Kurzgeschichte
Gläserne Gefühle

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"Gläserne Gefühle"
Veröffentlicht am 16. Dezember 2025, 12 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
© Umschlag Bildmaterial: Pixabay
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Gläserne Gefühle

Gläserne Gefühle

gläserne gefühle



Müde und erschöpft schleppte sich der alte Zug in den Bahnhof. Ein letztes Zischen, ein paar Wasser-pfützen unter der Lok, weil sie es einfach nicht mehr halten konnte, und dann schloss sie mit einem Seufzer die Augen. Kraft tanken für ein paar Minuten bis der Gegenzug auf Gleis Eins eintraf. In meinem Waggon räusperten sich einige Fahrgäste. Andere stierten vor sich hin oder in sich

hinein. Die Dame an meiner Seite, die mit ihren zweiundsiebzig Jahren neben meinen vierundachtzig geradezu jung wirkte, machte das, was sie immer tat: mich ansehen. Sie hatte nämlich ein Auge auf mich geworfen. Buchstäblich. Denn das andere war vor Jahren erloschen. Ich wusste nicht warum. Vielleicht hatte es genug gesehen; oder es hatte den Anblick des leeren Stuhls gegenüber in ihrer leeren Wohnung nicht mehr ertragen können. Vielleicht hatte Tante Gerda, wie sie allgemein genannt wurde, mir auch damals darüber berichtet, und ich hatte wie üblich nicht zugehört. Im Hausflur,

dem kleinen Laden um die Ecke, der Apotheke oder sonst einem Ort, an dem ich ihr nicht aus dem Weg gehen konnte. Sie sagte irgendetwas. Ich hörte es nicht, weil meine Ohren auf ein bestimmtes Geräusch warteten. Es hätte mich überhaupt nicht gewundert, wenn sie sich in die Richtung gedreht hätten, aus der der Gegenzug erwartet wurde. Endlich. Leise schnurrend fegte der windschnit-tige ICE heran. In seinem schlanken Bauch überwiegend Jugendliche. Auf dem Weg in die Stadt. Zur Schule, Universität oder ins Fitness-Studio. Fast

hörte man aus diversen Kopfhörern die Rap-Musik - sofern man dabei von Musik sprechen konnte. Meine Augen, die schon alles gesehen hatten, und demzufolge nur noch selten aufblitzten, strichen an den Fenstern der Waggons entlang. Suchend. Und da war sie wieder. Ich hatte sie schon einige Male beobachtet. Nicht umsonst fuhr ich seitdem so häufig um diese Uhrzeit mit der Bahn. Sehr zu meiner Freude hatte sie einen Fensterplatz ergattert. Nun konnte ich sie

besser beobachten. Wenn sie nur einen Stehplatz im Gang fand, zappelte sie manchmal etwas herum. Grad so, als ob sie Mühe hätte, ihre Jugend zu bändigen. Sie war ungefähr 20 Jahre alt, bildschön, und eine von diesen Frauen, bei denen ein Menschenleben nicht ausreicht, um sie zu lieben. Eine, der man bis in alle Ewigkeit die widerspenstigen Locken sanft aus dem Gesicht streichen möchte und der man mit den Fingerkuppen sämtliche Liebesgeschichten der Welt in die Haut streicheln will. Sie sah nicht zu mir herüber. Und wenn, hätte sie mich wohl nicht bemerkt. Kaum

etwas ist für die Jugend so unsichtbar wie das Alter. Dieses Alter, das der Gegenzug, der langsam wieder anrollte, gnadenlos zurückließ - während er ihr junges Lächeln mitnahm. Einer Zukunft entgegen, die in großer Leuchtschrift am Himmel prangte. Auch mein Zug setzte sich wieder in Bewegung. Einer Zukunft entgegen, die man mit der Lupe suchen musste. Gerda hatte mich die ganze Zeit aufmerk-sam beobachtet. Ob ich ihren Blick gefühlt habe? Eher nicht. Ihr Geplapper wurde lauter, war mir aber

als Ablenkung nun willkommen. Und so beschloss ich, ihr zuzuhören. Der Tag war gelaufen. Einige Wochen vergingen. Ich fuhr sehr oft mit der Bahn. Bald schon kannte ich sämtliche Sehenswürdigkeiten der Umgebung; den Enten im Park hatte ich schon Namen gegeben. Einfachheitshalber hießen alle Gerda. Von Montag bis Freitag drehte sich alles um diese paar Minuten morgens am Bahnhof. Mittlerweile kannte ich die komplette

Garderobe der jungen Schönen. Trug sie einen auffälligen, bunten Schal, schien sie besonders gut gelaunt zu sein. Manchmal, wenn sie ihre Umgebung nicht anstrahlte, sondern nachdenklich aus dem Fenster starrte, machte ich mir Sorgen, ob es ihr gut ging. War sie in ein Taschenbuch vertieft, fragte ich mich, um was für ein Buch es sich wohl handeln würde. Dann, eines Tages, lächelte sie nicht mehr einfach so in Fahrtrichtung, sondern in das Gesicht eines jungen Mannes, und ich erkannte, dass es Zeit für mich wurde, mich innerlich von ihr zu lösen.

Kurz: Ich fuhr kaum noch mit dem Zug. Und wenn, dann zu einem späteren Zeitpunkt.

Ich sah sie nie wieder.


Etwas später, als ich Tante Gerdas Einladung zu einem Glas Wein angenom-men hatte, blickte ich versonnen durch das Glas in Gerdas Gesicht. Ihr Auge sah mich fragend an. Etwas verzerrt wie das restliche Gesicht. Ihr Lächeln schien von einem Ohr bis zum anderen zu reichen - sie spürte, dass die Großwetterlage sich geändert hatte.

Trotz des verschwommenen Eindrucks wurde mir klar, dass es Schlimmeres gab, als geliebt zu werden.

Und so stellte ich das Glas sanft auf den Tisch und hörte Gerda zu.

Aufmerksam, von nun an.


© Ulrich Seegschütz

Jan|2014

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