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Erfundene Ausreden – Teil 1
Lucy weiß, dass sie ein Risiko eingeht – doch was sie für Jasper empfindet, ist stärker als die Angst, entdeckt zu werden.
Inga lehnte sich in ihrem Sessel zurück und dachte an die Zeit, als sie Roger kennengelernt hatte.
Er war damals so schüchtern,
zurückhaltend, fast schon unbeholfen. Kaum ein Wort über sich selbst, immer darauf bedacht, keinen Fehler zu machen. Sie musste lächeln – heute würde niemand mehr glauben, dass dieser Mann einmal so unsicher war.
Mit kleinen Fragen, einem Augenzwinkern und ein wenig Geduld hatte sie ihn aus seiner Reserve gelockt. Sie zeigte ihm die Welt der kleinen Abenteuer zwischen Jungen und Mädchen, das Necken, das Lachen, das erste zaghafte Vertrauen. Stück für Stück gewann er Selbstbewusstsein – doch nie genug, um die Unsicherheit völlig
abzulegen.
Und vielleicht war es genau diese Mischung aus Schüchternheit und dem Mut, ihn herauszufordern, die sie damals zusammenhielt. Heute wusste sie: Menschen können sich verändern – manche auf die Art, die man erwartet, andere auf völlig überraschende Weise.
„Ich weiß noch nicht, ob ich morgen wiederkommen kann,“ sagt Lucy leise und lehnt sich an
Jasper.
Er spürt sofort, dass es ihr nicht leichtfällt, darüber zu sprechen.
„Hast du Probleme mit deinem Dad?“ fragt er direkt.
„Noch nicht…“ Lucy zögert. „Aber ich hab Angst, dass es welche geben könnte, wenn er merkt, wo ich hingehe.“
„Kannst du nicht versuchen, deine Mam auf deine Seite zu ziehen?“ fragt Jasper vorsichtig.
Lucy denkt kurz nach. Dabei weiß Jasper, dass ihre Mutter anders ist als ihr
Vater. Er hat sie kennengelernt, als er Lucy in Technik geholfen hat.
Inga Meiser war freundlich, ruhig – und vor allem verständnisvoll.
Schon einmal hatte sie Lucy gedeckt.
„Ich hab meinen freien Nachmittag ausgenutzt und bin mit meiner Tochter einkaufen gegangen,“ hatte sie ganz selbstverständlich erklärt, als Roger misstrauisch geworden war.
Dabei wusste sie genau, dass Lucy nicht bei ihrer Freundin gewesen
war.
Sie hatte nicht nachgefragt.
Nicht gedrängt.
Nur gewartet.
Und dieses Vertrauen zahlte sich aus.
Als Lucy an diesem Nachmittag nach Hause kommt, ist ihr mulmig zumute.
Wie sag ich es Mam nur…
Sie bleibt kurz im Flur stehen.
Dann sieht sie ihre Mutter im Wohnzimmer
sitzen.
„Oh… Mist…“ murmelt sie leise.
„Hey, Süße,“ sagt Inga ruhig und klopft neben sich aufs Sofa.
„Komm her.“
Lucys Herz rast.
Langsam setzt sie sich neben ihre Mutter, den Blick gesenkt.
„Jasper?“ fragt Inga ruhig.
Lucy
erstarrt.
„Woher…?“
Inga lächelt nur und streicht ihr über den Kopf.
„Der ist in Ordnung. Ich mag ihn.“
Lucy schaut sie ungläubig an.
„Du darfst dich mit ihm treffen,“ fährt Inga fort. „Ich möchte nur wissen, wann und wo. Dann kann ich dir helfen, falls dein Vater etwas merkt.“
Lucy ist
sprachlos.
Dann fällt sie ihrer Mutter um den Hals.
„Ich liebe dich, Mam!“
„Ich dich auch,“ sagt Inga leise und drückt sie fest.
Ein Moment, der alles verändert.
„Du magst ihn… mehr als nur als Freund, oder?“ fragt Inga nach einer Weile.
Lucy lächelt verlegen.
„Er ist anders… als die anderen Jungs,“ sagt sie
leise.
„Er ist nicht laut. Nicht eingebildet. Und er lacht nicht über andere.“
Inga nickt.
„Das hab ich auch gemerkt.“
„Wir gehen oft spazieren,“ erzählt Lucy weiter.
„Er erklärt mir alles Mögliche… und irgendwie fühlt sich alles mit ihm richtig an.“
Inga lächelt.
„Habt ihr euch schon geküsst?“
Lucy wird
rot.
„Ich… hab ihn geküsst…“
Inga lacht leise.
„Und?“
„Es war schön.“
Dann wird Lucy wieder ernst.
„Paps mag ihn nicht…“
Inga schüttelt den Kopf.
„Er versteht es nur noch nicht.“
„Ich hab Angst, dass er es mir
verbietet…“
„Das wird er nicht,“ sagt Inga ruhig.
„Er wird ihn testen. Aber er wird es dir nicht verbieten.“
Lucy atmet langsam aus.
Dann lächelt Inga plötzlich.
„Komm, ich hab Lust auf ein Eis.“
Lucy schaut sie überrascht an – dann lächelt sie zurück.
Gemeinsam gehen sie zur Tür.
Und Lucy ahnt nicht, dass genau dieser
Nachmittag der Anfang von etwas ist, für das sie schon sehr bald die erste Ausrede brauchen wird.