenn man nicht muss.
Zweiter Check: Raumkanten.
Hohe Decke. Rauhfaser. Der
Schatten sitzt in den kleinen Körnern wie festgehalten. Das Bett steht längs an der Wand. Kopfteil in der Ecke, so dass der Türspalt nicht direkt ins Gesicht schreibt. Schrank gegenüber. Hellholz, Griffe dunkler vom Greifen. Zwischen Bettkante und Schrank bleibt nur ein schmaler Streifen Weg, gerade breit genug, dass man hindurchkommt, ohne „durchzugehen“. Man bewegt sich hier immer ein bisschen entlang.
Dritter Check: Körper.
Die Matratze unter mir ist müde an einer Stelle, ich kenne diese Stelle jetzt schon, obwohl ich erst seit
kurzem hier bin. Sie gibt nach, als hätte sie gelernt, dass man sich anpassen muss. Der Stoff unter meinem Rücken ist Baumwolle, nicht weich, eher… ehrlich. Keine Flauschigkeit, keine Ausrede. Das Laken ist glatter dort, wo öfter Reibung war. Unter dem Ellbogen rauer. Ein kleiner Grat von der Naht streift meine Wade. Ein Millimeter. Vielleicht weniger. Ich bewege mich nicht, ich registriere nur. Registrieren ist mein Komfort.
Und dann: Aelwyn.
Sie liegt neben mir, auf dem Rücken, als hätte sie sogar im Schlaf Disziplin. Nicht steif. Eher
geparkt. Als hätte ihr Körper den Zustand „Ruhe“ nie ganz gelernt, nur „gerade nicht aktiv“. Ihre Hand liegt auf meinem Unterarm. Zwei Finger. Punktkontakt. Kein Streicheln. Kein Besitz. Wie eine Markierung auf einer Karte. Wie ein Stempel: Du bist hier. Du bist warm. Du lebst.
Ich schaue sie an, ohne den Kopf zu bewegen. Nur Augen.
Ihr Haar, ginger, als wäre die Welt irgendwo doch mutig gewesen. Diese Farbe ist keine Farbe, das ist ein Signal. In mir, in diesem Teil von mir, der „Westen“ ist, schreit es sofort: auffällig. Risiko. Profil. Und
gleichzeitig schreit etwas anderes: schön. Heimisch. Meins.
Ihre Haut ist im Dämmerlicht ein eigenes Muster: Vitiligo, helle Flächen wie Lichtinseln auf einem dunkleren Grund. Nicht „Flecken“. Eher wie Landkartenstücke, als hätte jemand Sterne auf sie gelegt und vergessen, sie wieder einzusammeln. Und ihre Augen… jedes Mal, wenn ich sie sehe, stolpere ich kurz, weil mein Kopf es nicht gewohnt ist: eins grün, eins blau. Zwei Wetterlagen in einem Gesicht. Zwei Möglichkeiten, sich zu verlieren.
Sie wirkt älter als alles um uns
herum und gleichzeitig… manchmal erschreckend jung, wenn sie in einer Sekunde nicht ganz im Jetzt ist. Als würde sie kurz in irgendeinem Jahrhundert hängen bleiben, in irgendeiner Erinnerung, und dann erst wieder zurückfinden. Das ist das, was ich an ihr „niedlich“ finde, obwohl ich es niemals so nennen würde. Nicht laut. Nicht offen. Nicht in einem Haus, in dem selbst Wände neugierig sein könnten.
Ich bin 20.
Und genau deshalb ist alles an mir gerade zu laut, selbst wenn ich still bin.
Das ist meine erste Mission.
Nicht „erste Mission“ wie in Filmen, wo jemand cool ist und geschniegelt und so tut, als hätte er alles im Griff. Erste Mission heißt: Ich bin geschniegelt, ja, aber es ist Tarnung, weil mein Inneres gleichzeitig ständig fragt: Mache ich es richtig? Sieht man es? Riecht man Westen an mir?
Ich habe gelernt, mein Gesicht zu kontrollieren. Aber ich bin jung genug, dass der Körper manchmal schneller ist als die Kontrolle.
Aelwyns Finger auf meinem Arm sind warm. Stabil. Und plötzlich, ohne dass ich es beschlossen habe,
will ich etwas Dummes:
Ich will, dass sie bleibt.
Nicht irgendwann. Nicht „im Prinzip“. Jetzt. Hier. In dieser warmen Mulde, in der mein Körper kurz vergisst, dass er eine Rolle spielt.
Ich schließe meine Hand um ihre zwei Finger.
Fest.
Nicht zart. Nicht filmisch. Fest wie: Geländer. Fest wie: du gehst nicht. Und ich drücke ihre Finger einen Hauch tiefer in die Matratze, als würde ich die Bewegung festnageln, als könnte ich mit Kraft verhindern, dass der Morgen uns
auseinanderzieht.
Aelwyn reagiert sofort, obwohl sie noch aussieht, als würde sie ruhen. Ein winziger Muskel am Hals zieht. Eine Mikroanspannung, die nur jemand sieht, der auf Menschen trainiert ist. Sie hat gelesen, was ich tue, bevor ich es selbst begriffen habe.
Meine Frage entsteht zuerst im Gesicht.
Augenbrauen hoch, deutlich.
Augen minimal weiter.
Kopf einen Hauch nach vorn.
Mund bleibt geschlossen, aber die Lippen spannen sich, als würde ich ein Wort festhalten, damit es nicht
aus mir rausläuft.
Erst dann kommen die Hände, klein, unter der Decke, dicht am Körper, so privat, dass es fast so wirkt, als würde ich nur das Bett richten.
Linke Hand flach vor dem Bauch, Handfläche nach oben. Eine Fläche.
Rechte Hand flachkantig setzt sich einmal bestimmt darauf. Punkt. Kein Streicheln.
Bleib.
