
Der Schnee fiel in großen Flocken, als wollte er die Welt zudecken, damit sie endlich Ruhe gäbe. Zwischen den stummen Bäumen stand eine Hütte, klein wie ein Atemzug, alt wie ein Versprechen. Schindeln klirrten im Wind. Das Dach ächzte, doch es hielt stand — so wie es jeden Winter gehalten hatte, seit die Zeit beschlossen hatte, die Wahrheit in Holz zu schnitzen. Drinnen brannte ein Feuer, das mehr aus Erinnerungen bestand als aus Holz. Die Wände waren mit Ruß überzogen, in den Ecken standen Stricke, alte Säcke, ein paar sorgfältig gegerbte Felle. Auf einem groben Tisch lagen Glocken, ein zahnradbestückter Stab, ein
Kupferpfennig und ein gebundenes Buch, das niemand geschrieben hatte — es schrieb sich selbst, wenn die Nacht es verlangte. Niklos trat als Erster ein. Er schüttelte den Schnee von seinem Mantel aus Schatten, setzte den schiefen Zylinder zurecht und zündete seine Pfeife an. Aus dem Rauch stiegen wie immer die kleinen Gesichter auf — flüchtige Geständnisse, die den Weg zu ihm fanden. Klas verzog den Mund. „Musst du gleich damit anfangen? Kaum bin ich hier, starren mich schon fünf tote Geheimnisse an.“ Niklos’ Augen glühten. „Sie starren nicht
dich an, Klas. Sie starren sich selbst an. Ich bin nur das Fenster.“ Ein Funke sprang aus der Glut, und für einen Herzschlag schimmerte an den verrußten Balken ein Bild — Niklos, wie er durch mondlose Gassen schreitet, die Kette aus Reue in der einen Hand, das drehende Zahnrad in der anderen. Der Rauch seiner Pfeife kräuselte sich zu Gesichtern, die um Vergebung baten. Und im Echo der Vision flüsterte etwas: Vergib, bevor du vergiftest. Der Funke erlosch. Bartl duckte sich durch den Türrahmen. Er wirkte wie ein Stück Gebirge, das beschlossen hatte, heute Beine zu haben. Sein Fell roch nach Wald, sein Atem
nach Harz. „Ihr seid zu hell hier drinnen“, brummte er. „Der Berg schläft. Und wenn er schläft, will er keine Beichten hören.“ Doch als er sich setzte, bebte die Erde unter ihm — und die Hütte atmete die Erinnerung an Bartl aus: Wurzeln, die wie Knochen wachten. Höhlen, die Dampf ausstießen. Eine schwere Hand, die Verlorene heimführte, wenn der Schneesturm zu tödlich wurde. Ein Kettenklirren, dumpf, weich wie Dankbarkeit. Klas, der leichtfüßigste unter ihnen, hüpfte auf den Schemel neben dem Tisch. Seine Mütze hing schief, seine Bänder tanzten im Licht. „Ihr seid alle so
schrecklich ernst“, grinste er und pfiff eine Melodie, die der Wind aufgriff. „Das Jahr ist alt genug, dass man es necken darf.“ Das Feuer schlug kurz höher — und vor den Wänden tanzte sein Bild: lässig an Türen lehnend, einen Kupfertaler in der Hand, den er einem frierenden Kind zuschob; ein Windstoß, der einen erloschenen Kamin erneut entzündete; ein Lächeln, das zugleich wärmte und warnte. Ein Prüfstein aus Spott und Sanftmut. „Wir wissen doch alle, dass du ohne Drama nicht kannst“, kicherte Klas in Richtung Niklos. „Und du nicht ohne Kichern“, brummte
Piet und kam herein, langsam wie ein Gesetz. Die Ketten an seiner Brust rasselten leise. Jede Glocke vibrierte — kaum hörbar, aber die Luft wurde dichter. Piet setzte sich schweigend ans Feuer, legte die Kette behutsam auf den Tisch. Eine Glocke begann zu summen. Klas verzog das Gesicht. „Schon wieder jemand?“ „Immer jemand“, sagte Piet. „Die kleinen Dinge sind die schlimmsten. Du weißt das.“ Der Schatten seiner Maske glitt über die Wand, dunkel und wissend: Die ausgelassene Dankbarkeit. Das gebrochene Wort. Die Hand, die man
