Die Ausbildung
(gekürzt)
Am ersten Januar 2005 trat das Hartz-Gesetz in Kraft.
Ungefähr sechs Monate später wurden einige der größten Kinderheime im Land von Männern in Straßenanzügen besucht, die sich als Regierungsbeamte auswie-sen. Im Laufe einer intensiven Befragung stellte sich heraus, dass sie sich beson-ders für renitente und robuste Jugend-liche interessierten.
Im Anschluss an eine persönliche Begut-achtung und eines Intelligenztestes, wurden jeweils zwei bis drei Teenager
ausgesucht.
Bereits zwei Wochen später bestiegen bundesweit etwa einhundert verun-sicherte Jugendliche von der Deutschen Bahn bereitgestellte Sonderzüge, die sie in die Ukraine verbrachten, wo sie sich in einem Ausbildungslager namens „Druschba“ (russ. Freundschaft) sam-melten. Bei dem Lager handelte es sich um eine ehemalige Kaserne, die ziemlich verwahrlost und immer noch ringsum von einem hohen Zaun umgeben war.
Einige wenige Soldaten in Uniformen, die die Verteilung der Schüler auf die verschiedenen Baracken feixend beob-achteten, standen herum und amüsierten sich köstlich.
Mit neugierigen, interessierten Augen stellten die Jugendlichen fest, dass ihre Unterkünfte und die Klassenräume erstaunlich gut ausgerüstet waren. Später hörten sie in ihren Schlafräumen über fest installierte Lautsprecher die Ansprache einer unbekannten Stimme, die sie willkommen hieß und ihnen mitteilte, dass sie nun Teilnehmer einer dreijährigen „Intensiv-Ausbildung“ wären und das jeder sich einzufügen hätte, weil er sonst für die Konsequenzen selbst verantwortlich sei. Eine der Zuhörenden war Evelyn Schmidtke, die einem Mädchen, das neben ihr stand, zuraunte: „Die können mich mal!“
Ihre Baracke war mit dreißig weiblichen Teenagern belegt und bot wenig Platz für den Einzelnen: Ein schmales Bett, eine Kommode mit Schubladen und einer kleinen Nachttischleuchte darauf, sowie ein völliger Verzicht auf Privatsphäre, standen jedem der eingeschüchterten Insassen zur Verfügung.
Als um einundzwanzig Uhr das Licht gelöscht wurde, lag Evelyn noch lange wach und ließ sich die Geschehnisse des Tages noch einmal durch den Kopf gehen. Im Dunkeln hörte sie mehr als ein Mädchen heulen.
Evelyn verzog verächtlich die Lippen. SIE würde ganz sicher nicht flennen!
Damit behielt sie auch recht. Das mit dem Weinen kam erst später, nachdem sie im Unterricht mehrmals störend aufgefal-len war und sich eines Nachts einer der Soldaten in ihren Schlafsaal schlich, sich mit seinem ganzen Gewicht auf sie legte, ihr mit einer Hand den Mund zuhielt und sie vergewaltigte.
Bevor er ging, flüsterte er ihr ins Ohr: „Chef sagen, du böses Mädchen. Jetzt gut, ja?“
In den kommenden Tagen fragte sich die tief in ihrer Seele verletzte Evelyn, was schlimmer war: die Vergewaltigung oder die Tatsache, dass niemand ihr geholfen hatte.
So oder so: Sie würde bald abhauen! Aber es kam anders. Sie blieb die kom-pletten drei Jahre und machte einen ausgezeichneten Abschluss.
Aber zeit ihres Lebens würde sie immer mal wieder nachts aufschrecken und Panikanfälle bekommen.
Der theoretische Unterricht war sehr gut und ausführlich. Offenbar hatte man am Personal nicht gespart.
Einmal im Monat stand allen Insassen ein besonderer „Unterricht“ bevor. Sechs Schüler wurden jeweils in den Hof geführt, wo sie an ca. vier Meter hohe Masten gebunden wurden. Hoch über ihren Köpfen waren Scheinwerfer, Video-kameras und große Lautsprecher
montiert, aus denen eine überlaute, eindringliche Frauenstimme über den ganzen Hof und weit darüber hinaus ertönte.
"Gebt acht! Gleich kommen sie! Eure Gegner! Eure Feinde! Verachtenswerte Kreaturen!"
Und tatsächlich. Aus der einsetzenden Dämmerung heraus näherten sich von gegenüber zwanzig bis dreißig dunkle, vermummte Gestalten und kamen bedrohlich näher.
Sie sprachen nicht, aber bespuckten, kniffen und traten die Jugendlichen, die nicht wussten, wie ihnen geschah.
Im Laufe der weiteren "Ausbildung" nahmen die Aktivitäten an Gewalt zu.
Immer mehr Schmerzen, Angst und Verzweifelung bemächtigten sich der Schüler.
Dazu dröhnte immer wieder, nahezu pausenlos, die Stimme über ihren Köpfen: "Das sind Arbeitslose! Widerliches Pack! Unmenschlich und
grausam! Aber sie kennen alle Tricks, um nicht arbeiten gehen zu müssen! Parasiten, die unserer Gesellschaft wie Zecken im Fell sitzen! Ihr müsst ihnen immer einen Schritt voraus sein! Lasst sie eure ganze Macht spüren! Und denkt daran: Sie wollen euch Schmerzen zufügen! Euch vernichten!"
Und der Hass wuchs.
Irgendwann gehen auch die längsten drei Jahre vorbei.
Und so stand Evelyn Schmidtke eines Tages mit einem erstklassigen Zeugnis in der Tasche vor den Toren des Lagers und wartete auf den Wagen, der sie zum Bahnhof bringen sollte.
In ihrem Gepäck befanden sich mehrere
positive Antworten auf ihre Bewerbungs-schreiben.
Leute aus Druschba waren gefragt bei allen Jobcentern in Land.
Um ihre Zukunft brauchte sich Evelyn also keine Gedanken zu machen.
Aber zunächst einmal war sie war froh, dass sie diesen Abschnitt ihres Lebens hinter sich gebracht hatte.
Trotzdem würde das kleine Mädchen, das ungeduldig an ihrer Hand zerrte, viel-leicht eines Tages hierher zurückkehren,
denn hier war die Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten, Fachbe-reich Arbeitsagentur, eine der besten im Lande.
Schließlich war es keine Aufgabe für jedermann, diesen hinterlistigen und mit allen Wassern gewaschenen Arbeitslosen - besonders den alten und kranken -
Paroli zu bieten.
© Ulrich Seegschütz
Feb|2026
Die Grundidee der Geschichte geht auf einen Film aus den 80er Jahren zurück:
"Der weiße Hund von Beverly Hills"