Kurzgeschichte
Wie kam der Schmuck an den Weihnachtsbaum? - Der Lehrling und der Baum

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"Wie kam der Schmuck an den Weihnachtsbaum? - Der Lehrling und der Baum"
Veröffentlicht am 06. Dezember 2025, 12 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Über den Autor:

Ich erinnere mich noch gerne meiner allerersten Zeilen - ein Schulgedicht: Der Winter ist ein Bösewicht, die Bäume tragen Schneegewicht, die Stämme sind kahl und so schwarz wie ein Pfahl, die Felder sind weiß und auf dem See liegt Eis. In den seither vergangenen Jahrzehnten hat sich mein Schreibstil sicher geändert - ist erwachsen geworden -, aber die Freude am Schreiben ist ungetrübt.
Wie kam der Schmuck an den Weihnachtsbaum? - Der Lehrling und der Baum

Wie kam der Schmuck an den Weihnachtsbaum? - Der Lehrling und der Baum

Der Lehrling und der Baum


In den Wintern des frühen 15. Jahrhunderts lag Schlettstadt oft wie eingepackt unter einer schweren, weißen Decke. Der Schnee knirschte unter jedem Schritt, und über den Dächern hing der Rauch der Backstuben wie eine träge Erinnerung an vergangene Sommer. In einer dieser Backstuben arbeitete der junge Mathis, Lehrling des Bäckermeisters Johann Höllweg. Mathis war ein stiller Bursche, schmal wie ein Stück Brotrinde, mit Händen, die immer nach Teig rochen. Seine Aufgaben

bestanden meist darin, die Ofenreste zu kehren und die Holzscheite zu stapeln. Nur selten durfte er helfen, wenn es darum ging, Lebkuchenformen zu füllen oder Honigkuchen zu verzieren. Für den Meister war er noch „das Kind“, zu jung, zu unerfahren, zu unbedeutend. Doch an diesem Dezembertag brütete Johann über einer Sorge. Der Weihnachtsmarkt sollte beginnen, und die anderen Zünfte hatten bereits phantasievolle Schaustücke vorbereitet. Die Gerber stellten ein Ungeheuer aus Leder aus, die Schmiede präsentierten funkelnde Eisensterne, und selbst die Metzger hatten einen Brunnen errichtet,

aus dem klares Wasser über ein Schweinemodell plätscherte. „Wir brauchen etwas, das die Leute anzieht“, murmelte der Meister zum hundertsten Mal. „Etwas, das zeigt, dass die Bäckerzunft nicht im Mehl versinkt wie ein alter Teigklumpen.“ Mathis hörte diese Klagen, während er Holz nachlegte. Ein Gedanke, kaum mehr als ein winziger Funke, sprang ihm dabei zu. Er erinnerte sich an das Paradies-Spiel, das jeden 24. Dezember auf dem Marktplatz gezeigt wurde: Adam und Eva, die Schlange, und ein Baum – geschmückt mit roten Äpfeln. Ein Bild,

das sich tief in sein Kinderherz gegraben hatte. Ein Baum, dachte er. Ein Baum, der lockt. Ein Baum, der leuchtet. Am Nachmittag fasste er Mut. „Herr“, begann er zögerlich, „wir könnten einen Baum aufstellen. Und… ihn mit Gebäck schmücken.“ Der Meister blieb mitten im Kneten stehen. „Mit Gebäck?“ fragte er so scharf, dass Mathis zusammenzuckte. „Ja“, sagte der Junge. „Mit allem, was wir machen können. Lebkuchensterne, Anisplätzchen, vielleicht sogar Zuckerfäden…“

Johann starrte ihn lange an. Dann brummte er, ohne deutliches Ja oder Nein: „Wenn du die Zeit findest, Kind – versuch’s. Aber erwarte nicht, dass ich dich aus der Patsche ziehe, wenn das Ganze aussieht wie ein Vogelnest.“ Das war die ganze Erlaubnis, die er brauchte. Mathis machte sich bei Einbruch der Dämmerung auf den Weg. Der Wald war nah, die Stille schwer. Er suchte lange nach einer kleinen Tanne, die frisch und kräftig war, und schleppte sie schließlich mühselig zurück in die Backstube. Der Meister schnaubte nur, als er sie sah, doch er ließ Mathis gewähren.

