Glosse zum 2. Advent „Wenn zwei Kerzen brennen – und alles andere ebenfalls“
Der zweite Advent ist ja angeblich der Moment, in dem die Ruhe langsam Form annimmt.
Ein leises Doppelflammen-Ritual,
zwei Kerzen, zwei Versprechen, zwei Chancen auf Frieden.
So steht’s zumindest im seelischen Werbeprospekt.
In der Praxis jedoch hat der zweite Advent die charmante Angewohnheit, sich wie ein Countdown anzufühlen:
Noch zwei Wochen bis Weihnachten.
Noch 13 Tage bis zu den großen familiären Endgegnern.
Noch 3000 Minuten bis zum Erkenntnisschock:
„Warum habe ich eigentlich noch kein einziges Geschenk?“
Die Kerzen brennen beschaulich—
dafür brennen im Hintergrund auch Nervenenden, Energiereserven
und gelegentlich der Backofen,
weil man gleichzeitig Plätzchen backen,
den Tee ziehen lassen und zumindest zwei seelische Großbaustellen verwalten wollte.
Der zweite Advent ist ein freundlicher Scherz des Kalenders.
Er tut so, als wolle er uns einbetteln in sanftes Licht, doch in Wahrheit legt er nur den Finger auf den Puls und sagt: „Na? Merkst du’s schon? Jetzt geht’s richtig los.“
Und während draußen die Welt glitzert,
glimmt drinnen das schlechte Gewissen,
man möge doch endlich zur Ruhe kommen.
Eine hübsche Idee—
würde sie nicht konsequent sabotiert
von To-do-Listen, deren Länge bedrohliche Ausmaße annimmt
wie ein Tannenbaum, der merkt,
dass er jetzt gleich ins Wohnzimmer gezerrt wird.
Aber vielleicht ist es genau das,
was uns der zweite Advent zuflüstert:
Nicht Perfektion.
Nicht Friede auf Knopfdruck.
Sondern nur ein kleines Doppellicht,
das sagt:
„Atme. Auch wenn alles brennt—
du brennst wenigstens schön.“.