Kurzgeschichte
Stefán - der Geist der Duna - Das Donau-Monster

0
"Stefán - der Geist der Duna - Das Donau-Monster"
Veröffentlicht am 27. Oktober 2025, 14 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
http://www.mystorys.de

Über den Autor:

Ich erinnere mich noch gerne meiner allerersten Zeilen - ein Schulgedicht: Der Winter ist ein Bösewicht, die Bäume tragen Schneegewicht, die Stämme sind kahl und so schwarz wie ein Pfahl, die Felder sind weiß und auf dem See liegt Eis. In den seither vergangenen Jahrzehnten hat sich mein Schreibstil sicher geändert - ist erwachsen geworden -, aber die Freude am Schreiben ist ungetrübt.
Stefán - der Geist der Duna - Das Donau-Monster

Stefán - der Geist der Duna - Das Donau-Monster

Stefán – Der Geist der Duna

Der Nebel kam später als früher. Und wenn er kam, war er dünner. Die Fischer merkten es zuerst, noch bevor die Zahlen es belegten. Die Ráckevei-Soroksári Duna zog sich leise zurück, als würde sie vergessen, wie man ein Fluss ist. Ufer, die einst im Wasser lagen, standen nun offen wie Wunden. Schilf knisterte trocken im Wind. Die Boote lagen tiefer im Schlamm als im Wasser. Und irgendwo in dieser sich verlierenden Tiefe lebte noch immer Stefán.

Er war gewachsen — nicht nur an

Gewicht, sondern an Bedeutung. Seine Schuppen trugen nun nicht mehr nur das Licht, sondern auch die Erinnerung. Wenn er sich bewegte, schien es, als würde er durch die Zeit selbst schwimmen, durch Jahre, in denen das Wasser höher stand, kühler, reicher, lebendiger. Die Alten sagten: „Er wird bleiben, auch wenn das Wasser geht.“ Doch in ihren Stimmen lag ein Zweifel, der wie feiner Sand zwischen den Zähnen knirschte.

Sándor war wiedergekommen. Nicht, um zu fangen. Nicht mehr. Sondern um zu sehen, ob der Fluss ihn noch kannte.

Er setzte sich an die gleiche Stelle wie

damals, als die Rute sich in seinen Händen gebogen hatte wie ein Ast im Sturm. Doch heute war es stiller. Zu still. Die Oberfläche lag flach da, unbewegt, als hätte sie ihre Sprache verloren. „Bist du noch da?“, murmelte er. Das Wasser antwortete nicht sofort. Dann — ein kaum sichtbares Zittern. Ein Kreis, der sich ausdehnte. Und darunter: ein Schatten. Stefán. Langsam, schwerelos, glitt er näher. Doch etwas hatte sich verändert. Sein Körper war noch immer mächtig, doch seine Bewegungen wirkten bedachter, sparsamer, als müsse er mit der Kraft

haushalten. Als wäre selbst für ihn die Welt enger geworden Sándor spürte einen Stich. „Es wird weniger“, sagte er leise. Der Fisch antwortete nicht — und doch war die Antwort da. In der Langsamkeit. In der Stille. In der Tiefe, die nicht mehr so tief war. Eszter schrieb andere Zahlen in ihr Notizbuch als früher. Wassertemperatur: gestiegen. Sauerstoffgehalt: gefallen. Strömung: schwächer. Doch zwischen den Messwerten standen Worte, die sie niemandem zeigte:

Er bewegt sich langsamer.

Er wartet länger. Er wirkt müde. Sie wusste, wie absurd das klang. Ein Karpfen wird nicht müde wie ein Mensch. Ein Fisch trägt keine Melancholie. Und doch. Als Stefán eines Abends nahe an die Oberfläche kam, sah sie es in seinen Augen: keine Müdigkeit — sondern Wissen. Ein Wissen um Verlust. „Du erinnerst dich“, flüsterte sie. Der Wind fuhr durch das trockene Schilf, das klang wie Papier, das zerreißt. Die Kinder spielten nicht mehr so oft am Wasser.