nicht reichte. Ein Chronist, der zählt, damit nichts vergessen wird. Zuletzt trat Ruprecht ein. Sein Mantel war schwarz wie der Raum zwischen zwei Jahren. In seiner Hand lag das Buch, dessen Worte niemand schrieb, aber jeder spürte. Er schloss die Tür leise, und damit schloss er die Welt aus. „Setzt euch“, sagte er ruhig. „Die Nacht wird kürzer. Der Tag riecht nach uns.“ Klas schnaubte. „Der Tag riecht nach Angst.“ Bartl röchelte. „Er riecht nach Lüge.“ Piet nickte. „Nach Vergessen.“ Niklos blies Rauch aus. „Nach Bedarf.“ Ruprecht öffnete das Buch, und eine Zeile glühte darin auf, aus Eis geboren:
Wir wachen noch. Er sah in die Runde, und für einen Moment begegneten sich fünf Blicke, die älter waren als Schnee. „Warum sind wir hier?“ fragte Klas leise, ohne Spott. Niklos antwortete: „Weil die Menschen uns wieder vergessen.“ Bartl fauchte. „Sie vergessen alles. Jedes Jahr ein Stück mehr.“ Piet strich über eine seiner Glocken. „Dann erinnern wir sie.“ „Mit Wärme“, murmelte Klas. „Oder mit Frost“, sagte Bartl. „Mit Wahrheit“, fügte Piet hinzu. „Mit Gleichgewicht“, sagte Ruprecht. Seine Stimme schnitt durch die Luft wie
die Rute an seinem Gürtel. Ein Windstoß fuhr gegen die Hütte. Die Schindeln ächzten. Das Feuer senkte sich und flammte dann plötzlich hell auf — als wüsste es, dass die Welt gerade wieder lauscht. Und in diesem Licht saßen sie da: Niklos, der die Gründe sah. Klas, der das Lachen prüfte. Bartl, der die Lügen reinigte. Piet, der die kleinen Sünden zählte. Ruprecht, der das Gleichgewicht hielt. Fünf Schatten, fünf Spiegel. Keiner allein, keiner ganz Dämon, keiner je ganz verloren. Der Sturm draußen verstummte kurz, nur um dann mit doppelter Wucht
zurückzukehren — als würde er flüstern: „Seid gut — nicht aus Angst. Aus Achtung.“ Und die Hütte hielt stand. So wie sie immer stand, wenn die Fünf zurückkehrten. Wenn das Jahr starb. Wenn die Welt kurz innehielt. Wenn die Schatten ihr Werk taten. Der Winter kam früher in jenem Jahr. So früh, dass selbst die Krähen schweigend flogen und die Sonne sich kaum noch über die Gipfel wagte. Es war die Zeit, in der sich die Grenzen verwischten – zwischen Dorf und Wald, zwischen Mensch und Mythos, zwischen Sünde und Vergebung.
In jener Kälte erwachte Krampus Niklos. Er stand auf einer gefrorenen Lichtung, wo der Schnee im Mondlicht wie zerschlagene Spiegel glitzerte. Seine Pfeife glomm schwach, sein Zylinder war vom Reif bedeckt. Er wusste: Etwas war heute anders. Der Wind trug Stimmen, die nicht von dieser Welt waren. Aus dem Nordhang kam Krampus Bartl, schwerfällig wie ein Stein, der sich entschlossen hatte, zu gehen. Sein Fell war voller Eiszapfen, seine Ketten zitterten leise, als sprächen sie Gebete aus Eisen. „Du riechst nach Denken“, brummte Bartl und blickte Niklos an. „Nach Menschen und ihren Zweifeln.“
Niklos neigte den Kopf. „Und du nach Erde und Blut. Vielleicht brauchen wir einander.“ Noch bevor Bartl antworten konnte, erklang ein Pfeifen – hell, spöttisch, fast fröhlich. Krampus Klas sprang aus dem Nebel wie ein Kind, das zu spät zum Fest kommt. Seine Mütze baumelte, und sein Lächeln war so schief wie der Mond. „Na endlich Gesellschaft! Ich dachte schon, der Winter will mich ganz allein haben.“ Niklos zog die Brauen hoch. „Du bringst Licht, aber du weißt nicht, wem du es gibst.“ „Und du bringst Schatten, ohne zu fragen, wer ihn braucht“, erwiderte Klas grinsend.