Ich halte die Gebärde einen Tick zu lang, weil das Halten selbst die Bedeutung ist. Dann markiere ich „hier“ nicht groß, nur als Punkt: ich zeige kurz nach unten zwischen
uns, auf Matratze, Wärme, diese kleine Insel.
Hier. Bleib.
Mein Blick bleibt an ihr hängen. Nicht am Fenster. Nicht an der Tür. An ihr. Ich lasse die Augenbrauen oben, ich lasse den Satz als Frage stehen, weil ich nicht mutig genug bin, ihn als Befehl zu setzen.
Aelwyn blinzelt einmal.
Und ich sehe, wie in ihr kurz etwas arbeitet. Nicht Emotion wie bei Menschen. Eher wie ein System, das sortiert: harmlos oder Falle. Nähe oder Gefahr. Jetzt oder Vergangenheit. Sie ist in allem langsam und schnell gleichzeitig.
Langsam in der Wärme. Schnell in der Vorsicht.
Dann glättet sie die Luft mit ihrer Hand, Handfläche nach unten, langsam, als würde sie etwas Unsichtbares beruhigen.
Ruhig.
Sie tippt sich kurz an die Brust, Punkt. Ich.
Dann öffnet sie die Hand zu mir, langsam, ohne Kante.
Ich hier.
Ihre Antwort ist zärtlich, aber in ihr wohnt immer ein Schatten von Alarm. Und dieser Schatten macht mich gleichzeitig traurig und beruhigt, weil ich ihn verstehe:
Alarm heißt, sie nimmt uns ernst.
Ich lasse meinen Kopf sinken. Ganz kurz. Meine Stirn streift fast ihren Oberarm. Warm. Stoff. Seife. Und unter dem Ganzen dieser metallische Hauch, den mein Kopf mit ihr verbindet, als würde sie immer nach „Waffe, aber sauber“ riechen. Vielleicht ist das Einbildung. Vielleicht ist es mein Westen-Gehirn. Vielleicht ist es auch einfach nur sie.
Ich will sie küssen.
Nicht filmisch. Nicht groß. Nur als Beweis.
Mein Körper ist schneller als mein Mut.
Ich beuge mich vor und drücke meine Lippen auf ihre.
Kurz.
Ein Satzpunkt.
Erst leicht. Dann ein Hauch fester. Wärme klar. Dauer kurz genug, dass man ihn wegreden könnte. Lang genug, dass er im Körper bleibt.
Aelwyns Brust hebt sich minimal. Nicht erschrocken. Eher… als würde sie für einen Moment vergessen, dass Disziplin existiert.
Und ich spüre in mir dieses dumme, junge Ding: Stolz. Weil ich sie weich gekriegt habe. Für einen Atemzug.
Dann sind ihre Fingerspitzen an meinem Handgelenk. Zwei Finger. Ein leichter Druck. Kein Wegdrücken. Ein Rahmen.
Kurz.
Ich verstehe sofort. Nicht beleidigt. Nicht verletzt. Ich mache es kleiner. Ich ziehe mich nicht weg, ich dämpfe nur. Wie man Licht dimmt, wenn man merkt, dass es zu hell ist.
Der Kuss schrumpft zu einem Kontakt, den man wegzuerklären könnte.
Aber die Wärme bleibt.
Auf meiner Oberlippe. In meinem Bauch. In der Art, wie mein
Brustkorb plötzlich zu eng ist, weil ich zu viel fühlen will.
Ich löse mich langsam.
Langsam genug, dass die Matratze nichts erzählt.
Ich schiebe die Decke zurück. Kalte Luft kriecht über meine Knie. Die Haut dort strafft sich minimal. Ich zucke nicht. Ich bin jung, aber nicht weich. Ich bin trainiert. Training ist das Einzige, was sich anfühlt wie Kontrolle.
Ich setze die Füße auf den Boden. Linoleumkälte zieht hoch. Ost-Kälte ist nicht dramatisch. Ost-Kälte ist konsequent. Wie ein Blick, der nicht lächelt.
Ich stehe auf.
Der Raum kippt minimal, weil mein Gewicht weg ist. Die Decke sinkt auf Aelwyns Seite nach. Ihr Wärmefeld bleibt noch einen Moment unter dem Stoff, als hätte das Bett sie gespeichert.
Ich gehe in den Flur.
Der Flur ist schmal, nicht nur im Maß, im Gefühl. Man geht nicht hindurch, man bewegt sich entlang. Links Küche. Rechts Bad. Geradeaus Wohnzimmer. Das Fenster dort ist ein Auge zur Straße.
An der Wand hängt ein Hakenbrett. Mantel. Schal. Tasche. Darüber ein Spiegel, der nicht ganz gerade
hängt. Darunter ein Schuhregal. Abgetreten. Praktisch. Nicht schön. Echt.
Ganz unten, halb verborgen, steht die flache Schachtel.
Zu sauber. Zu glatt. Zu westlich.
Mein Herz macht einen kleinen Sprung, so dumm wie verräterisch.
Da drin sind Dinge, die hier nicht existieren dürften. Kleine, lächerliche Beweise, dass ich nicht aus dieser Welt komme: ein Stoff, der anders fällt, ein Heft, das nach anderer Druckfarbe riecht, eine Kleinigkeit, die man nicht erklären kann, wenn sie jemand findet.
Ich schaue nicht hin.
Ich tue, was man tut, wenn man lügt: Ich bewege mich so, als wäre alles normal.
In der Küche ist das Licht heller, weil dort die Gardine dünner ist. Das Fenster ist klein, aber ehrlich. Die Küche ist schmal, funktional, und trotzdem wohnlich, weil Aelwyn sie über Jahrzehnte mit Dingen gefüllt hat, die nicht weggehen, selbst wenn die Welt es versucht.
Helle Schrankfronten. Holzton. Griffe dunkler vom Greifen.
Arbeitsplatte. Brotkorb geflochten, leicht schief.
