Tokio 1964 riecht nach nassem Asphalt, kaltem Zigarettenrauch und einem Morgen, der nie ganz hell wird.
Neon schmiert bunte Wunden in den Nebel über Shinjuku, und irgendwo spielt eine Jazzplatte mit leicht schiefem Saxophon.
Ich laufe barfuß durch die Gasse, das Wasser spritzt an meine Knöchel.
Jüngste Göttin.
Fehlerhafte Göttin.
Chaos und Wahnsinn in einem Körper, der aussieht wie achtzehn und sich benimmt wie zwölf.
Über mir brummen Reklamen: Pachinko, Whiskey, Rotlicht. Die Menschen sehen mich nur als seltsames Mädchen im zu weiten, halb offenen Yukata, mit Augen, die zu viel spiegeln. Sie weichen mir aus, ohne zu wissen, warum. Sterbliche spüren Götter. Auch wenn sie so tun, als gäbe es uns nicht mehr.
In meinem Kopf rauscht es.
Hikari, Göttin des Lichts, schreit mir nach: „Du verdunkelst alles, was ich schaffe!“
Seika, Ordnung, zischt: „Du bist eine Störung, kein Wesen.“
Die Liebesgöttin lächelt kalt: „Du kannst nicht lieben, Yume. Du bist ein kaputter Witz.“
Ich lache laut in den Regen.
Wenn alle das Gleiche sagen, müssen sie sich irren.
Oder?
Ich bleibe unter einem flackernden Neonkanji stehen. Eine Bar, verraucht, vollgestopft mit Salarymen, Hostessen, billiger Musik. Das transformatorwarme Brummen in der Reklame kribbelt
in meinen Fingerspitzen. Chaos rührt sich wie eine Katze in meinem Brustkorb.
Ich denke an sie.
Yori.
Tod.
Schwarzer Kimono, graue Augen, Schritt so leise wie der Moment nach dem letzten Herzschlag.
Einzige Göttin, die nicht zurückweicht, wenn ich auftauche.
Einzige, die mich nicht „Monster“ nennt.
Sie sagt nur: „Du bist, was du bist.“
Ich will… was will ich?
Dass sie mich ansieht.
Nur mich.
In all der Neonhässlichkeit dieser Stadt.
„Ich mach dir was Schönes“, murmele ich, mehr zu mir selbst.
Ich lege die Hände an das glitzernde Schild. Metall, Strom, Hitze.
Ich schiebe mein Chaos hinein, meine Laune, mein Kichern, meine ganze krumme Sehnsucht.
Zu viel.
Natürlich zu viel. Ich kenne kein
Maß.
Die Reklame leuchtet kurz so hell, dass der Regen selbst zu Licht wird.
Dann reißt die Welt.
Die Explosion ist nicht wie Krieg, nicht wie Strafe.
Sie ist wie ein verkehrtes Feuerwerk: statt in den Himmel schießt alles nach unten.
Fenster springen.
Glas regnet in die Menge.
Autos werden zu lauten, brennenden Tieren.
Stimmen brechen mitten im Lachen ab.
Ich stehe mittendrin, das Haar vom Druck nach hinten geschleudert, der Yukata flattert, die Füße im warm werdenden Wasser.
„Schön“, flüstere ich.
Es glüht. Es lebt. Es stirbt.
Alles gleichzeitig.
Liebe müsste so aussehen, oder?
Über den Dächern schreit Hikari: „Monster!“
Seika spuckt Worte wie Nägel: „Kosmischer Unfall!“
Sogar die Liebesgöttin keucht: „Sie gehört gebunden!“
Ich lache, aber mein Hals ist trocken.
Dann verändert sich die Luft.
Der Rauch fließt plötzlich nicht mehr wild, sondern ruhig.
Die Geräusche wirken gedämpft, als würde jemand eine unsichtbare Tür schließen.
Die Hitze bleibt, aber der Rand des Feuers… gehorcht.
Yori.
Sie tritt durch den Rauch, als
gehöre er ihr.
Kimono schwarz, vom Funkenflug gezeichnet, Haare unberührt.
Ihre sandgrauen Augen streifen zuerst die verbrannten Balken, die reglosen Körper, das flackernde Restneon – und erst dann mich.
Ich spüre, wie mein Chaos kurz stolpert.
Ich grinse zu breit.
„Überraschung“, sage ich, Stimme zu hell. „Für dich. Damit du… mich siehst.“
Sie bleibt stehen, nur ein, zwei
Schritte entfernt.
So nah, dass ich den Geruch von Ruß und etwas Kühlem wahrnehme, das nicht zu dieser brennenden Gasse passt.
„Yume,“ sagt sie leise. Kein Vorwurf. Kein Zorn. Nur mein Name, wie ein Befund.
„Warum?“
Alle Göttinnen hängen uns in der Luft, unsichtbar, aber spürbar.
Licht zittert.
Ordnung knirscht.
Liebe faucht.
Ich trete auf der Stelle, wie ein Kind, das bei einer Prüfung durchfällt und es nicht versteht.
„Weil ich dich mag“, presse ich heraus. „Weil ich sonst nichts habe. Ich wollte… dass du etwas von mir bekommst. Was Großes. Was… Echtes.“
Mein Herz schlägt schief, Chaos zuckt in den Häuserresten, als würde die Straße selbst gleich wieder aufspringen.
Yori hebt die Hand.
Ihre Finger sind schmal, sauber, ein
kleiner Riss zwischen Leben und Ende.
Sie streckt sie aus – nicht ganz bis zu mir. Zwischen uns bleibt eine fingerbreite Leere.
Ihr Blick ist unergründlich. Kein Mitleid. Kein Ekel.
Nur dieser stille, harte, prüfende Tod.
„Das war echt“, sagt sie schließlich. „Falsch. Aber echt.“
Etwas in meiner Brust reißt, etwas anderes wächst dort nach.
Ich weiß nicht, ob sie im nächsten Atemzug weiter auf mich zugeht.
Ob ihre Hand meinen Kopf berühren wird.
Oder ob sie sich abwendet und mich mit diesem Feuer und diesen Toten allein lässt.
Ich starre ihre halbgestreckte Hand an.
Lache viel zu leise.
Chaos hält den Atem an.
Die Götter auch.
Und Tokio brennt einfach weiter.