
Der Schnee bewegt sich.
Er sollte still liegen, eine weiße Decke, aber ich sehe, wie er ganz fein hebt und senkt, als hätte der Berg darunter eine Lunge. Jeder meiner Schritte lässt ein kaum sichtbares Zittern durch die Fläche laufen. Ich spüre es in den Knochen, obwohl kein Laut in meine Welt dringt.
Meine Füße sind taub und brennen gleichzeitig. Die Kälte kriecht mir bis in die Schienbeine, schneidet sich in die Gelenke, aber irgendwo darunter ist es warm, unnatürlich
warm, als würde etwas im Boden antworten. 1980 ist unten im Tal, Fernsehen, Lärm, Motorengeräusche – hier oben gibt es nur dieses weiße Tier, das uns alle bedeckt.
Die Asche an meinen Armen hat Risse bekommen. Schwarze Schuppen auf blasser Haut. Wenn ich den Unterarm anspanne, springen kleine Flocken ab und fallen in den Schnee, werden zu dunklen Punkten, die tiefer aussehen, als sie sollten. Als könnte man hineinfassen und verschwinden.
Ich ziehe die Hände vor den Brustkorb, die Finger kalt, aber beweglich. Sie wissen, was sie tun müssen. Die rechte Hand fährt hoch, Finger gespreizt, ein schneller Bogen nach außen, dann abrupt nach unten, Handkante vor den Bauch, ein hartes Abdrücken. Die linke folgt, streicht halbkreisförmig in die Luft, zieht dann die Finger ein, als würde sie etwas Unsichtbares greifen. Die Luft wirkt dicker dort, wo ich sie schneide.
Zwischen den Kiefern sehe ich ihn:
den Holzfäller.
Sein Mantel ist geflickt, braun, an den Rändern vom Schnee zu hartem Grau verkrustet. Der Atem steigt als Dampf aus seinem Kragen, zersplittert im Wind, den ich nicht hören kann. Seine Bewegungen sind schwer und sicher, die Axt über seinem Kopf, der Körper im Rhythmus.
Nur sein Schatten macht nicht mit.
Der Schatten ist zu spät. Einen Herzschlag lang hackt nur der Körper, dann zieht der Schatten
hinterher, verzerrt, gedehnt, als hinge er an einem anderen Licht. Manchmal lockert er sich vom Boden, schwappt, fließt ein Stück den Stamm hoch, als wolle er sich lösen, als sei er eine eigene, lebendige Masse.
Der Warn.
Etwas in meiner Brust zuckt. Ein schneller Druck hinter dem Brustbein, als würde jemand von innen dagegen klopfen. Meine Hände heben sich wieder. Die Finger formen eine scharfe, schräge Linie von der Schulter in die Luft,
brechen mitten im Bogen ab, fahren ruckartig nach innen, an das Brustbein, Fingerkuppen presst du gegen Knochen, dann ein kleines Stoßen vorwärts.
Die Luft flimmert auf Armlänge, einen Moment lang, als wäre sie zu heiß für Winter.
Der Holzfäller dreht sich. Sein Gesicht kommt mir vor wie ein Bild, das jemand verrutscht hat: Ein Auge einen Tick zu hoch, der Mund im ersten Moment zu breit, im zweiten wieder normal. Seine Lippen bewegen sich, schnell,
gehetzt, aber es gibt keinen Ton, nur die Form, das rote Fleisch, das aufgeht und wieder zufällt.
Hinter ihm flattert der Schatten. Er zieht lange, dünne Streifen über den Schnee, als schmiere jemand schwarze Farbe mit zittriger Hand.
Ich bücke mich. Der Stein, den ich nehme, ist glatt, fast rund. Er sollte kalt sein, aber er pulst unter meinen Fingern, ein dumpfes, langsames Schlagen, das sich an meinen eigenen Herzrhythmus hängt und ihn durcheinander bringt. Es fühlt sich an, als würde
ich einen lebendigen, schlafenden Kopf halten.
Ich gehe auf ihn zu. Meine Knie sind weich, der Schnee gibt nach, als wäre er nicht fest, sondern eine hautdünne Schicht über etwas Flüssigem. Wir stehen nur noch einen Armlängen voneinander entfernt, als sein Mund wieder aufreißt. Zähne, rosa, dunkler Schatten zwischen den Lippen. Der Schatten hinter ihm kriecht ihm den Rücken hoch, legt sich wie ein Kragen um seinen Hals.
Der Stein fällt.
Kein Geräusch. Aber mein Arm vibriert, bis hoch in die Schulter. Ein kurzer, dumpfer Schmerz in den Sehnen. Seine Augen werden groß, dann klein, dann leer. Der Körper knickt ab, als hätten ihm jemand die Knie aus dem Holz geschnitten. Der Schatten am Boden zuckt, windet sich, zieht sich zu einem engen, schwarzen Tropfen zusammen, der im Weiß flimmert und dann auseinanderläuft wie Tinte.