Ein emaillierter Brotkasten, an
einer Ecke eine Schramme.
Töpfe mit roten Deckeln, die so glänzen, als wären sie stolz, noch da zu sein.
An der Wand hängt eine Schürze. Bunt gemustert. Taschen. Dederon. Pflegeleicht. Stoff, der so tut, als hätte man eine Ideologie hineingewebt: praktisch, robust, unkaputtbar.
Ich ziehe sie über.
Nicht weil ich Hausfrau spielen will.
Weil eine Schürze ein Schutz ist. Stoff zwischen mir und der Welt. Und Taschen sind immer gut.
Ich binde die Bänder hinten zu fest.
Das ist mein Problem. Ich mache Knoten, als könnte ein fester Knoten auch Gedanken festhalten.
Auf dem Tisch liegt PRAMO.
Glattes Papier. Druckfarbe, die noch frisch riecht. Mode. Neu. Versprechen. Eine Frau auf dem Titel in einem Ton, der im Osten selten so laut sein darf. Ich streiche mit der Fingerspitze darüber, als würde ich Zukunft anfassen.
Ich liebe neue Dinge. Das ist mein kleines, peinliches Geständnis.
Neue Schnitte. Neue Stoffe. Neue Möglichkeiten, mich zu verwandeln, ohne mich wirklich zu verwandeln.
Aelwyn liebt das nicht.
Aelwyn liebt Holz. Natur. Dinge, die ehrlich altern, nicht Dinge, die so tun, als wären sie unsterblich.
Ich stelle Wasser auf. Der Hahn klingt nicht, aber ich sehe das Zittern im Metall, ich sehe den Sprung des Wassers, wenn es auf Emaille trifft. Ich sehe auch, dass die Herdplatte nicht perfekt sauber ist. Ein winziger Fettpunkt fängt Licht. Niemand lebt hier wie in einer Reklame. Wir leben wie in einem echten Raum, in dem echte Körper müde sind.
Ich drehe mich.
Aelwyn steht im Türrahmen.
Barfuß.
Als würde sie dem Beton trotzen, als wäre der Boden nur eine Meinung. Ihr Hauskleid ist schlicht, ausgewaschen, und darüber eine Strickjacke, an den Ellbogen leicht glänzend vom Leben. Ihre Haut ist Lichtkarte. Im Küchenlicht wirkt es nicht nach „anders“. Es wirkt nach Sternenstaub, den jemand verteilt hat und vergessen, wieder aufzuwischen.
Ihre Augen treffen meine. Grün und Blau. Zwei Wetterlagen.
Und mein Herz macht dieses dumme junge Ding: Es will aufmachen.
Ich will sie küssen. Direkt. Ohne Plan. Ohne Vorsicht.
Ich tue es nicht.
Nicht, weil ich sie nicht will.
Sondern weil ich immer noch lerne, was „ungesehen“ wirklich heißt.
Ungesehen heißt nicht: Niemand guckt.
Ungesehen heißt: nicht mal die Wohnung darf zu viel wissen.
Aelwyn kommt näher.
Langsam. Nicht zögerlich. Kontrolliert. Ihre Hand streift meinen Rücken, nicht als Streicheln, sondern als Markierung: Ich bin da. Ich decke dich. Liebe in ihrem Dialekt: Schutz.
Ich drehe den Kopf leicht. Und die Frage steht wieder zuerst im Gesicht. Augenbrauen nur ein bisschen hoch. Blick kurz zu ihrem Mund, dann zu ihren Augen, dann zurück. Eine winzige Bitte, so klein, dass sie nicht protokollierbar ist.
Aelwyn versteht.
Sie setzt die Fingerspitzen an meine Kieferlinie. Drückt ganz leicht, als würde sie mich in eine Position schieben. Dann kommt sie näher, so nah, dass ich ihre Wärme spüre, bevor sie mich berührt.
Der Kuss ist kurz.
Kein Film.
Kein Drama.
Eher wie ein Stempel: existent.
Und das Verrückte ist: genau diese Kürze macht ihn größer. Weil er heimlich ist. Weil er gehört, ohne gesehen zu werden.
Sie löst sich wieder, als wäre sie nie da gewesen.
Und ich bin gleichzeitig zufrieden und hungrig.
Ich gieße Tee ein. Der Dampf steigt auf, weiß, dünn, und ich muss lachen, ganz klein, nur im Gesicht, weil der Dampf sich für einen Moment in einer perfekten Spirale hält, als hätte jemand eine unsichtbare Schnur hineingelegt.
Aelwyn sieht es auch.
Ihr Mundwinkel zuckt. Nicht Freude. Vorsicht.
Magie ist hier nicht „Wow“.
Magie ist ein Risiko.
Ich sehe, wie sie es unterdrückt, wie man ein Lachen unterdrückt, wenn man im falschen Raum steht.
Und genau da passiert etwas, das sich wie Leben anfühlt:
Sie streckt die Hand aus und stellt meine Tasse einen Millimeter weiter nach innen, weg vom Rand.
Ein Haushaltgriff. Eine Kleinigkeit.
Aber in mir ist es wie: Sie will nicht, dass ich falle.
Mein Gesicht wird weich, bevor ich es kontrollieren kann.
Und dann kontrolliere ich es sofort wieder.
20 ist eine gefährliche Zahl.
20 ist die Zahl, in der man noch glaubt, Liebe könne ein Zuhause sein, ohne dass sie gleichzeitig eine Falle ist.
Ich greife nach dem PRAMO-Heft, halte es hoch, zeige auf das Titelbild, dann auf mich, dann mache ich mit den Fingern eine kleine Bewegung an meiner Bluse entlang, als würde ich den Stoff abtasten, dann zeige ich auf Aelwyn und ziehe eine Linie über ihren Ärmel: Natur.
