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Tannengeflüster - Kalenderblatt 10

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"Tannengeflüster - Kalenderblatt 10"
Veröffentlicht am 10. Dezember 2025, 4 Seiten
Kategorie Sonstiges
© Umschlag Bildmaterial: Kirill Kedrinski - Fotolia.com
http://www.mystorys.de

Über den Autor:

Ich erinnere mich noch gerne meiner allerersten Zeilen - ein Schulgedicht: Der Winter ist ein Bösewicht, die Bäume tragen Schneegewicht, die Stämme sind kahl und so schwarz wie ein Pfahl, die Felder sind weiß und auf dem See liegt Eis. In den seither vergangenen Jahrzehnten hat sich mein Schreibstil sicher geändert - ist erwachsen geworden -, aber die Freude am Schreiben ist ungetrübt.
Tannengeflüster - Kalenderblatt 10

Tannengeflüster - Kalenderblatt 10

Tannengeflüster

Im tiefen Forst, wo das Licht wie staubiges Gold durch die hohen Kronen rieselt, beginnt ein ganz leises Zittern. Ein Wispern, das nur jene hören, deren Herz noch Wurzeln hat. „Er kommt.“ So rauscht es von Nadel zu Nadel, wie ein geheimer Atemzug. Die Tannen beugen sich kaum merklich gegeneinander, als wollten sie sich Mut schenken. Harzduft steigt auf, warm wie ein letzter Fluch, süß wie ein Gebet. Der Holzfäller schreitet durch den Morgen, seine Axt schimmert im ersten

Frost. Er denkt an Kaminfeuer, an Wärme, an ein schlichtes Leben. Doch die Bäume denken an Zeit – an Jahr für Jahr, an Schnee und Stille, an die unsichtbaren Geschichten, die in ihren Jahresringen leuchten. „Haltet stand“, tuschelt die älteste Tanne, knorrig und doch voller Würde. „Er sieht nur Holz. Wir aber sind Lied.“ Und für einen flüchtigen Moment scheint der Wald aufzusteigen, ein Chor aus Harz und Hoffnung, der den Wind bittet, seine Stimme zu bündeln. Vielleicht, nur vielleicht, verharrt der Holzfäller. Vielleicht spürt er etwas in der Luft, etwas, das nach Erinnerung klingt.

Vielleicht senkt er die Axt. Vielleicht nicht. Doch in diesem Atemzug zwischen Entscheidung und Schicksal klingt ein Tannengeflüster, das selbst dem Winter Trost schenkt: „Wir sind noch hier. Und solange wir rauschen, lebt das Licht im Wald.“

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Hörbuch

Über den Autor

KatharinaK
Ich erinnere mich noch gerne meiner allerersten Zeilen - ein Schulgedicht:
Der Winter ist ein Bösewicht,
die Bäume tragen Schneegewicht,
die Stämme sind kahl
und so schwarz wie ein Pfahl,
die Felder sind weiß
und auf dem See liegt Eis.
In den seither vergangenen Jahrzehnten hat sich mein Schreibstil sicher geändert - ist erwachsen geworden -, aber die Freude am Schreiben ist ungetrübt.

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Darkjuls Da bin ich ganz bei Dir und mein Herz schlägt für die Tannen im Wald. Sehr schön in Worte gefasst. Es grüßt Marina
Vor ein paar Monaten - Antworten
Phantasus Hallo Katharina,
wer eine Seele hat, fühlt mit den Tannen.
Liebe Grüße
Phantasus (Ekki)
Vor ein paar Monaten - Antworten
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