Rede an die Einheit
Brüder und Schwestern, hört: Die Mauer fiel, doch ihr Echo hallt.
Wir tragen es in uns, schwer wie Stein.
Doch auch Steine lassen sich stapeln – zu Brücken, nicht zu Grenzen.
Die Einheit ist kein Preis, der einmal verliehen wurde. Sie ist Arbeit, Atem, Aufbruch. Sie lebt in jedem Schritt, der nicht trennt, sondern verbindet.
Und wenn die Welt draußen in Stücke fällt, dann halten wir zusammen, nicht als perfekte Statue, sondern als Chor aus tausend rauen Stimmen.
Die Einheit – sie ist kein Festtag.
Sie ist unser täglich Trotzgesang.
Ich habe Hoffnung – aber nicht als naives Lichtlein, sondern als etwas Zähes, Widerborstiges.
Geschichte, auch unsere deutsche, war nie eine gerade Linie. Jede Einheit war brüchig, jeder Fortschritt unvollständig – und trotzdem: Menschen haben Mauern eingerissen, Systeme gestürzt, neue Wege gelegt.
Hoffnung auf Besserung heißt für mich nicht: „Alles wird gut.
Es heißt: „Wir können etwas tun. Wir können Brücken schlagen, statt warten, bis sie jemand baut.“
Es ist das Lachen der Kinder, die die Trennung nicht mehr kennen;
es ist das Misstrauen, das irgendwann
Neugier wird;
es ist der Samen im Asphalt, der nicht fragt, ob er darf, sondern wächst.
Die Einheit ist kein Märchen, sie stolpert, sie fällt, sie schürft sich die Knie.
Aber sie steht wieder auf.
Zwischen Beton und Bitterkeit treiben kleine Triebe, grün wie Widerspruch, zäh wie Hunger.
Wir sind kein Volk aus Bronze, sondern aus Fleisch, verletzlich, laut, manchmal verloren.
Doch gerade darin liegt die Kraft:
in den Brüchen, durch die Licht sickert.
Vielleicht wird die Welt nicht heil,
aber sie kann heilen – langsam, tastend, durch uns. Die Einheit? Kein Denkmal, sondern ein Samen, der wächst, weil wir ihn nicht aufgeben.