Eine Frage steht in meinem Gesicht:
Augenbrauen hoch, Mund leicht offen, Blick hell.
Gefällt dir das? Ich will das. Ist das dumm?
Aelwyn antwortet, ohne streng zu werden.
Sie reibt ihren Ärmel zwischen Daumen und Zeigefinger, als würde sie die Faser sprechen lassen. Dann deutet sie kurz auf das Heft, dann macht sie mit den Händen eine glatte, schnelle Bewegung, als würde sie etwas rutschig machen, und zieht die Lippen minimal schmal.
Zu glatt. Nicht meins.
Dann tippt sie sich an die Brust und
öffnet die Hand zu mir, weicher als ihre Worte.
Du… darfst. Ich… nicht.
Und ich liebe sie dafür. Dass sie mir erlaubt, jung zu sein, ohne mich zu belächeln.
Ich ziehe eine kleine Grimasse, gespielt beleidigt, und schiebe das Heft wieder auf den Tisch, als würde ich es „bestrafen“. Aber meine Augen verraten mich: ich bin stolz, dass ich sie zum Antworten gebracht habe. Stolz, dass sie überhaupt antwortet, so menschlich, so… hier.
Ich drehe mich zurück zum Herd.
Und während ich rühre, ganz ruhig,
kreisend, denke ich:
Das ist meine erste Mission.
Und das Schwierigste daran ist nicht der Osten.
Nicht die Mauer.
Nicht die Regeln.
Sondern dass ich mich verliebt habe, bevor ich gelernt habe, wie man Liebe versteckt, ohne dass sie stirbt.
Und Mara kocht Tee, als wäre das normal.
Als wäre Liebe nicht gefährlich.
Als wäre das hier nicht Ost-Berlin.
Als wäre die Welt nicht aus Blicken gebaut.
Und genau deshalb fühlt es sich für einen winzigen Moment an wie Leben.
Der Topf steht auf der Herdplatte, als wäre er nur ein Topf. Als wäre er nicht ein kleiner Wärmekörper, der verrät, dass zwei Menschen zu Hause sind, wach sind, sich bewegen. Das Wasser darin ist noch
nicht am Kochen, aber es ist schon unruhig, kleine Bewegungen, winzige Blasen, die an der Emaille entlangkriechen und wieder verschwinden, als hätten sie Angst, gesehen zu werden.
Mara hält den Löffel so, wie sie alles hält: sicher. Nicht locker. Nicht verspielt. Sicher wie jemand, der gelernt hat, dass Dinge nur dann nicht aus der Hand fallen, wenn man sie fest genug hält. Die Metallkante des Löffels kratzt nicht hörbar, aber ich sehe das Zittern am Stiel, jedes kleine Stocken, wenn er gegen den Topfrand stößt, als würde er sich entschuldigen
müssen.
Ihr Handgelenk dreht in gleichmäßigen Kreisen. Kein Schlendern. Keine Faulheit. Eine kontrollierte Wiederholung. Es ist fast schön. Es ist fast traurig. Sie ist zwanzig und kocht Tee, als müsste sie damit eine Welt zusammenhalten.
Die Schürze sitzt an ihrer Taille, der Knoten hinten nicht mehr ganz so brutal fest wie vorhin. Ein Millimeter Luft, den ich ihr gegeben habe. Ich sehe, wie der Stoff dort minimal wippt, wenn sie sich bewegt. Dederon fällt anders als Baumwolle. Er fällt sauberer.
Glatter. Er tut so, als gäbe es keine Falten im Leben. Als könnte man alles abstreifen, wenn man nur den richtigen Stoff trägt.
Mara mag das.
Sie mag neue Dinge, neue Oberflächen, neue Versprechen. Nicht weil sie oberflächlich ist. Sondern weil Neuheit für Menschen manchmal wie Hoffnung funktioniert: Wenn etwas neu ist, hat es noch keine Fehler gesammelt. Wenn etwas neu ist, hat es noch keine Erinnerungen in den Nähten.
Ich mag das nicht.
Ich mag Holz. Fasern. Stoffe, die
ehrlich altern. Dinge, die nicht so tun, als wären sie unberührt. Dinge, die wie ich ein bisschen Gebrauchsspuren tragen dürfen, ohne dass man sie wegwirft.
Mara ist ein kleines West-Feuer, das sich selbst im Osten nicht löschen lassen will.
Ich stehe im Türrahmen und bleibe genau dort stehen, wo ich den Raum überblicken kann, ohne mitten drin zu sein. Nicht weil ich distanziert bin. Weil mein Körper immer noch glaubt, der Türrahmen sei eine Deckung. Und vielleicht ist er das auch.
Die Küche ist schmal, aber sie hat
diese Art von Wärme, die nicht aus der Heizung kommt. Wärme aus Dingen: der rote Deckel auf dem Topf glänzt, als wäre er stolz, noch immer gebraucht zu werden. Der Brotkorb ist leicht schief, als hätte er seit Jahren das Gleichgewicht vergessen. Auf der Tischplatte sind Kerben, Messerfehler, kleine Spuren von Leben, das nicht glatt sein durfte.
Unter der Gardine schiebt sich wieder dieser Streifen Licht in den Raum. Zinnfarben. Unentschlossen. Er kriecht über das Linoleum, streift den Tischfuß, bleibt am Stuhlbein hängen, als müsste er
fragen, ob er weiter darf.
Ich merke, wie meine Zehen den Boden fühlen, bevor ich es will. Barfuß war eine dumme Entscheidung, aber eine ehrliche. Linoleumkälte steigt in die Fersen, flach und sachlich. Beton unter Plastik. Keine Erde. Kein Holz. Keine Gnade.
Meine Zehen krümmen sich einen Atemzug lang. Ein Reflex, zu menschlich. Ich fange ihn sofort ein. Keine zweite Bewegung. Keine Nachwirkung. Mein Körper darf nicht erzählen, dass ich kalt bin. Kälte ist Information.
