Lina und Mira – Eine besondere Freundschaft Eine kleine Erinnerung aus meiner Zeit in der sozialen Arbeit. Inspiriert von einer wahren Begegnung, literarisch erzählt.
Buch 1 – Leise Freundschaft
Lina und Mira – Eine besondere Freundschaft
Eine kleine Erinnerung aus meiner Zeit in der sozialen Arbeit. Inspiriert von einer wahren Begegnung, literarisch erzählt.
Buch 1 – Leise Freundschaft
Lina sah die Welt in Farben.
Manche Menschen dachten in Worten. Andere in Zahlen. Lina dachte in Farben, Bildern und kleinen Lichtfunken, die überall in ihrem Kopf aufblitzten.
Nur die Buchstaben wollten oft nicht
mitmachen.
Sie hüpften über die Seiten, tauschten Plätze und versteckten sich vor ihr wie scheue Tiere im Wald.
Lina hatte Legasthenie. Das Wort klang schwer und kompliziert. Doch Lina selbst war leicht wie ein Schmetterling, neugierig und voller Ideen.
In Mathe war sie schnell wie ein Blitz. Zahlen verstanden sie sofort. Und wenn sie malte, entstanden Bilder, die so lebendig wirkten, als könnten sie jeden Moment aus dem Papier herausspazieren.
Doch im Deutschunterricht fühlte sie sich
manchmal, als würde sie einen steilen Berg hinaufklettern, den niemand außer ihr sehen konnte.
Viele Menschen bemerkten nicht, wie viel Mut sie jeden Morgen brauchte. Manche lachten über ihre Fehler. Nicht aus Bosheit, sondern weil sie nicht verstanden, wie sehr Worte wehtun können.
Doch tief in ihrem Herzen wusste Lina etwas Wichtiges:
Anders zu sein bedeutet nicht, weniger zu sein.
Eines Tages kam ein neues Mädchen in ihre Klasse.
Sie hieß Mira.
Mira sprach wenig. Sehr wenig sogar. Doch wenn sie etwas sagte, waren ihre Worte klar
und präzise, wie Sterne an einem dunklen Nachthimmel.
Mira war autistisch.
Sie mochte Ruhe, Ordnung und Ehrlichkeit. Veränderungen machten ihr oft Angst. Dafür bemerkte sie Dinge, die anderen verborgen blieben: winzige Muster auf dem Boden, das Summen einer Lampe oder die Traurigkeit hinter einem Lächeln.
Schon nach kurzer Zeit merkten die beiden Mädchen, dass sie sich verstanden.
Nicht, weil sie gleich waren.
Sondern weil sie verschieden waren.
Bei Mira musste Lina nicht so tun, als wäre alles leicht. Und Mira musste sich bei Lina nicht verstellen, um dazuzugehören.
Es fühlte sich an, als hätten zwei Puzzleteile
nach langer Suche endlich ihren Platz gefunden.
Am nächsten Morgen stand Lina vor dem Spiegel.
Sie band ihre Haare zusammen und betrachtete ihr Spiegelbild. Sie sah müde aus. Doch in ihren Augen glomm dieser kleine Funke, den sie jeden Tag aufs Neue anzündete.
Ein Funke, der sagte:
Ich gebe nicht auf.
Die Legasthenie war immer da.
Wie ein Rucksack, den sie nicht einfach abstellen konnte.
An manchen Tagen war er leicht. An anderen schwer.
Doch Lina hatte gelernt, dass man auch mit
einem schweren Rucksack weitergehen kann.
Vielleicht langsamer.
Vielleicht auf einem anderen Weg.
Aber man kommt voran.
Auf dem Schulweg hörte sie Musik.
Musik mochte sie besonders.
Melodien hatten keine Buchstaben, die durcheinandersprangen. Keine Wörter, die sich versteckten.
Musik war klar.
Musik war einfach.
Musik fühlte sich an wie Zuhause.
In der großen Pause saßen Lina und Mira auf ihrer Lieblingsbank am Rand des Schulhofs.
Um sie herum rannten Kinder über den Platz. Sie lachten, riefen und spielten Fangen.
Für Lina war das manchmal
anstrengend.
Für Mira noch viel mehr.
„Laut“, murmelte Mira und hielt sich kurz die Ohren zu.
Lina nickte.
„Ja. Aber hier ist es besser.“
Eine Weile schwiegen sie.
Dann zeigte Mira auf einen Jungen auf dem Schulhof.
„Er rennt im Muster.“
Lina schaute genauer hin.
Tatsächlich.
Der Junge lief immer dieselbe Strecke.
Immer wieder.
Immer gleich.
Lina musste lächeln.
„Du siehst Dinge, die ich niemals bemerken
würde.“
Mira zuckte mit den Schultern.
Für sie war das ganz normal.
Ihre Freundschaft war leise.
Aber sie war stark.
Im Unterricht schrieb Lina langsam.
Sehr langsam.
Manchmal machte sie Fehler.
Manchmal sogar viele.
Doch jedes Mal strich sie sie durch, holte tief Luft und versuchte es erneut.
Eines Tages blieb die Lehrerin neben ihrem Tisch stehen.
„Lina“, sagte sie freundlich, „ich sehe, wie sehr du dich bemühst.“
Es war nur ein Satz.
Doch für Lina fühlte er sich an wie ein
Sonnenstrahl nach einem langen Regentag.
Nach der Schule gingen Lina und Mira gemeinsam nach Hause.
Lina erzählte von ihren Gedanken, ihren Ideen und den hundert Dingen, die ihr durch den Kopf gingen.
Mira hörte zu.
Und manchmal war Zuhören wertvoller als tausend Worte.
Kurz bevor sich ihre Wege trennten, blieb Lina stehen.
„Weißt du“, sagte sie, „manchmal fühlt es sich an, als würde ich jeden Tag einen Berg hochlaufen.“
Mira dachte kurz nach.
Dann nickte sie.
„Aber du
läufst.“
Mehr sagte sie nicht.
Sie musste auch nicht mehr sagen.
Lina lächelte.
Vielleicht war ihr Leben nicht immer einfach.
Vielleicht würde der Berg morgen wieder da sein.
Aber sie war nicht allein.
Und manchmal reicht genau das, um weiterzugehen.
Mit Mut.
Mit Hoffnung.
Und mit einer Freundin an seiner Seite.
Cover/Bild ist von Pixabay