Bild ist von Pixabay, von Donata
Schreibparty 115
Ein Bild von der Künstlerin
Feedre Bild Nr, 2...
Thema: Mit den Augen des Betrachters
Vorgaben: Denkpause, Clown,
Wolkenbildung, rostrot, Brücke,
Kieselsteine, träumen.
Mit den Augen des Betrachters
Milow, der Clown, war an diesem Nachmittag erneut zu einem Kindergeburtstag in Clownsville gebucht. Schon ein Jahr zuvor hatte er hier gestanden, im selben Wohnzimmer, mit demselben bunten Kostüm und demselben geübten Lächeln. Damals war alles leicht und fröhlich gewesen. Heute saß das Kostüm zwar perfekt, die Schminke war makellos, doch innerlich fühlte er sich leer. Lachen fiel ihm schwer. Er war ein Clown, der nicht lachen konnte.
Als er durch die Wohnung ging, fiel sein Blick auf ein Bild an der Wand, das ihm seltsam vertraut vorkam. Er hatte es schon einmal gesehen – vielleicht vor Jahren –, doch damals war es ihm nie wirklich aufgefallen. Jetzt erkannte er die Details: verschlungene, bunte Gesichter wie bei einer Maskerade, Masken, die lachten, weinten oder schelmisch zwinkerten. Eine Maske stach besonders hervor, elegant verziert mit Federn, die im Licht schimmerten. Die Farben flimmerten, als würden die Gesichter ihn direkt ansehen und leise rufen.
Milow machte eine Denkpause. Er trat
einen Schritt näher, richtete den Blick fest auf das Bild – und mit diesem Schritt trat er direkt ins Bild hinein. Sofort begannen die Kieselsteine unter seinen Füßen zu knirschen, als wollten sie ihm etwas zuflüstern. Die Brücke im Bild wirkte wie ein schmaler Übergang zwischen zwei Welten, zwischen Realität und Traum. Jeder Schritt ließ sein Herz schneller schlagen, als stünde er kurz davor, eine unsichtbare Schwelle zu überschreiten.
Die Wolkenbildung über der Szene wirbelte wie ein lebendiger Traum, und die rostrot leuchtenden Wolken spannten sich am Himmel. Von draußen drang noch das ferne Lachen der Kinder herein, ein
letztes Echo von Freude, das langsam in der Stille verklang.
Ein kaum hörbares Flüstern schien direkt auf ihn zu reagieren, als er die Schwelle betrat:
„Komm … sieh … folge …“Neugier, Staunen, Angst und Sehnsucht antworteten gleichzeitig in Milow.
Milow begann zu träumen, doch es war kein Schlaftraum. Clownsville erschien aus einem neuen Blickwinkel: Straßen, Häuser, Lichter – alles pulsierte in einem geheimen Rhythmus, den sonst niemand wahrnahm. Das Bild sprach zu ihm und offenbarte Geheimnisse, die die Stadt
seit Jahrzehnten verborgen hielt.
In diesem Moment verstand Milow: Er war nicht verschwunden. Er war auserwählt, Teil dieser anderen Welt zu sein – einer Welt im Bild, die nur mit den Augen des Betrachters gesehen werden konnte. Zum ersten Mal spürte er Staunen, Freude und ein unheimlich wunderbares Gefühl von Freiheit.
Die Party draußen war längst vorbei. Niemand vermisste Milow, und doch hatte sich etwas verändert. Das Bild an der Wand leuchtete noch immer leicht, als hätte es neue Geheimnisse aufgenommen. Milow wusste, dass er nun an einem Ort war, an dem alles möglich
schien – zwischen Realität und Traum, zwischen Licht und Schatten, zwischen einer Clownswelt, wie sie niemand kannte.
The Ende