Mara dreht sich halb zu mir, ohne
den Löffel abzusetzen. Ihr Blick sucht mich nicht wie ein Kollege, sondern wie jemand, der wissen will, ob der andere noch da ist. Ihre Augenbrauen heben sich minimal, nur so viel, dass es nicht auffällt. Ihre Lippen sind entspannt, aber nicht offen. Sie hält sich selbst zurück.
Dann kommt ihre Frage, nicht als großes Zeichen, sondern als etwas, das wie Alltag aussieht.
Ihre linke Hand bleibt beim Löffel, die rechte hebt sich kurz auf Brusthöhe. Handfläche nach oben, Finger zusammen. Eine kleine Ablagefläche. Dann tippt sie mit
zwei Fingerspitzen einmal darauf, als würde sie einen Punkt setzen, und zieht die Hand ein Stück zu sich heran.
Du? Willst?
Ihre Mimik macht das Fragezeichen: Augenbrauen hoch, Blick direkt, Kopf minimal vor.
Ich antworte nicht sofort.
Nicht weil ich nicht weiß, was ich will.
Sondern weil ich zu viel will.
Ich will, dass sie nicht nur Tee kocht, sondern bleibt. Dass sie nicht nur fragt, sondern sich traut. Dass sie nicht nur jung ist, sondern sicher. Und ich weiß nicht, wie man
einem Menschen Sicherheit gibt, wenn man selbst aus Alarm gebaut ist.
Ich hebe meine Handfläche langsam nach unten, glätte die Luft zwischen uns.
Ruhig.
Dann zeige ich kurz auf den Topf, auf die Tassen, auf sie. Eine kleine Bewegung, die sagt: gut. mach weiter. ich sehe es.
Mara lächelt ganz klein. Nur im Mundwinkel. Und sofort rollt sie es wieder ein, als hätte sie sich ertappt. Lächeln ist eine Spur.
Ihre Schultern sinken einen Millimeter. Nicht viel. Aber genug,
dass ich es merke. Es ist das, was ich an ihr am meisten liebe: wie wenig es braucht, um sie weich zu machen, und wie sehr sie sich trotzdem dagegen wehrt.
Sie gießt Tee ein.
Der Strahl ist dünn, klar. Er trifft die Tasse und bewegt den Teebeutel, der darin liegt. Der Beutel schwimmt kurz hoch, dann sinkt er wieder, als würde er sich ergeben. Der Dampf steigt auf, weiß, dünn, und für einen Moment bildet er wieder diese Spirale.
Eine perfekte kleine Drehung.
Wie ein winziger, lächerlicher Tanz.
Meine Magie kichert.
Nicht laut. Nie laut. Aber ich spüre es in den Fingerspitzen, in dem winzigen Kribbeln unter der Haut, als wäre ein Tier in mir kurz wach geworden und hätte beschlossen, das Leben hübsch zu machen, obwohl das Leben hier nicht hübsch sein darf.
Ich presse die Finger an meine Handfläche, so fest, dass die Nägel kurz in die Haut drücken. Ein kleiner Schmerz als Bremse.
Nicht heute.
Nicht in dieser Küche.
Mara sieht den Dampf. Sie sieht meine Finger. Sie macht keine
große Frage daraus. Sie tut so, als wäre es nichts. Und genau das ist ihr Talent: Dinge normal machen, die eigentlich nicht normal sind.
Sie stellt mir die Tasse hin.
Nicht direkt vor mich. Einen Tick seitlich. So, dass ich sie greifen kann, ohne meinen Arm weit auszustrecken. Ohne zu viel Bewegung. Ohne zu viel Sichtbarkeit.
Das ist Fürsorge, die so klein ist, dass sie wie Zufall aussieht.
Ich setze mich nicht sofort.
Ich bleibe stehen, einen Atemzug zu lang.
Ich sehe sie an. Ich sehe ihre
jungen Hände, sauber, schnell, entschlossen. Ich sehe das PRAMO-Heft auf dem Tisch, wie ein Stück Zukunft, das sich zu groß anfühlt für diese Küche. Ich sehe den Dederon-Glanz der Schürze. Ich sehe die Art, wie sie die Schultern trägt, als würde sie sich selbst gerade halten, damit niemand merkt, dass sie manchmal wackelt.
Und ich spüre dieses dumme, unprofessionelle Gefühl in mir, das nichts mit KGB zu tun hat und alles mit dem Körper:
Ich will sie berühren.
Nicht als Zeichen. Nicht als Code. Nicht als „wir sind“.
Sondern weil sie da ist.
Ich gehe zu ihr.
Langsam.
Nicht schleichend. Nicht heimlich. Kontrolliert langsam, damit der Raum nicht plötzlich anders wird. Damit die Küche nicht merkt, dass etwas passiert. Als könnte eine Küche merken. Und doch… ich handle, als wäre jeder Gegenstand ein Zeuge.
Ich bleibe dicht hinter ihr stehen.
Nicht so dicht, dass es auffällig wäre. Aber nah genug, dass ich ihre Wärme spüre, bevor ich sie berühre. Ihr Rücken strahlt Wärme durch Stoff. Ihre Schulterblätter
bewegen sich minimal, wenn sie atmet. Ein Heben, ein Senken. Kurz, geübt.
Ich lege meine Hand nicht flach auf ihren Rücken.
Flach wäre Besitz. Flach wäre zu viel.
Ich lege zwei Fingerspitzen an ihre Taille, genau an die Stelle, wo Schürzenband und Stoff sich treffen. Punktkontakt. Warm. Ein winziger Druck.
Mara hält still.
Nicht erschrocken.
Still wie jemand, der gleichzeitig will und sich verbietet zu wollen.
Ihr Kopf dreht sich minimal. Nur
ein paar Grad. Ihre Augen suchen meine im Spiegel, der an der Flurwand schief hängt, und genau dadurch wird es noch gefährlicher, weil Spiegel doppelt sieht.
