Rache
Den Abend vor dem Rückflug verbrachte Noah im Casino, wo er in den letzten Monaten fast so etwas wie ein Stammgast geworden war. Überall im Haus hingen bunte Plakate, die die Gäste auf eine besondere Attraktion aufmerksam machten. Es war Esther Leraba. eine in Kapstadt sehr berühmte Wahrsagerin, die man in diesen Tagen im Haus aufsuchen konnte. Noah stellte sich das als eine Art Clownerie vor, aber ein Nachbar am Roulette-Tisch erklärte ihm, dass diese Frau eine echte Abakhulu Gogo sei, wie sich nur über lange Jahre ausgebildete und geweihte einheimische Wahrsager
nennen dürften. Das interessierte Noah und er ließ sich bei ihr anmelden.
Esther empfing ihn in einem leicht abgedunkelten Raum in der zweiten Etage des Casinos. Ringsum an den Wänden voller Teppiche waren bunte maskenhafte Gesichter und nebelhafte Schemen wie in einer Wolkenbildung und Farbflecken zu sehen. Die Wahrsagerin bat Noah, auf einem weichen, würfelförmigen Hocker aus Leder Platz zu nehmen und setzte sich ihm gegenüber auf einen gleichen, mit Ornamenten verzierten Lederwürfel.
»Hi, ich bin Esther, du darfst zu mir aber auch Lia sagen, wenn dir das angenehmer ist.«
Noah fuhr sofort der Schrecken in die Glieder, er hatte das Gefühl, sein Bauch krampfte sich zusammen. Schweiß brach ihm aus allen Poren. Denn Lia war der Name seiner langjährigen Ex-Freundin, mit der er vor einem reichlichen halben Jahr in Köln eine Bank ausgeraubt und sich dann mit ihr nach Rio abgesetzt hatte. Dort hatte er sich dann in den Besitz des geraubten Geldes gebracht und ist untergetaucht. Er musste stark annehmen, dass sie ihn auf der ganzen Welt suchte. Wie aber sollte seine Expartnerin eine irgendwie geartete
Brücke zu dieser Fremden geschlagen haben?
»Ist dir nicht gut?«, fragte die unheimliche Wahrsagerin im bunten Gewand, deren Gesicht er wegen der Maske, die sie trug, nicht erkennen konnte, mit wohlmeinender Stimme ihren Besucher. Sie reichte ihm einen goldenen Becher mit einer undefinierbaren rostroten Flüssigkeit. »Trink davon, Bruder, das wird dir guttun.« Noah wagte nicht zu widersprechen und setzte den Becher vorsichtig an die Lippen. Das Getränk erwies sich als äußerst wohlschmeckend. Schon nach zwei Schlucken war die ganze Unruhe, die ihn erfasst hatte, verschwunden und ihm
wurde wundersam leicht.
Danach hantierte Esther mit kleinen Würfeln und Knöchelchen auf dem Teppich zwischen ihnen und prophezeite Noah aus deren Stellung zueinander eine lebendige und blühende Zukunft. Das imponierte Noah. Aber wie nach einer kurzen Denkpause warnte sie ihn zum Abschluss der Session allerdings: »Nimm dich vor einer blonden Frau mit schwarzen Haaren in Acht!« Mehr war aus ihr nicht herauszubekommen.
Völlig benommen taumelte Noah aus dem Casino die Treppen hinab und wandte sich in Richtung des Hotels, das er für die Nacht gebucht hatte, um schneller
zum Flughafen zu kommen. Als er am Ende des riesigen Gebäudes ankam, meinte er zu träumen. Er sah aus dem Dunkel der dort stehenden Büsche und Bäume eine Frau auf sich zukommen. Er riss verwundert die Augen auf. Die Frau schien nackt zu sein und offenbar trug sie eine schwarze Perücke. Seine Beine versagten ihm, er brach auf dem mit weißen Kieselsteinen belegten Weg zusammen. Das Gesicht, das sich über ihn beugte, war das von Lia. Im Mondschein sah Noah noch ein Messer aufblitzen … Dann wurde es Nacht um ihn.