Ich wusste, dass sie kommen würde,
noch bevor ihre Schritte den Stein berührten.
Nicht weil ich höre.
Sondern weil mein Inneres sich immer schon an ihr ausgerichtet hatte.
„Mama hat gesagt, ich soll dir das geben.“
Die Stimme war klein.
Zu leicht für das Gewicht, das sie später tragen würde.
Ihre Hand legte mir etwas in die Finger.
Warm.
Unsicher.
Und ich wusste schon in diesem
Moment,
wie diese Hand eines Tages zittern würde –
nicht mehr vor Mut,
sondern vor Müdigkeit.
Ich ließ es zu.
Wie immer.
Sie kam wieder.
Nicht später.
Nicht früher.
Einfach wieder.
„Ich hab jetzt Schuhe, die nicht drücken.“
Ich spürte den Stolz in ihrem Atem.
Und darunter schon die Erschöpfung,
die sie sich noch nicht verdient
hatte.
Ihre Münze war größer.
Ihr Leben wurde kleiner.
„Ich muss jetzt arbeiten.“
Ihre Stimme hatte angefangen, sich selbst zu zügeln.
Das war der Moment,
in dem sie aufhörte, ein Kind zu sein,
ohne es zu merken.
Ich wusste,
dass sie nicht mehr spielen würde.
Ich wusste,
dass sie es vermissen würde.
Ich wusste,
dass niemand sie fragen würde, ob sie das will.
Und ich schwieg.
Wie immer.
„Ich heirate.“
Der Satz war glatt.
Zu glatt für das Zittern darunter.
Ich kannte den Körper,
der sie später verlassen würde,
lange bevor er sie berührte.
Ich wusste,
dass sie versuchen würde,
alles richtig zu machen.
Und ich wusste,
dass genau das sie brechen würde.
„Er ist oft weg.“
Jetzt war ihre Stimme ein Raum ohne Möbel.
Nichts stand mehr darin.
Alles hallte.
Ich wusste,
dass sie nachts neben einem Platz liegen würde,
der nicht mehr reagierte.
Ich wusste,
dass sie weiter lächeln würde.
Nicht aus Liebe.
Aus Gewohnheit.
„Ich bin jetzt allein.“
Dieser Satz lag schwerer als alle Münzen,
die sie mir je gegeben hatte.
Ich wusste,
dass sie sich fragen würde,
ob sie falsch war.
Ich wusste,
dass sie die Antwort schon kannte
und sie trotzdem nicht glauben würde.
Sie kam öfter.
Hastiger.
Flacher im Atem.
„Ich hab nicht viel Zeit.“
„Ich muss weiter.“
„Ich komm wieder.“
Sie log nicht.
Sie wusste nur noch nicht,
dass Wiederkommen kein Versprechen ist,
sondern ein Wunsch.
Dann blieb sie lange stehen.
„Du bist immer noch hier.“
In diesem Satz lag alles:
Staunen.
Neid.
Unverständnis.
Und ein Hauch von Vorwurf,
den sie sich nicht erlaubte.
Ihre Hand blieb auf meiner.
Nicht um Hilfe zu bitten.
Nicht um zu bleiben.
Um zu prüfen,
ob das Bleiben wirklich möglich ist.
Ich wusste,
dass sie gehen würde.
Ich wusste,
dass sie nicht mehr zurückkommen würde.
Ich wusste auch,
dass sie bis zuletzt glauben würde,
sie könne es doch noch.
Und ich schwieg.
Wie immer.
Jetzt ist eine neue kleine Stimme da.
„Mama hat gesagt, ich soll dir das geben.“
Die Wärme ist neu.
Das Zittern ist dasselbe.
Und in mir liegt schon jetzt
das ganze Leben dieses Kindes,
fertig,
geschlossen,
unveränderlich.
Das ist meine Qual:
Ich weiß alles.
Nicht als Macht.
Als Last.
Ich weiß,
dass keiner von ihnen entkommt.
Nicht dem Schmerz.
Nicht der Hoffnung.
Nicht sich selbst.
Und ich weiß auch:
Sie kommen alle zu mir,
weil ich bleibe.
Aber bleiben heißt nicht retten.
Bleiben heißt nur: zusehen ohne Ende.