In der folgenden Nacht lernte Mathis die Backstube in einem neuen Licht kennen. Der Ofen glühte wie ein schläfriges Tier, und die Teigdüfte mischten sich mit dem winterlichen Harzgeruch. Mathis arbeitete schweigend, aber mit einem Eifer, den niemand bei ihm vermutet hätte. Er stach Sterne aus, die im warmen Ofen eine goldene Farbe annahmen. Er knetete Herzen, deren Ränder im Licht glänzten. Er tauchte Trockenfrüchte in Honig und ließ sie erstarren wie kleine Tropfen aus Bernstein. Und aus altem Zucker, den der Meister längst abgeschrieben hatte, zog er dünne, durchsichtige Fäden, die im Kerzenschein schimmerten.

Während er arbeitete, vergaß er die Müdigkeit. Es war, als ob die Tanne selbst leise zu ihm sprach: Mach mich schön, damit ich den Menschen Freude bringe. Gegen Morgen war es soweit. Müde, aber stolz, stellte Mathis den fertigen Baum vor den Meister. Johann blieb stehen. Er sagte zuerst nichts. Dann trat er näher, hob vorsichtig einen der Lebkuchensterne und ließ ihn durch die Finger gleiten. „Nun, Kind“, begann er und holte tief Luft, „das… das hat Hand und Fuß.“ Es war das größte Lob, das Mathis je bekommen hatte.

Auf dem Weihnachtsmarkt wurde der Baum vor der Backstube aufgestellt. Kaum stand er da, versammelten sich die ersten Menschen. Kinder streckten die Hände nach den Honigfrüchten aus, Frauen lächelten über die feinen Zuckerfäden, und Männer nickten anerkennend, als sie die sorgfältig gebackenen Sterne sahen. „Wer hat das gemacht?“ fragte ein Händler. Mathis wollte schon zurücktreten, doch der Meister legte ihm eine schwere Hand auf die Schulter. „Mein Lehrling“, sagte Johann laut und deutlich. „Er hatte die Idee. Und er hat die halbe Nacht gearbeitet.“

Es war, als hätte Mathis einen Schritt getan, der sein ganzes Leben veränderte. Ein Schritt aus dem Schatten, hinein in ein warmes Licht. Der Baum wurde zum Gesprächsthema des Marktes. Im nächsten Jahr schmückten andere Bäcker ihre Tannen ebenfalls mit Gebäck. Dann die Familien. Dann ganze Städte. Die Tradition wanderte weiter, wurde größer, bunter und vielfältiger – doch ihr Ursprung blieb in jener Nacht verborgen, in der ein junger Lehrling nichts anderes wollte, als ein wenig Weihnachtsfreude in die Dunkelheit zu tragen. Und so erzählt man noch heute im Elsass, wenn die Lichter angehen und die

ersten Plätzchen duften, von jenem Jungen, der einen Baum mit Süßem schmückte – und damit ein ganz neues Leuchten in die Welt brachte.

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Hörbuch

Über den Autor

KatharinaK
Ich erinnere mich noch gerne meiner allerersten Zeilen - ein Schulgedicht:
Der Winter ist ein Bösewicht,
die Bäume tragen Schneegewicht,
die Stämme sind kahl
und so schwarz wie ein Pfahl,
die Felder sind weiß
und auf dem See liegt Eis.
In den seither vergangenen Jahrzehnten hat sich mein Schreibstil sicher geändert - ist erwachsen geworden -, aber die Freude am Schreiben ist ungetrübt.

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Phantasus Hallo katarina,
ein ermunternder Text, für alle, die noch unbedeutend im Schatten stehen.
Liebe Grüße
Ekki
Vor ein paar Monaten - Antworten
KatharinaK Das war mein Bestreben, Phantasus. Schönen 2. Advent.
Katharina
Vor ein paar Monaten - Antworten
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