Ihre Augenbrauen heben sich. Eine Frage.
Ihre Lippen spannen sich. Mut.
Dann macht sie etwas, das man als Außenstehender nie bemerken würde:
Sie lehnt sich einen Millimeter gegen meine Finger.
Ein Millimeter.
Aber dieser Millimeter ist ein Ja.
Meine Brust zieht sich zusammen, als hätte jemand eine Schnur
darum gelegt, nicht schmerzhaft, nur… eng. Eng vor Gefühl. Eng vor dem Wissen, dass ich das nicht darf und es trotzdem tue.
Ich beuge mich vor und streife mit meinen Lippen ihren Nacken.
Nicht wirklich ein Kuss.
Eher eine Berührung.
So kurz, dass es wie ein Fehler wirken könnte.
So präzise, dass es wie Absicht ist.
Mara atmet aus. Ein winziger Luftstoß, den ich nicht höre, aber sehe: ihre Schulter sinkt. Ein Millimeter. Dann sammelt sie sich wieder ein, wie sie immer alles einsammelt.
Sie dreht sich ganz um.
Jetzt stehen wir uns gegenüber. Küche zwischen uns, Lichtstreifen am Boden, der rote Deckel auf dem Herd, PRAMO auf dem Tisch. All die Dinge, die so tun, als wäre das nur ein Morgen.
Mara hebt die Hand, zögert, dann legt sie die Fingerspitzen an meine Strickjacke, direkt am Kragen. Sie zieht nicht. Sie hält nur. Sie testet. Als würde sie prüfen, ob ich real bin.
Ich sehe ihre Mimik, wie sie sich bemüht, neutral zu bleiben.
Und darunter, in den Augen, dieses junge, helle Ding: Angst, dass sie zu
viel will. Angst, dass ich zu wenig gebe.
Ich antworte nicht mit Zeichen.
Ich antworte mit Bewegung.
Ich nehme ihre Hand und lege sie an meine Wange.
Nicht als Pose. Als Erlaubnis.
Ihre Fingerspitzen sind warm. Ihre Handfläche ist noch ein bisschen feucht vom Tee. Ein echter Mensch. Keine Idee.
Ich schließe die Augen einen Atemzug lang.
Ein Atemzug.
Zu lang für Disziplin. Zu kurz für Freiheit.
Dann öffne ich sie wieder.
Und mein Gesicht ist weich, bevor ich es kontrolliere.
Ich sehe Mara an und denke etwas, das nicht taktisch ist, nicht klug, nicht alt:
Du bist zwanzig.
Und du kochst Tee, als wäre das normal.
Als wäre Liebe nicht gefährlich.
Als wäre das hier nicht Ost-Berlin.
Als wäre die Welt nicht aus Blicken gebaut.
Und genau deshalb fühlt es sich für einen winzigen Moment an wie Leben.
Mara zieht die Hand zurück, ganz vorsichtig, als würde sie ein Tier
nicht erschrecken wollen.
Dann nimmt sie die Tassen.
Eine für sich. Eine für mich.
Und wir setzen uns, seitlich, nicht frontal, Knie unter dem Tisch so nah, dass wir uns berühren könnten, wenn wir wollten, aber nicht so nah, dass es sicher wäre.
Sie schiebt mir ein Stück Brot hin.
Nicht viel. Nicht zu viel. Genau richtig. Sie hat gelernt, dass ich Dinge ablehne, wenn sie zu groß sind.
Ich sehe sie an und frage mich, wo sie das so schnell gelernt hat.
Ich weiß nicht, wie man so schnell lernen kann, ohne sehr
aufmerksam zu sein.
Ich denke nicht weiter.
Ich darf nicht weiter denken.
Ich nehme das Brot.
Und in meinem Kopf, ganz hinten, ganz leise, ist ein Satz, den ich nicht zeigen werde. Nicht mit Händen. Nicht mit Gesicht. Nicht mal im Blick.
Bitte bleib.
Nur für heute.
Nur für diesen Tee.
Nur für diesen winzigen Moment, in dem die Welt nicht aus Blicken gebaut ist.
Ich drehe mich zurück zum Herd.
Nicht abrupt, nicht fluchtartig, nicht so, als hätte ich etwas getan, das man sieht. Nur ein Schritt, ein halbes Drehen, die Bewegung so normal wie möglich, wie eine Frau, die einfach Tee kocht. Wie eine Frau, die einfach rührt. Wie eine Frau, die einfach lebt.
Und während ich rühre, ganz ruhig, kreisend, denke ich:
Das ist meine erste Mission.
Und das Schwierigste daran ist nicht der Osten.
Nicht die Mauer.
Nicht die Regeln.
Sondern dass ich mich verliebt habe, bevor ich gelernt habe, wie man Liebe versteckt, ohne dass sie stirbt.
Der Löffel zieht Kreise durch das Wasser, und jeder Kreis fühlt sich an wie ein kleines, kontrolliertes Gebet: Bitte mach mich unauffällig. Bitte mach mich normal. Bitte lass mich nicht auffallen.
Das Wasser ist nicht kochend, aber es ist unruhig. Kleine Blasen sammeln sich am Topfboden, lösen sich, steigen hoch, platzen an der Oberfläche, als hätten sie es nicht ertragen, zu lange sichtbar zu sein.
Der Topf ist Emaille, weiß mit einem dünnen Rand, und an einer Stelle innen ist ein winziger dunkler Fleck, der auch nach Jahren nicht mehr weggeht. Aelwyn hat Dinge, die bleiben. Flecken, die bleiben. Jahrzehnte, die bleiben.
Ich bin zwanzig.
Ich sollte eigentlich Dinge haben, die wechseln. Die neu sind. Die glänzen. Die nicht schwer sind.