Ich knie neben ihm. Seine Wärme steigt in meinen Händen hoch. Die
Hitze kriecht mir in die Finger, in die Pulsadern, wandert in die Brust. Mein Herz schlägt zu schnell, zu hart, zu warm.
Meine Hände zeichnen einen Kreis. Fingerkuppen knapp über dem Schnee, der linke Zeigefinger führt, die rechte Hand folgt, halb geöffnet. Der Kreis wird schief, zieht sich enger zusammen, als hätte der Boden seine eigene Vorstellung von Form. Unter meiner Bewegung scheint der Schnee ein wenig einzusacken.
Ich streiche ihm einmal über die
Stirn, der Handschuh fehlt, die Haut unter meinen Fingern ist klebrig. Ich spüre, wie meine Fingerkuppe dort kurz hängen bleibt. Dann stehe ich auf und gehe.
Der Wald atmet mir in den Rücken. Oder der Berg. Oder etwas darunter.
In der Hütte riecht es nach kaltem Rauch und altem Fett. Die Holzbohlen knacken, langsam, als würden sie sich im Schlaf umdrehen. Ich sitze auf dem Boden, die Knie angezogen, und zeichne
mit dem Zeigefinger kleine Kreise in den Staub. Jeder Kreis wird irgendwann zu einem Strich, der sich nach oben reckt, als würde er wegwollen.
Wenn ich die Augen schließe, sehe ich Licht. Nicht warm, nicht freundlich. Ein schneidendes, goldenes Licht, das Kanten in mein Innen legt. Eine Fahne, ein Rand aus Gold, ein Stoff, der sich bewegt, obwohl kein Wind durch mein Gedächtnis geht.
Jeanne.
Manchmal sehe ich sie deutlich: Rüstung, Kerben im Metall, ein Gesicht, das nicht alt und nicht jung ist. Manchmal ist sie nur ein Gewicht in meinem Brustkorb, eine Richtung, ein Drängen, ein warmes, hartes „Weiter“.
Meine Hände heben sich vor meinen Mund, als würden sie beten. Die Finger zeichnen eine breite Form über meiner Brust, eine Art schräges Rechteck, dann gleiten sie nach oben, streifen den Hals, halten dort einen Herzschlag lang, bevor sie wieder nach unten fahren, hart, kurz, mittig. Etwas in
mir beruhigt sich, etwas anderes beginnt zu brennen.
Jeanne steht dann im Türrahmen meiner Hütte. Nur so lange, bis ich blinzle. Dann ist da nur Holz. Nur Schatten. Nur Asche.
Am Morgen liegt das Dorf unter einem Himmel, der wie altes Papier aussieht. Grau, dünn, zu nah.
Der Pickup vom Müller steht vor dem Haus, der Auspuff spuckt unsichtbaren Dampf in die Luft. Ich sehe nur die Vibration am Metall,
wie eine dünne Zitterlinie. Der Junge schleppt Säcke, seine Mütze ist ihm über ein Ohr gerutscht. Er tritt den Schnee fest, und bei jedem Tritt springen kleine, harte Brocken nach oben und zerfallen zu weicher Fläche.
Seine Augen sind klar, hell. Zu hell. Sein Mund zieht sich zu einem Lächeln, und das Lächeln sitzt wie eine Maske auf dem Gesicht, als hätte jemand es zu weit oben aufgeklebt. Im nächsten Moment passt alles wieder. Vielleicht.
Sein Schatten aber zieht lange
Fäden hinter ihm her. Schmal, dunkler als die anderen. Er kriecht den Reifen hoch, legt sich über die Stoßstange, schiebt sich flach über den Boden, als hätte er keine Schwerkraft, nur Hunger.
Der Warn.
Ich bleibe stehen. Meine Hände heben sich von alleine. Die rechte zeichnet einen scharfkantigen Halbkreis vom Kopf nach vorne, die Handfläche dreht sich im letzten Moment nach unten, als würde sie etwas niederdrücken. Die linke Hand zieht sich schnell an den
Bauch, Finger gekrümmt, als hielten sie etwas, das sich windet.
Die Luft zwischen mir und ihm flirrt. Nur einen Augenblick. Ein leichtes Verzerren der Umrisse, als hätten alle Dinge kurz vergessen, wo sie aufhören.
Der Junge sieht mich, erkennt mich, sieht meinen Mantel, meine Asche, meine nackten Füße. Sein Lächeln wird kleiner, dann größer, dann schwimmt es. Seine Lippen bewegen sich, formen meinen Namen oder einen Gruß oder ein „Was machst du da?“. Ich weiß es
nicht. Ich sehe es, aber es bleibt Fläche. Keine Tiefe.