Es gab weniger Wasser, weniger Geheimnis, weniger Tiefe. Was sichtbar ist, verliert seinen Zauber — und die Duna war an vielen Stellen zu sichtbar geworden. Nur ein Junge kam noch regelmäßig. Er setzte sich an den Rand des Flusses, wo das Wasser sich in einer dunkleren Mulde hielt, wie ein letzter Gedanke. „Ich weiß, dass du da bist“, sagte er. Lange geschah nichts. Dann hob sich die Oberfläche. Kein Sprung, kein dramatisches Auftauchen — nur ein leises, schweres Gleiten. Stefán erschien. Der Junge erschrak nicht. „Haben sie dir dein Zuhause weggenommen?“

Die Frage hing in der Luft, leicht und doch unerträglich schwer. Der Fisch blieb einen Moment. Dann verschwand er wieder. Aber der Junge verstand. Man nimmt einem Fluss nichts weg mit Gewalt. Man nimmt ihm alles — langsam. Der Herbst kam zu früh. Die Blätter fielen, bevor sie richtig gelebt hatten. Ihre Farben waren matter, ihr Fallen schneller. Sie trieben nicht mehr weit — sie blieben hängen, in seichten Wassern, die früher Strömung gewesen waren. Erzsébet saß am Ufer, wie sie es immer

getan hatte. „Früher“, begann sie, „konnte man den Fluss hören.“ Sie schwieg lange. „Jetzt hört man ihn denken.“ Neben ihr bewegte sich das Wasser kaum. Doch dann, wie aus Erinnerung geboren, erschien ein silberner Rücken unter der Oberfläche. „Er bleibt“, sagte sie. „Er muss bleiben. Sonst vergisst der Fluss sich selbst.“

Der Winter war kein Winter mehr. Das Eis kam spät, dünn, zögerlich — und ging früh. Eszter stand am Ufer, ohne Mantel, obwohl es Januar war.

„Das ist falsch“, sagte sie leise. Und da war er wieder. Stefán glitt durch das Wasser, das zu warm war für diese Zeit. Sein Körper zeichnete sich klar ab — zu klar. Früher hatte die Tiefe ihn verborgen. Jetzt gab es weniger Tiefe, weniger Geheimnis. Er kam näher als je zuvor. Eszter hielt den Atem an. „Was bleibt von dir“, flüsterte sie, „wenn der Fluss sich selbst verliert?“ Für einen Moment — einen einzigen, unmöglichen Moment — blieb er still vor ihr stehen. Nicht wie ein Tier. Wie eine Antwort.

Dann drehte er sich. Langsam. Endgültig.

Und glitt in die Tiefe — die nicht mehr so tief war. Im Frühling kam das Wasser zurück. Ein wenig. Genug, um Hoffnung zu spielen. Genug, um die Menschen zu beruhigen. Aber nicht genug, um zu vergessen. Sándor kam noch einmal. Der Junge auch. Eszter ebenfalls. Drei Menschen, die wussten, dass sie etwas gesehen hatten, das größer war als sie selbst — und zerbrechlicher. Die Oberfläche blieb ruhig. Zu ruhig. „Vielleicht…“, begann der Junge.

Niemand antwortete. Denn sie wussten: Manche Wesen verschwinden nicht plötzlich. Sie werden dünner. Seltener. Leiser. Bis sie nur noch Erinnerung sind. Und doch — Manchmal, wenn der Nebel wieder dichter wird, wenn das Wasser für einen Moment tiefer wirkt, wenn der Wind das Schilf so bewegt wie früher — dann sehen einige ein silbernes Blitzen. Einen Schatten. Ein Gleiten. Und sie halten den Atem an. Nicht aus Angst. Sondern aus Respekt.

Denn vielleicht ist er noch da. Oder vielleicht ist er nur noch das, was bleibt, wenn etwas Großes nicht ganz verschwinden will: Eine Spur. Ein Flüstern. Eine Warnung. Die Moral der Donau hat sich verändert. Früher hieß sie: Der Fluss gibt nicht – er leiht. Heute flüstert sie etwas anderes: „Der Fluss leiht nicht ewig.

0

Hörbuch

Über den Autor

KatharinaK
Ich erinnere mich noch gerne meiner allerersten Zeilen - ein Schulgedicht:
Der Winter ist ein Bösewicht,
die Bäume tragen Schneegewicht,
die Stämme sind kahl
und so schwarz wie ein Pfahl,
die Felder sind weiß
und auf dem See liegt Eis.
In den seither vergangenen Jahrzehnten hat sich mein Schreibstil sicher geändert - ist erwachsen geworden -, aber die Freude am Schreiben ist ungetrübt.

Leser-Statistik
4

Leser
Quelle
Veröffentlicht am

Kommentare
Kommentar schreiben

Senden
Zeige mehr Kommentare
10
0
0
Senden

172850
Impressum / Nutzungsbedingungen / Datenschutzerklärung