Und trotzdem stehe ich hier, in Ost-Berlin, in einer Küche, die eher nach Dauer aussieht als nach Zukunft.
Mein Handgelenk dreht gleichmäßig. Kein Zittern. Kein
Stocken. Ich halte das Tempo so stabil, dass es fast mechanisch wirkt. Ich habe früh gelernt, dass Stabilität wie Harmlosigkeit aussieht. Wenn dein Körper flüssig ist, denkt niemand, du hättest Angst.
Aber ich habe Angst.
Nicht diese laute Angst, die Leute aus Filmen haben, wenn sie schreien oder rennen. Diese kleine, präzise Angst, die in den Zwischenräumen wohnt. Zwischen Blick und Blick. Zwischen Türspalt und Türspalt. Zwischen den Sekunden, in denen jemand dich beobachten könnte.
Die Gardine hängt dünn vor dem Fenster. Unten ist sie nicht ganz dicht, ein Fingerbreit Licht schiebt sich darunter hervor. Das Licht ist nicht warm. Es ist zinnfarben. Es legt sich über das Linoleum wie eine Klinge und bleibt am Stuhlbein hängen, als müsste es fragen, ob es weiter darf.
Aelwyn hat dieses Licht schon hunderttausend Mal gesehen.
Ich sehe es, als wäre es ein Test.
Der Brotkorb ist leicht schief. Ein Flechtstreifen steht ab wie ein kleiner Fehler, der nicht repariert werden durfte. Der Brotkasten aus Emaille hat eine Schramme, und
genau diese Schramme zieht meinen Blick an, weil ich Dinge sehe, die andere nicht sehen. Das ist der Fluch von Begabung: man merkt Details, bevor man merkt, dass man sie merkt.
Ich bin hochbegabt.
Nicht „ich kann gut lernen“.
Hochbegabt heißt: mein Kopf arbeitet, selbst wenn ich ihn bitte aufzuhören. Hochbegabt heißt: Muster springen mich an wie Tiere. Hochbegabt heißt: ich höre zwar nichts, aber ich sehe so viel, dass es manchmal weh tut.
Das Zittern im Löffelstiel.
Die winzige Unregelmäßigkeit im
Dampf.
Der Spannungswechsel in Aelwyns Gesicht, wenn ihr Mundwinkel einen Hauch zu weich werden will, aber nicht darf.
Die Art, wie sie steht: nie ganz frontal, immer mit einem kleinen Winkel, als wäre jeder Raum ein Schachbrett.
Und ich… ich liebe sie dafür.
Ich liebe, dass sie überlebt hat.
Ich hasse, dass sie überleben musste.
Der Löffel zieht weiter Kreise.
Ich halte den Griff mit genau der richtigen Kraft: fest genug, dass nichts klappert, locker genug, dass
es normal wirkt. Meine Fingerkuppen sind warm vom Metall. Der Griff ist dort, wo Daumen und Zeigefinger liegen, minimal glatter, weil er oft so gehalten wurde. Ein polierter Streifen, der verrät: hier war Hand. hier war Alltag.
Alltag ist gefährlich, weil Alltag verführt.
Alltag macht weich.
Alltag macht dich glauben, dass du kein Auftrag bist, sondern ein Mensch.
Ich nehme den Teebeutel zwischen Daumen und Zeigefinger. Das Papier fühlt sich feucht an, leicht
aufgequollen, und wenn ich ihn anhebe, tropft ein dünner Strahl zurück ins Wasser. Ein Tropfen löst sich, fällt, zieht einen winzigen Kreis auf der Oberfläche.
Kreise überall.
Kreise im Topf.
Kreise in meinem Kopf.
Kreise in meinem Leben, weil ich noch nicht weiß, wie man aus ihnen rauskommt.
Ich hänge den Beutel an den Rand der Tasse, damit er nicht im Weg schwimmt. Dann gieße ich.
Der Tee läuft in einem dünnen Strahl. Ich halte die Kanne so, dass nichts spritzt. Spritzen wäre
Bewegung. Bewegung wäre Information.
Der Dampf steigt auf.
Und er macht wieder diese Spirale.
Eine perfekte kleine Drehung, als würde jemand ihn hübsch machen wollen.
Ich merke sofort, wie mein Körper reagieren will: ein kleines Lachen, ein Lösen, ein „ach, wie süß“. Ich stoppe es, bevor es groß wird. Nicht, weil ich nicht lachen will. Sondern weil Lachen ein Geräusch sein kann, auch wenn man es nicht hört. Es macht die Schultern anders. Es macht die Augen anders. Es macht Menschen aufmerksam.
Aelwyn sieht es trotzdem.
Sie sieht alles, was menschlich ist.
Sie sammelt solche Dinge wie andere Leute Münzen: klein, wertvoll, gefährlich.
Ich sehe sie im Augenwinkel. Ihr Hauskleid, ausgewaschen, als hätte es schon hundert Jahre Alltag getragen. Die Strickjacke kratzig, Naturfaser, Kernseife. Ihre Füße barfuß auf dem Linoleum, als würde sie den Boden nicht ernst nehmen. Das ist so unvernünftig, dass es mir jedes Mal das Herz verdreht.
Ihre Vitiligo leuchtet im Küchenlicht wie Landkartenstücke
aus Licht. Und in mir passiert dieses dumme, junge Ding:
Ich will sie anfassen.
Nicht als Code.
Nicht als Test.
Nicht als Mission.
Einfach, weil sie da ist.
Ich stelle die Tassen hin. Eine für sie, eine für mich. Ich stelle ihre Tasse nicht mittig vor den Platz, sondern leicht seitlich, so dass sie greifen kann, ohne den Arm weit auszustrecken. Kleiner Winkel. Kleine Sicherheit. Ich weiß, wie sie sich bewegt, weil ich sie beobachte, seit ich hier bin. Nicht als Agentin. Als verliebte Frau.
Und genau da liegt die Falle:
Ich kann beides.