Ich gehe los. Vielleicht renne ich, vielleicht nicht. Der Schnee unter mir fühlt sich plötzlich weich an, federnd, als wäre er nicht gefroren, sondern eine Matratze. Der Abstand schrumpft, meine Hände fahren vor, greifen nach seinem Kragen. Der Stoff ist rau, reißt ein wenig, als ich ziehe.
Sein Körper kippt zurück. Sein Rücken trifft die Stoßstange. Der Aufprall läuft als Vibration durch das Metall, durch den Boden, durch
meine Beine, bis hoch in den Kiefer. Kein Ton. Nur dieses dumpfe, körperliche Erzittern.
Der Warn über ihm bäumt sich auf. Der Schatten flackert in alle Richtungen, wird dicker, wird dünner, streckt sich wie Kaugummi über den Schnee, zieht sich wieder zusammen. Er sieht aus wie Rauch, der keine Richtung kennt.
Ich hebe einen liegengebliebenen Stein. Meine Finger sind rutschig, ich spüre die Oberfläche kaum. Der erste Schlag lässt meine Handflächen brennen. Der zweite
macht meine Schultern heiß. Der Schatten über dem Jungen zerreißt in längliche Schnipsel, die sich wie dunkle Konfetti im Weiß verteilen und dort eine Sekunde lang liegen bleiben, bevor sie einfach… verschwinden.
Der Junge liegt still. Seine Augen sind offen, als hätte er gerade etwas gesehen, das ich nicht sehen kann. Schmelzende Schneekristalle kleben an seinen Wimpern.
Ich nehme eine Handvoll Schnee und streue sie ihm über die Lider. Sie schmelzen langsamer als eben.
Ein kleiner Rinnsal läuft ihm an der Schläfe herunter. Meine Hände zeichnen eine schmale Bewegung über seiner Stirn, einmal quer, dann ein kurzer Druck mit zwei Fingern mitten auf die Stirn, als würde ich etwas hinein- oder herausdrücken.
Ich spüre, wie mein Magen sich umdreht. Luft brennt in meiner Brust, obwohl sie kalt ist. Der Pickup vibriert noch immer leicht, als könne der Motor nicht entscheiden, ob er laufen oder sterben will.
Ich drehe mich um und gehe. Der Hang hinauf. Weg vom Dorf. Weg vom Metall. Weg von den Augen, die irgendwann sehen werden, was im Schnee liegt.
Der Berg nimmt mich wieder auf wie ein Loch.
Später stehe ich im Kreis aus Asche. Die Nacht hat keine Farbe mehr, nur Kälte. Die Bäume um mich herum wirken wie aufgemalt, zu flach, zu hart, als wären sie Kulissen.
Die Asche auf dem Schnee verteilt sich nicht gleichmäßig. Es gibt Klumpen, Häufchen, Lücken. Manchmal scheint es, als würden die dunklen Stellen atmen. Meine Zehen graben sich hinein, spüren warme Krümel zwischen kalten Körnern.
Ich schwenke eine alte Blechdose, darin trockene Kräuter, die an verbrannten Tee erinnern. Der Rauch steigt nicht gerade nach oben, sondern in schiefen Linien. Er krümmt sich um meine Handgelenke, wickelt sich kurz um meine Finger und verschwindet
dann nach unten, statt nach oben.
Meine Hände tanzen. Große Bögen, plötzlich abgebrochen, Finger, die ruckartig stoppen, dann wieder ausschlagen. Eine Handfläche an die Brust, eine nach außen, ein schnelles, nervöses Vibrieren der Finger, als wackelten sie vor Angst oder Erregung oder beidem. Der Kreis aus Bewegung fühlt sich an wie ein Netz.
Zwischen zwei Atemzügen steht sie da.
Jeanne.
Kein Geräusch, kein Auftritt. Sie ist einfach. Ein Umriss, der zu stark ist für diese Nacht. Der Rand ihrer Rüstung glüht leicht im Mondlicht, als hätte sie gerade Feuer gesehen. Ihr Banner scheint aus etwas gemacht, das weder Stoff noch Licht ist. Es hängt schwer und doch bewegt es sich, als würde etwas Unsichtbares daran ziehen.
Ihre Augen… ich sehe sie nicht richtig, nur zwei Stellen, die heller sind als der Rest. Sie hebt die Hand, langsam, die Finger gespreizt, und deutet den Hang hinunter. Zum
Dorf. Zum Pickup. Zu dem, was ich getan habe. Oder tun soll. Oder immer wieder tue.
