Das singen von Weihnachtsliedern
Ich kannte in meiner Kindheit und Jugend noch Familien, in denen nicht nur am Heiligen Abend, sondern auch in der Adventszeit Weihnachtslieder gesungen wurden. Aber keine andere Familie pflegte diesen Brauch so intensiv wie meine. Wir sangen auch noch nach dem Fest bis Silvester Weihnachtslieder und zündeten dazu jedes Mal die Kerzen unseres Tannenbaums an. Damals hörte man in den Massenmedien kaum neue Weihnachtslieder, und so sangen wir jedes Jahr dasselbe Repertoire durch von „Ihr Kinderlein kommet“ bis „Stille Nacht, heilige Nacht“.
Bis zu meinem zehnten Lebensjahr gefiel mir dieses Singen sehr und steigerte meine Vorfreude auf das Weihnachtsfest. Aber dann änderte sich meine Einstellung zu diesen „Gesangsexerzitien“ zum einen deshalb, weil meine Eltern sie zur Pflicht machten, und zum anderen, weil mir zunehmend auffiel, wie kitschig einige Texte dieser Lieder waren. Zu meinem Missfallen kam hinzu, dass meine Eltern manchmal ältere Bekannte zu diesem Gesang einluden, die die sentimentalen Lieder auch noch falsch sangen. Am Heiligen Abend besuchte unsere Familie gemeinsam den Weihnachtsgottesdienst, zu dem
traditionell zwei Weihnachtslieder gesungen wurden: „O du fröhliche“ und „Stille Nacht, Heilige Nacht“. Wer jetzt denkt, dass ich dabei auch Überdruss empfand, weil wir diese Lieder ja in der Adventszeit schon so oft gesungen hatten, irrt sehr. Ich spürte, dass dieser Gesang für die Gemeinde ein Höhepunkt des Gottesdienstes war, auf den sie sich sehr gefreut hatte. Sie sang mit Inbrunst und auch ich stimmte andächtig in die allgemeine Weihnachtsfreude ein. Ich bin in einer Stadt mit einem sehr hohen Anteil von Bergarbeitern aufgewachsen. Die wählten in den Fünfziger Jahren noch traditionell die SPD und einige auch die KPD. Soweit
ich mich erinnern kann, besuchten die meisten von ihnen am Heiligen Abend die Kirche. Aber an den Weihnachtstagen waren die Kneipen gut frequentiert, und ich kann mich noch an Betrunkene erinnern, die auf den Straßen sangen:„O Tannenbaum,o Tannenbaumder Kaiser hat in Sack gehaun.Er kauft sich einen Henkelmannund fängt auf Zeche „Radbod“ an.“oder „Am Weihnachtsbaumeda hängt 'ne Pflaume.Wie kommt die Pflaumein den Baum?Was soll die Pflaume am Weihnachtsbaume?“ Den vollständigen Text findet man hierhttps://www.golyr.de/wolfgang-petry/songtext-am-weihnachtsbaume-da-haengt-ne-pflaume-650663.html
Nach all der häuslichen Sentimentalität taten mir damals die Parodien gut.Und wie ist es heute? Meine Frau und ich verbringen Weihnachten in der Familie unserer Tochter. Dort singen wir gemeinsam vor der Bescherung e i n Weihnachtslied und ich bin mir sicher, dass es allen so gefällt, auch meiner 14jährigen Enkelin.