Da vibrierte der Boden. Ein metallisches Läuten kam näher – unregelmäßig, aber mit Rhythmus, wie ein Herz aus Bronze. Krampus Piet trat hervor, hochgewachsen, mit Augen, die alles sahen. Er sprach nicht sofort, sondern schüttelte langsam die Ketten an seinem Gürtel. „Ich habe euch in meinen Zählungen gefunden“, sagte er schließlich. „Fünf Schatten, die keiner mehr trennt. Die Zeit hat’s so gewollt.“ „Fünf?“ fragte Klas und grinste. „Wir sind vier.“ „Noch nicht,“ flüsterte Piet. „Der Letzte kommt, wenn die Nacht ihr Herz verliert.“ Und tatsächlich – kurz darauf wurde der
Schnee still. Kein Wind, kein Laut. Dann hob sich der Nebel. Fünf Wesen aus alten Zeiten, geboren aus Geschichten und Schuld, und sie wussten, dass ihre Aufgabe neu beginnen musste. Sie beschlossen, wieder durch die Lande zu ziehen. Niklos lehrte sie, wie man die Wahrheit im Dunkeln findet. Klas brachte ihnen das Lachen bei, das heilt, ohne zu schonen. Bartl bewachte ihr Schweigen, wenn Worte zu leicht wurden. Piet zählte die Schritte der Reue. Und Ruprecht – Ruprecht schrieb alles auf, in ein Buch, dessen Seiten aus gefrorenem Atembestanden. Sie zogen von Tal zu Tal, und wo sie vorbeikamen, träumten die Menschen
seltsam. Einige wachten auf mit Tränen, andere mit einem Lächeln, und keiner wusste, warum. Kinder schworen, sie hätten fünf Schatten im Schnee gesehen, Hand in Hand, und Alte erzählten, sie hätten im Wind fünf Stimmen gehört – eine, die mahnte, eine, die lachte, eine, die brummte, eine, die zählte, und eine, die schwieg. Wenn die Sonne zurückkehrte, verschwanden sie – jeder in seine Welt. Niklos kehrte in den Rauch der Gedanken zurück, Klas in das Lachen der Kinder, Bartl in den Wurzelgrund der Berge, Piet in das Ticken der Gewissen, und Ruprecht in das stille Feuer hinter den Augen der
Gerechten. Nur einmal im Jahr, wenn die Dunkelheit am tiefsten ist und der Schnee noch kein Licht kennt, hört man sie wieder. Nicht sehen – hören: Fünf Schritte. Fünf Atemzüge. Fünf Spiegel. Und irgendwo, weit oben im Winterhimmel, flackert ein leises, rauchiges Licht – die Pfeife von Krampus Niklos, angezündet von allen fünfen zugleich. ---- Der Wind heulte durch die Gassen, als Niklos, Piet, Klas und Bartl sich durch den Nebel schoben. Sie hatten den Martinstag ausgesucht, die Nacht, bevor
das Dorf in Laternenlicht getaucht würde. Kein Laut außer dem Knirschen ihrer schweren Stiefel im feuchten Gras. Ihr Ziel: Sankt Martin, bevor der Umzug begann. Doch sie wussten, dass sie diesmal nicht ungestört bleiben würden. Knecht Ruprecht, der Wächter zwischen Licht und Schatten, beobachtete sie aus der Ferne, ein finsteres Lächeln unter dem Kapuzenrand. Das Dorf schlief, doch die Welt zwischen Licht und Dunkelheit wachte. Und so begann das Spiel, ein Tanz aus Angst und Mut, der im Schatten der Laternen enden würde. Niklos schlich durch die Nebelschwaden, Piet folgte dicht, während Klas und Bartl die Seiten
flankierten. Sie spürten das Herz des Dorfes, die Wärme der Häuser, die flackernden Lichter in den Fenstern. Ihr Atem bildete kleine Nebelwölkchen in der kalten Luft. Ruprecht trat aus den Schatten, seinen Stab erhoben.
Ein Windstoß erfasste die Krampusse, ließ ihre Umrisse flackern. „Hier endet euer Spiel“, sagte er mit tiefer Stimme. Die Krampusse hielten inne, die Augen glühten im Nebel. Es war ein Tanz zwischen Gestern und Heute, zwischen Schrecken und Schutz. Ruprecht bewegte sich wie ein Schatten, dessen Licht sich weigerte, erloschen zu werden. Niklos fauchte, Piet schlug die Flügel aus, Klas lachte, doch Bartl blieb
stehen. Ein Schlag des Stabs – und der erste von ihnen verschwand in Rauch und Schweigen. Die Nacht war nicht vorbei, doch das Gleichgewicht war wiederhergestellt. Der Nebel hatte sich verzogen. Von den vier Krampussen war nichts mehr zu sehen – nur schwache, schwarze Schlieren auf dem Kopfsteinpflaster. Ruprecht stand noch immer da, den Sack leer, den Rücken gebeugt. Er wusste, es war nicht vorbei. Das Böse stirbt nicht, es zieht sich zurück Stille senkte sich über das Dorf. Ein fahles Grau hing über den Dächern, und der Nebel war fort, als hätte ihn jemand fortgeatmet. Die Straßen waren leer. Nur
auf dem Platz vor der Kirche stand noch der Geruch nach Rauch. Der letzte Schatten der Nacht floh in aufgewirbelter Asche.