Meine eigenen Finger antworten, bevor ich darüber nachdenken kann. Beide Hände hoch, Handflächen nach außen, ein Ruck nach innen, als würde ich mir etwas vor die Brust ziehen, dann ein hartes Stoßen in Richtung Dorf, Finger wie Speerspitzen. Mein Herz stolpert bei der Bewegung, schlägt einmal zu hart, einmal zu gar nicht.
Der Warn kriecht in den Schneekrümeln zu meinen Füßen.
Ich sehe ihn nur als leichtes Flimmern, als ein Wackeln der Konturen, als einen Schatten, der keine Quelle hat. Er kriecht auf Jeanne zu. Oder von ihr weg. Oder durch sie hindurch.
Ich weiß nicht, wie lange ich da stehe. Die Haut an meinen Armen ist taub, die Asche dort fühlt sich an wie eine Schale, die jeden Moment aufbrechen könnte.
Lichter im Weiß. Zu viele auf einmal.
Der Schnee im Dorfhof ist plattgetreten, der Boden darunter hart. Stiefel, Mäntel, Jacken, Mützen – alles in Bewegungen, die zu schnell sind. Münder, die aufgehen, wider zuschlagen, Zähne, rosa Zungen, sichtbarer Atem, der in kleinen Wolken explodiert.
Ich sehe, wie Hände in meine Richtung zeigen. Schwarze Punkte im Schnee dort, wo jemand gestolpert ist. Eine Spur, die vom Pickup wegführt, eine Spur, die vom Wald kommt. Meine Spur. Vielleicht.
Der Warn liegt flach über dem ganzen Platz. Dünn wie eine Folie, schimmert über den Schuhen, schiebt sich an Hosenbeinen hoch, legt sich über Jacken. Sobald ich direkt hinsehe, verschwindet er, aber aus dem Augenwinkel ist er überall. Ein Zittern in der Luft, ein falscher Winkel, ein zu dunkler Fleck.
Ich hebe die Hände, weil sie wissen, was sie tun müssen. Hoch, Finger gespreizt, ein harter Schnitt nach unten, als wolle ich diesen flachen, dunklen Film zerschneiden. Die Bewegung zieht sich in meine
Unterarme, es fühlt sich an, als würden die Sehnen zu kurzen Saiten.
Die Gesichter vor mir werden weich, als hätten sie plötzlich zu viele Kanten verloren. Ein Mann tritt vor, sein Mantel offen, die Knöpfe wie stumpfe Augen. Er packt mich an der Schulter. Der Druck ist echt, aber seine Hand scheint kurz doppelt. Im nächsten Moment nur noch einfach. Mein Blick rutscht.
Eine zweite Hand greift nach meinen Händen. Sie drückt sie nach
unten, an meine Hüfte, hält die Handgelenke fest. Meine Finger zucken weiter, kleine, abgebrochene Bewegungen, als würden sie alleine weiterreden wollen. Kleine Kreise, zuckende Linien, ein Rucken gegen die Haut, die sie hält.
Der Warn hebt sich in einer Welle hinter der Menschenmenge, als wolle er aufstehen. Schnee an den Rändern zittert, eine Laterne flackert, obwohl kein Windzug zu sehen ist. Für den Bruchteil eines Augenblicks sehe ich Jeanne zwischen ihnen stehen – oder eine
Frau, oder nur Licht, das sich an etwas bricht. Ihr Banner, oder ein Schatten, oder ein langgezogener Atemzug.
Dann drängen sie mich vorwärts. Zum Auto. Zum Metall. Zu Türen, die sich wie Münder schließen. Meine Füße verlieren den Schnee, finden Blech, Gummi, einen Boden, der viel zu hart und viel zu eben ist.
Die Tür schlägt zu. Ich sehe, wie sie sich bewegt. Ich sehe, wie der Gummi in der Fuge kurz vibriert. Ich fühle den Stoß durch den Sitz,
in meinen Rücken.
Kein Laut. Alles weiß, alles eng, alles warm und kalt zugleich.
Meine Hände liegen in meinem Schoß, Handgelenke noch immer im Griff. Die Finger zucken. Ein letztes Mal.
Die linke zeichnet eine kleine, schiefe Kreisbewegung, kaum größer als eine Münze. Die rechte zieht eine kurze Linie in die Luft, abgehackt, als würde sie ein Wort abschneiden, bevor es fertig ist.
Der Warn klebt an der Scheibe. Oder es ist nur das Spiegelbild meines Gesichts.
Der Motor bewegt sich. Ich sehe an den Vibrationen des Lenkrads, an der zitternden Spiegelkante, dass etwas unter der Haube arbeitet. Das Auto setzt sich in Bewegung. Der Schnee draußen fließt rückwärts. Das Dorf wird kleiner. Die Berge größer. Oder umgekehrt.
Der Schnee hebt und senkt sich, als würde er lachen. Oder atmen. Oder schlafen.
Ich höre nichts.
Aber alles in mir klingt.