Kurzgeschichte
Duell

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"Duell"
Veröffentlicht am 29. Dezember 2025, 14 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Duell

Duell

Lesen sich fiktive Geschichten anders? Wird eine wahre Geschichte

nach dreißig Jahren fiktiv? Wäre ich auch ohne Gott Atheist geworden? Würde sie heute noch leben,

wenn ich ihr öfter zugehört hätte? Wahr ist, dass ich Atheist bin.


Wenn ich die Ohren schließe, höre ich ihre Schreie. Bilde mir ein, sie "Oh! Mein Gott! Mein Gott!" kreischen zu hören. Höre ihre Entsetzen, als das Brückengeländer dem aufprallenden Kleinwagen nachgibt

Quietschgelbe Lacksplitter werden abgeschabt und vom Sturm emporge-wirbelt.

Ich höre den sechzig Meter tiefen Abgrund auf sie zukommen. Höre ihre Todesangst. Ihr schreckliches Alleinsein in den letzten Sekunden.





















Wenn ich die Augen schließe, sehe ich den Aufprall. Sehe ihr gerade erwachsen gewordenes Leben in alle Richtungen erlöschen.

Sehe die entsetzt aufgerissenen Gesichter der anderen Autofahrer oben auf der Brücke, die sich die Ohren zuhalten, um sich nicht selbst wimmern hören zu müssen.

Ich sehe den Sturm, der vorsichtig über das zerborstene Geländer in die Tiefe schaut, um sein Werk zu betrachten.

Ich sehe ihn höhnisch grinsen.

Wie er es wohl genossen hätte, wenn ihm jemand von den beiden Kindern erzählt hätte, denen die schlimmsten Stunden ihres kleinen Lebens bevorstanden?


Er weiß es nicht, denn WER hätte es ihm erzählen sollen?
















Wenn ich den Wind auf meiner alten Haut fühle, werde ich unruhig. Wie jedes Mal. Blicke suchend in alle Richtungen. Und nach oben - zu ihr.

Wenn ich fühle, wie der Wind stärker wird, beschleunigt sich mein Schritt. Ich vergrabe die Hände in den Hosentaschen. Balle sie zu Fäusten. Und bin ganz Ohr. Wenn ich fühle, wie der Sturm die Wolken vor sich herschiebt, mit Leichtigkeit die Bäume biegt und mich zum Stolpern bringen will, dann beginne ich zu laufen.

So gut es noch geht.

Ich fühle die Dunkelheit des dichten Regens. Mit offenen Augen renne ich

dem Sturm entgegen. Immer schneller. Ich schreie ihn an. Immer wieder.

Immer lauter.

Wütend.

Hasserfüllt.

Bis ich erschöpft und weinend auf die Knie falle.

Ich fühle, wie die Kraft mich verlässt und ich nicht mehr schreien kann. Wie ich innerlich weiterschreie.

Ich MUSS schreien, denn ICH! ICH habe ihm so viel zu erzählen!







Wenn mich die Einsamkeit erdrückt, wenn ich im Schlafzimmer auf dem Boden sitze, ihre sinnlos gewordenen Kleider an mein Gesicht drücke, sehe ich ihr Lachen, höre ihre blauen Augen mich anstrahlen und fühle ihre Gegenwart. Wird es früher dunkel, werde ich un-ruhig. Die ersten Windböen zerfleddern das Geflecht aus Einsamkeit, Wut und Hass.

In ein paar Jahren, wenn ich nicht mehr laufen und den Sturm bekämpfen kann, werde ich im Rollstuhl auf dem Balkon sitzen und auf den Sturm warten.

Wenn der Wind stärker wird und mir die Einsamkeit aus den Knochen drückt,

werde ich aufgeregt auf den dunklen, regennassen Sturm warten. Er macht meine Einsamkeit erträglich. Er lässt mich ihr auf eine perverse Art nahe sein. Ich brauche meinen Sturm.

Ich werde ihm - vielleicht zum letzten Mal ohne sie - meine Wut entgegen- schreien.

Oder mit schwacher Stimme krächzen. Oder flüstern, denn ICH, ICH habe IHR so viel zu erzählen!

© Ulrich Seegschütz Jan|2012

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Enya2853 Wow, was für eine Geschichte, lieber Uli.
Ein Duell mit dem Sturm und ein schmervoller Verlust, der so weit geht, dass der Ich-Erzähler sich immer dann spürt / sie spürt, wenn ein Sturm aufzieht. Ein Duell, bei dem er eigentlich Verlierer ist, denn der Sturm hört ihn nicht, stellt sich nicht dem Duell. Nur am Ende (vielleicht) wird er Erlösung finden, indem er sich IHR wieder zuwenden kann
Sehr eindringlich geschrieben.
Liebe Grüße
Enya
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Lagadere Moin, Enya!
Ja, der Text gefällt mir sehr. Hab zusammen mit der KI ein Bild dazu erarbeitet, aber das viel bessere Beispiel ist: "Das Medaillon".
Bestimmt erinnerst du dich: Eine Diplomatenwitwe erwirbt in Frankreich ein altes Medaillon (das einst Marie-Antoinette bei ihrer Hinrichtung getragen hat) und bemerkt eines Tages, dass sie immer jünger wird. Zusammen mit einem Freund heckt sie in einer Kirche einen Plan gegen das Böse aus.
Schau mal das 3. Bild bei meinen Fotos an! Das ist irre. Alles da: sie vor dem Spiegel, wie sich ihr Körper verändert, das kleine Antiquariat,, das Gespräch in der Kirche, Marie-Antoinette. Hat ne Weile gedauert, bis wir es so hingekriegt haben, aber ohne KI hätte ich das nie so hinbekommen!

Danke dir und mach's dir gemütlich!
Sicher hängst du die nächsten Wochen dauernd vor dem TV - Fußball......grins

Liebe Grüße
Uli
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