Ich kann beobachten, weil ich es muss.
Und ich kann beobachten, weil ich sie liebe.
Und die beiden Arten sehen von außen gleich aus.
Ich rühre noch einmal.
Der Löffel macht einen letzten Kreis, und dann lasse ich ihn am Rand des Topfes abstreifen. Ich mache das langsam, damit der Tropfen nicht springt. Ein Tropfen läuft am Metall entlang und fällt zurück. Ein winziges Geräusch hätte es gemacht, wenn ich hören
würde. Ich sehe stattdessen das Zittern in der Flüssigkeit. Das reicht.
Ich atme aus.
Und mein Kopf arbeitet weiter.
CIA-Teil in mir:
Treppenhaus. Hausbuch. Blickkontakt. Wer ist morgens schon wach? Wer sieht zu lange? Wer hört zu viel? Welche Routine ist neu? Welche Schuhe machen welches Muster auf dem Boden? Wie oft wird gelüftet? Wann wird Müll rausgebracht? Wer hat Schicht? Wer hat Zeit?
Der Teil von mir, der zwanzig ist:
Aelwyn hat mich geküsst. Sie hat
meinen Knoten gelockert. Sie hat mir Luft gegeben, ohne es groß zu machen.
Der Teil von mir, der hochbegabt ist:
Wenn ich mich verliebe, wird das nicht kleiner. Es wird größer. Es wird tiefer. Es wird mehr. Es wird ein System in mir.
Ich sehe Aelwyn nicht als „schön“.
Ich sehe sie als Struktur.
Als Geschichte.
Als Risiko.
Als Zuhause.
Das ist zu viel für einen Montagmorgen.
Ich drehe mich halb zu ihr.
Nicht ganz.
Nur genug, dass ich sie sehe, ohne frontal zu sein.
Und ich mache eine kleine Frage mit den Händen, so normal wie möglich, als würde ich nur über Tee reden.
Ich hebe die offene Handfläche, leicht nach oben, dann zeige ich kurz auf die Tassen, dann auf sie, dann mache ich eine kleine Bewegung nach unten, als würde ich sagen: Setz dich.
Mein Gesicht macht das Fragezeichen weich: Augenbrauen minimal hoch, Blick freundlich, Mund entspannt.
Komm.
Aelwyn setzt sich. Seitlich. Schutzwinkel. Knie unter dem Tisch so nah, dass wir uns berühren könnten, wenn wir wollten.
Ich will.
Aber ich will auch leben.
Und Leben heißt hier: sich lieben, ohne gesehen zu werden.
Ich nehme mein PRAMO-Heft und schiebe es einen Zentimeter zur Seite, weil ich nicht will, dass es zwischen uns steht wie eine dritte Person. Papier ist hier manchmal zu laut.
Dann nehme ich mein Brot.
Ich streiche Margarine. Nicht zu
dick. Nicht zu dünn. Ich mache es ordentlich, weil Ordnung beruhigt. Ich merke, dass ich Aelwyns Art übernommen habe, ohne es zu merken. Das passiert, wenn man jemanden liebt: man wird ein bisschen wie er.
Ich sehe, wie Aelwyn meine Bewegung bemerkt.
Ihr Blick bleibt an meinen Fingern hängen, so wie er an allem hängen bleibt, was menschlich ist. Ein winziger Fokus. Ein winziger „ah“.
Und da ist sie wieder, diese Niedlichkeit in ihr.
Nicht kindlich. Nicht schwach.
Eher: sie ist manchmal für einen
Atemzug nicht in der Gegenwart, weil ihre Vergangenheit zu groß ist.
Und ich liebe sie dafür, weil es heißt: sie hat überlebt.
Ich will etwas sagen.
Nicht über Mission.
Nicht über Regeln.
Einfach etwas, das nur „wir“ ist.
Ich hebe die Hand, zögere, dann lege ich die Fingerspitzen kurz an den Rand ihrer Tasse. Ein kleines Zeichen, als würde ich nur prüfen, ob sie warm ist. Aber eigentlich ist es: Ich bin da. Ich bin hier. Ich bleibe.
Aelwyn reagiert sofort. Nicht sichtbar für andere. Aber ich sehe
es: ein Millimeter im Mund, ein Atemzug in der Brust, ein winziger weicher Riss in ihrer Disziplin.
Sie lässt es zu.
Und ich könnte weinen.
Nicht aus Traurigkeit.
Aus Überforderung.
Weil ich zwanzig bin und so viel fühle, dass mein Körper nicht weiß, wohin damit.
Weil ich hochbegabt bin und meine Gefühle nicht einfach „gefühle“ sind, sondern ganze Systeme, Muster, Karten, die ich nicht abschalten kann.
Weil ich auf Mission bin und mein Herz sich trotzdem benimmt, als
wäre es privat.
Ich zwinge mich, ruhig zu bleiben.
Ich kaue.
Ich schlucke.
Ich atme.
Und während ich so normal tue, denkt mein Kopf, scharf wie Glas:
Wenn ich nicht lerne, Liebe zu verstecken, ohne dass sie stirbt,
dann wird sie uns verraten.
Nicht, weil Liebe falsch ist.
Sondern weil diese Stadt nicht dafür gebaut ist.
Ost-Berlin ist aus Blicken gebaut.
Und Blicken ist egal, ob sie hören können.
Blicke lesen trotzdem.
Und ich… ich bin zwanzig.
Ich wollte eine Mission.
Ich habe eine Frau bekommen.
Und ich weiß nicht, wie man eine Frau schützt, ohne sie zu verlieren.
| yumiko Es ist noch nicht perfekt und fertig ich würde da dann weiter Scheiben aber als Probe Richt es ich denke die ich persktive ist gut oder solle ein im erzählen Variante ich denke das zufrieden so bin aber Verbesserungen können gern eingericht werden Liebe Grüße yumiko |