Fotograf ist Miles Iwes,
gefunden auf unsplash..
Hilferuf im Zinkental
Eine wahre Begebenheit über Mut, Angst
und den Willen, nicht aufzugeben.
Vorwort:Manchmal verändert ein einziger Moment alles.
Ein falscher Schritt, ein Ausrutschen, eine Sekunde
Unachtsamkeit – und plötzlich steht ein Mensch
allein mitten in der Natur und kämpft
darum,
weiterzukommen.
Diese Geschichte erzählt von einem solchen Moment.
Von einer Wanderung in den Bergen, die mit
Begeisterung begann und sich plötzlich in
einen Kampf gegen Schmerz, Kälte und Angst
verwandelte.
Doch sie erzählt auch von Hoffnung.
Von der Kraft, nicht aufzugeben,
selbst wenn man glaubt, am Ende
seiner Kräfte zu sein.Und sie erzählt von
Menschen,
die helfen, ohne lange zu fragen.
© 2026 Pamola Grey
Alle Rechte vorbehalten.
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Hilferuf im Zinkental
Allein unterwegs beim Bergwandern spürte ich die Einheit mit der Natur,
dieses überwältigende Gefühl, auf einem Gipfel zu stehen. Ich startete
an der Postalm und wollte auf den Labenberg (1.642 m). Dann die
Südwestflanke hinunter, vorbei am
Zinkenbach, der vom Hohen Zinken
(1.764 m), Osterhorn (1.742 m) und Pitschenberg (1.720 m) kam.
Alles schien friedlich – bis zur Brücke über den Klausbach.
Die Brücke war breit, betoniert, ohne Geländer. Ich ging am oberen
Rand, als plötzlich mein linker Schuh wegrutschte. Sekunden später
fiel ich; das Bachbett wartete 1,8 bis 2,2 Meter tiefer. Ich sackte
zusammen. Mein linker Arm schlug unbewusst vor mein Gesicht,
die Nase blutete, Stirn, Ellenbogen, Knie – überall brannte
es.
Mein rechter Fuß fühlte sich fremd und schwer an,
das Sprunggelenk tat höllisch weh.
„Was machst du jetzt?“ dachte ich.
Ich musste einen klaren Kopf bewahren. Den Stein, den ich für
Marita mitgebracht hatte, legte ich vorsichtig aus dem Rucksack
beiseite. Ich packte Kamera und Handy zusammen. Akku und
Schale hatten sich gelöst, aber alles funktionierte
noch.
Ich musste die Böschung hoch, Schritt für Schritt.
Jeder Hümpel war ein Kampf. Mein linker Fuß trug
mein ganzes Gewicht, das rechte Knie stieß immer
wieder gegen Felsen, Blut durchtränkte meine Hose.
Endlich erreichte ich die Forststraße, doch mein Handy
zeigte immer noch kein Netz. Ich musste weiter – Richtung
Brücke, höher, an eine Stelle, die frei und sichtbar
war.
Die Schmerzen wurden stärker, die Kälte kroch durch
meine Kleidung. Ich rief um Hilfe, so laut ich konnte.
Meine Stimme hallte durch das Zinkental.
Immer wieder sah ich auf die Uhr – die Zeit rann
wie Sand durch meine Finger. Die Angst war
überwältigend, die Gedanken wirr.
„Was, wenn mich niemand findet?
Marita, die Kinder
…“
Dann hörte ich das Summen von Rotorblättern.
Ein Hubschrauber, am Hohen Zinken, kreiste.
Mein Herz schlug schneller. Ich winkte, rief,
versuchte gesehen zu werden.
Die Maschine flog weiter.
Doch ich gab nicht auf.
Stunden fühlten sich wie Minuten an.
Ich fror, zitterte, doch mein
Hilferuf
hallte weiter durch das Tal.
Plötzlich rief jemand:
„Hallo! Wo bist du?“
Ein Mann!
Ich antwortete sofort. Ich konnte ihn sehen,
er kam mir entgegen, Schritt für Schritt.
Glücksgefühle überströmten mich,
als er näherkam.
„Vorsicht, die Brücke ist rutschig!“ rief
ich.
Er lachte und ging vorsichtig weiter –
die letzten Meter schafften wir gemeinsam.
Der Hubschrauber landete sanft auf der
Forststraße. Ich setzte mich vorsichtig,
hielt mich an den Helfern fest.
Endlich in Sicherheit.
Tränen liefen unkontrolliert über mein Gesicht.
Ich war
gerettet.
Die Piloten waren freundlich, ruhig,
professionell. Sie flogen mich ins
LKH Salzburg.
In diesem Moment spürte ich etwas,
das tiefer ging als Freude:
Dankbarkeit.
Denn nicht die Glücklichen sind dankbar,
sondern die Dankbaren sind glücklich.
In diesem Augenblick war ich beides.
30.10.2011, ca. 13:10 Uhr.